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Der christlich-jüdische Dialog findet auch an historischen Orten und durch symbolische Kunstgegenstände statt, ob nun christliche und jüdische Gesprächspartner leibhaftig anwesend sind oder nicht. Eine solche „nonverbale Auseinandersetzung" am Berg Nebo, in Jordanien hoch über der Jordansenke und dem Toten Meer gelegen, schildert meine Frau im folgenden Artikel als zweites Erlebnis. Hartmut Metzger Symbolik am Berg Nebo Zwei Erlebnisse an einem geschichtsträchtigen Ort Von Doris Metzger Meistens ging Mohamed vorne und David hinten, während unsere Gruppe 1996 durch Jordanien reiste. Mohamed, der jordanische Reiseführer, der in Jerusalern geboren und aufgewachsen war, und David, unser langjähriger israelischer Reiseführer, der uns jetzt privat in Jordanien begleitete; er stammte aus Rumänien. Die beiden sprachen kaum ein Wort miteinander. Sie waren beide Raucher; gelegentlich sah man sie während einer Zigarettenpause schweigend nebeneinander stehen. Während wir durch das ehemalige Gebiet der biblischen Edomiter und Moabiter fuhren, hatten uns die äußeren und inneren Schwierigkeiten beschäftigt, mit denen das Volk Israel auf seinem Zug durch die Wüste zu kämpfen hatte, und die Gestalt Moses war uns wieder neu vertraut geworden. Jetzt hielt der Bus am Parkplatz auf dem Berg Nebo, und wir stiegen aus, um vollends zum Aussichtspunkt hochzugehen. Auf einmal sah ich, daß beide Männer, Mohamed und David, schneller als die Gruppe vor uns her gingen. Bald war ich bei ihnen. Sie sprachen, jeder sehr persönlich, über Mose und das Land! Wie Mose sich das Land gewünscht und sich nach ihm gesehnt hatte; wie er hier, am Nebo, Gott gebeten hatte, ihn hineingehen zu lassen; wie er dann das Land zwar sehen, aber nicht hineingehen und es besitzen durfte. Da sagte Mohamed: „Und was ist heute? Auch ich wünsche mir das Land, ich sehne mich darnach und kann es sehen und nicht hineingehen." David aber antwortete ganz bestimmt: „Ich dagegen habe mir das Land gewünscht und mich darnach gesehnt - aber ich konnte es sehen und hineingehen und es besitzen." Erschrocken spürte ich die Spannung zwischen den beiden. Wir waren am Aussichtspunkt angekommen und stehen geblieben, fast gleichzeitig war auch die Gruppe bei uns. Mohamed stieg auf einen etwas höheren Felsbrocken und begann ruhig und konzentriert, die Landschaft zu erklären. Noch heute habe ich Respekt vor seiner Disziplin. Beim nächsten Besuch auf dem Berg Nebo im Jahr 1998 sah ich zum ersten Mal, was ich bisher nicht wirklich wahrgenommen hatte. Der Aussichtsplatz und mit ihm die ganze Landschaft wird von einem sehr hohen, schlanken und merkwürdig geformten Kreuz aus Metall beherrscht. Bei näherer Betrachtung stellt es gleichzeitig ein Kreuz und eine sich darum windende Schlange dar. Darin steckt eine Erinnerung an Mose und an den Auszug aus Ägypten: Als das Volk Israel in der Wüste meuterte, war es durch eine Schlangenplage gestraft worden, und Mose hatte Gott für das Volk um Hilfe gebeten. „Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben" (4. Mose 21,8). Das Werk eines italienischen Künstlers aus den 1970er Jahren will beide Bilder vereinen. Es wurde im Auftrag der Franziskaner geschaffen, die seit 1933 das archäologische Gelände auf dem Berg Nebo besitzen. Der Besucher des Aussichtsplatzes wird vor allem eine moderne Darstellung des Gekreuzigten mit ausgebreiteten Armen und einem Heiligenschein um das Haupt erkennen. Die Verbindung des am Kreuz erhöhten Christus mit der ehernen Schlange in der Wüste hat in der christlichen Tradition eine lange Geschichte. Sie beginnt im Neuen Testament. „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muß der Menschensohn erhöht werden" (Joh. 3,14). Später hat die mittelalterliche christliche Auslegung viele Geschichten des Alten Testamentes so interpretiert, als sei schattenhaft in ihnen etwas vorgebildet, was sich erst im Christusgeschehen in seiner eigentlichen und wahren Bedeutung offenbart habe. Weite und lang nachwirkende Verbreitung hat diese Auffassung vor allem in der christlichen Kunst gefunden. Zusammen mit der Kreuzigung wurde nach dieser Methode besonders oft die „Opferung Isaaks", häufig aber auch „die eherne Schlange" abgebildet. So sind z. B. auf den farbkräftigen Emaillebildern eines wertvollen romanischen Kreuzes im württembergischen Landesmuseum Stuttgart die eherne Schlange und die Opferung Isaaks zu sehen. Kreuz mit Schlange auf dem Berg Nebo (Dieses sogenannte Große Typologische Kreuz steht übrigens in derselben Vitrine wie das goldene Jerusalemer Reliquienkreuz aus dem ehemaligen Kloster Denkendorf. Beide entstanden in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts.) Auf einem besonders kostbaren Tragealtar aus dem 12. Jahrhundert mit Bildern der Passion Christi und alttestamentlichen Szenen, darunter auch die Aufrichtung der ehernen Schlange, findet sich folgende Inschrift in Latein: „Was die Kirche verehrt: das Kreuz, der Tod, der Sieg Christi, das ist durch die heiligen Väter, die Patriarchen und die Propheten vorgebildet und vorausgedeutet gewesen. Und dennoch glaubt es die blinde Synagoge nicht." Die mittelalterliche Kirche, einschließlich Martin Luther, hat mit der typologischen Deutung der Hebräischen Bibel immer gleichzeitig die Blindheit der Juden angeprangert und sie wegen ihrer Weigerung, die christliche Auslegung ihrer heiligen Schrift zu akzeptieren, verurteilt. Heute geschieht das dezenter, aber nicht weniger erschreckend. Am Berg Nebo findet der Besucher neben dem Kreuz-Schlange-Kunstwerk eine Tafel mit einem einzelnen Vers aus dem Neuen Testament in arabischer und englischer Sprache (siehe nächste Seite!): „Das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden" (Joh. 1,17). (Wenn Juden diese Tafel lesen, werden sie sich fragen: Das „Gesetz" - bei Protestanten gar nicht hoch angesehen! - schreiben die Christen anscheinend uns zu, während sie die „Gnade und Wahrheit" für sich beanspruchen. Offenbar können sie die Hebräische Bibel nicht unvoreingenommen lesen.) Für jüdische Jordanien-Reisende ist der Berg Nebo wegen seiner Mose-Tradition ein besonders wichtiger Punkt. Viele von ihnen sind entsetzt und fühlen sich abgestoßen von dem übermächtigen Kreuz, das sie dort vorfinden. Es ist für sie ein Symbol der Verfolgung und Unterdrückung. (So wenig wie die meisten nichtjüdischen Touristen erkennen sie wohl die Schlange und werden auch kaum den Vers aus dem Neuen Testament entdecken.) Für christliche Pilger und kirchlich geprägte Gruppen aber kann der Besuch auf dem Berg Nebo, wenn sie nicht bewusst gegensteuern, eine uralte antijüdische Botschaft der Kirche vermitteln. |