Denkendorfer Kreis
             
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Dr. Christiane Schmelzkopf, Religionslehrerin am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Laichingen, nahm in einem Schreiben an den württembergischen Landesbischof Stellung zu einer modernen Bibelübersetzung, die zur Zeit "bestseller" ist und unter unkritischen Leuten, vor allem Jugendlichen in kirchlicher Jugend- und Konfirmandenarbeit, viel Zustimmung erfährt. Dass es sich bei der gefälligen „Übersetzung" um eine vereinfachende „Übertragung" handelt, die auch alte antijüdische Klischees aufnimmt oder verstärkt, entgeht vielen Lesern. In ihrem Schreiben macht Christiane Schmelzkopf den Bischof auf diesen Sachverhalt aufmerksam.

Aus drucktechnischen Gründen wurden die Texte der beiden Briefe nochmals geschrieben, während die Antwort aus dem Oberkirchenrat fotokopiert werden konnte. Hartmut Metzger

 

Bibelübersetzung im Zwielicht

Ein Briefwechsel mit dem Landesbischof über „Hoffnung für alle"

Dr. Christiane Schmelzkopf Hölderlinweg 7 89150 Laichingen

An Herrn

Landesbischof Dr. Gerhard Maier

Gänsheidestr. 4

70184 Stuttgart

19. 1. 04

Sehr geehrter Herr Landesbischof,

im vergangenen Oktober hielten Sie in der Kirchengemeinde Laichingen einen Vortrag zum Thema „Die Bibel - verlässlich", an den ich gerne zurückdenke. Als Religionslehrerin am A. Schweitzer-Gymnasium hat es mich besonders gefreut, dass Sie den jungen Leuten, die nicht des Griechischen mächtig sind, auf Nachfrage ein sorgfältiges Bibelstudium mit gewissenhaften Übersetzungen empfahlen, wobei Ihrem Rat nach am besten die Luther-Bibel, die Menge-Bibel und die Elberfelder Bibel zu vergleichen seien.

Deshalb wende ich mich nun an Sie im Vertrauen darauf, dass es Sie ebenfalls mit Besorgnis erfüllen muss, dass leider im Bereich der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit der württembergischen Kirche den Kindern immer öfter eine sehr unverlässliche Bibel-Version empfohlen oder geschenkt wird, die weder als gewissenhafte Übersetzung noch als sachgemäße Übertragung ins heutige Deutsch betrachtet werden kann und die vor allem in alarmierender Weise judenfeindlich ist: die Bibel-Übertragung "Hoffnung für alle".

Ohne auf weitere, gnostizistisch-tendenziöse Verzerrungen dieser Textversion (die genauso beanstandet werden müssten) einzugehen, möchte ich Ihnen meinen Vorwurf der Aufnahme judenfeindlicher Klischees in diesem Text anhand einiger Beispiele erläutern. (Dies, obwohl ich überzeugt bin, dass Sie als Kenner des griechischen Urtextes nur einige Kapitel weit in Matthäus-Evangelium hineinlesen müssten, um bereits im Bilde zu sein.)

Ein Hauptelement der verhängnisvollen Tradition des christlichen Antijudaismus ist die negative Darstellung der Pharisäer im NT, die als Diskussionspartner Jesu ihn herausfordern und seine Meinung zu Auslegungsfragen der Tora erfragen: dabei werden die unterschiedlichen Positionen zuweilen in Übereinstimmung und Abweichung als damals übliche Auslegungsdiskussion dargestellt, öfter jedoch bereits im NT als tiefergehende Gegnerschaft gezeichnet und schon durch traditionelle Übersetzungen überzogen gezeichnet (so die Luther-Übersetzung von Mk. 3,6 „dass sie ihn umbrächten", während nur die Menge-Bibel korrekter „oder unschädlich machten" hinzusetzt). „Hoffnung für alle" jedoch steigert diese im NT ansatzweise vorhandene Zeichnung der Pharisäer und Schriftgelehrten als Gegner Jesu in eine auf Kinderbuch-Niveau vereinfachte plumpe Schwarzweiß-Zeichnung der gehässigen, gottlosen Pharisäer, denen der lichte Jesus dann um so leuchtender gegenüberstehen soll, in einer Weise, die dem Text Gewalt antut und bei den Kindern ein schauriges Hetzbild der gottlosen, bösartigen Juden als Gegner Jesu einprägt.

Dies geschieht a) durch Übersetzungs-Steigerung

b) durch Zwischen-Überschriften, die frei erfunden sind

c) durch frei erfundene Zusätze

Beispiele:

a) Steigerung durch Übersetzung: Mt. 12,34

Heißt es ursprünglich: „Ihr Schlangenbrut! Wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid?", so steigert „Hoffnung für alle" die allgemeine Zuordnung in gut und böse, um die es im Kontext geht, in ganz bestimmte Richtung: „Ihr Teufelspack! Wie könnt ich durch und durch verlogenen Leute überhaupt etwas Gutes reden?" (Der Anklang an Joh. 8,44 - die „Kinder des Teufels", der ein „Lügner und der Vater der Lüge" sein soll, ist nicht zu überhören.)

b) Zwischenüberschriften, die genau die Topoi der christlich-antijüdischen Tradition in den Kinder köpfen verfestigen:

„fromm und doch gottlos" (zu Mt. 23,13-36)

„fromm und nichts dahinter" (zu Luk. 11,37-44)

„fromme Schwätzer" (zu Mt. 7,21-23)

„Gesetzlichkeit oder Liebe" (zu Mt. 12,1-13) usw.

c) Frei erfundene Zusätze:

Heißt es in Mt. 7,29: Jesus „lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten", so bleibt diese Formulierung relativ unbestimmt, fordert weitere Fragen heraus, Beschäftigung mit dem Hintergrund. - „Hoffnung für alle" setzt in frei erfundener, diffamierender Weise hinzu: „Was er gesagt hatte, waren nicht leere Worte wie bei ihren Schriftgelehrten."

Vollends unerträglich wird der Text der „Hoffnung für alle" zur infamen, verlogenen Verunglimpfung des Judentums, wenn es in Mt. 5,38 bei der Wiedergabe von Exod. 21,24 heißt: „Es heißt auch: ‚Wer dem anderen ein Auge ausschlägt, muss dafür mit seinem eigenen Auge büßen. Wer einem anderen einen Zahn ausschlägt, dem soll das gleiche geschehen.’" Welch verhängnisvoll diffamierende Wirkung diese Interpretation der Textstelle unter bewusster Verkennung ihrer eigentlichen Bedeutung in der Geschichte christlich-antijüdischer Theologie gehabt hat, ist allgemein bekannt - dass diese gehässige Verleumdung, die jahrtausendelang das Verhältnis zwischen Christen und Juden belastet hat, nun im Jahr 2003 den Jugendlichen der Evangelischen Kirche auch noch als Bibeltext untergeschoben wird, dürfte allein Anlass genug sein, dagegen energisch Einspruch zu erheben.

Eine tendenziöse Bibelübertragung, die ein so massives Interesse zeigt, das Judentum in dieser christlich-antijüdischen Tradition verächtlich zu machen, scheut sich denn auch nicht, ihm die alleinige Schuld am Tod Jesu zuzuordnen, auch wenn der Urtext anders lautet, und die Darstellung mit allerlei teuflischen Gemeinheiten anzureichern, von denen im Urtext nichts steht.

Heißt es so in Mt. 16,21: „Von da an begann Jesus seinen Jüngern zu erklären, er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten, den Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden; er werde getötet werden..." (Einheitsübersetzung; die griechische Passiv-Konstruktion macht deutlich klar, dass „getötet werden" einen anderen Täter im Auge hat), so macht „Hoffnung für alle" daraus: „Während dieser Zeit begann Jesus mit seinen Jüngern über den Weg zu reden, den er noch gehen musste: ‚In Jerusalem werden mich die Führer des Volkes, die Hohepriester und Schriftgelehrten foltern und töten."

Jeder, der sich klar macht, was es für sensible und aufnahmebereite Kinderköpfe für eine fatale Prägung bedeutet, wenn sie solchen Klischees aus der zerstörerischen Tradition des christlichen Antijudaismus beim Lesen der Bibel ausgesetzt werden, muss darüber entsetzt sein, dass diese Bibel-Verzerrung in kirchlicher Jugendarbeit benutzt wird.

Leider musste ich zu Beginn dieses Schuljahrs erleben, dass Kinder diesen Text mit in die Schule brachten, da sie ihn im Sommerlager des Ev. Jugendwerks Münsingen geschenkt bekommen hatten. Bei einer Nachfrage bei den dortigen Jugendreferenten hörte ich, dass sie selbstständig und ohne Anleitung erfahrener und verantwortungsbewusster Theologen darüber entschieden hatten. Da diese jungen Leute selbstverständlich keine Griechisch-Kenntnisse und gewiss auch nicht die theologischen Hintergrund-Informationen über die makabren Auswirkungen der christlich-antijüdischen Tradition hatten, die im Nationalsozialismus den Boden bereitet hatte für deren ideologischen Antisemitismus, haben sie verständlicherweise die für Kinder einfachste und am buntesten aufgemachte Bibel-Version ausgewählt. Und so wie in Münsingen wird es wohl vermutlich in vielen Bereichen des Ev. Jugendwerks sein.

Hier setzt nun meine Bitte an Sie, sehr geehrter Herr Landesbischof, ein: Geben Sie diesen jungen Leuten, die gewiss besten Willens sind, aber arglos auf die bunt-trendige Aufmachung geschickter Marketing-Strategien hereinfallen, eine klare theologische und moralische Orientierung und raten Sie von einer Verwendung dieser Bibel-Version landesweit in der Ev. Jugendarbeit ab!

Da Sie in Ihrem Vortrag ja auch speziell die Möglichkeit zu eigenen Sach-Entscheidungen des Bischofs der Württembergischen Kirche erwähnten, wäre eine entsprechende Anweisung an die Jugendreferenten der Ev. Jugendwerke sicher die klarste Lösung; andererseits würde auch eine öffentlich geäußerte Kritik an dieser judenfeindlichen Bibelverfälschung gewiss auch richtungweisende Wirkung haben.

Wir Gymnasiallehrkräfte sind froh, dass unser Lehrplan für den Religionsunterricht klar die grundsätzliche Vorgabe enthält: „Integraler Bestandteil des RU am Gymnasium" ist „die Aufnahme der Impulse des christlich-jüdischen Dialogs." Es wäre uns auch von daher ein Anliegen, dass Sie, sehr geehrter Herr Landesbischof, auch für die Jugendarbeit der Ev. Kirche ein klares Signal geben würden, dass die ev. Jugendarbeit kein Nährboden für antijüdische Stimmungsmache sein darf, wie es leider bei der Verwendung dieser Bibeltext-Verfälschung zu erwarten ist, und wie ich es leider in den letzten Jahren verstärkt erlebe, wenn 12.- oder 13.-Klässler, die als besonders engagiert in der ev. Jugendarbeit bekannt sind, wenn sie neu in meinen Unterricht kommen, unverblümt erklären: „Die Juden haben Jesus umgebracht!" oder: „Die Pharisäer haben Jesus ans Kreuz genagelt!"

Da ich sicher bin, dass auch Ihnen, Herr Landesbischof, daran gelegen ist, dass junge Menschen im Bereich der Ev. Landeskirche in Wahrhaftigkeit und ohne derartig plumpe antijüdische Verunglimpfungen an den Bibeltext herangeführt werden, danke ich im voraus für Ihr Verständnis und erwarte gerne Ihre Antwort.

Eine Kopie dieses Schreibens sende ich deshalb auch an Herrn Meinhard Tenné, den früheren Sprecher des Vorstands der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, der als Zeitzeuge im Unterricht an unserem Gymnasium auch schon über das Verhältnis zwischen Christen und Juden und belastende Traditionen gesprochen hat.

Ich verbleibe mit freundlichem Gruß

(gez.) Christiane Schmelzkopf

P.S. Erwähnt werden sollte noch, dass es inzwischen zwar eine minimal entschärfte revidierte Fassung der „Hoffnung für alle" von 2002 gibt, doch wird die alte Fassung gleichzeitig weiterverkauft; so erhielten die Kinder im Jugendlager des Ev. Jugendwerks Münsingen auch 2003 die alte Fassung. Jedoch auch die revidierte Fassung, die immerhin die Entstellung von Mt. 5,38 zurückgenommen hat, enthält genügend der alten judenfeindlichen Entstellungen und Zusätze: So heißt es bei Luk. 11,37-44 statt „fromm und nichts dahinter" nun genauso wie bei Mt. 23,13-36 in der Zwischen-Überschrift „fromm und doch gottlos"! In Mt.16,12 wird die Lehre der Pharisäer und Sadduzäer weiter diffamierend als „falsche Lehre" hingestellt, die Schuld am Tod Jesu Mt. 16,21 weiter den Hohepriestern zugeschoben, die Volksmenge, die Mt. 27,22f. den Tod Jesu fordert, dadurch, dass sie „schreit" und „brüllt", weiter als besonders giftig überzeichnet.

Vor allem aber muss an dieser Neu-Version zusätzlich scharf kritisiert werden, dass sie gleich im Vorwort mit Verweis auf 2. Tim. 3,16 („Die ganze Heilige Schrift ist von Gott eingegeben") die eigene willkürlich judenfeindliche Textentstellung auch noch als von Gott inspiriert darstellt!

 

 

Bibelübersetzung im Zwielicht

Dr. Christiane Schmelzkopf Hölderlinweg 7 89150 Laichingen

An Herrn

Kirchenrat Harald Stumpf

Ev. Oberkirchenrat

Postfach 10 13 42

70012 Stuttgart 13. 3. 04

 

Sehr geehrter Herr Stumpf,

 

vielen Dank für Ihr Schreiben vom 25. 2. 04, in dem Sie mir die Stellungnahme des Herrn Landesbischofs zu meiner Bitte um eine klare moralische und theologische Orientierung gegen judenfeindliche Stimmungsmache in der württembergischen Jugendarbeit durch die Bibel-Version „Hoffnung für alle" übermittelten.

Leider musste ich feststellen, dass Sie meinen Brief nicht genau gelesen haben. Es handelte sich bei meinem Anliegen keineswegs um die Bitte, „alle Übersetzungen oder Bibelübertragungen" zu prüfen, sondern es handelte sich um den Wunsch, der Herr Landesbischof möge die judenfeindliche Tendenz einer einzigen wahrnehmen, nämlich derjenigen, die in der gesamten Jugendarbeit der Ev. Kirche Württembergs sich großer Beliebtheit erfreut, vor allem, seit sie von der Leitung des „Jahrs der Bibel 2003" neben den drei seriösen Bibelübersetzungen der Deutschen Bibel-Gesellschaft als vierte offiziell empfohlen wurde (als „Zugeständnis an die Freikirchen", trotz vorherigen Protests von verschiedenen Seiten, wie vom Vertreter des Kath. Bibelwerks ebenfalls im Gemeindehaus Laichingens zu hören war).

Diese Bibeltext-Verfälschung wird inzwischen auch von Pfarrern als Konfirmationsbibel verschenkt und steht seit Monaten auf den ersten Plätzen der Bestseller-Liste der christlichen Literatur in der evangelikalen Zeitschrift Idea-Spektrum (Beleg für Platz 1 im Februar vorigen Jahres beiliegend; inzwischen immer noch auf Platz 3).

Dass meine Besorgnis gerade diesen Kindern und Jugendlichen gilt, für die die vom Herrn Landesbischof empfohlenen Übersetzungen für Erwachsene (Luther, Menge, Elberfelder) von den Verantwortlichen in der Jugendarbeit als zu schwer empfunden werden, scheinen Sie ebenfalls nicht wahrgenommen zu haben, da Sie auf weitere Vorträge des Herrn Landesbischofs vor Erwachsenen verweisen.

Wohl mag es sein, dass meine leichtfertige Vermutung, der Herr Landesbischof müsse „als Kenner des griechischen Urtexts nur einige Kapitel weit in Matthäus-Evangelium hineinlesen", um im Bilde über die judenfeindliche Tendenz dieser Textverfälschung zu sein, zu hoch gegriffen war. Nicht aber vermag ich es einzusehen, dass er die von mir exakt herausgestellten Textstellen nicht habe überprüfen können. Dass er unter der Belastung seines jetzigen Amtes sein Griechisch völlig vergessen habe, will ich nicht annehmen; doch selbst wenn es so sein sollte, hätte er doch wohl die Möglichkeit, einen Fachberater mit der Prüfung zu beauftragen. Herr Landesbischof Renz wandte sich seinerzeit an einen Experten Peter Haigis, wenn ihm selbst keine theologische Urteilsbildung möglich war.

Die von Ihnen übermittelte Antwort jedoch macht auf mich den unguten Eindruck, dass der Herr Landesbischof nicht bereit ist, den Jugendlichen seiner Kirche eine klare moralische und theologische Orientierung zu geben, wo es bitter not tut: In der Verantwortlichkeit seines Amtes die Verantwortung vor der Geschichte und der Zukunft wahrzunehmen und die Manipulation der jetzigen Kinder- und Jugendgeneration mit judenfeindlicher Stimmungsmach abzulehnen.

Sie werden gewiss Verständnis dafür haben, wenn ich diesen Briefwechsel interessierten Kreisen zugänglich mache.

Mit freundlichen Grüßen

(gez.) Ch. Schmelzkopf

Anlage: Liste der christlichen Bestseller mit „Hoffnung für alle" auf Platz 1,

Idea-Spektrum vom 5.2.03