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Die öffentlich im Fernsehen geäußerte „Bewunderung" des ehemaligen Fernsehpfarrers und kirchlichen Bestseller-Autors Dr. Jörg Zink für junge palästinensische Selbstmordattentäter - „das sind mutige junge Leute, die sich voll hingeben für ihre Sache" - hat vielerorts ungläubiges Erstaunen und Empörung hervorgerufen. (Wer den Rundbrief Juni 2003 noch hat, findet dort auf Seite 40 f. einen Artikel von Henryk M. Broder zum Thema.)

Anfragen zu diesem Vorgang, die an kirchliche Repräsentanten gerichtet wurden, bekamen oft keine oder eine enttäuschende Antwort. Auch der neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Dr. Wolfgang Huber, wurde um eine Stellungnahme gebeten.

Nachstehend wird der Briefwechsel zwischen Dr. Birgit Schintlholzer-Barrows aus Korntal mit Bischof Dr. Huber dokumentiert, wobei nur solche Briefe abgedruckt werden, die zum Fortgang des Austausches etwas beitragen; Zwischenbescheide werden nur kurz zur Überbrückung erwähnt. Hartmut Metzger

„Das sind mutige junge Leute"

Ehemaliger Fernsehpfarrer bewundert palästinensische Selbstmordattentäter

Ein Briefwechsel zu einer unglaublichen Geschichte

Dr. Birgit Schintlholzer–Barrows

Hindenburgstr. 41

70825 Korntal

Herrn 9. November 2003

Bischof Dr. Wolfgang Huber

Ratsvorsitzender der EKD

Herrenhäuser Str. 12

30419 Hannover

Sehr geehrter Herr Bischof,

ich habe mit Interesse Ihre deutlichen Worte in den Medien zu den judenfeindlichen Äußerungen des Abgeordneten Hohmann verfolgt.

Ihre dezidierte Stellungnahme veranlasst mich, Sie zu bitten, in ebenso deutlicher Weise öffentlich Stellung zu nehmen zu judenfeindlichen Äußerungen des prominenten Pfarrers Jörg Zink.

Er hat in der Talkshow des Pfarrers Fliege seine Bewunderung für palästinensische Selbstmordattentäter - unter denen Israel nun seit Jahren qualvoll leidet - zum Ausdruck gebracht.

Pfarrer Zink ist wohl der prominenteste Pfarrer der evangelischen Kirche in Deutschland, Autor zahlreicher Veröffentlichungen, seit Jahren Star von Kirchentagen. (Gelegentliche Versuche, seiner sich bereits früher schon zeigenden Judenfeindschaft entgegenzuwirken, blieben erfolglos.) Seine Position in der Öffentlichkeit ist um vieles bedeutender als die eines politischen Abgeordneten. Von einem Pfarrer erwartet man moralische Orientierung.

Deshalb meine Bitte an Sie: die Vehemenz und Entschiedenheit, mit der Sie den judenfeindlichen Äußerungen von Herrn Hohmann entgegentraten, nun auch öffentlich an den Tag zu legen, wo es sich um einen Vorfall in Ihrem eigensten Bereich handelt und der im Grunde schwerer wiegt: bei Zink handelt es sich um eine unverhohlene Unterstützung von Mördern an Juden.

Unterlagen zu Zinks Äußerungen lege ich Ihnen bei.

Mit freundlichen Grüßen

Birgit Schintlholzer - Barrows

[In einer freundlichen Antwort auf ein weiteres Schreiben bittet der persönliche Referent des Ratsvorsitzenden am 18.12.03 um Verständnis: Die Flut der Zuschriften in der Folge der Amtsübernahme hätte in der kleinen Dienststelle nicht annähernd zeitnah bewältigt werden können. Doch der Bischof wolle sich darum kümmern und eine Videokopie der Sendung ansehen.

Am 27. 12. 03 erwidert Birgit Schintlholzer-Barrows darauf:]

Ihre Antwort durch Herrn Pfarrer Peter Mörbel per E-mail vom 18.12.03 zum Thema: Judenfeindliche Äußerungen von Pfarrer Jörg Zink

Sehr geehrter Herr Bischof,

ich danke Ihnen vielmals für Ihre Antwort, die Sie mir durch Ihren persönlichen Referenten zukommen ließen. Die guten Wünsche für die Reihe von Feiertagen erwidere ich gern.

Ich habe mich darüber gefreut, dass auch Sie der Auffassung sind, dass Pfarrer Zinks Äußerungen, wie Sie sagen, kritische Reaktionen nach sich ziehen müssen. Ich verstehe auch, dass Sie sich das Video ansehen wollen, - wohl auch, dass Sie Pfarrer Zink um Stellungnahme dazu bitten wollen.

Das Entscheidende ist jedoch, was danach erfolgt. Das einzig Relevante ist natürlich eine öffentliche Kritik an Pfarrer Zinks Äußerungen. Denn diese Äußerungen sind für eine große Öffentlichkeit gemacht worden und haben diese schädlich beeinflusst. Entsprechend müssen sie auch in der Öffentlichkeit zurückgewiesen werden (ganz so, wie es im Fall Hohmann glücklicherweise von vielen Seiten geschehen ist).

Ich nehme an, dass Sie meine bisherigen Schreiben ohnehin in diesem Sinn verstanden haben, aber ich wollte diesen Punkt sicherheitshalber noch einmal klarstellen, da Sie dazu nichts sagten.

Werden Sie mich darüber informieren, wo und wann man Ihre öffentliche Stellungnahme dann verfolgen kann?

Ich danke Ihnen sehr dafür, dass Sie sich dieser Sache annehmen. Denn man kann doch nicht die uralte christliche Tradition fortsetzen, dass Verantwortliche der Kirche die Öffentlichkeit zum Schaden der Juden beeinflussen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Birgit Schintlholzer-Barrows

[Die persönliche Stellungnahme des Ratsvorsitzenden kommt am 16. Februar 2004:]

Sehr verehrte Frau Dr. Schintlholzer-Barrows,

der Rundfunkbeauftragte des Rates der EKD hat auf meine Bitte hin einen Mitschnitt des Beitrags „Krieg oder Kreuzzug" aus der Talkserie „Fliege" vom 20.03.2003 beschafft. Ich habe kürzlich Gelegenheit gefunden, dieses Video anzusehen. Die von Jürgen Fliege moderierte Diskussion mit Herrn Eppler, Prof. Sayer, Prof. Khoury und Jörg Zink bringt viele friedensethische Aspekte im Zusammenhang mit dem Irak-Konflikt zur Sprache. Manches von dem in dieser Sendung Gesagten nimmt sich im Abstand eines Jahres natürlich anders aus, als in der damals akuten Situation. Alle Gesprächsteilnehmer standen unter dem Eindruck des Kriegsausbruchs, ihre Beiträge sind jedoch um Redlichkeit bemüht und zugleich eindrucksvolle Zeugnisse von lebenslangem Engagement für Frieden und Verständigung. Allerdings möchte ich bei allem Verständnis für die Irritation, die einzelne Sätze von Jörg Zink bei Ihnen ausgelöst haben, nicht so sehr die Rolle des Schiedsrichters, sondern gerade im Blick auf die tendenziöse Wertung in der Jüdischen Allgemeinen Zeitung und im Blick auf meine langjährige Kenntnis seiner Person, doch so etwas wie eine anwaltliche Rolle für Jörg Zink einnehmen. Die Gesprächsbeiträge von Jörg Zink auf Einzelaussagen zu reduzieren und aus ihrem Kontext zu isolieren, empfinde ich als unangemessen, denn dabei werden wesentliche Aspekte vernachlässigt, die zu seiner Entlastung namhaft gemacht werden müssen.

Zink hat in seinem Gedankengang, der den zugespitzten Sätzen über die palästinensischen Selbstmordattentäter vorausging, sehr deutlich beschrieben, was den Kern seines friedenspolitischen Engagements ausmacht. Gerade seine biographischen Erinnerungen sind ein bewegendes Beispiel für einen Lernprozess, für den ich den Begriff der Entfeindung für angemessen halte. Ihm Antisemitismus vorzuwerfen, nur weil er ein umfassendes Verstehen auch der Palästinenser fordert, wird seiner Haltung nicht gerecht. Von einer undifferenzierten Parteinahme für die Selbstmordattentäter in Israel kann in keiner Weise die Rede sein, denn Jörg Zink hat am Beispiel seiner eigenen Verführbarkeit als Jugendlicher hinreichend illustriert, dass es sich um irregeleitete Menschen handelt. Sein Bestreben, den Feind in der Gesamtheit seiner Intentionen zu verstehen, macht deutlich, wie ernst er das Liebesgebot Jesu Christi genommen wissen will. Verstehen bedeutet ganz und gar nicht gutheißen. Die Unterstellung, Zink hege programmatisch antisemitische Gefühle, halt ich für unzutreffend, ja für böswillig; dem Grundsatz journalistischer Sorgfalt, der gerade bei diesem sensiblen Thema höchste Beachtung verdient, genügt das gewählte Vorgehen nicht. Wer so hohe moralische Maßstäbe setzt wie die Jüdische Allgemeine Wochenzeitung, sollte niemandem „braune Lederhosen" andichten.

Der Gesprächszusammenhang, in dem Zinks Äußerungen gefallen sind, bildet ein so deutliches Gegengewicht zu den Vorwürfen, dass ich keinen Anlass sehe, ihn öffentlich zu maßregeln. Verehrte Frau Schintlholzer-Barrows, ich verhehle nicht, dass ich die Missverständnisse und Irritationen bedaure.

Gern stelle ich Ihnen das Video dieser Sendung zur Verfügung, falls Sie selber bislang keine Gelegenheit hatten, den gesamten Beitrag wahrzunehmen. Ich respektiere Ihre Kritik und auch Ihre persönliche Haltung zur Sicherheitspolitik des Staates Israel, auch in den Punkten, in denen ich zu einem anderen Urteil komme. Auf jeden Fall danke ich Ihnen für Ihr Engagement und Ihre Beharrlichkeit in der Korrespondenz mit mir.

Mit herzlichen Grüßen und besten Wünschen

Ihr

Wolfgang Huber

[Birgit Schintlholzer-Barrows nimmt am 3. März 2004 zum Schreiben von Bischof Huber Stellung:]

 

Sehr geehrter Herr Bischof,

Sie erinnern sich: am 21. März 2003 sprach Pfarrer Zink in der Talkshow des Pfarrers Fliege über die palästinensischen Selbstmordattentäter:

„Ich bewundere sie dafür, daß ihnen ihre Sache und die Sache ihres Volkes und ihrer Religion, oder was immer, so wichtig ist, daß sie dafür ihr Leben hingeben. Das sind keine Selbstmörder, sondern das sind mutige junge Leute, die sich voll hingeben für ihre Sache." (JÜDISCHE ALLGEMEINE, 12/03)

Ich hatte Sie, der Sie erfreulicherweise umgehend gegen die Äußerungen des Abgeordneten Hohmann protestiert hatten, um entsprechende öffentliche Stellungnahme zu Zinks skandalösen Äußerungen gebeten.

Ich danke Ihnen nun für Ihre Antwort vom 16. Februar 2004.

Was kann man zu dieser Antwort sagen? Sie ist so wenig plausibel, daß man daraus nur erkennen kann, wie wichtig es Ihnen ist, sich vor Pfarrer Zink zu stellen.

So sagen Sie, man dürfe die Gesprächsbeiträge von Pfarrer Zink nicht aus ihrem entlastenden Kontext isolieren.

Das klingt gut. Es ist jedoch so, daß nichts von dem Kontext, in dem Zink seine Aussagen macht, die Eindeutigkeit mindert, mit der Zink seiner Bewunderung für die palästinensischen Terroristen Ausdruck verleiht.

Zunächst spricht er sie ja aus, ohne Wenn und Aber. (Pfarrer Fliege hat das verstanden: „Du sprichst voller Respekt von diesen jungen Terroristen...")

Sie meinen nun, Zink werde dadurch entlastet, daß er am Beispiel seiner eigenen „Verführbarkeit" als Jugendlicher illustriere, daß es sich bei diesen jungen Leuten um irregeleitete Menschen handele. Das Entscheidende ist aber doch, daß Zink trotz dieses Zugeständnisses an seiner Sympathieerklärung für diese Terroristen festhält: „Natürlich, natürlich werden sie angelogen, aber daß man sie einfach so abschätzig als Selbstmordattentäter bezeichnet, ist einfach nicht gerecht."

Selbst eine sachgerechte Bezeichnung hält Zink also schon für nicht zumutbar für diese Terroristen.

Sie sagen, es sei nicht gerecht, Zink Antisemitismus vorzuwerfen, „nur weil er ein umfassendes Verstehen auch der Palästinenser fordert".

Hier formulieren Sie so beschönigend, daß Sie die Sache, um die es geht, eliminieren.

Es geht nicht um ein Verstehen der Palästinenser im allgemeinen, sondern ganz konkret um öffentliche Bewunderung für Fanatiker, deren Haß auf Juden so stark ist, daß sie ihr Leben wegwerfen, um möglichst viele Juden zu ermorden.

Solche Einstellung ist natürlich antisemitisch.

Sie sagen, Zink sei bestrebt, „den Feind in der Gesamtheit seiner Intentionen zu verstehen", was zeige, er wolle „das Liebesgebot Jesu Christi" ernst genommen wissen. Und Sie fügen hinzu: „Verstehen bedeutet ganz und gar nicht gutheißen."

Nun heißt Zink die Sache aber doch gut. Er bewundert diese Terroristen und will nicht einmal zulassen, dass man abschätzig über sie redet.

Außerdem: welche Feindschaft bestünde zwischen Pfarrer Zink und den palästinensischen Terroristen? Nicht das Leben deutscher Theologen wird von diesen zerstört, sondern das von Juden. Wenn jemand die Feinde anderer Leute liebt, muß man sich die Sache schon genauer ansehen...

Auffallend ist auch, dass, während Ihr Schreiben kein Zeichen von Einfühlung in die jüdischen Opfer oder von Empörung über Ihren Kollegen enthält, es allein die JÜDISCHE ALLGEMEINE ist, die Ihren Unmut erregt.

Dabei hat diese Zeitung in diesem Fall hervorragende Aufklärungsarbeit geleistet.

Sie werden Verständnis dafür haben, daß ich unsere Korrespondenz, wie schon in meinem ersten Schreiben an Sie erwähnt, interessierten Kreisen zugänglich mache.

Mit freundlichen Grüßen

Birgit Schintlholzer-Barrows

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Zum Thema „Verführbarkeit" möchte ich noch eine persönliche Bemerkung anfügen.

Jörg Zink wie Wolfgang Huber weisen hier auf ein Phänomen hin, das uns aus unserer jüngsten deutschen Geschichte noch schmerzhaft in den Knochen steckt.

Viele Ältere erinnern sich, wie sie als Kinder und Jugendliche von der Nazi-Ideologie angesteckt waren. Die Erziehung zum Größenwahn der Herrenrasse oder zum Hass gegen die Juden, um nur zwei Hauptübel zu nennen, hatte viele Jugendliche durch und durch vergiftet. Natürlich ohne dass sie es merkten; im Gegenteil, sie schwammen auf einer Welle von Stolz, Patriotismus und jugendlicher Opferbereitschaft.

Unter Vorspiegelung hehrer Ideale und ehrenhafter Ziele wurden Kinder und Jugendliche vorbereitet, in Begeisterung und Gehorsam auszuführen, was sie „der Führer" - und in seiner Gefolgschaft die vielen „kleinen Führer" - tun hieß. Sie ließen sich mitreißen von der Hochstimmung der mächtigen „völkischen Erhebung" - wie konnten sie auch anders!

Hinterher, nach dem Einsturz des kolossalen Lügengebildes, gab es ein schreckliches Erwachen. Wie verblendet waren sie gewesen; wie waren sie auf Lügen, Täuschungen, Propaganda- und Hassparolen hereingefallen, ohne es zu merken. Wie hatte man ihre jugendliche Gutgläubigkeit missbraucht! - Das Thema „Verführbarkeit" geriet damals zu einer existenziellen, mühevollen „Entziehungskur"!

Wer „hinterher" aufgewacht ist und die Gefahr erkannt hat, in die er „irregeleitet" worden war, stellte sich viele Fragen. Aber er kam wohl nicht darauf, seine blinde Tapferkeit nochmals zu bewundern. Eher fragte er sich, wie er sich der fanatischen Bereitschaft verschreiben konnte, den Ver-Führern folgen zu wollen? Und: Wozu wäre er fähig gewesen, wenn er Dinge hätte tun sollen, die er nun als Verbrechen verurteilt?

Neben den bohrenden Selbstzweifeln erfasste die meisten wohl aber auch ein gewaltiger Zorn auf die, die Kinder und Jugendliche bewusst und zielstrebig so „verführt" und missbraucht hatten. Sie waren die eigentlichen Verantwortlichen für all die Untaten, die ohne menschliche Regungen verübt wurden.

Auf diesem Erfahrungshintergrund unserer deutschen Geschichte frage ich mich, wie man den Mut und die Hingabe von jungen Selbstmordattentätern bewundern kann?

Kinder und Jugendliche, die zu allem fähig sind, weil sie so indoktriniert und abgerichtet werden, kann (und sollte) man bemitleiden; im höchsten Maße gemeingefährlich sind sie trotzdem. Wenn sie ihr eigenes Leben wegwerfen und bedenkenlos möglichst viele andere Menschen mit in den Tod reißen, ist und bleibt dies ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Ohne Gloriole, nur vom Geruch des Todes umgeben! Und das Thema „Verführung" wendet sich als Anklage gegen die Drahtzieher im Hintergrund - und alle, die sie gewähren lassen. Hartmut Metzger

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