17. Juni 2016

2016 Bad Boll Villa Vopelius  Offener Brief an die Evangelische Akademie Bad Boll

Eine Vorbemerkung sei erlaubt!

Gemeinsam haben die DIG Stuttgart und mittlerer Neckar und der Denkendorfer Kreis e.V. am 17. Juni 2016 einen offenen Brief an die evangelische Akademie Bad Boll gerichtet. Wir wenden uns gegen die Tagung: "Ist Frieden möglich? Zur Situation der Menschenrechte in Nahost." (http://www.ev-akademie-boll.de/tagung/430416.html). Sie weckt ungute Erinnerungen an frühere einseitig israelkritische Veranstaltungen in den Räumen der Akademie (betrifft z.B. die Tagung 11.-13.06.2010, siehe dazu Stellungnahme u.a. im Rundbrief 99 vom 20.Juni 2010). Wir dachten, dass nach den positiven Erfahrungen der im März 2015 stattgefundenen Tagung: „Hört das denn nie auf? Altneuer Antisemitismus in Europa“ (http://www.ev-akademie-boll.de/tagung/521215.html), die Evangelische Akademie Bad Boll ein engagierter, fairer und ausgewogener Lernort für die Fragen Naher Osten, Israel und Palästina werden könnte. Dem ist augenscheinlich nicht so, denn Israelhass, Israelboykott und Delegitimierung Israels gehören nicht in eine Bildungseinrichtung, einer evangelischen in unserer Württembergischen Landeskirche schon gar nicht. Nicht wenige Organisationen und Referenten, wie jetzt bei besagter Tagung Anfang Juli 2016, sind die falschen Kooperationspartner.

Mit diesen Erfahrungen können wir, aus heutiger Sicht, die Evangelische Akademie Bad Boll nicht positiv weiterempfehlen.

Nicht zu verwechseln damit sind die Veranstaltungen des "Pfarramtes für das Gespräch zwischen Christen und Juden", die ja auch im Tagungszentrum der Evangelischen Akademie in Bad Boll stattfinden. Dieses Pfarramt (www.agwege.de) ist mit Büro und eigenen Veranstaltungen eine weitere landeskirchliche Einrichtung in Bad Boll, neben der Akademie. Es ist nicht Teil der Akademie und nicht verantwortlich für das Programm der Akademie.
Wir empfehlen die Veranstaltungen von Pfr. Michael Volkmann im "Pfarramt für das Gespräch zwischen Christen und Juden" sehr! 

Bleibt nach diesem "Bad-Boller-Rückfall" nur die bange und berechtigte Frage, ob und wie die jüdischen Lehrer/innen weiterhin die Gastfreundschaft einer evangelischen Bildungseinrichtung in Württemberg als glaubhaft und ehrlich erleben können? 

Und auch diese Frage steht im Raum, die Frage der Finanzierung!? Das Programm der Tagung zeigt deutlich den enormen Aufwand, die Vielzahl der Referenten aus dem In- und Ausland. Das kostet richtig Geld! - trotzdem eine "peanuts-Gebühr" als Tagungsbeitrag. Woher kommt das Geld? Genannt werden Katholischer Fonds und Bundeszentrale für politische Bildung. Die Akademie Bad Boll selbst ist eine Einrichtung der württembergischen Landeskirche, diese ist also auf diesem Weg mit an der Finanzierung beteiligt. Nach vielfacher Meinung, die uns immer wieder bestätigt wird, ist "Pax Christi" eine randständige, wenig repräsentative Organisation innerhalb des katholischen Spektrums. Wie steht die Evangelische Landeskirche zu all diesen Punkten? Wie steht das Bischöfliche Ordinariat der katholischen Kirche in Rottenburg zu all diesen Punkten? Was würde Papst Franziskus dazu sagen, wenn er von dieser Veranstaltung wüsste?

 Hier nun der Wortlaut des Offenen Briefes: 

 

                            2016 Logo DIG  2016 Logo blau Denkendorfer Kreis 20160620 0001

 

Frieden erfordert, den Israelhass zu beenden!

Offener Brief an die evangelische Akademie Bad Boll, 17. Juni 2016

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir sind besorgt über die Stoßrichtung Ihrer Tagung „Ist Frieden möglich? Zur Situation der Menschenrechte in Nahost“ im Juli 2016. Dass die Akademie für die Interessen einer bestimmten Gruppe wirbt, ist legitim. Dass die Tagung versucht, negative Emotionen gezielt gegen Israel und nur gegen Israel zu mobilisieren, halten wir aber für zutiefst unmoralisch.

Die Palästinenser brauchen in der Tat Unterstützung. Ihr Menschenrecht auf Leben wird tausend-fach missachtet in Nahost. Wir erinnern an die Fassbomben, die Assad auf das palästinensische Yarmuk-Camp in Syrien werfen ließ. An die Palästinenser, Männer, Frauen und Kinder, die von der Hamas als menschliche Schutzschilder missbraucht wurden, als Israel sich gegen Raketen aus Gaza wehren musste. An die Palästinenser in Gaza, die wegen angeblicher Kollaboration von der Hamas auf offener Straße erschossen wurden.

Ganz im Gegensatz zur Universalität der Menschenrechte richtet sich der Blick der Tagung nur auf vermeintliche Menschenrechtsverletzungen Israels und lässt das mörderische Treiben der Dschihadisten in Syrien, Gaza und Israel unkommentiert.

Grundsätzlich genießt die arabische Bevölkerung Ostjerusalems die größte Bewegungsfreiheit im Nahen Osten. „Sie dürfen sich frei in Israel und in der Westbank bewegen und mit ihrem jordanischen Pass alle arabischen Länder bereisen“, kommentiert Ulrich Sahm (gesamter Kommentar siehe Anhang).

Auch zum diesjährigen Ramadan wurden Reiseerleichterungen für Moslems beschlossen, damit sie ungehindert zu Verwandten in Israel und zum Gebet auf dem Jerusalemer Tempelberg reisen können. Nach dem hinterhältigen Terroranschlag in einem Tel Aviver Restaurant werden nun die Erleichterungen verständlicherweise zurück genommen. Es bestätigt sich erneut, dass Israelhass auch den Palästinensern schadet.

Frieden zwischen Israel und der palästinensischen Seite kann es nur geben, wenn die Palästinenser ihren Hass auf Israel ablegen und sich auf friedliche Koexistenz einlassen. Deutsches und europäisches Geld für anti-israelische Projekte jedoch schürt den Hass. Brot für die Welt finanziert unter anderem Breaking the Silence, eine israelische Gruppe, die mit anonymen und nicht überprüfbaren Aussagen Israel Kriegsverbrechen unterstellt. Auch B’Tselem, eine israelische Gruppe, erhält Geld von Brot für die Welt; regelmäßig beschuldigt sie Israel, ein Apartheid-Staat zu sein und Kriegsverbrechen zu verüben. PCHR (Palestinian Centre for Human Rights) aus dem Gaza-Streifen, wirft Israel Apartheid und ethnische Säuberungen vor. Hamoked (Centre for the Defense of the Individual) aus Israel erhält Geld von Misereor (Bischöfliches Hilfswerk Misereor e. V.) und versucht Israel mit Vorwürfen wie Apartheid, Deportation und Folter zu dämonisieren.

Mit Referentinnen und Referenten dieser Organisationen wird die Tagung den Frieden nicht fördern, sondern torpedieren.

Führende Aktivisten der Boykott-Bewegung gegen Israel dürfen bei der Tagung werben. So legitimiert zum Beispiel Al Haq, eine Gruppe aus Ramallah, Terror als Widerstand, sie erhält Geld vom EED (Evangelischer Entwicklungshilfedienst) und Medico International. Pax Christi ruft seit 2012 zu einem Kaufverzicht mit dem Motto „Besatzung schmeckt bitter“ auf und propagiert das Kairos-Palästina-Dokument, das zum Boykott Israels aufruft. Boykott soll Israel gezielt schaden, die öffentliche Meinung gegen Israel mobilisieren und seine Existenz delegitimieren.

Ein modernes „Kauft nicht beim Juden!“ stellt Ihre Tagung ins antisemitische Abseits.

Entsetzt sind wir, dass Sie Dr. med. Khaled Hamad von der DFLP (Democratic Front for the Liberation of Palestine) eingeladen haben. Die DFLP ist für das Massaker von Ma’alot 1974 verantwortlich, bei dem 21 Schulkinder starben. Den Bus-Anschlag am 18.4.16 in Jerusalem, bei dem 21 Menschen verletzt wurden, pries ein Mitglied des DFLP-Zentralkomitees als „natürliche Antwort“.

Wir waren im März 2015 gerne Kooperationspartner Ihrer Tagung „Hört das denn nie auf? Altneuer Antisemitismus in Europa“. Der Austausch und die Diskussion waren produktiv.

Dass Sie nun mit der Tagung im Juli ein Treffen organisieren, das den jüdischen Staat in Frage stellt und die europäische Staatengemeinschaft und die deutsche Zivilgesellschaft aufruft, dies auch zu tun, bestürzt und empört uns.

Deutsch-Israelische Gesellschaft Stuttgart und mittlerer Neckar,

Bärbel Illi, Dr. Sebastian Ostritsch

Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung e.V.,

Helmut Schert, Dr. Hartmut Metzger

 17. Juni 2016


Anlagen

Kommentar Ulrich Sahm, Korrespondent in Jerusalem

Die ev. Akademie Boll plant offenbar eine sehr einseitige Veranstaltung unter dem Deckmantel „Menschenrechte“.

Die Themen wie Bewegungs- und Reisefreiheit oder Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit gelten offenbar nur für eine Seite, während Israel an den Pranger gestellt wird, diese „Rechte“ einzuschränken. Die Liste der geladenen Gäste und Organisationen sprechen da eine eindeutige Sprache, darunter auch Vertreter von Betzelem und Gischa.

Nicht thematisiert wird das Recht körperlicher Unversehrtheit oder besser ausgedrückt, das Recht auf Leben, von Juden. Bei Terrorattacken, neuerdings mit Messern, Scheren und Schraubenziehern, sind die Opfer ganz normale Israelis, alte Frauen beim Spaziergang im Park, Kleinkinder und andere. Die israelische Polizei redet von „Selbstmord durch Angriffe auf Sicherheitsleute“. Tatsächlich gibt es sogar palästinensische Kinder und Jugendliche, die nach Streit in der Familie ein Messer in der Küche greifen und ausziehen, „Juden abzustechen“. Wenn sie dann auf eine Gruppe Polizisten oder Soldaten zugehen, mit gezücktem Messer, dann gilt auch das Recht auf Notwehr. Hinzu kommen Selbstmordattentate in Bussen, bei denen die Opfer willkürliche Passagiere sind, unterschiedlicher Weltanschauung und politischer Zugehörigkeit. Und wenn nach einer Überfahrattacke mit dem Auto Menschen erst verletzt werden und der Attentäter dann mit einem Messer in der Hand aussteigt, um die am Boden liegenden Verletzen totzustechen, dann ist das kein „Widerstand“ mehr gegen eine „Besatzungsmacht“, sondern brutaler Mord.

Die Bewegungsfreiheit

Hierzu sei angemerkt, dass ausgerechnet die Araber im annektierten Ostjerusalem die größte Bewegungsfreiheit haben. Sie dürfen sich frei in Israel und in der Westbank bewegen und mit ihrem jordanischen Pass alle arabischen Länder bereisen. Ihnen folgen israelische Araber für Israel und Westbank. Jüdischen Israelis ist es strikt verboten, die palästinensischen Gebiete in der Westbank zu betreten, nachdem mehrere jüdische Israelis dort ermordet worden sind. Israelis können auch nicht in zahlreiche arabische Länder reisen. Es hat erst kürzlich Fälle gegeben, bei denen sogar jüdische Touristen in arabischen Dörfern in Hebron und Dörfern in der Westbank gelyncht worden sind, nachdem die Bewohner sie identifiziert haben. Die Bewohner von Gaza sind völlig eingesperrt, nachdem Ägypten die Grenze geschlossen und die meisten Schmugglertunnel zerstört hat. Tausende Patienten und ihre Begleiter werden jedoch nach Israel eingelassen, mit Genehmigung, darunter auch die Töchter, Enkel und Ehefrauen von Hamas-Spitzenpolitikern, die sich in israelischen Hospitälern behandeln lassen. Inzwischen hat Jordanien für Bewohner des Gazastreifens fast unüberwindbare Hürden für deren Einreise nach Jordanien eingerichtet.

Unbedingt sollte geprüft werden, warum und wann Israel seine Grenzen zum Westjordanland und Gaza überhaupt markiert und dann gesperrt hat. Früher wechselten täglich zehntausende Tagelöhner aus dem Gazastreifen zur Arbeit ohne jegliche Kontrollen nach Israel. Kontrollen zur Westbank wurden erst nach Ausbruch der 2. Intifada und der Welle der Selbstmordattentate eingeführt. Bis zur ersten Intifada 1987 hat es im gesamten von Israel kontrollierten Gebiet nicht einen einzigen Kontrollpunkt gegeben.

Quellen:

DFLP

http://www.dflp-palestine.net/english/statements/final-statement-by-2nd-conference-european-alliance-defense-pal-detainees-jun-2015.html

Die DFLP verübte am 1. September 1970 ein Attentat auf König Hussein von Jordanien. Der König entging jedoch dem auf der Fahrt zum Flughafen in Amman auf ihn ausgeführten Anschlag.[1] In Kombination mit zahlreichen anderen Vorfällen, unter anderem Flugzeugentführungen jordanischer Maschinen, führte dies am 16. September zur Einsetzung einer Militärregierung durch den König und zum Ausbruch des Schwarzen Septembers. Später verübte die DFLP meist kleinere Bombenanschläge. Ihre seitdem aufsehenerregendste und blutigste Aktion war eine Geiselnahme in einer Schule in der nordisraelischen Stadt Ma’alot 1974. Bei der missglückten Befreiungsaktion durch die israelische Spezialeinheit Sayeret Matkal wurden 21 Schulkinder von Sprengfallen der DFLP-Kämpfer getötet und mehr als 60 weitere Schüler verletzt (siehe auch Ma’alot-Massaker). Die bewaffneten Einheiten der DFLP heißen Brigaden des palästinensischen Widerstands (arab. kata'ib al-muqawama al-filastiniyya). (zitiert nach Wikipedia)
https://de.wikipedia.org/wiki/Demokratische_Front_zur_Befreiung_Pal%C3%A4stinas

Zum Bus-Attentat am 18.4.16 in Jerusalem:

DFLP Central Committee Member Muhammad Khalaf said: "The operation is ringing slap in the face of the occupation and a natural response to the crimes and public executions against our people." He added that such "quality operations" will continue as long as the "occupation's crimes" continue, because the resistance has grown impatient and will be ready to respond "at any time and place that it can, and will carry out painful suicide operations against the occupation."[8] http://www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/0/9138.htm

Brot für die Welt und B‘Tselem
http://www.deutschlandfunk.de/antisemitismusvorwurf-umstrittenes-deutsches-ngo-engagement.886.de.html?dram:article_id=317342

Brot für die Welt
http://www.ngo-monitor.org/funder/bread_for_the_world_eed/

NGO Monitor
http://www.ngo-monitor.org/tlaw/

Al haq
http://www.ngo-monitor.org/reports/al_haq_factsheet/

PCHR
http://www.ngo-monitor.org/ngos/palestinian_center_for_human_rights_pchr_/

Pax Christi
http://www.ngo-monitor.org/ngos/pax/

http://www.paxchristi.de/meldungen/view/5821083194228736/Gerechtigkeit%20schafft%20Frieden%20

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HIER der Offene Brief als pdf.