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Aus dem Rundbrief vom 18. Juni 2002:

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Arafat bombt, Europa zahlt - Von Thomas Kleine-Brockhoff und Bruno Schirra

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Die Existenz Israels aus jüdisch-religiöser Sicht - Von Roland Gradwohl

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Steter Tropfen höhlt den Stein - Von Gabriel H. Cohn

 

Der folgende Artikel ist ungewöhnlich umfangreich. Doch zu kürzen war er m. E. nicht. Die Nachforschungen, die hinter dem ZEIT-Artikel stehen, ließen sich nicht ausklammern. Man kann den Bericht auch in Abschnitten lesen; doch auslassen sollte man davon keinen.

Die Politik Europas und seine Verwicklung im Nahostkonflikt stehen hier zur Diskussion. Und wir alle sind beteiligt, nicht zuletzt auch als Steuerzahler, deren Geld den Frieden - oder den Terror - fördert.

Die im Artikel angeführten Zitate habe ich, der leichteren Lesbarkeit wegen, zusätzlich noch durch Kursivschrift kenntlich gemacht.
Hartmut Metzger

Arafat bombt, Europa zahlt

Hetze gegen Israel, Belohnung für Attentate - was der PLO-Chef mit den Fördergeldern der EU macht, ignorieren die Politiker in Brüssel. Finanziert haben sie auch Arafats Sicherheitsapparat, der vom Bundesnachrichtendienst ausgebildet wurde und jetzt unter Terrorverdacht steht.

Von THOMAS KLEINE-BROCKHOFF UND BRUNO SCHIRRA

In der Sheikh-Ijlin-Moschee zu Gaza City haben sich 500 Knaben und Männer zum Freitagsgebet versammelt. Sie lauschen dem Imam der Moschee, Sheikh Ibrahim Madh. Es ist der 12. April 2002, und der Imam spricht zur Lage der palästinensischen Nation:

„Wir glauben an den Sieg Allahs. Wir glauben, dass wir eines Tages als Eroberer in Jerusalem einziehen werden, als Eroberer in Jaffa, als Eroberer in Haifa, in Ramle, in Lod und in ganz Palästina, wie Allah es uns aufgegeben hat.... Jeder, dem in diesen Tagen nicht die Gnade des Martyriums zuteil wird, sollte mitten in der Nacht aufwachen und sich fragen:

‚Warum, mein Gott, hast du mir um deinetwillen den Märtyrertod vorenthalten?’ ...

Im Hadith-Kommentar heißt es: ‚Die Juden werden euch bekämpfen, aber ihr seid ausersehen, über sie zu herrschen.’ ... Und wenn dann der Jude hinter dem Fels und dem Baum sich versteckt, so werden der Fels und der Baum sagen: ‚Oh, Allah, oh, Diener Allahs, ein Jude versteckt sich hinter mir, komm und töte ihn’ ... Oh, Allah, nimm uns als Märtyrer auf in den Himmel. Oh, Allah, bring einen rabenschwarzen Tag über die Juden. Oh, Allah, lösche die Juden aus und auch ihre Förderer. Oh, Allah, hisse das Banner des Heiligen Krieges im ganzen Land. Oh, Allah, vergib uns unsere Sünden."

Der Imam spricht diese Sätze im Auftrag der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), die ihn überdies für seine Dienste honoriert. Seine Predigt muss er zuvor bei Jassir Arafats Behörde autorisieren lassen. PA-TV, der Fernsehsender der Autonomiebehörde, überträgt die Predigt am selben Tag. Und just dieser Sender - Arafats Sender - wird von der Europäischen Union seit Jahren gefördert.

Die Unterstützung soll offiziell der „Schaffung eines offenen und pluralistischen Informationssystems und somit der Errichtung einer demokratischen palästinensischen Gesellschaft" dienen.

PA-TV verdankt fast alles europäischen Steuerzahlern: Kantine, Ü-Wagen, Sendemasten, Ausbildungskurse der Journalisten. Auch den Wiederaufbau der Masten nach israelischen Angriffen kann sich PA-TV aus Brüssel erstatten lassen.

Der von Europas Geld abhängige Sender überträgt nicht nur Predigten und nicht nur am muslimischen Feiertag. Wer sich für Varianten des Judenhasses interessiert, kann Transkripte als E-Mails beim Middle East Media Research Institute in Washington abonnieren (www.memri.org).

Seit langem schon beklagen westliche Medienbeobachter, wie die religiöse und politische Elite rund um Arafat den Krieg gegen die Juden in dessen Fernsehen als ewige Aufgabe hinstellt, wie sie Friedensvereinbarungen zu Zwischenstadien erklärt und wie sie Allahs Liquidation des Staates Israel ankündigt. Das alles fällt unter die Freiheit der palästinensischen Regierungspresse.

Aber die Pressefreiheit verbietet nicht, dass sich Förderer genau anschauen, wen sie fördern. Zu kontrollieren, was mit Europas Geld geschieht, ist dort leicht. Es reicht aus, im Heiligen Land einen Fernsehapparat anzuschalten.

Trotzdem hat die Kunde von der ausgestrahlten Propaganda die europäischen Institutionen erst am 23. November 2000 erreicht. Da fragt nämlich der Europaabgeordnete Olivier Dupuis aus Belgien schriftlich an, ob die EU-Kommission es „für annehmbar hält, dass EU-Finanzhilfen dazu verwendet werden, Hassgefühle gegenüber dem israelischen Volk zu schüren"? Der Parlamentarier möchte auch wissen, „welche Mechanismen die Kommission beabsichtigt einzuführen", um derlei Missbrauch künftig auszuschließen.

EU-Kommissar Chris Patten aus Großbritannien zieht es am 12. Dezember 2000 vor, die Fragen wortreich unbeantwortet zu lassen. Er verweist auf das Abkommen der EU mit Jassir Arafats Behörde. Dort steht, dass die Zusammenarbeit auf der „Wahrung der Grundsätze der Demokratie und der Achtung der Menschenrechte" gründet. Diese Zusicherung scheint Patten zu reichen.

Sie reicht auch dem deutschen Gesandten bei den Palästinensern. Andreas Reinicke lehnt die Inhaltsprüfung des Senders ab und bietet zur Erklärung einen Vergleich an: „Wenn wir Wasserrohre legen, prüfen wir ja auch nicht, ob das Wasser bei einem Hamas-Terroristen ankommt."

Wie Jassir Arafat Europas Milliarden des guten Willens verwandt hat, ob sie den Frieden fördern oder zerstören halfen, wird erst jetzt zum Politikum. Am 6. Mai dieses Jahres hat Israels Premierminister Ariel Scharon der EU eine 100 Seiten starke „Akte Arafat" zugesandt (www.idf.il). Sie soll zeigen, dass Arafat die Welt getäuscht habe und seinen Staat nicht durch Verhandlungen, sondern durch Terror gründen wolle - und ihn persönlich befehlige.

Zum Beweis legt Scharon Dokumente bei, die seine Truppen bei der Besetzung von Arafats Verwaltungszentrale in Ramallah und andernorts im Westjordanland beschlagnahmten.

In diesem Konvolut findet sich ein schwerer Vorwurf: „Arafat und seine Männer verwandten die Zuschüsse anderer Länder, darunter der EU, um ihren Terrorismus zu finanzieren."

Die EU kontert sofort. Schon am nächsten Tag, dem 7. Mai, schreibt Kommissar Christ Patten einen Brief an die Außenminister der Union: „Bis heute liegen der EU-Kommission keinerlei harte Beweise vor, wonach EU-Gelder zur Finanzierung des Terrors oder zu einem anderen Zweck missbraucht wurden." So sagt er es bis heute.

Palästinas neue Schulbücher verherrlichen „die Märtyrer"

Wer hat Recht? Die ZEIT hat in Berlin, Brüssel und Washington recherchiert, in Israel und in den Palästinenser-Gebieten; an allen Orten ist sie Hinweisen und Dokumenten nachgegangen, wonach mit EU-Geldern zuerst im Namen des Friedens zum Krieg angeleitet und dann im Namen des Aufbaus demokratischer Strukturen ein Terrornetzwerk finanziert worden sei. Die Ergebnisse der Nachforschungen sind alarmierend.

Der 2. September 2000 ist ein großer Tag für die Palästinenser. Mit allem Pomp wird - nur Wochen vor dem Ausbruch der zweiten Intifada - ein weiterer Schritt zur Staatswerdung gefeiert. Naim Abu Houmus, stellvertretender Bildungsminister, lädt in sein Ministerium nach Ramallah.

Diplomaten, Schüler und Lehrer erleben eine Enthüllungszeremonie: Die neuen Schulbücher, erstmals von Palästinensern für Palästinenser geschrieben, werden ausgepackt. „Ein Traum meines Volkes wird wahr", sagt Abu Houmus, als er die Bücher für die 1. und 6. Klasse in Kinderhände legt. „Jetzt werden wir die Wahrheit lehren."

Ein großer Tag auch für die Europäer. Sie wissen: Bücher können Waffen sein. Deshalb ist Bildungshilfe das Kernstück europäischer Friedensarbeit in Palästina.

Ohne Europa geht nichts im Schulwesen. Gebäude, Gehälter, auch die Schulbuchkommission werden aus Brüssel gefördert - seit dem Osloer Abkommen von 1993 mit mehr als 330 Millionen Euro.

Den Druck der Bücher finanzieren überdies sechs EU-Staaten, koordiniert von den Italienern. Die Palästinenser sichern der Sechsergruppe zu, die Bücher vorab einsehen zu dürfen. Als es so weit ist, wollen die Palästinenser davon nichts mehr wissen. Froh, dass die ersten Uraltbücher mit ihrem offenen Antisemitismus ersetzt werden, gehen die Italiener gnädig über den Bruch der Vereinbarung hinweg.

Kaum sind die neuen Bücher erschienen, hagelt es Kritik von westlichen Fachleuten - trotz einiger Fortschritte wegen der Mäßigung im Ton, die alle anerkennen. Wer die Bücher liest, stellt fest: Die Idee des Friedens gibt es darin nicht. Der Friedensprozess und die Verträge von Oslo werden nicht erwähnt. Zur religiösen Toleranz wird wohl aufgerufen, aber nur zwischen Muslimen und Christen. Juden tauchen nicht auf, und wenn, dann historisch. Ihre Verbindung zum Heiligen Land ist auf das Altertum beschränkt. Die jüdische Wiederbesiedlung Palästinas heißt „Infiltration". Ein direkter Aufruf zum Terrorismus findet sich nicht, allerdings werden „Märtyrer Palästinas" glorifiziert, etwa der „Ingenieur Ayyash", der in den neunziger Jahren Selbstmordattentäter aussandte und Dutzende Israelis töten ließ.

Der Staat Israel existiert nicht. Sein Name taucht in keiner Karte auf, vielmehr stehen dort Begriffe wie „grüne Linie", „das Innere des Landes" oder „1948er-Land". Von den Israelis gegründete Städte, wie Tel Aviv etwa, werden nicht erwähnt. Der Staatsname Palästina samt Wappen von Arafats Behörde findet sich dagegen überall, zum Beispiel auf Buchdeckeln. Dieser Staat erstreckt sich vom Jordan bis zum Mittelmeer.

Abu Houmus, der Vizebildungsminister, rechtfertigt die Abschaffung Israels in den Lehrbüchern gegenüber der Los Angeles Times so:

„Über Israels Grenzen ist noch nicht entschieden. Wenn das geschieht, richten wir uns danach, was die Regierung entscheidet. Wir überlassen das einfach den Politikern." Man habe bloß in der arabischen Welt gebräuchliche Karten verwandt. Und Kapitel zum Frieden mit Israel werde es geben, sobald ein endgültiger Friedensvertrag unterzeichnet sei. Mit anderen Worten: Im Jahr 2000 wird ein Kriegs-Curriculum eingeführt.

Es dauert ein paar Wochen, bis der Schulbuchstreit den europäischen Kontinent erreicht. Am 15. November 2000 fragt der sozialistische Abgeordnete Francois Zimeray aus Frankreich bei der UN-Kommission nach. Er will wissen, warum man ein Bildungssystem finanziere, dessen Lehrbücher „regelrechte antisemitische Manifeste darstellen, die in jedem Land der Europäischen Union unter das Gesetz über ‚Anstiftung zum Rassenhass’ fallen würden". Außerdem fragt der Abgeordnete nach den Kontrollen der EU.

Außenkommissar Chris Patten antwortet, die EU-Kommission habe den Druck der Bücher nicht finanziert. Das ist formal korrekt und doch eine Ausflucht.

Zwar kann die Union nicht direkt beeinflussen, was sechs ihrer Mitgliedstaaten tun. Aber als Mitglied des internationalen „Geberforums" finanziert sie die palästinensische Schulbuchkommission und überdies viele Lehrer. Ist der Union egal, was die Lehrer, die sie bezahlt, unterrichten?

Der Abgeordnete Zimeray setzt nach und attackiert den EU-Kommissar: „Ich habe Ihnen präzise Fragen gestellt, und ich erwarte präzise Antworten in einer wichtigen Sache. Sind sie bereit, ja oder nein, die Hilfe der Union von der Beachtung fundamentaler Menschenrechte abhängig zu machen?"

Patten antwortet: „Wir werden das Thema mit den Palästinensern besprechen."

Um zu sehen, was sich verbessert hat, reist der CDU-Europaabgeordnete Armin Laschet im Juli 2001 nach Palästina. Doch er stellt fest: Nichts ist geschehen, niemand hat das neue Lehrmaterial verändert.

Schlimmer noch: Die alten antisemitischen Bücher werden neu aufgelegt, mithilfe europäischer Staaten. Auf dem Einband steht das Land, das Sponsor ist. Armin Laschet bedrängt sogar Jassir Arafat. Doch der sagt ihm, er sehe keinen Anlass, die neuen Bücher zu verändern, und habe kein Geld, die alten schneller auszutauschen.

Arafat vergisst dabei zu erwähnen, dass die amerikanische Regierung längst angeboten hat, den Austausch der alten Lehrbücher zu bezahlen, sofort und komplett. Das hat Arafat abgelehnt und es vorgezogen, mithilfe der pflegeleichten Europäer die alten Kampfbücher leicht entschärft neu binden zu lassen.

Entsetzt verlässt Laschet Palästina und beantragt im Europaparlament, die Förderung der Bildungsarbeit einzustellen, „solange sich die Lehrbücher nicht ändern". Im Plenum fehlen ihm am Ende zwei Stimmen. Die Sozialisten mögen nicht zustimmen und auch nicht Abgeordnete verschiedener Fraktionen aus den Niederlanden, Irland und Skandinavien. Diese Allianz will keinen Druck auf Europas große Hoffnung im Nahen Osten ausüben.

Die Hoffnung verblasst nicht einmal, als sich die Indizien mehren, nach denen Arafat jenen Frieden nicht mehr will, der Voraussetzung aller Förderung ist. Niemand erwägt Konsequenzen, als Arafats eigene Al-Aksa-Märtyrerbrigaden unentwegt Israelis in die Luft sprengen. Die Gutgläubigkeit, die Naivität, der Langmut der Europäer scheinen unendlich zu sein.

Offenbar hat sich für sie nichts geändert seit jenen Osloer Tagen im Herbst 1993, als die Welt hoffen durfte, es werde Friede nach 100 Jahren Krieg im Heiligen Land. Damals, auf der ersten Geberkonferenz, vereinbarten Europäer und Araber, dem werdenden Staat zu helfen. Die Europäer nehmen ihre Aufgabe ernst, so ernst wie sonst nur Agrarsubventionen. Die gewaltige Summe von mindestens 4,1 Milliarden Euro ist seither nach Palästina geflossen, Zuwendungen einzelner EU-Länder nicht mitgerechnet.

Weil die Erfinder der Friedensförderung sich sorgten, Geld werde Begehrlichkeiten bei den Empfängern wecken, ersannen sie die „Projekthilfe". Deren Verwendung lässt sich besser kontrollieren als laufende Zahlungen in den Haushalt. Fast die gesamte neue Infrastruktur - Schulen, Krankenhäuser, Flughafen - hat Brüssel hingestellt. Die EU zahlt auch an Arafats Kasse, allerdings mit Zweckbindung. Das Geld ist für Gehälter öffentlicher Angestellter bestimmt, etwa Polizisten oder Lehrer.

Als die zweite Intifada im Herbst 2000 entfesselt wird, stoppt Israel alle Transferzahlungen an die Palästinenser. Jahrelang hatten sie Arafats Behörde einen Teil der Einnahmen aus Einfuhrzöllen überlassen. Jetzt glaubt die neue Regierung Ariel Scharons: Arafat dämpfe die Intifada nicht, er heize sie an; er dulde und fördere die neue Serie von Selbstmordanschlägen gegen Israel.

Die Europäer sehen die Lage anders: Scharon habe die Intifada durch seinen provokativen Besuch auf dem Tempelberg selbst ausgelöst; für den Terror seien die Extremisten vom Islamischen Dschihad und von Hamas verantwortlich; Arafat versuche zu beruhigen und den Friedensprozess vor den Radikalen zu schützen.

Deshalb trifft die Europäische Union eine - wie es jetzt scheint: folgenschwere - Entscheidung:

Sie springt für die Israelis ein und weist seit Juni 2001 eine monatliche Haushaltshilfe von zehn Millionen Euro an - direkt und nicht länger als „Projekthilfe".

Nach Darstellung von EU-Kommissar Christ Patten ist dies ein „wichtiger Beitrag, um den weiteren Absturz in Anarchie, Chaos und Armut" zu verhindern. Das Geld soll helfen, für „öffentliche Grundbedürfnisse" zu zahlen, also „Bildung, Gesundheit, Polizei, Gehälter von Beamten".

Hat Jassir Arafat das Geld verwandt wie vorgesehen?

2200 Kilo Sprengstoff, genug für Hunderte von Selbstmörderbomben

Im Frühsommer 2001, als die Europäer beschließen, Arafat direkt zu alimentieren, beschließt Arafat etwas anderes - hinter dem Rücken der Europäer. Die Welt erfährt von dieser Entscheidung erst ein paar Monate später, am 3. Januar 2002.

An diesem Tag sitzt Israels Generalstabschef Shaul Mofaz in einer Militärmaschine hoch über dem Roten Meer und schaut durch ein Spezialfernglas auf die See. Unten sieht er einen rostigen blauen Frachter. Drei Monate lang hat Israels Geheimdienst das Schiff beobachtet. Aber jetzt ist Mofaz nervös. Er schaut selbst durch das Fernglas, bis er die Schriftzeichen auf der Bordwand entziffern kann: Karina-A. In diesem Moment gibt er den Einsatzbefehl.

Binnen Minuten haben Kommandotruppen der Marine das Schiff geentert. Kein Schuss fällt. Den Ablauf des Waffengeschäfts hat der Nahostexperte Robert Satloff vom Washington Institute for Near East Policy detailliert rekonstruiert und in der Zeitung The National Interest publiziert (auf die sich diese Darstellung im Wesentlichen stützt).

Unter Kisten mit billiger Kleidung und Sonnenbrillen finden die Soldaten in wasserdicht verpackten Containern Waffen und Sprengstoffe, genug, um eine kleine Armee zu versorgen: Raketen mit Reichweiten bis zu 20 Kilometern, Granaten, panzerbrechende Waffen, Maschinengewehre, Minen. Dazu genug C4-Sprengstoff für 300 Selbstmörderbomben: 2200 Kilogramm, das ist fünfmal so viel wie das Gewicht aller Selbstmörderbomben, die in Israel seit Staatsgründung explodiert sind.

Doch nicht die Zahl der Waffen erschüttert den Nahen Osten, sondern ihre Herkunft und ihr Ziel. Die Karina-A kam aus dem Iran, und die Waffen sollten in den Gaza-Streifen. So gesteht es der Kapitän in der Haft.

Gern lassen die Israelis den Mann sein Bekenntnis vor Journalisten der New York Times und von Fox TV wiederholen. Im Interview nennt der Mann, Omar Akawi, auch den Auftraggeber: die palästinensische Autonomiebehörde. „Die haben mir gesagt, es seien Waffen für Palästina", erzählt Akawi, „als palästinensischer Offizier tue ich, was mir gesagt wird." Inzwischen haben sich auch amerikanische und europäische Regierungsbeamte die Indizien angeschaut und die israelische Version bestätigt.

Der Befehl zum Ankauf solcher Waffen markiert die strategische Wende des Jassir Arafat: von der friedlichen zur blutigen Lösung des Konflikts.

Diese Wende vollzieht sich gerade in jener Phase, in der Europa sein größtes Vertrauen in den Friedensnobelpreisträger Arafat setzt und ihm Direktzahlungen zusagt.

Wie Arafat den Freundschaftspreis von zehn Millionen Dollar für die Fracht der Karina-A bezahlt hat, gehört zu den Geheimnissen dieser Affäre. Bis heute gibt es kein Indiz dafür, dass Europa die Waffen gegen Israel bezahlt hat.

Wer das beruhigend findet, sollte eine kleine Wahrscheinlichkeitsrechnung anstellen: Zur Zeit des Waffengeschäfts zahlte Europa mindestens 10 Prozent des laufenden Etats von Jassir Arafat und 50 Prozent aller Hilfszahlungen. Neben den Europäern hatte Arafat nur noch zwei Einnahmequellen - erhebliche Hilfszahlungen der arabischen Staaten und unerhebliche Steuereinnahmen. Wie groß ist also die Wahrscheinlichkeit, dass Arafat Europas Ruf nicht beschmutzt hat?

EU-Kommissar Chris Patten rühmt Europa eines besonders „strengen Mechanismus von Ex-ante- und Ex-post-Kontrollen". Jeden Monat werde nur dann Geld überwiesen, sagt er, wenn Prüfer die ordnungsgemäße Verwendung der Hilfe vom Vormonat testiert hätten. Der Haushalt muss gegenüber der EU völlig transparent sein, Nebenhaushalte soll es nicht geben. Höchst erstaunlich ist es deshalb, wie mühelos Arafat ein ganzes Waffenschiff am Haushalt vorbeisteuern konnte.

Glaubt man der Europäischen Union, gibt es eine wirksame Kontrolle für die Hilfsgeldzahlungen nach Palästina: den Internationalen Währungsfonds (IWF). EU-Kommissar Chris Patten schreibt, der IWF überprüfe die Zahlungen genauestens und schicke monatlich eine Unbedenklichkeitserklärung.

Für den IWF erledigt Karim Naschaschibi diesen Job. Er wohnt in Jerusalem. Dieser Mann, der laut Patten die Palästinenser kontrollieren soll, ist selbst Palästinenser. Er stammt aus demselben Clan und führt denselben Nachnamen wie Jassir Arafats langjähriger Finanzminister. Er war sogar für eine politische Karriere unter Arafat vorgesehen: Bis Montagabend dieser Woche sollte IWF-Mann Naschaschibi Arafats neuer Finanzminister werden. Dann drehte sich der Wind, und Naschaschibis Vorgänger beim IWF ist seither erster Kandidat für dieses Amt.

Arafats Finanzberater Fuad Shoubaki, jener Mann, der die Karina-A kaufte, ist stolz darauf, den IWF-Vertreter Naschaschibi "einen Freund" nennen zu dürfen.

Jener Freund, der angeblich auch ein Kontrolleur sein soll, gibt allerdings zu bedenken: „Wir überblicken nicht, wie jeder Euro ausgegeben wird", denn „wir sind keine Rechnungsprüfer". Der IWF überwache lediglich, ob die Summen nach dem Haushaltsplan in der korrekten Höhe an die richtigen Ressorts fließen.

Nicht anders sieht es der IWF in Washington. „Wir haben keinen Prüfauftrag", heißt es dort, „wir helfen nur, den Budgetplan der Palästinensischen Autonomiebehörde aufzustellen." Wenn dies zutrifft, haben sich die Palästinenser bis zum heutigen Tag selbst kontrolliert - also gar nicht.

Was Europas Politikern nun wie eine große Überraschung vorkommen muss, hat sich lange angebahnt. Die Wende des Jassir Arafat lässt sich inzwischen erzählen wie ein Kapitel aus einem historischen Kriegsepos. Denn die palästinensischen Zeitzeugen beginnen langsam, ihr Schweigen zu brechen.

Sie berichten von den Strategietreffen der Autonomiebehörde (bitten allerdings um Anonymität). Die Zusammenkünfte beginnen schon vor Ausbruch der Intifada im Herbst 2000 und enden offenbar mit der Empfehlung, auf Terror zu setzen.

Eines dieser Treffen datiert vom Februar 2001, kurz vor der Wahl in Israel. Es findet in Jerusalems Orienthaus statt. Zwei Zukunftsszenarien werden diskutiert.

Option eins: Arafats Leute würden auf den kontrollierten Aufstand setzen. Die Intifada geht zu diesem Zeitpunkt schon fünf Monate lang dahin, mit Steinen, mit Schüssen, mit Toten. Jassir Arafat hatte gleich zu Beginn inhaftierte Attentäter freigelassen und damit gezeigt, dass er nun den Terror der Radikalen dulden, mit ihm spielen würde. Eine Strategie des Mordes und zugleich der Einhegung, die eigene Parteigänger nur in den besetzten Gebieten einsetzt. Am Ende würde Israels Ministerpräsident, entnervt, Kompromisse schließen müssen.

Nicht wenn Ariel Scharon gewählt wird!, widersprechen die Anhänger von Variante zwei. Sie bieten eine andere, vermeintlich moderne Lageanalyse an. Weil ein Ministerpräsident Scharon nie mehr anbieten werde als sein Vorgänger Ehud Barak bei den Verhandlungen von Camp David im Vorjahr, müsse man auf Krieg setzen. Ist es nicht seit ein paar Monaten erwiesen, dass Israel zu besiegen ist?

So interpretiert diese Gruppe den Rückzug Israels aus dem Libanon. Israelis seien nicht leidensfähig und würden dauernde Verluste nicht ertragen. Der unsichtbare Selbstmordbomber sei die Waffe, die diese westlich verweichlichte Gesellschaft ins Herz treffe.

Richtete Scharon doch ein ordentliches Massaker an"

Für die Anhänger dieser Theorie wäre ein Hardliner als Ministerpräsident sogar die bessere Lösung. Provoziere man Scharon nur genügend, werde er brachial zurückschlagen. Arafats persönliche Truppen, die Al-Aksa-Brigaden, stünden bereit. Ein Zyniker, sehr weit oben in der palästinensischen Hierarchie angesiedelt, sagte damals: „Wir würden uns wünschen, Scharon richtete ein ordentliches Massaker an." Danach nämlich funktioniere das „Modell Kosovo". Die Welt, empört über Israel, werde zu Hilfe eilen. Am Ende würden internationale Truppen im Heiligen Lande stehen und den neuen palästinensischen Staat schützen.

In diesen tragischen Fiebertraum steigern sich offenbar auch Palästinenser hinein, die zuvor als Moderate galten.

Dass sich Jassir Arafat im Frühjahr 2001 an die Spitze der Bewegung gesetzt und das Fantasma zur Strategie gemacht hat, wollen die Israelis jetzt durch Dokumente beweisen. Die wurden entdeckt, als Israels Panzer nach immer neuen Mordanschlägen eine Schneise durch die besetzten Gebiete schlugen, Trümmer und Leichen zurückließen, Polizeistationen, Verwaltungsgebäude und Jassir Arafats Amtssitz besetzten.

Heute liegen die Unterlagen, in Umzugskisten gestapelt, in Lagerhallen. Große Teams werten mehrere Millionen Blatt und viele Gigabyte Daten aus. Eine Auswahl der Dokumente hat die israelische Armee ins Internet gestellt, andere übergibt sie Journalisten, um die Welt zu überzeugen.

Der 21. März 2002 ist einer dieser furchtbaren Tage, an die man sich niemals gewöhnen wird. Die Bombe explodiert im Zentrum Westjerusalems, auf der King George Avenue. Der Täter ist ein junger Mann, Araber, der Passanten zuvor verdächtig vorkam. Sie alarmierten die Polizei, er fasst sich an den Bauch: zu spät! Der Mörder und drei Opfer bleiben tot liegen, 70 Menschen werden verletzt.

Sofort beginnt das politische Ritual. Arafats Al-Aksa-Brigaden bekennen sich zur Tat. Israelische und palästinensische Polizisten treffen sich und beraten. Der amerikanische Außenminister Colin Powell ruft Arafat an und fordert ihn auf, entschieden vorzugehen gegen Terroristen. Die palästinensische Führung erklärt, sie werde die Drahtzieher festnehmen. Nach den Dokumenten, die später in Arafats Hauptquartier sowie Nachrichtendienstbüros in Tulkarem und Nablus gefunden werden, müsste der Palästinenser-Führer sich in diesem Moment selbst festnehmen.

Die Geschichte des Anschlags ist festgehalten in einem ganzen Bündel von Papieren, die geeignet sind, das gängige Bild vom Selbstmordattentäter zu erschüttern.

Keineswegs handelt es sich hier um einen zornigen jungen Mann, der von Unterdrückung, Besetzung und Armut gedemütigt irgendwann ausrastet. Vielmehr zeigt sich das präzise geplante, über Monate vorbereitete Unternehmen einer Terrorzelle, die auf Befehl handelt. Im Hintergrund agieren Arafats Satrapen, bürokratisieren den ganzen Prozess und streiten um das Recht, dem Märtyrer den Weg in den Himmel weisen zu dürfen.

Der Mann, der dazu ausersehen ist, heißt Mohammad Hashaikh, stammt aus einem Vorort von Nablus, ist 21 Jahre alt und Polizist bei der Autonomiebehörde. Die Planung übernehmen zwei so genannte Operateure, Naser Ash-Shawish und Mohammed Ka’abina, beide Ende 20, beide aus Nablus, der eine angestellt bei einem von Arafats Geheimdiensten, der andere Mitglied des Islamischen Dschihad.

Anweisungen gibt einer von Arafats 13 Geheimdiensten, den offenbar nicht stört, dass ein Mitglied der Zelle von der islamistischen Konkurrenz ist.

Die Zelle wird in den Monaten ihrer Vorbereitungen entdeckt - von einem anderen Geheimdienst aus Arafats Reich. Dessen Agent schreibt am 2. Dezember 2001 einen Bericht. Danach lässt er die drei Mitglieder der Zelle zum Verhör verhaften.

Er erhält Anweisung, die drei wieder freizulassen und weiter zu beobachten, offenbar mit dem Ziel, die Dienste der Terroristen später selbst zu nutzen. So begleitet er den künftigen Märtyrer nach Hause, trinkt dort Tee und schaut sich den Sprengstoffgürtel an.

Am 8. Februar 2002 scheint die Stunde des Märtyrers gekommen zu sein. Er erhält Anweisung, nach Tulkarem zu fahren. Den Sprengstoffgürtel am Bauch, wartet er auf den Einsatzbefehl. Aber nichts geschieht. Wahrscheinlich können sich die Geheimdienste nicht einigen, wer den Einsatz führen darf. Statt den Attentäter loszuschicken, lässt einer der Dienste ihn wieder verhaften. Er wird nach Ramallah gebracht.

Inzwischen hat sich Jassir Arafat persönlich eingeschaltet. In einem Telefonat mit den Israelis rühmt er sich seines Kampfes gegen den Terrorismus und erwähnt, dass seine Behörden einen Terroristen verhaftet hätten. Einer Aktennotiz zufolge steht wenig später Arafats Geheimdienstkoordinator in der Zelle, gibt den Sprengstoffgürtel zurück und teilt dem Häftling Einsatzort und Einsatzzeit mit: Jerusalem, 21. März 2002.

„Bitte weisen Sie 2000 Dollar an jeden der Kampfbrüder an"

Die überlebenden Operateure werden nach der Tat honoriert. Die Israelis haben Namenslisten gefunden, in denen es in immer gleicher Formulierung heißt: „Bitte weisen Sie die Summe von 2000 Dollar an jeden der folgenden Kampfbrüder an."

Der Mann, an den sich die Bitte richtet, heißt Jassir Arafat. Die Israelis wollen seine Unterschrift auf solchen Dokumenten identifiziert haben. Fast jedes Mal, sagen sie, habe Arafat die erbetene Summe drastisch reduziert. Die Prinzipien sparsamer Haushaltsführung ließen sich demnach sogar auf die Verwaltung einer Mordmaschine übertragen.

Die Israelis haben Zahlungsbelege gefunden, nach denen Gehälter für Täter nach einer Überweisungskaskade von jenen Konten abgebucht wurden, auf die die Europäische Union einzahlt. Ein Indiz, das in eine furchtbare Richtung weist. Aber noch nicht genug, um zu beweisen, dass gerade das Blutgeld aus Brüsseler Fördertöpfen stammt.

Deshalb ist es wichtig zu erfahren, wie verlässlich die Recherchen der Israelis über Jassir Arafat und sein System sind. Immerhin haben bei der Auswertung des Materials israelische Geheimdienste mitgewirkt. Und das politische Interesse von Premier Scharon, selbst als Mann des Friedens nicht auffällig, ist offenkundig: Arafat muss weg! Handelt es sich also um Information oder um Kriegspropaganda?

Diese Frage stellt sich seit den Aktenfunden praktisch jeder westlichen Regierung, auch der deutschen. Sie hat deshalb die eigenen Fachleute vom Bundesnachrichtendienst um Prüfung gebeten.

Mitte April liefert der BND sein erstes Gutachten. Es hält die Dokumente für authentisch und stimmt den Schlüssen der Israelis zu. Es lägen allerdings nur Indizien für die Verstrickung Arafats vor, kein gerichtstauglicher Beweis.

Am 2. Mai 2002 legt der BND ein weiteres Gutachten vor (Aktenzeichen 39C-04/2/02). Der Verfasser kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Zwar enthielten die ersten Dokumente aus Israel „keinen direkten Beweis" für einen Missbrauch von EU-Geldern zur Finanzierung des Terrors. Es sei „jedoch erkennbar, dass Arafat offensichtlich nicht trennt zwischen der Struktur des Autonomie-Regimes und seiner Fatah-Bewegung". Deshalb sei die Zweckentfremdung der Fördermittel „nicht auszuschließen". Der Gutachter schreibt von „bekanntem Missmanagement" und „weit verbreiteter Korruption" und kommt zu dem Schluss: „Realistischerweise konnte zu keinem Zeitpunkt davon ausgegangen werden, dass die Verteilung der EU-Gelder (...) hundertprozentig zweckgebunden stattfindet".

Beispiele liefert der Verfasser gleich mit. Arafat hat seine schwarze Kasse offenbar durch einen Devisentrick gefüllt: Für Gehälter palästinensischer Lehrer, Ärzte und Polizisten zahlte die EU in Dollar; Arafat leitete das Geld in Schekeln weiter - allerdings unter Abzug einer Provision von 25 Prozent. Die Beamten mussten zusätzlich 3,7 Prozent an einen Steuereintreiber abtreten, ohne dass das Geld als Sondersteuer im Haushalt ausgewiesen wurde.

Stellt sich die Frage, warum der BND das alles derart genau weiß. Sind die Geheimen in Palästina so gut vernetzt? Die kurze Antwort lautet: ja. Die lange Antwort führt zurück zum europäischen Förderwerk Arafat, an dem auch der BND seit Jahren teilhat - ohne dass die deutsche Öffentlichkeit davon bis heute erfahren hat.

Der BND hat Arafats Geheimdienste nach Information der ZEIT im Gaza-Streifen seit den Osloer Verträgen von 1993 ausgerüstet und ausgebildet. Die neuen Sicherheitsdienste brauchten vor allem bei einer Aufgabe Hilfe: Terroristenbekämpfung. Nun muss die Bundesregierung die Frage quälen, ob die Schützlinge des BND ihre Aufgabe vor einiger Zeit neu definiert haben, ob also aus einer Antiterrorgruppe eine Terrororganisation wurde.

Der BND hat, wie es heißt, seine Zusammenarbeit mit den Palästinensern Ende des Jahres 2000 unterbrochen - so heimlich, wie sie begann. Die Geheimdienstler müssen die innere Wende ihrer Zöglinge mitbekommen haben. Was teilte der BND seiner Regierung darüber mit? Und welche Konsequenzen zog die Bundesregierung daraus?

Auf Erklärungen dringen einzelne Bundestagsabgeordnete seit Wochen. Am 5. April 2002 wendet sich Friedbert Pflüger, Vorsitzender des Europaausschusses, an Joschka Fischer, der Außenminister möge die israelischen Dokumente prüfen lassen. „Wenn sie echt sind", schreibt der CDU-Parlamentarier, „können Deutschland und die EU nicht in der bisherigen Weise die Palästinensische Autonomiebehörde unterstützen."

Die Echtheitsprüfung ist inzwischen abgeschlossen, aber die Debatte findet trotzdem nicht statt. Warum nicht?

Außenminister Fischer setzt auf stille Krisenbewältigung. Ohne große Publizität hat er vorvergangene Woche ein eigenes Untersuchungsteam der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit nach Palästina geschickt. Fischer weiß um die Sprengkraft einer öffentlichen Debatte über die Frage, ob deutsche Steuergelder unwillentlich den Mord an Israelis finanziert haben. Zu vermeiden ist sie gleichwohl nicht. Die Untersuchung dieser Frage muss - wie der Abgeordnete Pflüger fordert - öffentlich und transparent sein. Denn sie rührt an das Selbstverständnis deutscher Politik.

Joschka Fischer wünscht nun eine strengere Kontrolle der europäischen Förderung und eine demokratische Reform der Autonomiebehörde. Diese Forderung erinnert an das Wunschdenken, das die Affäre erst möglich gemacht hat. Denn warum sollte jetzt, in einer Kriegssituation, jene arabische Demokratie ausbrechen, die sogar die Osloer Friedenseuphorie jahrelang nicht gebären konnte? Und was nützt die strengste Verwendungskontrolle, wenn Arafat am Ende mit eigenen Geldern den Terror fördert?

Nein, die deutsche und erst recht die europäische Politik sperren sich gegen die Einsicht, dass die Grundlagen für das Förderwerk Arafat entfallen sind. Diese Politik wollte den Frieden und nicht eine Guerillabewegung von Mordbombern.

Allein seit die Belagerung von Arafats Amtssitz beendet ist, haben dessen Al-Aksa-Märtyrerbrigaden die Verantwortung für drei der folgenden neun tödlichen Anschläge auf Israelis übernommen. Wer künftig eine humanitäre Katastrophe in Palästina verhindern will, darf nicht den Regierungschef, dessen Haushalt und dessen Beamte alimentieren.

Die Palästinenser fordern, dass Europa ihnen Blutgeld zahlt

Bisher haben Europas Politiker jedes Indiz für den Missbrauch der Gelder konsequent übersehen. Anfangs, 1994, befinden sie sich damit noch in guter Gesellschaft. Denn die Amerikaner und die Israelis tun das Gleiche. Sie ignorieren Arafats Schattenhaushalte in der Hoffnung, am Ende könnten sie mit dem Frieden belohnt werden. Deshalb reagieren die Israelis nicht einmal, als Arafat seine Polizei vertragswidrig aufrüstet. Erst als sich seine Anhänger dem Terrorismus zuwenden, rufen sie Alarm - aber Europa hört nicht hin.

Die Europäische Union ist stolz auf ihre Politik der Äquidistanz zwischen Israelis und Palästinensern. Doch während sie Premier Ariel Scharon seiner Besatzungspolitik, seines Siedlungsbaus und seiner Friedensunwilligkeit zeiht, ignoriert sie die Wende des Jassir Arafat.

Niemand mag sich das Bild vom Freiheitskämpfer mit der Kefije zerstören lassen, schon gar nicht von der Realität. Für die einen darf eine linke Symbolfigur nicht zerbrechen, für die anderen der letzte Verhandlungspartner nicht verloren gehen. Am Ende dieser Politik steht die Weigerung, Israel Panzerteile zu liefern, und zugleich die monatelange Weigerung, die Budgethilfe für Arafat zu überdenken.

Erst am Dienstagnachmittag dieser Woche hat der EU-Haushaltsausschuss beschlossen, die Zahlungen zu unterbrechen. Solange jedoch das Europäische Parlament diese Entscheidung nicht bestätigt, fließt das Geld weiter.

In den kommenden Wochen wird vermutlich behauptet werden, man habe nichts wissen können. Doch das stimmt nicht. Zuletzt haben die Palästinenser den Europäern selbst mitgeteilt, wo sie stehen.

Am 22. April 2002 präsentiert der palästinensische Minister Nabil Schaath Mitgliedern der Europäischen Kommission auf der Mittelmeerkonferenz im spanischen Valencia Hilfsforderungen im Umfang von etwa 1,9 Milliarden Dollar. Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Zeugen enthält Schaaths Liste einen Posten von 20,6 Millionen Dollar für Waffen und 40,6 Millionen Dollar zur Unterstützung von Häftlingen und „Märtyrerfamilien".

Allen Ernstes erwarten die Palästinenser von den Europäern, es Saddam Hussein nachzutun und Blutgeld zu zahlen.

Die versammelten europäischen Diplomaten schlagen ob dieser Forderung nicht Alarm. Sie sind nicht entsetzt, sondern peinlich berührt. Sie lassen die Liste in einem Panzerschrank verschwinden. Sie wollen nichts davon wissen. Sie wollen lieber stilvoll betrogen werden.

Aus: DIE ZEIT vom 6. Juni 2002

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„Wir brauchen eigene Erde, um das Gebot zu erfüllen, wir brauchen die Freiheit, unser eigenes Leben zu ordnen" - dieses Buber-Wort zitiert Rabbiner Dr. Roland Gradwohl s. A. in dem folgenden unveröffentlichten Artikel. - Esther Gradwohl danken wir, dass sie uns diesen Artikel für den Rundbrief des Denkendorfer Kreises überlassen hat.

Aus zwei Gründen ist er uns hochwillkommen: Einmal ist sein Thema, auch wenn es die Tagesauseinandersetzungen nur am Rande berührt, sehr aktuell; zum andern erinnern wir uns daran, dass vor vier Jahren Roland Gradwohl gestorben ist: Auf den 1. Juni 2002 fiel die „Jahrzeit", an der Familie und Freunde seiner gedachten.

Im folgenden Beitrag hören wir über den großen Graben hinweg die vertraute Stimme des Freundes und Lehrers, der uns so viel gegeben hat.
Hartmut Metzger

Die Existenz Israels aus jüdisch-religiöser Sicht

Von Roland Gradwohl

Kurz nach der Gründung Israels im Mai 1948 verfasst das Landesoberrabbinat in Jerusalem „Ein Gebet für den Frieden des Staates". Es steht damit in einer alten Tradition, denn seit der Antike beten Juden für den Frieden und das Wohlergehen jenes Landes, in dem sie leben.

In den meisten Gebetbüchern findet sich ein entsprechender Text. Der Brauch geht auf den Propheten Jeremia zurück. In einem Schreiben an die Bürger Jerusalems, die seit 597 v.d.Z. in Babylonien exiliert sind, nennt Jeremia den Willen Gottes: „...und sucht den Frieden der Stadt, in die Ich euch verbannt habe, und betet für sie zum Herrn; denn in ihrem Frieden wird auch euch Frieden sein"! (Jeremia 29,7)

Die Juden Babyloniens nehmen die Forderung ernst: sie beten für das Wohl der Stadt und des Landes, und sie integrieren sich so sehr, dass die meisten nicht mehr in die Heimat zurückkehren wollen, als ihnen 538 v.d.Z. der persische König Kyros die Rückkehr ermöglicht.

Das Gebet des Landesoberrabbinats beginnt mit den Worten: „Unser Vater im Himmel, Fels Israels und sein Erlöser, segne den Staat Israel, da unsere Erlösung zu sprießen beginnt."

Was ist mit dieser etwas seltsamen Wendung gemeint? Nichts Geringeres, als dass der Staat Israel, diese parlamentarische Demokratie am östlichen Mittelmeer, unter dem Vorzeichen messianischer Hoffnung gesehen wird. Die „Erlösung", auf die der Jude seit biblischen Zeiten hofft, ist identisch mit den „Tagen des Maschiach" (Messias), des „gesalbten" Friedensfürsten (Jesaja 11), da die Völker ihre Schwerter und Speere zu Werkzeugen des Ackerbaus umschmieden und der Krieg als Option ausgeschaltet ist (Jesaja 2).

Wohlgemerkt: Der Staat Israel deutet die Erfüllung erst an, er steht am Anfang eines Prozesses, da „unsere Erlösung zu sprießen beginnt". Doch ohne den Anfang stellt sich auch das Ende nicht ein, ohne Israel, den säkularen Staat, in dem die Bibel eine wichtige Rolle, doch nicht die entscheidende Rolle spielt, wird es die von den Propheten und den Weisen verkündete Erfüllung des Gottesreichs auf Erden nicht geben. Eine gewagte Aussage, gewiss, doch eine Aussage, die sich in den Rahmen der jüdischen Geistesgeschichte einordnet.

Denn das muss man sehen: Das Judentum ist - anders als das Christentum - nie nur Glaube. Es ist immer zugleich auch nationales Geschehen, ist die Geschichte des Volkes Israel, die mit Abraham einsetzt. Abraham ist in erster Linie Patriarch, der Begründer einer Volksgemeinschaft, und erst in zweiter Linie Begründer eines neuen Glaubens. Juden nennen ihn bis heute „Unser Vater Abraham" - unser Vater, unser Stammvater.

Am Anfang dieser Geschichte steht der Aufbruch. Abraham muss im hohen Alter - zusammen mit seiner betagten Gattin Sarah - alles zurücklassen, das ihm lieb und teuer ist, und in ein unbekanntes Land ziehen. Gott gibt ihm den Befehl: „Zieh hinweg aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das Ich dir zeigen werde. Ich mache dich zu einem großen Volk. Ich werde dich segnen und deinen Namen groß machen. Sei ein Segen! Ich werde segnen, die dich segnen, und fluchen jenem, der dich verflucht. Gesegnet werden durch dich alle Familien der Erde" (1. Mose 12,1-3).

Der Gottesbefehl ist mit einer Verheißung verknüpft: Abraham und seine Nachfahren werden bestimmt zum Segensträger für alle Völker. Wenn Abraham aufbricht, dann nicht nur für sein eigenes Volk, sondern für die ganze Menschheit.

Abraham ist schon lange tot, als Israel kurz vor der eigentlichen Gottesoffenbarung am Sinai die Botschaft vernimmt: „Seid mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk" (2. Mose 19,6). Der Priester muss sich im alten Israel nicht bloß um die Tempelopfer kümmern. Er hat das Volk zu belehren, ihm den Weg zu weisen, der zu Gott und zum Mitmenschen führt.

Entsprechend wird ganz Israel eine Priesterfunktion innerhalb der Völkergemeinschaft zugewiesen. Es kann, wenn es seine Aufgabe ernstnimmt, „zum Licht für die Völker" werden. (Jesaja 42,6)

Wie diese Aufgabe konkret aussieht und wie sie realisiert wird, erfährt Israel durch das Gotteswort vom Sinai (2. Mose 20), später niedergelegt in den Zehn Geboten und den übrigen Satzungen der Tora (Fünf Bücher Mose), der „Weisung".

Abraham ist im Land noch ein wandernder Nomade, und der einzige Boden, der ihm faktisch gehört, ist die Grabeshöhle, die Machpela in Hebron, in der er seine Gattin bestattet. (1. Mose 23).

Auch Abrahams Sohn und Enkel, Isaak und Jakob, sind nicht sesshaft, auch wenn sie schon stärker Fuß fassen. Erst wie die Israeliten unter Josua, dem Nachfolger des Mose, in Kanaan eindringen und das Land nach und nach in Besitz nehmen, ist es faktisch „ihr" Land geworden, auch wenn Gott sein eigentlicher Besitzer ist (3. Mose 25,23: „denn mir gehört das Land"). Das Volk hat einen Boden unter den Füßen, eben das „Land, das Ich dir zeigen werde". Dieses Land heißt längst nicht mehr, wie zu Abrahams Zeiten, Kanaan oder akkadisch Kinachu, das „Land der Purpurschnecke", deren Drüsensekret zum kostbaren Farbstoff verarbeitet wird. Man nennt es „Land Israel", und es ist Teil der jüdischen „Dreiheit" Gott Israels / Volk Israel / Land Israel.

Israel scheint am Ziel angelangt, doch der Schein trügt. Nunmehr beginnen die eigentlichen Aufgaben.

Das Gotteswort vom Sinai lässt die Verbindung von Volk Israel und Land Israel erst richtig transparent werden. Abraham erfährt von einer zahlreichen Nachkommenschaft und von einem Land, in dem sie leben wird - „allen Familien der Erde" zum Segen.

Doch wodurch werden seine Nachkommen zum Segen? Seit der Theophanie am Sinai ist diese Frage gültig beantwortet: Israel wird zum Segen, indem es im Land, das Gott ihm zuweist - „die Landnahme ist eine Landgabe, und zwar eine stets sich erneuende Gabe Gottes" (M. Buber) -, Seine Gebote zu befolgen bereit ist. Ohne das eigene Land vermag es die Fülle der Weisung, die Totalität der Tora, also auch die spezifischen „Gebote, die mit dem Boden zusammenhängen", nicht zu erreichen.

Und wenn es die Weisung verrät und - wie die Schrift oftmals beklagt - „fremden Göttern nachbuhlt", wird es das Land wiederum verlieren (3. Mose 26,33; 5. Mose 28, 37 u. a.), wird exiliert in die „Wüste der Völker" (Hesekiel 20,35).

Das Land ist, durch die Verheißung Gottes, dem Volk Israel nicht zum Geschenk, sondern nur zum Lehen gegeben, und dieses Lehen kann vom Lehensherrn jederzeit zurückgenommen werden.

Diese Aussagen müssen näher erläutert werden. In einem Offenen Brief an den Inder Mahatma Gandhi schreibt der jüdische Philosoph Martin Buber über den Stellenwert des Landes Israel für das Volk Israel.

„Nicht die Verheißung des Landes ist für uns das Entscheidende, sondern die Forderung, deren Erfüllung an das Land, an die Existenz einer freien jüdischen Gemeinschaft in diesem Land gebunden ist. Die Bibel sagt uns nämlich, und unser innerstes Wissen bestätigt es, dass einst, vor mehr als dreitausend Jahren, unsere Einwanderung in dieses Land im Bewusstsein eines Auftrags von oben geschah, hier, mit den Generationen unseres Volkes, eine gerechte Lebensordnung aufzurichten, wie sie eben nicht von Einzelnen im Bereich der privaten Existenz, sondern nur von einem Volk in Gestaltung seiner Gesellschaft zu verwirklichen ist: Gemeinschaftsbesitz am Boden, regelmäßig wiederkehrender Ausgleich der sozialen Unterschiede, Verbürgung der Unabhängigkeit jeder Person, gegenseitige Hilfe, gemeinsame Sabbatruhe, die Knecht und Tier als Wesen gleichen Anspruchs mitumfasst, Sabbatjahr, in dem sich mit der Schonung der Natur ein freier Zugang aller zu ihren Früchten verbindet."

Buber, der in diesen Sätzen die biblische Ethik der mitmenschlichen Solidarität präzis umschreibt, weiß, dass Israel der Gottesforderung niemals auch nur annähernd gerecht geworden ist. An der Forderung selbst hat sich dadurch nichts geändert. „Wir haben damals nicht zustandegebracht, was uns aufgetragen worden ist, wir sind unverrichteter Sache ins Exil gegangen, aber das Gebot ist bei uns geblieben, und es ist drängender geworden als je. Wir brauchen eigene Erde, um es zu erfüllen, wir brauchen die Freiheit, unser eignes Leben zu ordnen, auf fremdem Boden und unter fremder Satzung ist kein Versuch zu wagen... Wir sind nicht begehrlich, Mahatma; wir wollen nur endlich gehorchen können."

„Wir brauchen eigene Erde, um es zu erfüllen..." Der einzelne Jude vermag auch außerhalb des Landes Israel viele Gebote seines Glaubens zu erfüllen, vor allem, wenn er einer Gemeinde angehört: den Schabbat und die Feiertage, die Gebote der Nächstenliebe (3. Mose 19), das Studium des religiösen Schrifttums.

Doch sein Tun bleibt rudimentär, weil er nicht in einem Land lebt, in welchem jüdische Ethik und jüdisches Brauchtum die Normen maßgeblich mitbestimmen. Die von Buber erwähnte „gerechte Lebensordnung" jüdisch-biblischer Prägung kann, wenn überhaupt, nur im eigenen Staatswesen eingerichtet werden.

Wer Israel besucht, sieht es selbst. Israels Parlament, die Knesset, berücksichtigt bei seiner Legislation das religiöse Recht des Judentums, auch wenn es dann im Endeffekt neue Wege beschreitet. Doch alte jüdische Tradition kommt im neuen Staat zur Geltung. Das Kollektiv des Kibbuz, der Gemeinschaftssiedlung, mit seiner egalitären Güterverteilung und dem dadurch erzielten Optimum an sozialer Gerechtigkeit, besitzt Wurzeln in der biblischen Ethik. Der Staat Israel bemüht sich - bei allem weltlichen Charakter - nicht nur ein Staat der Juden, sondern auch ein jüdischer Staat zu sein. Wobei seit Jahrzehnten religiöse und laizistische Israelis Wortgefechte über den Sinn des Judeseins führen.

Fraglos sehen der Schabbat und die Feiertage in Israel anders aus als in der Diaspora. Wo tanzt man beispielsweise mit den Schriftrollen der Tora am Tora-Freudenfest (Simchat Tora) in den Straßen, um seiner Freude und innigen Verehrung des Gotteswortes sichtbaren Ausdruck zu geben?

Allerdings sind auch die Probleme drängender. Weil die Tora nicht erst in unserer Zeit, sondern vor Jahrtausenden dem Volk gegeben wurde, und weil ihre Gebote, so lehrt der Glaube, für immer ihre Geltung besitzen, entstehen immer wieder Probleme, und gelegentlich kollidiert das religiöse Gesetz mit den Gegebenheiten in einem modernen, demokratischen Staat.

Am Schabbat, dem wöchentlichen Ruhetag, ist die Arbeit, genauer: eine Tätigkeit, die Neues erzeugt oder Bestehendes verwandelt, untersagt. Der Schabbat ist der staatliche Ruhetag, wie der Sonntag in Ländern, in denen das Christentum dominiert. Geschäfte, Banken, Schulen lassen sich schließen, doch wie steht es mit dem Elektrizitäts- und Wasserwerk, wie mit Polizei, Feuerwehr, Krankenhäusern und Armee?

Das Religionsgesetz kennt den Grundsatz "Lebensgefahr verdrängt den Schabbat". Bei akuter oder auch bereits möglicher Lebensgefährdung fallen sämtliche Schabbatverbote dahin. Alle lebensrettenden Maßnahmen sind dann nicht nur erlaubt, sondern werden als religiöse Verpflichtung angesehen.

Wollte die Polizei ihren Dienst am Schabbat einstellen, jubilierten Verbrecher. Also bleibt sie rund um die Uhr im Dienst. Entsprechendes gilt für alle, die in lebensrettenden Berufen tätig sind. Elektrizitäts- und Wasserwerk funktionieren, weil ihr Ausfall während 24 Stunden verheerend wäre.

Also, weitgehende Toleranz in der Anwendung der Satzungen, und trotzdem bleiben Reibflächen. Sie entstehen, wenn eine religiös motivierte Minderheit der nichtreligiösen Mehrheit ihren Willen aufzuzwingen sucht.

Einige Beispiele: Bisher fehlt die staatliche Trauung und Scheidung. Zuständig sind die Geistlichen: der Rabbiner, der Pfarrer, der moslemische Kadi. Seit Jahren kämpft die Bürgerrechtsbewegung um die Einführung der Zivilehe, doch aus koalitionspolitischen Gründen ist ihr der Erfolg versagt geblieben.

Die Ultraorthodoxen haben schon vor Jahrzehnten erreicht, dass in Jerusalem, Tel Aviv und anderen Städten vor Beginn des Schabbat am Freitagabend der Autobusverkehr eingestellt wird. Vor einigen Jahren ist es ihnen gelungen, die Flüge der El Al am Schabbat und an den Feiertagen zu unterbinden.

Diese Probleme und noch viele dazu nimmt ein Jude in Kauf, wenn er im Judenstaat leben will. Auch viele Nichtjuden - Christen, Moslems, Drusen, Tscherkessen -, denen bereits die Gründungsurkunde von 1948 die Religionsfreiheit verbrieft, müssen sie notgedrungen in Kauf nehmen. Sie sind indessen Augenzeugen eines einzigartigen geschichtlichen Vorgangs: des „Einsammelns der Zerstreuten Seines Volkes Israel von den vier Enden der Erde" (Gebetbuch) und des Aufbaus eines alt-neuen Staates, der der Gerechtigkeit und dem Frieden verpflichtet ist.

Die Weisen des Talmud lehrten: „Groß ist der Frieden, denn jeder Segen ist im Frieden enthalten." Der Frieden ist nicht erreicht, aber die Suche nach dem Frieden, nach einem dauerhaften und gerechten Frieden, der allen Völkern des Nahen Ostens den Segen bringt, hat machtvoll eingesetzt.

Das „Gebet für den Frieden des Staates" trifft den Kern: Israel kann - wer wüsste es mit Gewissheit zu sagen - der Anfang sein, „da unsere Erlösung zu sprießen beginnt." Wenn sie aber zu sprießen beginnt, beginnt sie jedenfalls im Land Israel, dem „Land, das Ich dir zeigen werde", zu sprießen.

David Ben Gurion, der den Staat Israel am 14. Mai 1948 in Tel Aviv proklamiert hat und den Anbruch der Wende zu erkennen glaubte, schrieb die folgenden Sätze:

„Die Erlösung der Juden findet hier und jetzt statt. Es ist eine große Auszeichnung für uns, in einer Zeit leben zu dürfen, wo wir nicht gezwungen sind, unsere Kultur durch Mystizismen und Träume am Leben zu erhalten. Für uns gilt nicht: Nächstes Jahr in Jerusalem, sondern: Heute in Jerusalem!"

Auf diesem Heute liegt der Akzent, denn vom Heute aus will Israel an einer Zukunft mitbauen, in der unsere von Krisen und Kriegen erschütterte Erde zum messianischen Friedensreich wird.

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Dem nachstehenden Artikel hat der Autor folgenden Vorspann vorausgeschickt:

„Wie alljährlich habe ich auch dieses Jahr meinen nichtjüdischen Freunden in Deutschland und in der Schweiz zum neuen Jahr meine besten Wünsche gesandt und - so wie immer - einen meiner Artikel beigelegt, der dieses Jahr von der Situation in Israel sprach."

Dr. Cohn aus Jerusalem, der zum Kreis der „Denkendorfer Lehrer" gehört, lehrt Tenach (die hebräische Bibel) an der Bar Ilan Universität, der größten Universität in Israel. Er ist vielen Freunden aus dem Denkendorfer Kreis bekannt; darüber hinaus ist m. E. aber sein Neujahrsgruß für alle Rundbriefleser lesens- und bedenkenswert.
Hartmut Metzger

Steter Tropfen höhlt den Stein

Von Gabriel H. Cohn

Im Gegensatz zu früheren Jahren waren die Reaktionen [sc. auf seinen Artikel über die Situation in Israel; HM] diesmal anders. Einige haben mir in aller Freundschaft geschrieben, andere haben (noch) nicht geantwortet. Aber bei vielen hatte ich den Eindruck, dass die stetigen - leider völlig entstellten - Berichte in den Medien über Israels Verhalten gegenüber den Palästinensern sogar ihr persönliches Verhältnis zu mir als Jude und Israeli, der in klaren Worten die Sache Israels vertritt, getrübt haben.

Die Berichte über die Schwierigkeiten und das Leiden der palästinensischen Bevölkerung verunsichern viele Menschen in ihrer Beurteilung Israels, Menschen, welche die Lage nicht selbst beurteilen können und von den Massenmedien Tag für Tag gegen Israel aufgehetzt werden.

Von den Freunden Israels, welche das Land schon oft besucht haben und auch persönliche Freunde in Israel haben, erwartet man jedoch nicht nur Verständnis, sondern auch überzeugten Einsatz für Israel. Es hat mich persönlich getroffen, dass dieser Ausdruck der Verbundenheit in vielen Briefen fehlte.

Sicher macht auch Israel Fehler. Diese werden in unserer demokratischen Gesellschaft klar kritisiert (Stimmen dieser Kritik werden dann ja auch in völlig unproportionaler Weise in der deutschsprachigen Presse hochgezogen). Aber die Fundamente des Nahostkonflikts sind ganz, ganz klar, und jeder rechtdenkende Mensch muss für eine gerechte Beurteilung der Lage einstehen.

Die meisten meiner Freunde in Europa sind mit der Bibel und der jüdischen Geschichte vertraut und wissen, dass die Juden über 2000 Jahre vor der Geburt des Islam in Israel waren und dort seither immer ansässig sind.

1922 wurde dann Palästina aufgeteilt, und über 75 Prozent des Gebietes gingen an den arabischen Staat Jordanien, dessen Bevölkerung mehrheitlich palästinensisch ist, also eigentlich ein palästinensischer Staat.

Auf einem Teil der übrigen 25 Prozent Palästinas wurde 1948 (drei Jahre nach dem Holocaust) aufgrund des UNO-Beschlusses der Staat Israel gegründet. Israel wurde gleich von den umliegenden arabischen Staaten angegriffen und im Rahmen der Kämpfe verließen ca. 630 000 Palästinenser, oft auf Geheiß ihrer Führer, das israelische Territorium.

Eine bedeutend größere Zahl von Juden flüchtete zur selben Zeit aus arabischen Staaten nach Israel.

1964 gründete Arafat die PLO (Palestine Liberation Organisation), welche damals wie heute das Ziel hat, Israel von den Juden zu befreien (die besetzten Gebiete waren seinerzeit in den Händen Ägyptens und Jordaniens).

1967 brach (von Ägypten, Syrien und Jordanien inszeniert!) der Sechstagekrieg aus. Die weiteren Entwicklungen inklusive das Oslo-Abkommen - das für viele eine Quelle der Hoffnung war - sind auch allen bekannt.

Wie diese Geschichtsentwicklungen mehr und mehr verfälscht wurden, kann man am Beispiel Jerusalems sehen. Im Islam spielt diese Stadt eine untergeordnete Rolle: Sie ist im Koran kein einziges Mal erwähnt. Jerusalem war nie die Hauptstadt eines arabischen Staates, und während der jordanischen Herrschaft (1948 bis 1967) besuchte - außer König Abdullah von Jordanien - keine einzige arabische Persönlichkeit die Stadt! Sadat betete bei seinem historischen Besuch in Jerusalem - den Rücken dem Tempelberg zugewandt - in Richtung Mekka.

Für das jüdische Volk war Jerusalem, wie allgemein bekannt, seit den Zeiten Davids immer das Zentrum jüdischen Seins, und die Bibel und alle späteren jüdischen Schriften befassen sich intensiv mit dieser Stadt.

Alle jüdischen Gotteshäuser in der Welt sind nach Jerusalem ausgerichtet, und bei jedem jüdischen Anlass nehmen die Lieder der Sehnsucht nach Jerusalem einen zentralen Platz ein (Hochzeit, Seder-Abend, Jom Kippur etc.).

Jedoch heute wird die Geschichte neu geschrieben:

„Israel hat keine Rechte in Jerusalem", heißt es in Moscheen und Schulprogrammen.

Archäologische Ausgrabungen, welche Licht auf Israels Vergangenheit in Jerusalem werfen, werden systematisch zerstört. Der Tempelberg, den Israel um des Friedens willen unter arabische Verwaltung stellte, ist der einzige Ort in der Welt, den ein Jude nicht besuchen darf!

Statt gegen diese Entstellung der Geschichte und das Aufheben der Religionsfreiheit energisch zu protestieren, fordert man Israel dringend auf, die heiligen Stätten ganz den Palästinensern zu überlassen.

Um es klarzustellen: Mit Friedenswillen lässt sich für die Jerusalem-Frage ein modus vivendi finden - aber hier geht es um ein systematisches Zerstören der Jahrtausende alten Beziehung Israels zu seiner heiligen Stadt, die in seiner Tradition eine so zentrale Rolle spielt.

Auf einer ‚posthistorischen’ Geschichtsschreibung dieser Art kann keine Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses gedeihen.

Zu einem anderen wichtigen Punkt: Die Sprache schafft Bezugnahme. Der Ausdruck „Besatzungsmacht" erweckt furchtbare Assoziationen. Man muss sich aber energisch gegen diese Bezeichnung wehren. Es gibt in Palästina nur „umstrittene Gebiete", und man kann in diesem „Streit" tragbare Lösungen finden.

Israel ist 1967 nicht in den Krieg gezogen, um Gebiete zu erobern, sondern der jüdische Staat wurde angegriffen und in einen Verteidigungskrieg verwickelt, im Rahmen dessen er den Weg zu alten jüdischen Zentren zurückfand, von denen er vorher gewaltsam vertrieben wurde (Altstadt Jerusalem, Hebron, Gusch Etzion etc.).

Die „besetzten" Gebiete gehörten keinem Staat und waren seinerzeit ungesetzlich von Ägypten und Jordanien verwaltet worden. Also ist Israel keine Besatzungsmacht.

Auch der Ausdruck, Israel sei die letzte „Kolonialmacht", der in Durban bei der Antirassismus-Konferenz immer wieder auf offene Ohren stieß, ist absolut unfundiert im Zusammenhang mit Israel. Natürlich wissen die Palästinenser, warum sie diese Bezeichnung benützen: Durch sie wird der Staat Israel überhaupt in Frage gestellt. Sind Jaffa und Haifa nicht auch „besetzte" Gebiete und Teil des zionistischen Kolonialismus?

Es ist an der Zeit, dass jeder sich fragt, was er in der gegebenen Situation an Israels Stelle machen würde. Früher hieß es „Gebiete für Frieden", und Israel hat sich mit diesem Slogan abgefunden, obwohl heiliges Land nicht einfach „Gebiete" sind. Nun, nachdem die palästinensische Führung keinen Frieden will (Arafat hat das Wort „Frieden" im Zusammenhang mit Israel nie auf Arabisch benützt), heißt es, die Gebiete, mit denen das Volk Israel seit Jahrtausenden verbunden ist, sollen ohne verbindliches Friedensabkommen verlassen werden - wohl damit alle Welt sieht, dass Israel unter Gewalt historisches Land aufgibt. - Es ergibt sich von selbst, dass nach einem solchen Rückzug Israel von ganz nah viel leichter und tödlicher angegriffen werden kann.

Wer, wie manche Journalisten in namhaften Zeitungen, das Existenzrecht Israels bezweifelt, wird schnell verantwortungslose Ratschläge geben können. Wer aber glaubt, dass das jüdische Volk in Israel neben 21 arabischen Staaten auch eine kleine Welt für sich entwickeln darf, wird es nicht leicht haben, Israel „gute" Ratschläge zu geben.

Es ist immer politically correct und „salonfähig", zu sagen, dass im Nahostkonflikt beide Parteien schuldig sind und dass man nicht einseitig die Situation beurteilen darf. Leider sind wir hier in Israel nicht in einem „Salon", sondern seit über 50 Jahren in einem täglichen Kampf um die jüdische Existenz in Israel.

Im Nahostkrieg stehen sich zwei grundsätzlich ganz ungleiche Partner gegenüber. Die eine Seite (Israel) akzeptiert die Rechte der anderen, will zu einem lebensfähigen Vergleich kommen und hat schon 95 Prozent der Araber in den „Gebieten" unter palästinensische Autonomie gestellt! In Israel diskutiert man heftig über die Frage, ob alles getan wird, um Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden.

Hier wird von Frieden gesungen und geträumt (diese Lieder sind zum Teil international bekannt), und das Losungswort heißt „Schalom"!

Die andere Seite (die Palästinenser) spricht den Juden alle ihre Rechte in Israel und Jerusalem ab, schürt in Medien, Moscheen und Schulbüchern den Hass gegen die Juden und ruft zur Zerstörung Israels auf (die diesbezüglichen Unterlagen sind erschütternd!). Wenn - wie diese Woche in Jerusalem - Terrorakte gegen Israel gelingen und Frauen und viele Kinder getötet und verletzt werden, finden in der palästinensischen Autonomie Freudendemonstrationen statt.

Bei solch einem Unterschied der Kriegs- respektive Friedensmentalität ist kein Raum für „sterile" Salongespräche. Da muss jeder an Gerechtigkeit und Frieden interessierte Mensch klar Stellung beziehen!

Eines muss uns allen klar sein: Viele Palästinenser, unterstützt von anderen militanten Mulimen, bereiten eine Zerstörung Israels vor. Der Holocaust wird offiziell als zionistische Erfindung abgetan, was aber die palästinensische Propaganda nicht daran hindert, Maßnahmen Israels als „nazistisch" abzustempeln, um damit alle späteren Terroranschläge zu rechtfertigen.

Die unglaublichsten „Blutmord"-Beschuldigungen werden immer neu wiederholt:

Israel vergiftet Nahrungsmittel, verseucht Wasser, vergewaltigt junge Palästinenserinnen, und eine legitime Basis für schärfste anti-israelische Terroraktionen wird geschaffen.

Der fürchterliche Terror gegen Zivilisten (auch viele Kinder) ist dann tatsächlich das Ergebnis dieser Hetze.

Seit Jahren beschäftigen sich die internationalen Gremien (letztens in Durban bei der Antirassismus-Konferenz) immer vor allem mit Israel. Alle Welt mit ihren Diktaturen und Unterdrückungsmethoden wird gerechtfertigt, nur das kleine demokratische Israel, welches seit seiner Gründung um einen Ausgleich mit den Palästinensern bemüht war, ist allein an allem Unrecht der Welt schuld und wird dementsprechend von einer automatischen Mehrheit verurteilt.

Langsam, aber sicher wird Israel sein moralisches Existenzrecht abgesprochen.

Alle jene Nichtisraelis, welche die in diesen Zeilen dargestellte Situation kennen und auch persönliche Kontakte zu Israelis haben, müssen es als ihre menschliche und religiöse Pflicht ansehen, in jedem möglichen privaten und öffentlichen Rahmen aufklärend zu wirken und ihre Stimme zu erheben, um solch einer geplanten Gefährdung Israels und indirekt auch des jüdischen Volkes (das inzwischen von bedenklichen Wellen des Antisemitismus umgeben ist!) entgegenzuwirken.

Wer in dieser Zeit schweigt und nicht klar Stellung nimmt, macht sich an den gefahrvollen zukünftigen Entwicklungen mitschuldig.

Aus: ISRAEL NACHRICHTEN vom 15. März 2002

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