Denkendorfer Kreis
             
für christlich-jüdische Begegnung e.V.

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Zum Weltmissionstag der Diözese Rottenburg-Stuttgart, der dieses Jahr am 2./3. Oktober in Langenenslingen stattfand, bat mich ein katholischer Kollege um ein Grußwort für die Festschrift. Wir kennen uns schon lange; deshalb konnte ich ihm auch offen mein anfängliches Zögern erklären. Die Christen im Nahen Osten sollten im Mittelpunkt des Missionstages stehen; gefragt war bei denen, die ein Grußwort schreiben sollten, wie sie die Rolle der Kirchen vor Ort bei der Suche nach Frieden einschätzten. Meine Erfahrungen würden da sicher nicht zu einer Hochstimmung beitragen.

Doch mein katholischer Kollege ließ nicht locker: Er habe bei vielen Leuten angefragt, und kritische Stimmen dürften in dem großen Chor ruhig auch darunter sein. - Nun also! Auch ein formales Bedenken räumte er aus: Grußworte beschränken sich üblicherweise auf ein paar kurze, pauschale Sätze, doch ich müsste mich nicht streng an diese Vorgabe halten.

Dass ich mich in der Festschrift neben dem evangelisch-lutherischen Pfarrer der „Weihnachtskirche" in Bethlehem wiederfinden würde, wusste ich im Voraus natürlich nicht. Doch hinterher hat mich das weiter beschäftigt. Dazu dann der folgende Artikel! Hartmut Metzger

Nahöstliche Kirchen als Mittler zum Frieden?

Grußwort von Hartmut Metzger für die Festschrift zum Weltmissionssonntag

der Diözese Rottenburg-Stuttgart

als Antwort auf die Frage: „Wie erlebe ich Christen und die Kirchen im nahöstlichen Krisengebiet unter dem Aspekt einer Friedensregelung?"

 

Anfang der 1970er Jahre aß ich einmal in Ostjerusalem mit einem arabischen Bischof zu Mittag. Vorsichtig fragte ich ihn, wie er die Möglichkeiten der Christen einschätze, zwischen Juden und Arabern zu vermitteln. Gleichmütig erwiderte er mir, er hätte nichts gegen die Juden, wenn sie in Kanada wären; aber hier hätten sie nichts zu suchen...

Die christlichen Kirchenführer spielten eine Zeit lang eine wichtige Rolle, hatten sie doch die Verbindungen zum Westen, die den muslimischen Arabern anfangs fehlten. Nahöstliche Missionswerke wurden hierzulande wichtige Informationszentren, die palästinensische Nachrichten, zunehmend auch mit politischem Akzent, verbreiteten.

In Jerusalem gibt es eine bunte Mischung von orientalischen und westlichen Kirchen, Freikirchen und Sekten, die wenig Gemeinsames haben; das Einzige, was sie öfters einte, war die Kritik an der israelischen Verwaltung. Bischöfe mussten nichts befürchten, wenn sie in ihrer Polemik zu weit gingen.

Diese Freiheit hatten sie nicht mehr, als sie unter das Regime der PA (Palästinensische Autonomiebehörde) kamen. Nun wurde es gefährlich, an der palästinensischen Politik Kritik zu üben und etwa für einen friedlichen Ausgleich mit Israel einzutreten.

Seit der Zuspitzung des Konflikts in den Jahren der Intifada halten sich manche Kirchen, vor allem orientalische Ortskirchen, in der politischen Öffentlichkeit bedeckt, während andere, die zu den westlichen etablierten Großkirchen gehören, dezidiert Partei ergriffen. Deren Kritik richtet sich in der Regel frontal gegen Israel.

Auf der palästinensischen wie auf der israelischen Seite leiden die Menschen unter Arbeitslosigkeit, Armut und Gewalt. Die Intifada hat die Palästinenser immer tiefer in Elend und Hoffnungslosigkeit geführt; ihre ohnmächtige Wut wendete sich, durch die PA gesteuert, gegen die Israelis.

Sich auf palästinensischer Seite gegen die eskalierende Gewalt und für Verhandlungen auszusprechen, konnte den Vorwurf der „Kollaboration" einbringen, und das war für einfache Palästinenser u. U. lebensgefährlich. Die Kirchenführer waren durch ihren internationalen Bekanntheitsgrad mehr geschützt, mussten aber auch vorsichtig sein.

Was hätten sie tun können, um zur Beruhigung der Lage etwas beizutragen, ohne sich selbst ernsthaft zu gefährden?

Die Intifada begann mit gewalttätigen Demonstrationen, an der, gezielt dazu aufgefordert, auch Kinder und Jugendliche sich aktiv beteiligten. Wenn sie im „Krieg der Steine" zu Schaden oder gar ums Leben kamen, brachten die schrecklichen Bilder den Nahostkonflikt jeden Abend in unsere Wohnzimmer. Der Westen wurde gefüttert mit solchen Szenen, die Mitleid und Hass, wie geplant, hervorriefen. Und kaum jemand erfuhr bei dieser Medienschlacht, wie viele palästinensische Eltern sich vergeblich gegen den Missbrauch ihrer Kinder wehrten.

Warum konnten die Kirchenführer unter Berufung auf unsere christliche Ethik nicht dafür eintreten, dass man Kinder unter allen Umständen vor Gefahren schützen und darum von solchen Auseinandersetzungen fernhalten solle?

Sie hätten dabei auch für viele moslemische Eltern gesprochen, die sich nicht mehr trauten, offen zu protestieren.

Die Eskalation ging weiter, Kinder und Jugendliche wurden (und werden) in einer Erziehung zum Hass indoktriniert und begeistert, als Lebensziel die „Shahada" anzustreben, also den Tod für Allah zu suchen. Konkret heißt das, sich selbst in die Luft zu sprengen und möglichst viele Feinde Allahs mit sich in den Tod zu reißen. Die Propaganda der PA feiert solche „Shahids" als „Märtyrer", nach denen Straßen und Schulen benannt werden. (Welch eine Perversion des Begriffs: „Märtyrer" sind Menschen, die andere Menschen ermorden!)

Wiederum hätten Kirchenführer auch für viele moslemische Eltern sprechen können, wenn sie dieser Verführung und psychischen Vergiftung der Kinder entgegengetreten wären.

Sie hätten sich dabei sogar auf den Koran berufen können, für den Selbstmord eine Todsünde ist. Doch m. W. geschah dies nicht. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit!

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es gibt in der PA auch Christen, Gemeinden und kirchliche Institutionen, die propagandistische Feindseligkeit nicht zulassen und sich bemühen, die Türe für Gespräche und Begegnungen offen zu halten. (Und ich bin überzeugt, dass es diese Bereitschaft auch unter moslemischen Palästinensern gibt.) Doch darauf will ich nur hinweisen. Konkrete Beispiele anzuführen, versage ich mir, denn es könnte für die Betreffenden gefährlich werden.

Ich hoffe für die Palästinenser, dass es bald zu einer politischen Wende komme. Die Kräfte dafür werden wohl aus der palästinensischen Gesellschaft selbst erwachsen müssen. Und dabei wird es m. E. weniger eine Rolle spielen, wer Moslem und wer Christ ist; die Frage ist eher, welchen Männern und Frauen die Palästinenser in Zukunft glauben können und vertrauen wollen.

Auf die Kirchenführer wartet m. E. eine besondere Aufgabe. Die christlichen Gemeinden in der PA nehmen rapid ab. „Christen fliehen aus Bethlehem", lauten neue Meldungen. Früher haben kirchliche Repräsentanten nicht gezögert, die Israelis dafür verantwortlich zu machen. Fragt man Gemeindeglieder - die „einfachen Christen" -, so kann man eine andere Begründung hören. Sie schildern, wie der Druck der moslemischen Mehrheit ständig zunimmt und sie sich im Stich gelassen fühlen. Repressionen und Übergriffe mehren sich, und es gibt keine Instanz, die dieser Entwicklung spürbar wehrt.

Die christlichen Gemeinden brauchen geistliche Führer, die dafür sorgen, dass sie in einer moslemischen Umwelt als Minderheit anerkannt und geschützt werden: durch ein demokratisches Recht, das in der Praxis des Alltags auch angewandt wird.

Gelingt das, dann können Christen zum Wohl ihrer moslemischen Mitbürger beim Aufbau eines palästinensischen Staates mitarbeiten und eintreten für eine offene Gesellschaft, die auch mit ihren Nachbarn in Israel in Frieden leben will.