Denkendorfer Kreis
             
für christlich-jüdische Begegnung e.V.

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Rundbrief vom 26. Oktober 2003
 
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25 Jahre Thora-Lernwochen - Eine einmalige Spezialität in der württembergischen Kirchengeschichte
Von Hartmut Metzger

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Einer von 36 Gerechten - Beim Selbstmordanschlag von Jerusalem starb ein Arzt, der seit Jahren die Opfer des Bombenterrors versorgt hat
Von Erich Wiedemann

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Erzwingt den Frieden! - Wer den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern lösen will, muss das Labyrinth aus Hass, Angst und Rachsucht zerschlagen. Und vor allem den Terror. Warum die "Roadmap" zum Scheitern verurteilt ist
Von Leon de Winter

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Neue Realität, alte Probleme - Rückblick auf das alte, Ausblick auf das neue jüdische Jahr (5764)
 Von Arthur Cohn
 

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Die Angst des anderen verstehen- Juden und Araber besuchen Auschwitz.
Von Igal Avidan

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„Haben wir so schnell vergessen?" - Der 9. November 2003 im Kalender der Deutschen Evangelischen Allianz
Von Hartmut Metzger

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Freibrief für einen Sympathisanten - Stuttgarter Staatsanwaltschaft ermittelt nicht gegen Jörg Zink
Von Henryk M. Broder

 

Wie bewerten Juristen Sympathieerklärung für palästinensische Selbstmordattentäter?
Von Birgit Schintlholzer-Barrows

25 Jahre Thora-Lernwochen -
Eine einmalige Spezialität in der württembergischen Kirchengeschichte

Von Hartmut Metzger

Am 27. Juli 2003, zu Beginn der diesjährigen Thoralernwoche, wurde in der Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf ein Jubiläum gefeiert: Ein Vierteljahrhundert gibt es nun die jährlichen Lernwochen mit jüdischen Lehrern aus Israel. Dem Anlass entsprechend erzählten verschiedene Akteure der ersten Stunde, wie sie dieses Wagnis erlebt hatten.

Meinen Beitrag gebe ich hier - gekürzt - wieder, weil ich etliche Namen genannt habe, an die viele Leser sich mit Dank und Freude erinnern. Hartmut Metzger

Die Blickwinkel sind recht verschieden, wenn mehrere Leute - Efraim Jonai, Mordechai und Zipora Ansbacher, Rudolf Maurer und nun auch ich - auf ein und dasselbe Ereignis zurückschauen.

Doch zusammengenommen geben diese unterschiedlichen Blickwinkel ein buntes Mosaik, und ein solches wollen wir ja zusammensetzen, wenn wir uns an die Anfänge unseres Thora-Lernens erinnern.

Ich möchte über drei Punkte sprechen, die für meinen Weg von Bedeutung waren:

1. über Vorurteile und Möglichkeiten, sie zu überwinden;

2. über die spätere zentrale Ausrichtung auf unser gemeinsames Thoralernen und

3. über die Gemeinschaft mit den lebenden und verstorbenen jüdischen Lehrern und

Freunden.

[Rassistische Vorurteile, wie sie uns im Dritten Reich eingeimpft wurden, hielten sich eine Weile noch hartnäckig; doch durch Begegnungen mit Juden konnten sie schnell und gründlich widerlegt und ausgetrieben werden!...]

Ungleich schwerer war es (und ist es leider immer noch), christliche Vorurteile gegenüber Juden zu durchschauen und aufzudecken. Der Rassenwahn war leichter zu überwinden als die religiösen Vorstellungen, die Jahrhunderte lang in christliche Gewissen hineingepredigt worden waren.

Wir haben bald erkannt, dass intellektuelle Aufklärungsvorträge über das Judentum nicht bis in die Tiefen der Seelen reichen. Nach meiner Überzeugung lösen sich antijüdische Feindbilder nur auf, wenn eigene Erfahrungen mit Juden den überkommenen Wahnwitz entlarven.

Das Erschrecken über die christliche Mitschuld an der Schoa stand am Anfang des christlich-jüdischen Gesprächs, wie es sich nach dem Ende des II. Weltkriegs und der Nazi-Herrschaft entwickelt hat. Aber die antijüdischen Klischees waren damit noch keineswegs verschwunden. - Ich habe in den 50er Jahren studiert. Unsere Theologie war, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch durchtränkt von einer Ablehnung alles „Jüdischen". Doch nicht nur die wissenschaftlichen Theologen, auch die Gemeinden waren von dieser Krankheit betroffen.

Darum konnte ein echter Neuanfang im Verhältnis von Christen und Juden nur gelingen, wenn die Gemeinden beteiligt würden; ein Dialog unter den „Experten" war zu wenig und würde den Zweck verfehlen.

Die Frage war nun für uns, wie die Gemeinden dafür zu interessieren und zu gewinnen seien.

Die württembergische kirchliche Landschaft ist vom Pietismus geprägt. Ein Merkmal dafür ist, dass die Bibel als Wort Gottes eine zentrale Bedeutung für Glauben und Leben der Christen hat. Hier, im Zentrum pietistischer Frömmigkeit, konnten wir ansetzen. Wir wussten, eine überzeugende, lebensnahe Auslegung der Schrift weckt in unseren Gemeinden Interesse und innere Beteiligung.

Es gab also eine Brücke zwischen Juden und Christen, die eine echte Begegnung herbeiführen und eine tragfähige Verbindung schaffen könnte.

Bei gesetzestreuen Juden steht, wie wir wissen, die Thora im Mittelpunkt: Alltag wie Feiertag, ihr ganzes Leben wird geprägt von der Lehre und der Weisung des Ewigen. Diese Anhänglichkeit hat das jüdische Volk bewahrt, auch während der langen Verfolgungsgeschichte in christlichen Ländern.

Das Beste, was Christen und christliche Gemeinden erleben können, ist: dem Judentum in seinem innersten Wesen, in seiner Bindung an die Thora, zu begegnen.

Doch die Frage war: Würden sich gesetzestreue Juden finden, die uns Christen nach allem, was geschehen war, teilhaben ließen an ihrem täglichen Lernen und Hören und Tun der Thora?

Die Antwort kennen wir. Gott sei Dank! - Und auch unseren jüdischen Freunden und Lehrern sei Dank!

Über die erste Lernwoche 1978 haben wir schon einiges gehört. Ich möchte nur noch anfügen, wie sich - lange vorher! - das Kloster auf jüdische Gäste einstellte.

Herbert und Trude Kahn, unsere ersten jüdischen Bekannten, haben meine Frau und ich 1960 kennen gelernt; sie besuchten uns mit ihren Kindern schon in unserer Cannstatter Gemeinde. Später, in Denkendorf, hatten wir noch mehr Gelegenheit, Gäste aufzunehmen. Viele Israelis kamen ins Kloster, Herbert und Trude waren aber die einzigen gesetzestreuen Juden unter ihnen.

Ab Mitte der 70er Jahre vertauschten sie auf unsere Einladung hin die heißen Sommermonate in Israel mit einem Erfrischungsaufenthalt bei uns im kühlen Kloster.

Von Jahr zu Jahr wurden die Beziehungen zu allen Klosterinsassen herzlicher. Unsere Mitarbeiterinnen fragten schon kurz nach Pfingsten: „Wann kommen Kahns wieder?" -

Und es dauerte in der Regel dann auch nicht mehr lange, bis sie zur Freude von allen wieder im Kloster einzogen.

Herbert wurde wegen seines oft spitzbübischen Humors sehr geschätzt; aber auch wenn jemand Sorgen hatte, war er eine gute Adresse. Wir haben ihn deshalb zum Hauspriester ernannt, ein Amt, das ihm als Kohen ja trefflich stand.

Die mütterliche und ruhige Art von Trude ergänzte den quirligen, immer zu einem Spaß aufgelegten Herbert. Manchmal saßen Mitarbeiterinnen in ihrer Freizeit bei Trude und tranken eine Tasse Kaffee mit ihr; an Gesprächsstoff fehlte es nie.

Die Kahns waren natürlich bei allem, was sich im Kloster abspielte, dabei. Dass sie sich die aufgetischten Festessen versagten und auch sonst ihre eigenen Regeln streng einhielten, weckte nur eine gewisse Neugier und regte zu Fragen an, die bereitwillig beantwortet wurden.

Als die Lernwochen anliefen, setzte sich Trude, wie später auch Geula, mit unseren Mitarbeiterinnen zusammen und erklärte ihnen, wie eine koschere Küche zu führen sei und was man am heiligen Schabbat zu beachten habe.

Das Kloster, und damit meine ich alle unsere Mitarbeiter, war auf jüdische Gäste vorbereitet und nahm sie gerne auf. -

Das war eine wichtige Voraussetzung für unsere Lernwochen: Unsere Lehrer aus Israel konnten sich hier zu Hause fühlen; es war nicht nur alles koscher, sie begegneten hier auch guten Freunden.

Die erste Lernwoche vor 25 Jahren gab den Auftakt zu einem breit gefächerten Angebot. Der dreijährige Turnus wurde eingeführt: im 1. Jahr Thora-Lernwoche in Denkendorf, im 2. Jahr in Israel und im 3. Jahr verteilten sich die Lehrerehepaare auf viele Gemeinden in Württemberg. (Es traf sich etwa, dass zufällig nach 19 Jahren in 19 württembergischen Gemeinden Thora-Lernwochen durchgeführt wurden. - Insgesamt fanden bis jetzt genau 100 Lernwochen statt!)

Das Kloster Denkendorf lud zu Psalmenwochen, Studientagen und Fortbildungskursen mit jüdischen Referenten ein. Verschiedene Lehrerehepaare kamen während des Jahres für zwei oder drei Wochen nach Denkendorf und konnten im Kloster von den Gemeinden zu Bibelabenden abgeholt werden.

Bestimmte kirchliche Berufsgruppen - Religionslehrer, Kindergärtnerinnen, Diakone, Pfarramtssekretärinnen, Lektoren - erhielten im Kloster oder bei Studienreisen nach Israel die Gelegenheit, jüdisches Leben und jüdische Glaubenstradition kennen zu lernen. - Unser Ziel, in die Breite der Gemeinden hinein zu wirken, haben wir nie aus den Augen verloren. Das Stichwort „Begegnung", das Leitmotiv des Denkendorfer Kreises, war die Grundmelodie unserer Arbeit - und aus den Begegnungen erwuchsen häufig gute persönliche Freundschaften.

Eine besondere Frucht unseres Thoralernens mit jüdischen Lehrern sollte eine Zusammenstellung von „Bibelauslegungen aus jüdischen Quellen" werden, die wir besonders Pfarrern in die Hand geben wollten.

Roland Gradwohl - sein Andenken zum Segen - und seine Frau Esther - möge sie noch lange leben - machten sich an diese gewaltige Aufgabe und legten von 1986 an eine Textsammlung in vier Bänden vor, die mittlerweile zu einem Standardwerk für Prediger und für alle geworden ist, die auf den Reichtum jüdischer Bibelauslegung zurückgreifen wollen.

Es gäbe noch viel zu berichten, was aus dem Thoralernen hierzulande erwachsen ist. Doch dieser kurze, dankbare Blick zurück soll genügen.

Abschließend möchte ich mich noch den „Lehrern" zuwenden, mit denen wir in den vergangenen 25 Jahren Thora gelernt haben. - Wenn ich „Lehrer" im Plural sage, meine ich nach guter jüdischer Sitte Männer und Frauen gleichermaßen.

Ich werde nur die Lehrer nennen, die heute nicht unter uns sind; - den anwesenden gebührt eine ganze Woche lang unsere unmittelbare Aufmerksamkeit und ein persönlicher Dank!

Als erste möchte ich bei Namen nennen und auch von ihnen grüßen, die jetzt aus persönlichen Gründen - wegen Familienfesten, aus gesundheitlichen Gründen oder infolge beruflicher Beanspruchung - nicht hier sind; - auch solche sind darunter, die es nicht über sich bringen, nach Deutschland zu kommen, aber in Israel sich auf jedes Zusammentreffen freuen.

Aus Jerusalem sind es: Ella Auerbach, Gabi und Nechama Cohn, Esther Gradwohl,

Schlomo und Sara Mayer, Estelle Shashar, Schimon und

Schamira Ullmann

Aus Ramat Gan: Zivia Ben-Avner

Aus Kibbuz Jawne: Schimon und Malka Hecksher.

Besonders denken heute an uns vier gute Freunde, die an der 1. Lernwoche 1978 teilgenommen haben, aber im Alter nun nicht mehr reisen können:

Die Vier sind: Trude Kahn, die im Altenpflegeheim Beit Ildan in Kirjat Motzkin lebt und schon morgen von uns hören möchte, was wir heute Abend hier getan haben;

Chawa Jonai, die mehrmals in der Woche zur Dialyse muss, aber tapfer wie immer sich nicht unterkriegen lässt, und die nicht nur ihren Mann hat ziehen lassen, sondern uns in ihrer Tochter Schlomith noch in verjüngter Form grüßen lässt;

Alisa Ganiel, die nach Aries Tod bei Kindern und Enkeln in Tirat Zwi wieder daheim ist und sich motorisiert in ihrem Rollstuhl auf den schattigen Verbindungswegen des Kibbuzes bewegt;

und zuletzt Joseph Walk, den ich vor zehn Tagen telefonisch erreichen konnte; er kam gerade von einem einwöchigen Krankenhausaufenthalt zurück, war sehr schwach, aber hat es trotzdem nicht versäumt, an uns alle Grüße auszurichten.

Zuletzt wollen wir uns in dieser Stunde erinnern an die, die mit uns gelernt und gelebt haben und deren Freundschaft uns heute noch mit Dankbarkeit erfüllt.

Ich nenne ihre Namen - ihr Andenken zum Segen! - in der Reihenfolge der Jahre, in denen wir sie verloren haben. - Wir wollen dazu aufstehen.

Von uns gegangen sind:

1983 Susi Goldschmidt aus Jerusalem

1989 Arje Bartal aus Haifa

1990 Simcha Friedmann aus Kibbuz Tirat Zwi

1991 Herbert Kahn aus Haifa-Kirjath Chajim

David Levin aus Haifa-Kirjat Schmuel

1994 Fritz Goldschmidt aus Jerusalem

Schulamit Bar-Chama aus Haifa-Kirjat Schmuel

1995 Jakob Auerbach aus Jerusalem

1997 Nicha Scheuer aus Basel

1998 Roland Gradwohl aus Jerusalem

1999 Ruchama Möller aus Haifa

2000 Juda Ben-Avner aus Ramat Gan

Arie Ganiel aus Haifa-Kirjat Schmuel

2001 Awraham Möller aus Haifa

Josef Scheuer aus Basel

2002 Devora Bartal aus Haifa

Ester Zur aus Kibbuz Ein Hanatziv

und in diesem Jahr 2003 Benjamin Adler aus Jerusalem.

Im täglichen jüdischen Abendgebet wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass Lebende und Tote über die strenge Grenzlinie des Todes hinweg verbunden sind:

Baruch haSchem bajom, baruch haSchem balajela,

baruch haSchem beschochbejnu, baruch haSchem bekumejnu,

ki wejad’cha nafschot hachaijim we hametim.

Gelobt sei der Ewige am Tag; gelobt sei der Ewige in der Nacht!

Gelobt sei der Ewige, wenn wir uns hinlegen; gelobt sei der Ewige,

wenn wir aufstehen!

Denn in Deiner Hand sind die Seelen der Lebenden und der Toten.

In SEINER Hand sind wir alle!

 

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Einer von 36 Gerechten 
Beim Selbstmordanschlag von Jerusalem starb ein Arzt,
der seit Jahren
die Opfer des Bombenterrors versorgt hat
Von Erich Wiedemann

Als sein Chefarzt David Applebaum eine halbe Stunde nach dem Bombenanschlag auf das Café Hillel noch nicht im Dienst war, wusste Krankenhausdirektor Jonathan Halevy, dass etwas Ungewöhnliches pas­siert sein musste. David Applebaum wohnte nur ein paar Minuten zu Fuß vom Schaare-Zedek-Unfallkrankenhaus. In ähnlichen Fällen war er immer der Erste am Tatort oder im Operationssaal. Kein Arzt in Jeru­salem hat so viele Bombenopfer zusammen­geflickt wie er.

Applebaum, 50, eine Koryphäe in seinem Beruf, war 1981 von Ohio nach Israel gezogen. Er machte keinen Unter­schied zwischen jüdischen und nichtjüdi­schen Patienten, weil er sich in einem hasserfüllten Umfeld den Glauben an die Gleichheit der Menschen bewahrt hatte.

Er war ein mutiger Mann, Kollegen erinnern sich an einen Einsatz, als er noch während einer Schießerei auf dem Pflaster zu operieren begann.   Natan, sein Ältester, ist davon überzeugt, dass sein Vater einer der 36 Gerechten war, die nach jüdischer Tradition in jeder Generation die Welt vor dem Untergang bewahren.

Am Vormittag war Applebaum aus den USA zurückgekommen. Er hatte auf einem Symposium der New York University ein Referat über die Behandlung von Terrorismusopfern gehalten. Gleich nach dem Vortrag war er ins nächste Flugzeug nach Israel gestiegen, weil er am Mittwoch die Hochzeit seiner 20-jährigen Tochter Nava feiern wollte.

Am Abend vor der Trauung hatten sich Vater und Tochter im Café Hillel an der Emek-Refaim-Straße in der so genannten Deutschen Kolonie getroffen. Er wollte ihr das Buch zeigen, das er eigens für den feierlichen Anlass geschrieben hatte. Es enthielt Aphorismen, Anekdoten und Le­bensweisheiten. Auf der Feier nach der Trauung sollte daraus vorgelesen werden.

Sie saßen an ihrem Tisch, nippten an ihrem Cappuccino, lasen und lachten und freuten sich. Freunde sagen, wer sie nicht gekannt habe, hätte sie für ein Liebespaar halten können.

 Um 23.20 Uhr ging der Sprengsatz hoch. Der Attentäter, ein junger Palästi­nenser aus einem Dorf nordwestlich von Ramallah, hatte versucht, in die benachbar­te Pizzeria einzudringen, war aber von einem Türwächter aufgehalten worden. Als ein zweiter Wächter eingriff, ließ der Terro­rist von seinem Vorhaben ab, stürmte ins Café Hillel und zündete die Bombe.

Es war das 103. Selbstmordattentat seit Beginn der zweiten Intifada vor drei Jahren. Der Mörder soll einer von 343 paläs­tinensischen Gefangenen sein, die vor kurzem im Rahmen des israelisch-palästinen­sischen Waffenstillstands vorzeitig aus der Haft entlassen worden waren.

Nava  und David Applebaum saßen vorn an der Tür. Sie waren sofort tot. Mit ihnen starben fünf weitere Menschen. Davids Körper war so grausam zerfetzt, dass sein Kollege Jizchak Glick, mit dem er jahrelang am OP-Tisch gestanden hatte, Mühe hatte, ihn zu identifizieren.

Applebaum hinterlässt fünf Kinder. Unfallärzte und OP-Schwestern brachen in Schluchzen aus, als die Todesnachricht in der Klinik eintraf.

Nava und David Applebaum wurden am Tag nach ihrem Tod Seite an Seite be­erdigt. In Gegenwart der Gäste, die eigent­lich zur Hochzeit geladen worden waren. Hanan Sand, Navas Bräutigam, sagt: „Ich glaube nicht mehr an den Frieden.“  Er legte den Ring, den er ihr an den Finger stecken wollte, mit ins Grab.

Aus:  DER SPIEGEL vom 15. 9. 2003

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