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Helmut Schert, unser 2. Vorsitzender des Denkendorfer Kreises, und seine Frau Marta flogen Ende August nach Israel zu einem privaten Besuch bei Freunden. Im Warteraum des Flughafens in Frankfurt hatten sie eine denkwürdige Begegnung, die Helmut Schert noch während des Flugs nach Israel aufgezeichnet hat. Hartmut Metzger „ Sie war damals 14 Jahre alt"Begegnung im Wartesaal eines Flughafens Von Helmut Schert Frankfurt a. M. - Flughafen, 26.08.2004 Nach der Kontrolle im Flughafen sind wir sehr früh im Warteraum für den EL AL Flug nach Israel, fast noch allein. Eine ältere Frau setzt sich in die Reihe hinter uns, mit dem Rücken zu uns. Sie fragt mich über die Schulter, wann man in das Flugzeug kann. Es dauert mindestens noch eineinhalb Stunden. Wir kommen in ein langes Gespräch. Sie sagt, dass sie jedes Jahr eine Kur in Bad Nauheim (drei Wochen) vom deutschen Staat bekommt, da sie im KZ eine Herzkrankheit davongetragen hat. Sie war damals 14 Jahre alt. In Bad Nauheim hat sie inzwischen viele Bekannte. Sie bleibt nach der Kur meistens noch zwei weitere Wochen. Ursprünglich stammt sie aus Lodsch in Polen. Mit ihrer Schwester ging sie von dort nach Warschau - ihre Eltern gingen nicht mit; sie sind umgekommen. (Unklar blieb, wo sie ihre Eltern noch einmal in einem Lager gesehen hat, als sie „ins Gas gingen".) Ihre Schwester kam nach Russland und hat dort überlebt. Berichte aus den Lagern, in denen sie war, folgten, immer wieder unterbrochen durch die Worte: „Ich sage mir immer wieder: das kann nicht wahr gewesen sein." Sie erzählt von ihren Alpträumen, die sie aufschreien lassen. Ihr wurde gesagt, dass das bis an ihr Lebensende so bleiben wird. Am linken Arm zeigt sie uns ihre eingebrannte KZ-Nummer. „Das tat unheimlich weh. Wenn man dabei schrie, wurde man gequält." Wie sie einmal vor der Gaskammer gerettet wurde: Sie war schon nackt auf dem Weg dahin. Die Aufstellung erfolgte in Fünferreihen „nach deutscher Ordnung". In einer Reihe war eine Person zuviel. Der Aufseher fragte sie, ob sie leben wolle. „Natürlich" habe sie geantwortet. „Aber nicht mehr lange", war seine Antwort. Sie wurde in den Block zurückgeschickt. Die Blockälteste - eine Deutsche (Jüdin?) - hat gesagt, sie sei doch geflohen, und hat es nicht geglaubt, dass sie von dem Aufseher zurückgeschickt wurde. Es ging immer hin und her. Ihr wurde nicht geglaubt. Sie wurde geschlagen. Die Aufseherin nahm sie dann mit zur Lagerleitung, um sie dort anzuklagen. Dort war aber genau der Aufseher anwesend, der das Mädchen aus der Sechserreihe geholt und in den Block zurückgeschickt hatte. Er fuhr die Blockälteste an, warum sie das Mädchen hierher bringe. Sie sollte sie vielmehr bewahren (verstecken) und nicht schlagen. Die Blockälteste wurde dann zu schwerer Arbeit bestimmt und hat das Mädchen deswegen auf dem Block immer gequält. Durch eine Beziehung gelang es ihr später, in einen anderen Block verlegt zu werden. Im Lager war eine Achtzehnjährige (als Aufseherin) mit einem großen Hund, zu dem sie „Mensch" sagte (und zu den Menschen „Hund"). Wenn sie ihn auf Menschen hetzte, rief sie: „Mensch, zerreiße den Hund!" Ganze Fleischfetzen riss der Hund aus den Beinen der Leute. Dabei Iachte die junge Frau immer wieder höchst amüsiert. Mehrmals kam der erstaunte Kommentar: „Und das waren Deutsche, ein so gebildetes Volk!" Oder der Hinweis auf den 20. Juli: „und es ist nicht gelungen." Oder mehrmals der Hinweis, dass Hitler sich das Leben genommen habe, als Zeichen (für sie damals) dafür, dass er wusste, was er getan hat. Nach dem Rückzug war sie noch kurz in verschiedenen Lagern, bis sie schließlich beim „Todesmarsch" dabei war. 30 Tage lang in Richtung Westen marschieren. Viele brachen zusammen und wurden sofort erschossen. Sie hatte auch mehrmals den Gedanken, sich ebenfalls fallen zu lassen, „damit es aus sei." Befreiung wie? Sie ging wieder nach Polen. Suchte ihre Familie. Fand niemand. Ihre Schwester war schon in Israel. Durch das Rote Kreuz erhielt diese in Israel die Nachricht, dass ihre Schwester in Polen lebt. Von dort aus gab es aber keine Möglichkeit, nach Israel zu kommen. Sie ging dann ein Jahr nach Deutschland und von da aus, illegal, nach Israel. Heute hat sie zwei Söhne und vier Enkel. „Das habe ich nie gedacht, dass ich einmal eine Familie haben werde." Ihr Mann ist verstorben. Ein Enkel möchte mit ihr einmal die Lager aufsuchen, in denen sie war. „Das ist sehr schwer. Ich war noch nicht wieder dort." In Bad Nauheim saß sie auf einer Bank in einem Park. Ein etwa 17jähriges Mädchen kam vorbei und sah auf ihrem linken Arm die eingebrannte KZ-Nummer und begann zu weinen. „Ich weiß, was das bedeutet." „Aber da kannst doch du nichts dafür!" „Aber es war doch mein Volk", sagte sie. Antwort: „Ja, das Volk der Deutschen, so hochstehend. Wie konnte das sein?" (Notiert auf dem Flug nach Israel. - Helmut Schert)
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