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Im „Ländle", wie die Schwaben hierzulande von Württemberg sprechen, bilden sich wieder neue jüdische Gemeinden. Wie das gefeiert wird, berichtet der folgende Artikel. HM
Eine Tora für Rottweil Mitglieder brachten erste Schriftrolle der jungen Gemeinde ein Von Thomas Lachenmeier Das mittelalterliche Städtchen Rottweil im Südwesten Deutschlands ist berühmt für seine traditionelle alemannische Fastnacht. Wenn sich der bunte und lärmende Umzug alljährlich vor der Kulisse alter Fachwerkhäuser durch die Stadt windet, säumen Zehntausende die Straßen und nehmen an dem Spektakel teil. Fröhliche Umzüge sind die Rottweiler also gewöhnt, und doch war der Zug der jüdischen Gemeinde durch die Straßen der Stadt etwas ganz Besonderes, ja sogar Einzigartiges in der Stadtgeschichte. Die junge jüdische Gemeinde feierte den Erhalt ihrer Torarolle, und die Freude, die hier zu spüren war, ist tief gegründet. Die Tora ist ein Geschenk des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG), die ihren Sitz in Karlsruhe hat. Freunde und Rabbiner waren von nah und fern gekommen, um dieses einschneidende Ereignis zu feiern, und zogen tanzend und singend mit der heiligen Schriftrolle durch die Stadt. Württembergs Landesrabbiner Netanel Wurmser und sein Vorgänger im Amt, Joel Berger, waren ebenso angereist wie Festgäste aus der Schweiz und aus Frankreich. An den Feierlichkeiten, die der Vorsitzende der Israeliten Badens, Jacob Goldenberg, leitete, nahmen auch Vertreter der Stadt, Landrat Wolf-Rüdiger Michel und Vertreter der katholischen und evangelischen Kirchengemeinden teil. „Ich bin froh und stolz, daß in so einer kleinen Stadt so viele Juden fröhlich auf der Straße tanzen und keine Angst haben müssen", meinte Tatjana Malafy, die an der Gründung der Gemeinde maßgeblich mitgewirkt hat. „Viele Rottweiler haben sich gefreut, fotografiert und an der Straße gewunken, es war so viel Gefühl dabei." Tatjana Malafy freut sich auch darüber, daß es der Rottweiler Gemeinde gelungen ist, das Fest so perfekt zu organisieren und auch dafür zu sorgen, daß sich die mehr als einhundertfünfzig Festgäste an koscherem Essen erfreuen konnten. Die fröhliche Feier zur Einbringung der Schriftrolle ist der Höhepunkt in einer fast stürmisch zu nennenden Entwicklung der jungen Gemeinde. Sie ist sichtbares und hörbares Zeichen dafür, daß es in der alten Stadt neues jüdisches Leben gibt, daß es zurückgekehrt ist. Die Torarolle wurde in einjähriger Arbeit in Straßburg von einem Sofer, einem gelernten Toraschreiber, sorgfältigst per Hand geschrieben. Mit der eigenen Tora ist die wichtigste Voraussetzung auf dem Weg zu einer vollwertigen, dauerhaften Gemeinde erfüllt: „Jetzt sind wir komplett!", freuen sich Tatjana Malafy und die Vorsitzende der Gemeinde, Viktoria Shvedchenko. Die Gemeinde wurde erst im Dezember 2002 von der Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden gegründet. Sie hat mittlerweile einhundertvierzig Mitglieder und pflegt regen Austausch mit anderen jüdischen Gemeinden im Land, vor allem mit Emmendingen und Freiburg. Bei den Feierlichkeiten wurde besonders des im Oktober 2002 tödlich verunglückten Konstanzer Rabbiners Chaim Naphtalin gedacht. Er hatte die Entstehung der Rottweiler Gemeinde mit großem Engagement gefördert und geistlich begleitet. Zu den Torafeierlichkeiten waren seine Witwe und seine Söhne eigens aus Israel angereist. Ebenso wie die jüdische Gemeinde wächst in Rottweil auch der christlich-jüdische Dialog. Schon in ihrer Entstehungsphase hatte die jüdische Gemeinde Unterstützung von einzelnen Christen erhalten. Jetzt planen sowohl die evangelische als auch die katholische Kirche mit der jüdischen Gemeinde am 10. November eine gemeinsame Gedenkveranstaltung zur Pogromnacht 1938. Wenn das kein guter Anfang ist. |