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Ein 14-jähriger Junge, Schüler im berühmten Maulbronner Seminar, einem landeskirchlichen Internat in Württemberg, darf sich nach einer schweren Grippe eine Woche erholen und fährt in den Novembertagen 1938 zu Verwandten nach Cannstatt. Was er dort erlebt, beschreibt der spätere Pfarrer Dankwart-Paul Zeller in seinem Buch „Galerie-Kneipe", einem autobiographischen Rückblick auf die Zeit des Dritten Reiches. „Jenseits aller Schwarzmalerei schildert der Autor in der Gestalt des Johannes Z. die auch im Alltag manifesten Konflikte, denen eine ganze Generation ausgesetzt war. Das anschaulich und packend erzählende Buch schafft es, alle Leser in jenes Zeitgeschehen hineinzunehmen, das unsere deutsche Geschichte für immer prägen wird. M. E. ist es auch hervorragend geeignet, jüngeren Menschen jene Zeit nahe zu bringen, die ihnen heute oft vorgestellt wird, in die sie sich aber nicht hineinversetzen können. - Das Buch erscheint in 3. Auflage im Oktober 2004 beim Sternberg Verlag Metzingen. Hartmut Metzger
„Das Pogrom" Der 9. 11. 1938 in Bad Cannstatt Von Dankwart-Paul Zeller Nach einer heftigen Grippe Anfang November durfte Johannes sich noch eine Woche erholen. Er nutzte sie zu einem Besuch der Verwandten in Cannstatt. Eine seltsame Unruhe war auf den Straßen. Vor einem Textilgeschäft in der Karlstraße standen SA-Leute, als müßten sie Wache halten. Aufs Schaufenster war ein Plakat geklebt: „Deutsche! Kauft nicht bei Juden." Er traf am Kursaal einen früheren Klassenkameraden. „Wie gefällt’s dir in Maulbronn?" „Prima - neulich war der Führer da." „Was?! Zu uns kam er noch nicht. Aber irgendwas ist hier im Gange. Warst du schon an der Judensynagoge vorne beim Wilhelmsplatz? Dort haben sie ein Fenster eingeworfen, und ein großes Plakat hängt überm Eingang mit einem lustigen Text: ‚Die Juden ziehn daher, sie zieh’n durchs rote Meer, / die Wellen schlagen zu, die Welt hat Ruh...’ - Mein Vater kann die Juden auch nicht leiden. Er ist beim NS-Kraftfahrkorps und hat vorhin beim Mittagessen gesagt: ‚Heut nacht geht’s rund.’" Johannes ging ziemlich verwirrt seines Wegs. Was soll da „rundgehen"? Er konnte sich nichts darunter vorstellen, bis er es am nächsten Morgen, es war der 10. November, mit eigenen Augen sah. Er war die Karlstraße hinaufgegangen bis zur Absperrung vor der Synagoge: eine glosende Ruine war sie, zeugend von ihrem Flammentod, ihrer Hinrichtung durch anonyme Henkerbanden und das „gesunde Volksempfinden". Das Feuer züngelte noch hie und da. Eine größere Menschenmenge stand auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig. Sie glotzten in dumpfem Schweigen in die verkohlten Dachsparren und in die Rauchschwaden, die aus den oben gerundeten Fensterhöhlen quollen. Feuerwehrleute standen angespannt davor und schossen immer wieder Wasser aus dicken Schläuchen auf die Dächer und Wände der umliegenden Häuser, damit sie nicht angesteckt würden vom Judenfeuer. Ein angetrunkener SA-Mann torkelte vor dem zerstörten Hauptportal herum und grölte: „Juda, verrecke, Juda, verrecke..." Wie hatte der Vater gesagt? „Es ist ein alter Fluch auf dem Judenvolk, und vielleicht kann ich’s dir später erklären." Hier gab es nichts mehr zu erklären. Johannes fuhr ein Schrecken in die Glieder: Warum haben sie nicht die Judenkirche gelöscht? Warum stehen die Leute so starr und rennen nicht mit Eimern? Warum ist nur das Grölen des Mannes im Braunhemd zu hören? Dieses Bild der schweigenden, zum Tatort hinstierenden Menschen auf dem „Bürger"-Steig würde sich ihm für immer einprägen. Als in seinem Heimatdorf im Jahr zuvor eine Scheune mit einem Schweinestall in Brand geraten war, war das ganze Dorf mitten in der Nacht auf den Beinen und alle schleppten Eimer mit Löschwasser. Es hatte zwar nichts genützt. Alle Schweine sind jämmerlich verbrannt. Aber war eine Synagoge der Juden weniger wert als ein Stall voller Schweine? War das die neue, die arisch-deutsche Welt, die hier im tatenlosen Schweigen der Glotzenden zur Hölle schrie? Er begriff fast nichts, und er ahnte an jenem 10. November nicht, daß dieses Brandbild eine Voranzeige war für den Weltbrand, der bevorstand, und für die Feueröfen in Maidanek, Treblinka, Birkenau... Beim Mittagessen erzählte er den Verwandten, was er gesehen. Er erntete ein mehrdeutiges Schweigen und Achselzucken in der Tischrunde, und nur Tante Gertrud sagte: „Das ist nicht gut, was die da machen." Und nach einer längeren Pause fuhr sie fort: „Hoffentlich lassen sie unsere Mieter im dritten Stock in Ruhe." Johannes fragte nach dem Warum. „Die sind doch beide Juden, Frau Schaf und Herr Löwe", gab sie zur Antwort. Der siebzehnjährige Vetter stand ruckartig auf, betrachtete die Tafel als aufgehoben und erklärte im Weggehen: „Was geht uns das an, die Juden sind selber schuld, daß keiner sie mag." Sagte es und schnappte noch schnell einen Keks vom Büfett. Etwas später war Onkel Wilhelm Schmitthenner in Ötisheim zu Besuch, ein pensionierter Gymnasialprofessor für Deutsch und Geschichte. Er trug einen wallenden, weißen Bart, und nie wird Johannes seine zornige Prophetenrede vergessen. Sie mündete in den Satz: „Wer Gotteshäuser anzündet und Bücher verbrennt, verbrennt auch Menschen; und wenn die Synagogen brennen, brennt bald die ganze Welt." |