|
|
|
|
Beim Jahrestreffen des Denkendorfer Kreises am 3. August 2003 war „Erinnerung angesagt". Neben anderen berichtete Alisa Friedmann aus Tirat Zwi über die Anfänge des gemeinsamen Thoralernens, bei dem ihr Mann Simcha s. A. und sie seit 1982 als Lehrer mitmachten. Ich hatte sie danach gebeten, mir den Text ihrer Rede für den Rundbrief zur Verfügung zu stellen. Sie sagte zwar zu, doch es wurde nichts daraus. Trotz mancher Versuche meinerseits brach unser Kontakt für längere Zeit ab; ich konnte ihr nur noch Grüße ausrichten lassen. Am 20. Juli 2004 schrieb sie mir wieder: „Nun ist fast ein Jahr vergangen nach meinem Unfall. Einige Tage zuvor plante ich, meinen Vortrag einzusenden. Leider war ich nicht mehr in der Lage dazu. - Als ich mich besser fühlte, wollte ich diesen Plan verwirklichen, jedoch ist mir der Text abhanden gekommen. Vielleicht werde ich ihn noch eines Tages finden beim Aufräumen aller Korrespondenz dieser Zeit. - Nachdem Sie doch noch an dem Inhalt interessiert sind, versuche ich, meine Worte aus meinem Gedächtnis zu wiederholen." Sie schickte mir drei Seiten, in ihrer klaren Handschrift geschrieben, auf denen sie ihre Rede von damals aus dem Gedächtnis wiederholte - nach einem schweren Unfall im Alter von 85 Jahren, und nach einer einjährigen Genesungszeit immer noch an den Rollstuhl gebunden! In ihrem Begleitschreiben nahm sie auch Bezug auf die Grüße, die wir ihr vom Jahrestreffen 2004 geschickt hatten: „Ich erhielt Ihren Brief von Eurem Sommerfest mit den vielen Unterschriften. Ich danke Ihnen allen herzlich und bin sehr berührt." Hiermit gebe ich ihre Grüße an alle weiter, die Alisa Friedmann kennen. Hartmut Metzger.
„ Fäden, die verbinden und zusammenhalten"Erinnerungen an die Denkendorfer Anfänge Von Alisa Friedmann „Ein Jubiläum ist eine Gelegenheit, Erinnerungen zu erzählen; die meinigen gehen mehr als 20 Jahre zurück. 1982 war mein erstes Treffen mit dem Denkendorfer Kreis. Mein seliger Mann und ich hatten Deutschland nicht mehr besucht seit unserer Flucht 1939; wir planten auch nie einen solchen Besuch. Als Arie Ganiel, ein ehemaliges Mitglied unseres Kibbuzes, meinem Mann vorschlug, sich an einer Bibelwoche in Denkendorf zu beteiligen, erschien uns das am Anfang unannehmbar. Wir waren jedoch interessiert, nähere Informationen über diesen Kreis zu erhalten. Mein Mann setzte sich darum in Verbindung mit einem Bekannten im israelischen Außenministerium. Sollen wir auf diesen Vorschlag eingehen? Wir erhielten eine positive Antwort mit warmer Empfehlung. So kamen wir im Sommer 1982 zu einer Thora-Lernwoche nach Stuttgart-Hohenheim; in jenem Jahr waren die Bibelwochen in den Gemeinden. Das Ziel des Denkendorfer Kreises ist Begegnung: Christen und Juden sollen sich kennen lernen. Die Bibel ist die gemeinsame Grundlage unserer Religionen. Jedes Lernen der Bibel bereichert die Teilnehmer. Es spinnen sich gemeinsame Fäden. Wohin führen sie? - Zwei solchen Fäden wollen wir folgen. Nun zurück zum Jahr 1982 in Hohenheim! Das Thema der Woche war „Die Feste Israels". Der Lehrer war mein Mann. Doch eines Tages wandte sich Pfarrer Gölz, der der Organisator dieser Woche in Hohenheim war, an mich und bat mich, auch etwas beizutragen. Ich war etwas verwirrt und erklärte, dass Vorträge nicht zu meinem Beruf gehören. Seit meiner Abschiedsrede von der Schule hatte ich nie wieder vor Leuten gesprochen. Aber Pfarrer Gölz ermutigte mich. „Erzählen Sie einfach, was bei Ihrem Sederabend vor sich geht", sagte er. So stimmte ich zu und erzählte. Unter anderem erwähnte ich einen kleinen silbernen Becher, der immer auf unserem Sedertisch stand für das jüngste Familienmitglied. Er hatte die Form des traditionellen sechseckigen Kidduschbechers mit einer hebräischen Aufschrift. Mein Vater gab ihn meinem 6-jährigen Bruder, damit er sich von klein auf daran gewöhne, den Segensspruch über den Wein am Schabbat zu sagen. Unter den antijüdischen Gesetzen der Nazizeit war auch eines, das den Juden den Besitz von Gold, Silber und Edelsteinen verbot. Alles musste ans Leihhaus abgeliefert werden. So packten meine Eltern Sabbatleuchter, Etrogdose, Becher, Besteck und andere Wertgegenstände zur Abgabe zusammen, um dieser Vorschrift nachzukommen. Für sie galt ihr ganzes Leben lang, dass man Gesetze halten muss. Doch ich nahm diesen kleinen Becher aus dem Paket heraus und versteckte ihn bei mir. Mein Mann - wir waren damals noch nicht verheiratet - wurde am 28. Okt. 1938 nach Polen abgeschoben, wie noch viele andere Juden, die polnische Pässe hatten. Nach 5 Monaten kam er nach Deutschland zurück; er hatte eine Einreiseerlaubnis in das damalige englische Mandatsgebiet Palästina erhalten. - Ich gab ihm diesen Becher. „Verstecke ihn in Deinem Koffer", sagte ich. „Vielleicht kannst Du ihn herausbringen." Die Auswanderer nach Palästina fuhren in Gruppen; mein Mann schloss sich auch einer solchen Gruppe an. An der Grenzstation in Villach öffneten die Zollbeamten alle Koffer. Alle Leute wurden einer Leibesvisitation unterzogen. Nur meinen Mann ließ man in Ruhe. Er wusste nicht, warum. Die Mitreisenden verdächtigten ihn sogar, er sei ein Gestapo-Spitzel. Er hatte viel Mühe zu beweisen, dass dies nicht der Fall war. So kam dieser Becher als einziger Wertgegenstand aus dem Besitz meiner Eltern nach Israel. Am Sederabend brachten wir diese Geschichte immer wieder in Erinnerung. An der Bibelwoche in Hohenheim beteiligte sich auch der Leiter des Pfarrseminars. In der Zeitschrift dieses Seminars wurde über die Lernwoche berichtet und auch die Geschichte dieses Bechers wurde erwähnt. Im Herbst 2002 erhielt ich eine Glückwunschkarte von Christiane Niemann zu unserem Neujahr. Sie erzählte, dass in einem neuen Lesebuch für den Religionsunterricht in Rostock die Geschichte eines 6-eckigen Bechers aufgenommen sei, zusammen mit der Schilderung des Sederabends in einer jüdischen Familie, erzählt von einer Alice Friedmann. Sie wollte wissen, ob ich die Erzählerin war. Wenn ich zuvor von Fäden sprach, die sich von Denkendorf aus spinnen - hier ist ein solcher: von Hohenheim im Jahre 1982 bis zum Lesebuch in Rostock im Jahre 2002. Wir wollen gemeinsam einem weiteren Faden nachgehen. Die Wände dieses Klosters schmücken Holzschnitte von Andreas Felger. Bei einer Thoralernwoche stellte Dr. Metzger uns diesen Künstler vor. Da machten wir seine Bekanntschaft; später kam er für einen Schabbat zu uns nach Tirat Zwi zu Besuch. Mir scheint, es waren fast 10 Jahre später, als der Leiter der Jesusbruderschaft Gnadental nach Tirat Zwi kam. Andreas Felger hatte ihm meine Adresse gegeben und mir durch ihn seinen Kunstkalender gesandt. Es war Frühling, wir fuhren hinaus in die Umgebung, Dattelplantagen, Fischteiche, und ich erzählte ihm die Geschichte von Tirat Zwi. Am Ende seines Besuchs schlug er mir vor, nach Gnadental, einem christlichen „Kibbuz", zu kommen und von unserem jüdischen Kibbuz zu erzählen. Ich bat um genaue Themen der Vorträge, damit ich mich vorbereiten konnte. Nach drei Wochen kamen seine Pläne, darunter war der Vorschlag eines Treffens mit christlichen Studenten in Leipzig. In Leipzig bin ich geboren. Von meinem zehnten Lebensjahr an wuchs ich dort auf, ging zur Schule und erlebte die Kristallnacht. Nie war ich wieder dort gewesen. Nun gab es die Möglichkeit, den Ort meiner Jugend wieder zu sehen. So gab ich auf seine Einladung hin eine positive Antwort. Noch im Herbst desselben Jahres fuhr ich nach Gnadental. In Leipzig sah ich unser Haus, unser Geschäft, das nach dem Brand wieder aufgebaut worden war, auch die ehemalige jüdische Schule. Das Haus meiner Geburt hatte sogar noch die Aufschrift „Frauenklinik". Das Ziel in Leipzig war natürlich das Treffen mit den Studenten. Als wir da zusammensaßen, ca. 25 junge Leute im Alter von 18 bis 25 Jahren, erzählten sie mir, was sie taten; u. a. von ihrer sozialen Hilfe für heimatlose Jugendliche. Sie sammelten diese direkt von der Straße auf. Von mir wollten sie meine Lebensgeschichte hören. Bevor ich damit begann, fragte ich, ob sie jemals einen jüdischen Menschen getroffen hätten. Die Antwort war negativ; ich war der erste, den sie in ihrem Leben trafen. Wieder führt ein Faden vom Denkendorfer Kreis zum erstmaligen Treffen christlicher Studenten in Leipzig mit einer jüdischen Frau. So wurden Fäden gewoben und Verbindungen geschaffen. Sie führen auch nach Israel, nach Jerusalem, ins Jordantal: Besuche im Kibbuz Tirat Zwi, Treffen mit Einwanderern aus Deutschland in Shavej Zion. Wege führen die Mitglieder des Denkendorfer Kreises in die Sinaiwüste, ans Schilfmeer, in den Negev; auch in die judäischen Berge nach Ofra, dem Wohnsitz der Familie Shashar. Heute wächst eine neue Generation auf in Deutschland und in Israel. Für sie ist die Grausamkeit des Zweiten Weltkriegs Geschichte, die man lernt, aber nicht erlebt hat. Doch noch leben alte Leute, die ihre Erlebnisse erzählen können. Wünschen wir uns, dass alle Fäden kräftig bleiben und uns zusammenhalten für die Zukunft, damit Geschichte nur Geschichte bleibt, als Warnung für die Zukunft. Sie soll nie wieder Gegenwart werden!
|