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Stolpern soll man über diese Steine nur im übertragenen Sinn. Sie sind keine Hindernisse beim Gehen, wollen aber ein Anstoß zur Erinnerung sein. Bei einer bestimmten Alterskrankheit fürchten wir uns sehr davor, das Gedächtnis zu verlieren; unsere Gesellschaft ist weniger darüber besorgt, dass sie vergessen könnte, was sich unter uns zugetragen hat. Die „Stolpersteine" sollten mithelfen, dem vorzubeugen und den gesellschaftlichen Gedächtnisverlust aufzuhalten. Hartmut Metzger Stolpersteine für Stuttgart Wie eine Bürgeraktion dem Vergessen wehrt Von Irma Glaub
Von der Initiative Stolperstein las ich zum ersten Mal im Oktober 2003 in der Zeitung - „In Beton gegossen: Erinnerung an jüdische Nachbarn." Gemeint sind Gedenksteine, nur 10x10 cm groß, in der Größe von Pflastersteinen, die vor den früheren Häusern verfolgter und ermordeter NS-Opfer, vor allem jüdischer als zahlenmäßig größter Gruppe, in die Bürgersteige eingelassen werden. Sie sind versehen mit einer goldfarbenen Messingtafel, auf der nach der Überschrift „Hier wohnte" Namen, Daten und Schicksal der Opfer eingraviert sind. Idee und Ausführung stammen von dem Kölner Künstler Gunter Demnig. Im Gegensatz zu zentral eingerichteten Großdenkmälern möchte er die Namen dorthin zurückbringen, wo die Menschen zu Hause waren. Von Flensburg bis Freiburg hat er bisher über 3000 Steine verlegt. Den Anfang hier in Stuttgart machte der Stuttgarter Osten. Die engagierte Stuttgarter-Osten-Lokalzeitung titelte schon in den 80er Jahren: Wo ist das Gedächtnis des Stadtteils? Wer war im Stuttgarter Osten Zeugin oder Zeuge der Judenverfolgung? Die so recherchierten Einzelschicksale jüdischer Nachbarn erschienen 1992 als Broschüre unter dem Titel „Der jüdische Frisör" im Silberburg-Verlag. In der Gablenberger Hauptstraße 29 betrieb Jakob Preuß mit seiner Frau ein Frisörgeschäft. Der „billige Nachmittag für Arbeitslose und Rentner" war ein besonderer Dorn im Auge der Konkurrenz. Im Mai 1933 versammelten sich Gablenberger Bürger vor dem Laden, stürmten ihn und plünderten dabei auch. Jakob Preuß konnte über den Hinterausgang entkommen. Ihm und seiner Familie gelang später die Flucht über Prag und Paris nach Brasilien. Auch er bekam einen Gedenkstein. Erschütternd ist der Bericht über den jüdischen Arzt Dr. Jakob Holzinger und seiner Frau Selma aus der Landhausstraße 181: Sie wählten am 8. 11. 1940 den Freitod. Beim Ostendzentrum gibt es jetzt eine Jakob-Holzinger-Gasse. Die Redaktion der Lokalzeitung soll große Mühe gehabt haben, eine Zeugin der damaligen Ereignisse zu finden, die bereit war zu sprechen. Den letzten Anstoß für die „Initiative Stolperstein" gab ein von den Kirchengemeinden im Stuttgarter Osten veranlasster Erinnerungsgang am 9. November. Nach der ablehnenden Haltung des Bezirksbeirats - man hatte zuvor schon vor der Meldestelle Ost eine Stele errichten wollen - wandte man sich ans Stuttgarter Rathaus, wo man offene Türen fand. Die Kontaktadresse übernahm Pfarrer Martin Elsässer von der Lutherhausgemeinde. Im Oktober 2003 und im März dieses Jahres verlegte Demnig die ersten Steine in Stuttgart. Der Stuttgarter Süden folgt nun als zweites Stadtgebiet. Beim Stadtteilstammtisch im Heslacher Alten Feuerwehrhaus wurde im Februar 2004 über Möglichkeiten für eine Aktion „Stolpersteine für Heslach" gesprochen. Herr Hiller von der Initiative im Osten berichtete ausführlich über die Vorarbeiten, die vor der Verlegung der Steine zu leisten sind. Beim Ermitteln der Personen, die ermordet wurden, darf kein Fehler passieren, denn die Verlegung der Steine wird kritisch verfolgt und stößt keinesfalls überall auf Zustimmung. Grundsatz ist, die Steine nur auf öffentlichem Grund zu verlegen, mindestens 50 cm von der Grenze des Grundstücks entfernt, meist in der Mitte des Bürgersteigs. Gunter Demnig berichtete neulich im Rotebühlzentrum, dass er gerade wegen des Einspruchs einer Familie einen Stein weiter nach außen versetzt habe. Ein Mitspracherecht der Hauseigentümer, wie der Beschluss in einer Stadt lautete, hält er für wenig hilfreich, denn die meisten würden sich gegen ein solches Mahnmal vor der eigenen Tür aussprechen. In einer Stadt habe ein Hausbesitzer vor Gericht mit der Begründung geklagt, sein Haus sei nun 100.000 DM weniger wert; er bekam allerdings nicht recht. Bei der Verlegung des Steines vor dem ehemaligen Frisörgeschäft von Jakob Preuß äußerte die heute 90-jährige Hausbesitzerin, die den Frisör noch gekannt hat, der Stein vor ihrem Haus sei für sie schwer erträglich! Die Städte verhalten sich bei den Genehmigungen sehr unterschiedlich. In Leipzig hielt man die Erinnerungssteine für „zu sehr Hollywood", in München fürchtete man, die Passanten könnten im wahrsten Sinne des Wortes über die Steine stolpern. Doch diese sind bündig in den Gehweg eingelassen und auf Rutschsicherheit geprüft. Auch die Quellenlage ist verschieden: Berlin und Hamburg sind besonders bezüglich der Euthanasieopfer gut erforscht; in Rheinland-Pfalz beruft man sich auf den Datenschutz und blockt ab. Als persönliche Initialzündung für die ganze Aktion bezeichnete Gunter Demnig den Bericht einer Frau, die erzählte, sie habe erst beim Abtransport gemerkt, dass ihre Nachbarn den Sinti und Roma angehörten. Er gießt seine Steine auch für sie, ebenso für Euthanasieopfer, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kommunisten, Widerständler. In Stuttgart bekam der Nichtjude Adolf Gerst in der Pflasteräckerstraße 32 einen Stein: Er war 1944 wegen seiner Äußerung, dass der Krieg verloren sei, enthauptet worden. Bei der praktischen Umsetzung ist die Mitarbeit der städtischen Ämter nötig: Vom Tiefbauamt braucht man eine Generalgenehmigung, vom Stadtvermessungsamt Hilfe bei der Feststellung der Baulinie. Wichtig ist es, die Polizei am Ort vor der Verlegung zu informieren. Das zuständige Revier bekommt die Adressenliste, um bei Anrufen von Bürgern Bescheid zu wissen. Zur Ermittlung von Namen und Adressen treffen wir uns seit Mitte März zu dritt oder viert im Stadtarchiv. Die Adressbücher der Stadt führen für die Jahre 1940-42 die jüdischen Bürger in getrennten Anhängen, erkennbar an den erzwungenen zusätzlichen Vornamen Israel und Sara. Dann müssen die sogenannten Juden-Listen des Statistischen Amtes der Stadt mit der Liste der Deportierten der Israelitischen Kultusvereinigung Württemberg und Hohenzollern vergli chen werden. Letztere wurde nach 1945 „zusammengestellt aufgrund von einigen noch auf gefundenen Deportationsunterlagen, Gestapo-Listen und sonstigen Nachforschungen", genau 2442 Namen. Die Juden-Listen von 1939 und 1940 - 4mal neu erstellt „nur für den Dienstgebrauch", entstanden zur Zeit des grausamen Vollzugs - erschütterten mich. Sachlich und in Beamtendeutsch wird festgestellt: „Diese Liste enthält die Anschriften der in Stuttgart und in den Außenstadtteilen polizeilich gemeldeten und über 20 Jahre alten Juden. Die Vornamen (Israel für alle männlichen und Sara für alle weiblichen Juden), welche die Juden nach dem Erlaß des Reichsinnenministers vom 18. August 1938 zu führen haben, sind hier der Einfachheit halber weggelassen worden. Die Liste ist unter Beachtung der Nürnberger Gesetze angelegt und auf Ende Januar 1939 abgeschlossen worden. Stuttgart, den 31. Januar 1939. Statistisches Amt der Stadt, Büchsenstr. 19 A." In der Liste vom 27. Oktober 1939 ist von den „über 19 Jahre alten Juden und jüdischen Flüchtlingen" die Rede. Die Hauptarbeit steht unserer Gruppe aber noch bevor: Im Hauptstaatsarchiv sind etwa 15 Leitzordner Wiedergutmachungsakten durchzusehen, um sicher zu stellen, dass nur die Ermordeten einen Gedenkstein bekommen. Für mich werden die Schicksale sehr lebendig, wenn ich jetzt vor Häusern in meiner nächsten Nachbarschaft stehe, in denen Juden gelebt haben und aus denen sie geholt oder gezwungen wurden wegzugehen. Einige Hausnummern tauchen in den Listen immer wieder auf, das waren die sogenannten Judenhäuser. Seit 1939 zwang man die Juden zusammenzuziehen, um sie von den „Ariern" zu trennen. Aus den Deportierten-Listen liest man, dass man die Älteren - viele 80-Jährige - nach Theresienstadt brachte. Dieses in der ehemaligen österreichischen Festungsstadt eingerichtete Lager wurde von der Gestapo zynisch als das jüdische Altersheim des Reiches bezeichnet. Viele der alten Leute hatten auf Anraten einen sogenannten Heimeinkaufsvertrag auf Lebenszeit abgeschlossen. Die mit deutscher Gründlichkeit vermerkten Daten zeigen, dass die Deportierten entweder gleich oder höchstens nach etwa einem Jahr starben. Für andere Lager steht in der Rubrik „Schicksal" oft nur „deportiert nach dem Osten" oder „Auschwitz" oder „Riga" oder „lzbica" (bei Lublin), ab und zu auch ein genaues Todesdatum. Die Finanzierung der Steine erfolgt durch Spenden. Ein Stein kostet für das Gravieren des Textes, das Gießen des Steines und die Verlegung vor Ort 95,- Euro, ein Preis, an dem Gunter Demnig, der alle Arbeiten selbst ausführt, nichts verdient. Die einstigen jüdischen Mitbürger, die auf Einladung der Stadt Stuttgart ihre ehemalige Heimatstadt besuchten, sind über die Aktion im Stuttgarter Osten informiert worden. Es kamen viele bewegende Zuschriften. Einen Auszug aus einem Brief aus Israel möchte ich zum Schluss bringen: „Die Erinnerung, wie mein Vater vor fast genau 65 Jahren, am 11. November 1938, um 5 h früh... von 2 Gestapobeamten verhaftet wurde, ist noch hellwach. Dieses Datum war das Ende meiner Kindheit. Wie wir später feststellten, war am Randstein vor dem Eingang in das Haus ein roter Streifen aufgemalt, wie meistenorts, wo jüdische Mitbürger wohnten, um der Gestapo das Auffinden der Häuser zu vereinfachen. Für mich schließt sich hier ein Kreis, wenn derselbe Bürgersteig, der damals zwecks Verhaftung von Juden mit einem Zeichen versehen wurde, nun von einer Gedenktafel geziert wird, die dieser Opfer gedenkt. ... Meine Hochachtung für die Stuttgarter Bürgerinnen und Bürger, die sich dieser Aktion verschrieben haben."
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