Denkendorfer Kreis
             
für christlich-jüdische Begegnung e.V.

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Zurück zum Rundbrief Juni 2004

Aus der Geschichte lernen wird oft gefordert. Doch ist es in unserer Gesellschaft und ihren Traditionen schon überaus schwierig, auch nur Erinnerungen wach zu halten. Was uns nicht unmittelbar betrifft, interessiert wenig; ein geistiges Erbe wird vor allem dann angenommen, wenn es gute Zinsen abwirft.

Wer sich mit der vergangenen Geschichte von Christen und Juden beschäftigt, trifft auf ein geistiges Erbe, dessen wir uns möglichst entledigen sollten. Doch dies geht nicht, ohne dass wir uns vorher intensiv mit der „Vergegnung" von Christen und Juden und deren Ursachen beschäftigen.

Die religiöse Überlieferung der Kirchen, und hier besonders ihr Religionsunterricht, ist darum ein Feld, auf dem diese Auseinandersetzung sich abspielt.

Von diesem Feld der Auseinandersetzung und des Lernens handelt der folgende Artikel, in dem Eberhard Röhm zusammenfasst, was er gelernt und erarbeitet hat und was er gern weitergeben möchte. Hartmut Metzger

Am 19. November 2003 verlieh die Erziehungswissenschaftliche Fakultät der Universität zu Köln Pfarrer Dozent i.R. Eberhard Röhm die Würde eines Ehrendoktors in Anerkennung dessen, dass er sich „in herausragender Weise der Erforschung des christlich-jüdischen Verhältnisses insbesondere in der Zeit des Nationalsozialismus gewidmet" hat. Außerdem habe er entscheidend dazu beigetragen, dass das Thema Nationalsozialismus und Kirche Eingang in den Schulunterricht finden konnte.

Bei der akademischen Feier referierte Eberhard Röhm über das ihm gestellte Thema „Juden und Christen als Thema des Religionsunterrichts".

Eberhard Röhm:

Juden und Christen als Thema des Religionsunterrichts

Die Zusammengehörigkeit von Juden und Christen, wie sie in der Erklärung der Rheinischen Kirche von 1980 zum Ausdruck kommt, ist inzwischen für einen rechtschaffenen Theologen fundamental und auch in den Lehrplänen des Religionsunterrichts fest verankert. Ich will in fünf Thesen auf Aspekte zu diesem Thema im Blick auf den schulischen Unterricht aufmerksam machen.

Das Thema „Juden und Christen" ist mir biographisch zum ersten Mal bewusst begegnet in meinem eigenen evangelischen Religionsunterricht bei einem deutschchristlichen Religionslehrer Anfang des Krieges. Ich war damals elf Jahre alt. An die Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Es existiert aber noch ein Schulheft meines älteren Bruders, dem derselbe Lehrer im Schuljahr 1939/40 zwei Seiten ins Heft diktiert hat unter der Überschrift „War Jesus ein Jude?"

Die Antwort für einen „Deutschen Christen" hieß damals ganz klar „nein". Im Schulheft ist zu lesen:

„Jesus steht in seiner ganzen Art zu denken und zu handeln im schärfsten Gegensatz zum Judentum. Joh. 8,44 nennt Jesus die Juden Kinder des Teufels, des Mörders und Lügners von Anfang an." Jesus stamme wohl von assyrischen Einwanderern, also Ariern, ab.

Dieser abstruse Hefteintrag, vielleicht auch noch andere deutschchristliche Irrlehren, veranlassten meinen Vater, meinen Bruder und mich aus dem evangelischen Religionsunterricht abzumelden.

Verständlicherweise durften wir beiden Brüder dann auch nicht an dem in Württemberg als Ersatz eingeführten nationalsozialistischen Weltanschauungsunterricht teilnehmen.

Meine erste These lautet: Das Thema „Juden und Christen" wird im Religionsunterricht in erster Linie entfaltet in einer theologisch sachgemäßen, natürlich auch kindgemäßen, Auslegung der Bibel, des Buches, das wir Christen - in beiden Teilen - im wesentlichen von Juden überliefert bekamen.

Im Religionsunterricht begegnen Schülerinnen und Schüler schon ab Klasse 1 denselben Geschichten und Texten, denen jüdische Kinder in ihrem jüdischen Religionsunterricht auch begegnen: So den Vätergeschichten, den Zehn Geboten, die wir den Juden verdanken. Sie beten wie jüdische Kinder die Psalmen. Im Religionsunterricht muss sich darum zeigen, ob die Lehrerin und der Lehrer gelernt haben, das sogenannte Alte Testament, besser gesagt die Hebräische Bibel, mit oder gegen die Juden zu lesen. Hier müssen der Lehrer und die Lehrerin sich entscheiden, ob sie von Jesus als Juden erzählen oder nicht.

Jesus war das Kind jüdischer Eltern. Er wurde beschnitten. Er feierte die Bar Mizwa. Er betete das Sch’ma Israel. Er lehrte die Tora und erfüllte das Gesetz. Er feierte die jüdischen Feste. Er ging in die „Judenschule", d.h. er lernte unter Lernenden. Wer von Jesus im Unterricht erzählt, kommt ohne genaue Kenntnis des jüdischen religiösen Lebens, des jüdischen religiösen Alltags und auch ohne Kenntnis des jüdischen Festkalenders nicht aus.

Vieles haben wir Christen von den Juden übernommen. Wir stehen in einer gemeinsamen Tradition. Ich denke an das Mahl, das wir feiern; die Feste, die wir begehen; die Sprachbilder, die uns prägen; die Hoffnung, die wir teilen.

Nach wie vor gibt es theologische Stolpersteine, sprich die Gefahr antijudaistischer Auslegung.

Stichwort: Ist es möglich, eine nicht judenfeindliche Darstellung der Kreuzigung Jesu zu vermitteln? Es war nicht „der Jude", der den Gottesmord vollzogen hat, sondern: „Durch die Hand der Heiden wurde Jesus ans Kreuz geschlagen." – Können wir den Gedanken ertragen, dass Gott einerseits den Juden anders Gott ist, und andrerseits Gott ebenso den Christen anders Gott ist? Dann leuchtet es auch ein, ohne gleich in Judenhass zu verfallen, dass einzelne Juden in neutestamentlicher Zeit Jesus tatsächlich bekämpft haben.

Meine 2. These lautet: Schülerinnen und Schüler, die relativ wenig über Juden wissen, verbinden mit diesem Personenkreis zunächst und oft nur die Katastrophe des Holocaust, d.h. schreckliche Verbrechen, durch die Juden umgebracht wurden, ein Geschehen, das für Jugendliche heute jedoch weit weg ist. Oder sie denken an die Selbstmordattentate einzelner Palästinenser und die Vergeltungsschläge der israelischen Armee.

Ehe diese dunkle Seite der Geschichte der Juden im Unterricht behandelt wird, würde ich den Schülerinnen und Schülern zuerst möglichst lebendig erzählen, wie Juden leben, was Juden glauben.

Die Möglichkeit, Schülerinnen und Schüler das religiöse Leben von Juden unmittelbar erleben zu lassen, etwa einen Gottesdienst in einer Synagoge zu besuchen, ist in Deutschland nach wie vor nur sehr beschränkt möglich. Eine unmittelbare Folge der Shoa. Es stehen jedoch inzwischen für den Unterricht didaktisch brauchbare Anschauungsmittel in Form von Schulbuchkapiteln, Arbeitsblättern, Dias, Filmen, Tonbändern mit jüdischer Musik sowie Realiensammlungen zur Verfügung.

In einem phantasievollen Unterricht dürfen Schülerinnen und Schüler heute - wenigstens in einer Art Trockenkurs - das Judentum von Gegenständen her kennen lernen: eine Sabbatkerze anzünden, eine Kipa aufsetzen, einen Gebetsschal in die Hand nehmen, den Kiddusch-Becher, Mazzen und vieles mehr betrachten.

Eine gelingende Vermittlung hängt freilich stark ab von der Achtung des Lehrers vor Juden und ihrer Religion.

Die Frage ist: Sucht die Lehrerin und der Lehrer selbst nach Gelegenheiten, mit Juden die Bibel zu lesen, was ja möglich ist?

Dazu gehört sicher auch, persönliche Klarheit zu gewinnen in der Frage nach dem Lebensrecht der Juden auf einen eigenen Staat, das von einem Teil der israelischen Staatsbürger ja nicht nur unter Berufung auf internationales Recht, sondern ausdrücklich religiös begründet wird.

Angesichts der brutalen Gewalt in den pälästinensisch-israelischen Kämpfen gibt es im Klassenzimmer sehr wohl Stolpersteine. Eine Klärung tut Not: Wie verstehe ich als Lehrerin oder Lehrer Israel als Volk, Israel als Land und Israel als Staat?

Meine 3. These lautet: Wir Deutschen können auf absehbare Zeit vom Verhältnis von Juden und Christen nur im Schatten von Auschwitz reden. Auschwitz heißt aber auch, vom Versagen und der Schuld der Christen und der Kirchen im Dritten Reich zu reden.

Es gibt zwei Stolpersteine: 1.) Für jüngere Lehrer ist heute kaum mehr nachvollziehbar - und noch weniger für Schüler -, wie weit verbreitet und tief verwurzelt Antisemitismus und Antijudaismus während des Dritten Reichs (und schon vor 1933) auch innerhalb der Kirchen waren.

2.) Das Jahrtausendereignis des Holocaust ist rational in seiner Dimension wie in seiner Langzeitwirkung nur schwer vorstellbar und erklärbar.

Zu 1.): Bei verkürzter Darstellung, wie sie nun einmal in der Schule notwendig ist, besteht die Gefahr, dass die Christen und die Kirchen - einem heute herrschenden Trend folgend - nur in ihrem Versagen im Dritten Reich ins Bild gerückt werden. Dies wäre ebenso falsch wie die Legende von der Widerstandskirche gegen den Nationalsozialismus.

Einer Schwarz-Weiß-Darstellung möchte ich entgegensetzen eine Darstellung von Einzelschicksalen, eingebettet in die jeweilige vielschichtige Konfliktsituation.

Zu 2.): Die Horrorszenen des Holocaust wirklich innerlich als Realität zu akzeptieren, ist meiner Erfahrung nach am ehesten möglich in der Verknüpfung eines rationalen und eines emotionalen Zugangs. Neben der Kenntnisnahme von historischen Fakten sollte die direkte oder indirekte Begegnung mit Zeitzeugen treten.

Das Gesamtbild, das sich für das Verhältnis Christen und Juden in der Nazizeit ergibt, heißt: Mittäterschaft von Christen und Kirchen, mindestens in sublimer Form; Unsicherheit, Schweigen; nur vereinzelt mutiger Protest, und gelegentlich heimliche Hilfe.

Ich nenne wenige Beispiele - vier Brennpunkten der Geschichte des Dritten Reichs entlang:

Was waren die Reaktionen von kirchlicher Seite auf den Judenboykott 1933; auf die Nürnberger Gesetze 1935; auf die Reichspogromnacht 1938 und auf die Einführung des Judensterns im September 1941?

Auf das Signal des Judenboykotts 1933 gab es eine nichtssagende, geradezu peinliche Antwort von Seiten der Kirchen. Rabbiner Leo Baeck, der Vorsitzende der Reichsvertretung der deutschen Juden, richtete am 30. März 1933 einen Appell in Form eines Telegramms an die damalige Spitze des Protestantismus, den Evangelischen Oberkirchenrat in Berlin:

„Die deutschen Juden erhoffen gegenüber den gegen sie gerichteten Bedrohungen ein baldiges Wort, das im Namen der Religion von der evangelischen Kirche in Deutschland gesprochen wird, damit unwiederbringlicher Schade auch für Gemeinsames des Glaubens abgewendet werde. Gleiche Depesche an Kardinal Bertram gesandt."

Damit war alles gesagt, was hätte selbstverständlich sein müssen.

Die Antwort war nichtssagend und ernüchternd zugleich:

„Verfolgen die Entwicklung mit größter Aufmerksamkeit. Hoffen, dass Boykottmaßnahmen mit heutigem Tag ihr Ende finden."

Nach Verkünden der Nürnberger Gesetze 1935 stellten alle Pfarrämter und Kirchenregisterämter fleißig ihre Tauf- und Familienbücher zur Verfügung, die alleinige Geschäftsgrundlage, um Ariernachweise ausstellen zu können.

Trotz anfänglicher Ablehnung wurde praktisch dann doch auch in der Kirche der sog. Arierparagraph eingeführt, z.B. in Diakonischen Einrichtungen wie auch in einzelnen Landeskirchen: Es gab keine Ausbildungsplätze mehr für Diakone und Schwestern, die jüdischer Abstammung waren - von rühmlichen Ausnahmen abgesehen. Selbst Pfarrer und Kirchenmusiker jüdischer Abstammung wurden aus ihrem Amt gedrängt.

Von den rund ein Dutzend Pfarrern „volljüdischer" Abstammung war Ende 1938 keiner mehr in seinem bisherigen Amt. Selbst sog. „Halbjuden" oder „Mischlinge", wie man sie nannte, wurden in vielen Landeskirchen heimatlos.

Für Köln hat diese traurige Geschichte Hans Prolingheuer erforscht. Ich erinnere an den in städtischen Diensten stehenden Krankenhausseelsorger Pfarrer Ernst Flatow, dem die Stadt Köln schon im März 1933 gekündigt hatte. Auch die Kirchenbehörde ließ ihn fallen und ermöglichte ihm nicht die Rückkehr in den unmittelbaren Kirchendienst als Gemeindepfarrer.

Wörtlich: „Flatow hat in seinem Äußeren und in seinem Wesen so in die Augen springende diejenigen Merkmale an sich, die vor dem Volke als der jüdischen Rasse eigen angesehen werden, dass eine Beschäftigung in einer Gemeinde unmöglich ist."

Der 46-Jährige, ein Weltkriegsteilnehmer, der nach staatlichem Recht zu jener Zeit hätte gar nicht entlassen werden müssen, war jetzt brotlos mit einem bescheidenen Ruhegehalt von monatlich 197 RM. Im Januar 1939 erhielt er durch den englischen Bischof George Bell ein Visum nach Großbritannien. Schon mit seiner Verlobten im Zug sitzend, stieg Flatow in einer für uns nur schwer verständlichen nationalen Anwandlung vor der Grenze in Aachen aus dem Zug wieder aus und kehrte zurück, letztlich ins Verderben. Zuletzt hielt Ernst Flatow sich in den Hoffnungstaler Anstalten Lobetal bei Berlin versteckt. Er wurde wie andere entdeckt.

An Ostern 1942 deportierte man Flatow ins Warschauer Ghetto, wo er umkam.

Neben Werner Sylten ist er der einzige evangelische Pfarrer jüdischer Abstammung, der den Holocaust nicht überlebt hat.

Ich erinnere an Julio Goslar, getaufter Jude, Organist und Chorleiter an der Lutherkirche in Köln-Nippes, der das Opfer einer üblen Hetzkampagne im Stürmer wurde. Von der Kirche fallen gelassen, überlebte er den Holocaust im Untergrund, unterstützt von evangelischen und katholischen Christen.

Nach der Pogromnacht 1938 entstand auch auf evangelischer Seite endlich ein Hilfswerk vor allem für getaufte Juden, das sog. „Büro Pfarrer Grüber" in Berlin. In Köln befand sich eine Zweigstelle, die „Vertrauensstelle für evangelische Nichtarier" in der Moltkestraße 80. Im ehemaligen Missionshaus betreute der Judenmissionar Moritz „Israel" Weisenstein seine Schicksalsgenossen. Weisenstein wurde im Sommer 1944 von der Gestapo verhaftet und kam am 7. Oktober 1944 in einer Baracke des jüdischen Sammellagers auf dem Nordfeld in Köln-Müngersdorf um.

Nach Einführung des Judensterns in Deutschland im September 1941 beschloss eine deutschchristlich geleitete Gemeinde in Breslau, Juden das Betreten von Kirchen- und Gemeinderäumen zu untersagen.

Jetzt wurde buchstäblich wahr, was acht Jahre zuvor das Breslauer Kirchenblatt „Evangelischer Ruf" im Oktober 1933 in einer ironischen Anwandlung als „Vision" beschrieben hatte:

„Vision Gottesdienst. Das Eingangslied ist verklungen. Der Pfarrer steht am Altar und beginnt:

‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche zu verlassen.’

Niemand rührt sich.

‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche sofort zu verlassen.’

Wieder bleibt alles still.

‚Nichtarier werden gebeten, die Kirche sofort zu verlassen!’

Da steigt Christus vom Kreuz des Altars herab und verlässt die Kirche."

Ich brauche nicht besonders hervorzuheben, dass der zuständige Regierungspräsident das Blatt „bis auf weiteres verboten" hat.

Es gab auch die entgegengesetzte Haltung. Ein Vikar der Bekennenden Kirche, Helmut Hesse aus Wuppertal, Sohn des Moderators der Reformierten Christen in Deutschland, Hermann Hesse, verlas am 6. Juni 1943 in einem Gottesdienst in Wuppertal-Elberfeld einen für damals unglaublichen Text, den die Gestapo wörtlich protokollierte:

„Als Christen können wir es nicht mehr länger ertragen, dass die Kirche in Deutschland zu den Judenverfolgungen schweigt. Was uns dazu treibt, ist das einfache Gebot der Nächstenliebe. Die Judenfrage ist eine evangelische und keine politische Frage. Die Kirche hat jedem Antisemitismus in der Gemeinde zu widerstehen. Dem Staat gegenüber hat die Kirche die heilsgeschichtliche Bedeutung Israels zu bezeugen und (gegen) jeden Versuch, das Judentum zu vernichten, Widerstand zu leisten. Jeder Nichtarier, ob Jude oder Christ, ist heute in Deutschland der unter die Mörder Gefallene." (Eine Anspielung auf das Gleichnis vom barmherzigen Samariter)

Dieser Text stammt aus dem sog. „Münchner Laienbrief". Dieser wurde im Frühjahr 1943 hauptsächlich von Hermann Diem, meinem Ausbildungspfarrer in Ebersbach in Württemberg, verfasst, zusammen mit verschiedenen Nichttheologen. Sie wollten, dass die protestantischen Bischöfe in Deutschland diesen Text von den Kanzeln verlesen lassen, was freilich nicht geschah.

Helmut Hesse wurde zwei Tage nach der Predigt, am 8. Juni, zusammen mit seinem Vater verhaftet. Begründung: „Hesse ist wiederholt in öffentlichen Gottesdiensten für die Juden eingetreten und hat für sie gebetet." Am 24. November 1943 starb Hesse im KZ Dachau an den Folgen der Unterernährung und mangelnder ärztlicher Versorgung.

These 4: Soweit dies im schulischen Unterricht möglich ist, sollte man Schülerinnen und Schülern Augen, Ohren und Sinne öffnen für den Reichtum, den jüdische Menschen in Deutschland geschaffen haben mit Werken der Bildenden Kunst, der Musik, der Literatur, des Films. Juden sollten nicht nur in der Opferrolle erscheinen.

Für den Religionsunterricht legt sich nahe, Schülern den Zugang zu künstlerischen Arbeiten mit religiös-biblischen Inhalten zu vermitteln. Ich nenne nur den bekanntesten Künstler Marc Chagall. Kein Schulbuch ohne ein Bild von ihm. Wichtiger scheint mir freilich, dass auf diesem Feld die Kooperation von Lehrern in fächerübergreifenden Projekten stattfindet. In den bisherigen Lehrplänen von Baden-Württemberg ist dies ausdrücklich vorgesehen für die Klassenstufen 9/10 als Kooperationsprojekt der Fächer Deutsch, Geschichte, Kunst, Musik, Ethik, Religion. Beim Zustandekommen habe ich Hebammendienste geleistet.

Mit dem bisher Gesagten bewegte ich mich im Rahmen dessen, was in den letzten drei Jahrzehnten auf dem Feld der Religionspädagogik sich entwickelt hat, was wissenschaftlich erforscht, didaktisch umgesetzt, im Unterricht von Schülerinnen und Schülern erlebt wurde. Ich denke, ich habe damit mein Pflichtprogramm für heute zum Thema „Juden und Christen als Thema des RU" absolviert.

Lassen Sie mich jedoch noch kurz andeuten, wie das Thema mich in den Jahren meines Ruhestands weiter beschäftigt, geradezu verfolgt hat.

Ich lebe in einer Stadt, Leonberg, in der es im letzten Kriegsjahr eines der vielen KZ-Außenlager gab. Bis zu 3000 Häftlinge aus 24 europäischen Nationen wurden mitten in unserer Stadt bei der Herstellung einer der „Wunderwaffen", dem damals modernsten Düsenjäger der Welt, unter unsäglichen Umständen eingesetzt. Viele starben.

In den Jahren 1999 bis 2001 erforschte eine Geschichtswerkstatt unter Leitung junger Historiker zum ersten Mal systematisch diese traurige Geschichte. Ich gehörte dieser Gruppe an, und wir machten zwei überraschende Entdeckungen.

Unter den mehr als 3000 Häftlingen waren etwa 1000 Juden. Die meisten kamen aus Ungarn und wurden in Auschwitz „selektiert", ausgewählt, um nicht dort, sondern durch Arbeit in Leonberg zu sterben. Zum ersten Mal in der 750-jährigen Geschichte einer Stadt von 7000 Einwohnern lebten ein knappes halbes Jahr lang 1000 Juden hautnah mit der Bevölkerung zusammen.

Im April 1945 verschwanden die KZ-Häftlinge wieder bei Nacht und Nebel und mit ihnen auch alle Juden. Unsere Stadt war wieder judenfrei. Die KZ-Häftlinge wurden auf einen Todesmarsch in Richtung Bayern geschickt.

Die zweite Überraschung: Nach umfangreichen Recherchen konnten wir mehr als zwei Dutzend ehemalige Häftlinge finden, von denen 18 auf unsere Einladung mit ihren Angehörigen nach Leonberg kamen. 50 Jahre lang hatte niemand in unserer Stadt nach ihnen gesucht, auch ich nicht.

Unter den Besuchern waren auch Juden, die heute in Deutschland und in Israel leben. Es kam zu Begegnungen, wie wir sie auch von anderen Orten kennen. Ich war mit diesen ehemaligen Häftlingen in Schulklassen. Wir haben von einem professionellen Filmemacher zwei Filme drehen lassen, um diese schwer beschreibbaren, bewegenden Erstbegegnungen für später festzuhalten.

Inzwischen gibt es eine KZ-Gedenkstätteninitiative, deren Vorsitzender ich bin. Wir haben einen Weg der Erinnerung durch die Stadt mit sechs Informationstafeln markiert, vom heutigen Begräbnisort der verstorbenen Häftlinge, über den Ort des einstigen KZ-Lagers (heute ein Altenzentrum) zur unterirdischen Produktionsstätte, heute ein aufgelassener Reichsautobahntunnel, bis zur Stelle des ehemaligen Massengrabs.

Eine Fülle an didaktischen Möglichkeiten hat sich damit eröffnet. Wir gehen mit Schulklassen diesen Weg und erzählen von unseren Begegnungen mit den ehemaligen Häftlingen. Wir werden dadurch quasi zu Zeitzeugen zweiten Grads. Schüler führen inzwischen selbst ihre Mitschüler.

Letzten Freitag übergab die 11. Klasse eines Beruflichen Gymnasiums uns ein Modell des KZ-Lagers im Maßstab 1:40, das die Schülerinnen und Schüler in einjähriger Arbeit unter Anleitung ihres Ethiklehrers diskutiert und hergestellt haben. Eine solche Erinnerungsarbeit am Ort und vor Ort mit ihren vielfältigen Möglichkeiten ist kaum durch andere Methoden zu überbieten.

Fragen brechen auf im Sinne des ersten Satzes der Erklärung der Rheinischen Synode von 1980, so die Frage nach der Schuld und Mitverantwortung der Christen in Leonberg.

- Was bedeutete die Anwesenheit der 1000 Juden im Jahr 1944/45 für das gottesdienstliche Gebet damals?

- Waren die Protestanten in Leonberg, die Sonntag für Sonntag am Ende des Gottesdienstes den uns von den Juden überlieferten aaronitischen Segen sprachen, sich dieser Verbundenheit von Christen mit den Juden bewusst?

- Wie stellten die Christen dieser Stadt sich zu der oft recht gedankenlosen Tradition des Gedenkens nach 1945? (Reichlich Inhalt für Unterrichtsgespräche!)

Zwei Beispiele.

An den beiden Massengräbern sind nur christliche Symbole zu sehen, obwohl ein großer Teil der dort begrabenen Menschen Juden waren. Im einen Fall wurde auf Anordnung der Besatzungsmacht ein riesiges Betonkreuz errichtet. Im andern Fall steht ein 1962 errichteter Stein mit der christlichen Auferstehungsszene.

Mit keinem Wort und keinem Symbol wird daran erinnert, dass hier ausschließlich KZ-Häftlinge und vor allem Juden begraben liegen. Die eingemeißelten Jahreszahlen 1939 bis 1945 führen - bewusst verschleiernd - in die Irre, denn die KZ-Toten waren ausschließlich im letzten Kriegsjahr umgekommen.

Als dieser Stein errichtet wurde, gab es keinen Protest von Seiten der Kirchengemeinden. Auch von mir nicht, obwohl ich damals bereits als Religionslehrer am örtlichen Gymnasium tätig war.

Schließlich ein letzter Aspekt. Aktuelle Erfahrung: Die Generationen wechseln. Die Diskussion hat sich verschoben, weg von der Frage der Schuld und Mitschuld, hin zum Thema Übernahme einer geschichtlichen Verantwortung als prinzipielle Grundlage menschlichen Zusammenlebens.

Bei unseren Begegnungen mit Holocaust-Opfern, ihren Kindern und Enkeln, die wir im Film festhalten konnten, waren wir Zeugen für die biblische Erkenntnis, dass ein so ungeheures Ereignis wie der Holocaust seine Auswirkung hat ins dritte und vierte Glied.

Mehrmals haben die mitreisenden Söhne und Töchter uns erklärt, dass sie erst hier, aus Anlass der Rückkehr an den Ort der Qual, nach einem halben Jahrhundert von ihren Vätern wirklich erfahren haben, was damals geschah.

Ich werde Ihnen einen Film „Überlebende des KZ Leonberg" als Geschenk für die Fakultät übergeben, in dem Sie diese Forschungsergebnisse fast lehrbuchreif nachvollziehen können.

Ich breche hier ab. Sie merken, dass das Thema „Juden und Christen" für mich noch nicht zu Ende buchstabiert ist. Mit dem zuletzt Gesagten wollte ich auf meine 5. These hinführen, mit der ich schließe:

These 5: Die Shoa, deren geschichtliche Schwere wir Christen in Deutschland mitzutragen haben, reicht für die Opferfamilien wie für die Täterfamilien bis ins dritte und vierte Glied. Gegenstand unterrichtlicher Besinnung wird in Zukunft darum nicht nur das Geschehen selbst, sondern auch das Erinnerungsgeschehen in der Zeit danach sein. Besinnung hat viele Formen. Neben die historische Vermittlung kann auch bildnerisches Gestalten, Musik oder hörendes Schweigen treten.

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