|
|
|
|
Zurück zum Rundbrief Juni 2004 Der Autor des folgenden Artikels ist Israel-Korrespondent der „Neuen Züricher Zeitung". HM „Wenigstens ehrlich"Kommentar von George Szpiro zur Lage in Israel (und in Europa) Diese Zeilen werden zu einer Zeit geschrieben, da die Teilnehmer der Antisemitismus-Konferenz in Berlin unter anderem darüber diskutieren, wo Israel-Kritik aufhört und Antisemitismus anfängt. Oft ist die Grenze zwischen legitimer Kritik und diffusem Antisemitismus schwer zu ziehen. Aber manchmal ist es offensichtlich, dass das Erlaubte überschritten wird. Ich will hier über eine Begebenheit berichten, die mir vor einigen Wochen bei einem Besuch in Hebron zustieß. Ich war zu einem Mittagessen in einem Kulturzentrum eines europäischen Staates geladen. An meinem Tisch saß auch eine Dame aus Deutschland, die seit einigen Jahren mit der palästinensischen Bevölkerung in der Stadt zusammenlebt. Etwa 60 Jahre alt, offensichtlich gebildet und kultiviert, ist sie aus tiefer Überzeugung ins Westjordanland gekommen, um der lokalen Bevölkerung Unterstützung zukommen zu lassen. Vielleicht ist sie Krankenschwester oder Sprachlehrerin, ich weiß es leider nicht, weil unser Gespräch - wie der Leser gleich erfahren wird - zu früh abgebrochen wurde. Nach einigen Begrüßungsworten kam die Dame auf die Stimmung in der Schweiz zum Nahostkonflikt zu sprechen. „Die Presse in der Schweiz ist nun endlich auch wieder etwas propalästinensischer geworden, nicht wahr?" Ich erwiderte, dass dies wohl für gewisse Zeitungen zutreffe, fügte hinzu, dass propalästinensisch manchmal auch als antiisraelisch ausgelegt werden könne, und schloss mit dem Hinweis, dass Israelkritik oft auch den Antisemitismus fördere. „Ja, mit Recht", erwiderte die Dame. Ich wurde stutzig. Hatte ich schlecht gehört, oder hat die Dame tatsächlich gesagt, dass Antisemitismus - notabene: nicht Antiisraelismus - berechtigt sei? Während ich mir das noch überlegte, gab sie mir schon die Antwort auf die unausgesprochene Frage. „Die Juden sind überheblich und rechthaberisch, auch in Deutschland." Jetzt wusste ich, woran ich war. Als Journalist hätte ich mich zurückhalten sollen, um mehr über die Geisteshaltung der Dame zu erfahren. Aber mein Erstaunen und meine Empörung nahmen überhand, und ich platzte heraus: „Als Jude muss ich sagen, dass Sie ja eine richtige Antisemitin sind." Zu meinem Erstaunen beeindruckte sie das gar nicht. „Ich wollte Sie nicht verletzen. Sie müssen mir aber zugestehen, dass ich wenigstens ehrlich bin", erwiderte sie. Ich ließ mich von ihrem geheuchelten Rechtfertigungsversuch nicht beeindrucken: „Sie waren bloß deshalb ehrlich, weil Sie nicht wussten, dass ich Jude bin. Verletzt haben Sie mich gar nicht, Sie haben sich ja bloß selber disqualifiziert. Für Ihre Vorurteile sollten Sie sich schämen." Ja, da könne sie sich einfach nicht helfen, war ihre Antwort, so fühle sie eben. Mit diesen Worten brach das Gespräch ab, weil die Vorträge begannen, die den eigentlichen Grund meines Besuches in Hebron darstellten. Die Dame, die da mit erschreckender Gelassenheit die gleichen Gefühle und Vorurteile aussprach wie ihre Vorfahren in Deutschland in den dreißiger Jahren, war kein naives Mädchen, das einfach dummes Zeug plapperte. Sie war eine reife Dame, die die Universität besucht hatte. Nun stellt sich fast zwangsläufig die Frage: Gibt es noch mehr, vielleicht sogar viele Menschenrechtsaktivisten und sonstige Helfer des palästinensischen Volkes, die versteckte Antisemiten sind, die in die palästinensischen Gebiete reisen, um angeblich den unterdrückten Palästinensern zu helfen, aber in Tat und Wahrheit bloß hergekommen sind, um sich ihre Vorurteile bestätigen zu lassen? Ich will nicht den gleichen Fehler begehen wie die deutsche Antisemitin in Hebron. Man darf nicht generalisieren und keine Pauschalurteile fällen. Aber die Frage hängt in der Luft. Mit dem Gespräch waren die Begebenheiten des Tages leider noch nicht zu Ende. Auf der Rückfahrt nach Jerusalem saß ich im Auto neben einem palästinensischen Bekannten. Er ist Doktor der Anthropologie, Autor mehrerer Bücher, ehemaliger Botschafter der PLO in Tokio. Heute unterrichtet er kulturelle Anthropologie an der palästinensischen Universität Al-Quds in Ostjerusalem. Als ich ihm von dem Vorfall erzählte, meinte er, ich solle die Worte der deutschen Frau nicht auf die Goldwaage legen. Nicht alles, was man so höre, müsse ernst genommen werden. Ich insistierte, dass es eben die ruhige und überlegte Art war, in der die Frau die antisemitischen Bemerkungen gemacht hatte, die mich so erschreckt habe. Die Worte waren ja nicht in der Hitze eines Streitgespräches gefallen. „Wechseln wir das Thema", sagte mein Bekannter plötzlich. Ja wieso denn, fragte ich ihn. „Weil es mich langweilt", kam die Antwort. Aha. Über die Leiden des palästinensischen Volkes kann man von morgens bis abends reden. Aber wenn es um Antisemitismus geht, oder um das Unrecht, das einem anderen Volk angetan wird, da langweilt sich der Anthropologiedozent aus Ostjerusalem. Aus: tachles vom 7. Mai 2004 Home - Über uns - Schabbat Lesungen - Aktueller Rundbrief - Archiv - Reisen - Weltgebetstag - Kontakt und Hinweise - Bilder Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung e.V. |