|
|
|
|
Aus dem Rundbrief vom 18. Juni 2002:
Der folgende
Artikel ist ungewöhnlich umfangreich. Doch zu kürzen war
er m. E. nicht. Die Nachforschungen, die hinter dem ZEIT-Artikel stehen, ließen
sich nicht ausklammern. Man kann den Bericht auch in Abschnitten lesen; doch
auslassen sollte man davon keinen. Die Politik Europas
und seine Verwicklung im Nahostkonflikt stehen hier zur Diskussion. Und wir alle
sind beteiligt, nicht zuletzt auch als Steuerzahler, deren Geld den Frieden -
oder den Terror - fördert. Die im Artikel
angeführten Zitate habe ich, der leichteren Lesbarkeit wegen, zusätzlich noch
durch Kursivschrift kenntlich gemacht. Arafat bombt, Europa zahlt Hetze gegen Israel,
Belohnung für Attentate - was der PLO-Chef mit den Fördergeldern der EU macht,
ignorieren die Politiker in Brüssel. Finanziert haben sie auch Arafats
Sicherheitsapparat, der vom Bundesnachrichtendienst ausgebildet wurde und jetzt
unter Terrorverdacht steht. Von THOMAS
KLEINE-BROCKHOFF UND BRUNO SCHIRRA In
der Sheikh-Ijlin-Moschee zu Gaza City haben sich 500 Knaben und Männer zum
Freitagsgebet versammelt. Sie lauschen dem Imam der Moschee, Sheikh Ibrahim Madh.
Es ist der 12. April 2002, und der Imam spricht zur Lage der palästinensischen
Nation:
„Wir glauben an den Sieg Allahs. Wir glauben, dass wir eines
Tages als Eroberer in Jerusalem einziehen werden, als Eroberer in Jaffa, als
Eroberer in Haifa, in Ramle, in Lod und in ganz Palästina, wie Allah es uns
aufgegeben hat.... Jeder, dem in diesen Tagen nicht die Gnade des Martyriums
zuteil wird, sollte mitten in der Nacht aufwachen und sich fragen: ‚Warum, mein Gott,
hast du mir um deinetwillen den Märtyrertod vorenthalten?’ ... Im
Hadith-Kommentar heißt es: ‚Die Juden werden euch bekämpfen, aber ihr seid
ausersehen, über sie zu herrschen.’ ... Und wenn dann der Jude hinter dem Fels
und dem Baum sich versteckt, so werden der Fels und der Baum sagen: ‚Oh, Allah,
oh, Diener Allahs, ein Jude versteckt sich hinter mir, komm und töte ihn’ ...
Oh, Allah, nimm uns als Märtyrer auf in den Himmel. Oh, Allah, bring einen
rabenschwarzen Tag über die Juden. Oh, Allah, lösche die Juden aus und auch ihre
Förderer. Oh, Allah, hisse das Banner des Heiligen Krieges im ganzen Land. Oh,
Allah, vergib uns unsere Sünden."
Der Imam spricht diese Sätze im Auftrag der Palästinensischen Autonomiebehörde
(PA), die ihn überdies für seine Dienste honoriert. Seine Predigt muss er zuvor
bei Jassir Arafats Behörde autorisieren lassen. PA-TV, der Fernsehsender der
Autonomiebehörde, überträgt die Predigt am selben Tag. Und just dieser Sender -
Arafats Sender - wird von der Europäischen Union seit Jahren gefördert.
Die Unterstützung soll offiziell der „Schaffung eines offenen und
pluralistischen Informationssystems und somit der Errichtung einer
demokratischen palästinensischen Gesellschaft" dienen.
PA-TV verdankt fast alles europäischen Steuerzahlern: Kantine, Ü-Wagen,
Sendemasten, Ausbildungskurse der Journalisten. Auch den Wiederaufbau der Masten
nach israelischen Angriffen kann sich PA-TV aus Brüssel erstatten lassen.
Der von Europas Geld abhängige Sender überträgt nicht nur Predigten und nicht
nur am muslimischen Feiertag. Wer sich für Varianten des Judenhasses
interessiert, kann Transkripte als E-Mails beim Middle East Media Research
Institute in Washington abonnieren (www.memri.org).
Seit langem schon beklagen westliche Medienbeobachter, wie die religiöse und
politische Elite rund um Arafat den Krieg gegen die Juden in dessen Fernsehen
als ewige Aufgabe hinstellt, wie sie Friedensvereinbarungen zu Zwischenstadien
erklärt und wie sie Allahs Liquidation des Staates Israel ankündigt. Das alles
fällt unter die Freiheit der palästinensischen Regierungspresse.
Aber die Pressefreiheit verbietet nicht, dass sich Förderer genau anschauen, wen
sie fördern. Zu kontrollieren, was mit Europas Geld geschieht, ist dort leicht.
Es reicht aus, im Heiligen Land einen Fernsehapparat anzuschalten.
Trotzdem hat die Kunde von der ausgestrahlten Propaganda die europäischen
Institutionen erst am 23. November 2000 erreicht. Da fragt nämlich der
Europaabgeordnete Olivier Dupuis aus Belgien schriftlich an, ob die
EU-Kommission es „für annehmbar hält, dass EU-Finanzhilfen dazu verwendet
werden, Hassgefühle gegenüber dem israelischen Volk zu schüren"? Der
Parlamentarier möchte auch wissen, „welche Mechanismen die Kommission
beabsichtigt einzuführen", um derlei Missbrauch künftig auszuschließen.
EU-Kommissar Chris Patten aus Großbritannien zieht es am 12. Dezember 2000 vor,
die Fragen wortreich unbeantwortet zu lassen. Er verweist auf das Abkommen der
EU mit Jassir Arafats Behörde. Dort steht, dass die Zusammenarbeit auf der
„Wahrung der Grundsätze der Demokratie und der Achtung der Menschenrechte"
gründet. Diese Zusicherung scheint Patten zu reichen.
Sie reicht auch dem deutschen Gesandten bei den Palästinensern. Andreas Reinicke
lehnt die Inhaltsprüfung des Senders ab und bietet zur Erklärung einen Vergleich
an: „Wenn wir Wasserrohre legen, prüfen wir ja auch
nicht, ob das Wasser bei einem Hamas-Terroristen ankommt."
Wie Jassir Arafat Europas Milliarden des guten Willens verwandt hat, ob sie den
Frieden fördern oder zerstören halfen, wird erst jetzt zum Politikum. Am 6. Mai
dieses Jahres hat Israels Premierminister Ariel Scharon der EU eine 100 Seiten
starke „Akte Arafat" zugesandt (www.idf.il). Sie soll zeigen, dass Arafat
die Welt getäuscht habe und seinen Staat nicht durch Verhandlungen, sondern
durch Terror gründen wolle - und ihn persönlich befehlige.
Zum Beweis legt Scharon Dokumente bei, die seine Truppen bei der Besetzung von
Arafats Verwaltungszentrale in Ramallah und andernorts im Westjordanland
beschlagnahmten. In
diesem Konvolut findet sich ein schwerer Vorwurf:
„Arafat und seine Männer verwandten die Zuschüsse anderer Länder, darunter der
EU, um ihren Terrorismus zu finanzieren."
Die EU kontert sofort. Schon am nächsten Tag, dem 7. Mai, schreibt Kommissar
Christ Patten einen Brief an die Außenminister der Union: „Bis heute liegen
der EU-Kommission keinerlei harte Beweise vor, wonach EU-Gelder zur Finanzierung
des Terrors oder zu einem anderen Zweck missbraucht wurden." So sagt er es
bis heute. Palästinas neue
Schulbücher verherrlichen „die Märtyrer"
Wer hat Recht? Die ZEIT hat in Berlin, Brüssel und Washington
recherchiert, in Israel und in den Palästinenser-Gebieten; an allen Orten ist
sie Hinweisen und Dokumenten nachgegangen, wonach mit EU-Geldern zuerst im Namen
des Friedens zum Krieg angeleitet und dann im Namen des Aufbaus demokratischer
Strukturen ein Terrornetzwerk finanziert worden sei. Die Ergebnisse der
Nachforschungen sind alarmierend.
Der 2. September 2000 ist ein großer Tag für die Palästinenser. Mit allem Pomp
wird - nur Wochen vor dem Ausbruch der zweiten Intifada - ein weiterer Schritt
zur Staatswerdung gefeiert. Naim Abu Houmus, stellvertretender Bildungsminister,
lädt in sein Ministerium nach Ramallah.
Diplomaten, Schüler und Lehrer erleben eine Enthüllungszeremonie: Die neuen
Schulbücher, erstmals von Palästinensern für Palästinenser geschrieben, werden
ausgepackt. „Ein Traum meines Volkes wird wahr", sagt Abu Houmus, als er
die Bücher für die 1. und 6. Klasse in Kinderhände legt.
„Jetzt werden wir die Wahrheit lehren."
Ein großer Tag auch für die Europäer. Sie wissen: Bücher können Waffen sein.
Deshalb ist Bildungshilfe das Kernstück europäischer Friedensarbeit in
Palästina.
Ohne Europa geht nichts im Schulwesen. Gebäude, Gehälter, auch die
Schulbuchkommission werden aus Brüssel gefördert - seit dem Osloer Abkommen von
1993 mit mehr als 330 Millionen Euro.
Den Druck der Bücher finanzieren überdies sechs EU-Staaten, koordiniert von den
Italienern. Die Palästinenser sichern der Sechsergruppe zu, die Bücher vorab
einsehen zu dürfen. Als es so weit ist, wollen die Palästinenser davon nichts
mehr wissen. Froh, dass die ersten Uraltbücher mit ihrem offenen Antisemitismus
ersetzt werden, gehen die Italiener gnädig über den Bruch der Vereinbarung
hinweg.
Kaum sind die neuen Bücher erschienen, hagelt es Kritik von westlichen
Fachleuten - trotz einiger Fortschritte wegen der Mäßigung im Ton, die alle
anerkennen. Wer die Bücher liest, stellt fest: Die Idee des Friedens gibt es
darin nicht. Der Friedensprozess und die Verträge von Oslo werden nicht erwähnt.
Zur religiösen Toleranz wird wohl aufgerufen, aber nur zwischen Muslimen und
Christen. Juden tauchen nicht auf, und wenn, dann historisch. Ihre Verbindung
zum Heiligen Land ist auf das Altertum beschränkt. Die jüdische Wiederbesiedlung
Palästinas heißt „Infiltration". Ein direkter Aufruf zum Terrorismus findet sich
nicht, allerdings werden „Märtyrer Palästinas" glorifiziert, etwa der „Ingenieur
Ayyash", der in den neunziger Jahren Selbstmordattentäter aussandte und Dutzende
Israelis töten ließ.
Der Staat Israel existiert nicht. Sein Name taucht in keiner Karte auf, vielmehr
stehen dort Begriffe wie „grüne Linie", „das Innere des Landes" oder
„1948er-Land". Von den Israelis gegründete Städte, wie Tel Aviv etwa, werden
nicht erwähnt. Der Staatsname Palästina samt Wappen von Arafats Behörde findet
sich dagegen überall, zum Beispiel auf Buchdeckeln. Dieser Staat erstreckt sich
vom Jordan bis zum Mittelmeer.
Abu Houmus, der Vizebildungsminister, rechtfertigt die Abschaffung Israels in
den Lehrbüchern gegenüber der Los Angeles Times so:
„Über Israels Grenzen ist noch nicht entschieden. Wenn das geschieht, richten
wir uns danach, was die Regierung entscheidet. Wir überlassen das einfach den
Politikern." Man habe bloß in der arabischen Welt
gebräuchliche Karten verwandt. Und Kapitel zum Frieden mit Israel werde es
geben, sobald ein endgültiger Friedensvertrag unterzeichnet sei. Mit anderen
Worten: Im Jahr 2000 wird ein Kriegs-Curriculum eingeführt. Es
dauert ein paar Wochen, bis der Schulbuchstreit den europäischen Kontinent
erreicht. Am 15. November 2000 fragt der sozialistische Abgeordnete Francois
Zimeray aus Frankreich bei der UN-Kommission nach. Er will wissen, warum man ein
Bildungssystem finanziere, dessen Lehrbücher „regelrechte antisemitische
Manifeste darstellen, die in jedem Land der Europäischen Union unter das Gesetz
über ‚Anstiftung zum Rassenhass’ fallen würden". Außerdem fragt der
Abgeordnete nach den Kontrollen der EU.
Außenkommissar Chris Patten antwortet, die EU-Kommission habe den Druck der
Bücher nicht finanziert. Das ist formal korrekt und doch eine Ausflucht.
Zwar kann die Union nicht direkt beeinflussen, was sechs ihrer Mitgliedstaaten
tun. Aber als Mitglied des internationalen „Geberforums" finanziert sie die
palästinensische Schulbuchkommission und überdies viele Lehrer. Ist der Union
egal, was die Lehrer, die sie bezahlt, unterrichten?
Der Abgeordnete Zimeray setzt nach und attackiert den EU-Kommissar: „Ich habe
Ihnen präzise Fragen gestellt, und ich erwarte präzise Antworten in einer
wichtigen Sache. Sind sie bereit, ja oder nein, die Hilfe der Union von der
Beachtung fundamentaler Menschenrechte abhängig zu machen?"
Patten antwortet: „Wir werden das Thema mit den
Palästinensern besprechen." Um
zu sehen, was sich verbessert hat, reist der CDU-Europaabgeordnete Armin Laschet
im Juli 2001 nach Palästina. Doch er stellt fest: Nichts ist geschehen, niemand
hat das neue Lehrmaterial verändert.
Schlimmer noch: Die alten antisemitischen Bücher werden neu aufgelegt, mithilfe
europäischer Staaten. Auf dem Einband steht das Land, das Sponsor ist. Armin
Laschet bedrängt sogar Jassir Arafat. Doch der sagt ihm, er sehe keinen Anlass,
die neuen Bücher zu verändern, und habe kein Geld, die alten schneller
auszutauschen.
Arafat vergisst dabei zu erwähnen, dass die amerikanische Regierung längst
angeboten hat, den Austausch der alten Lehrbücher zu bezahlen, sofort und
komplett. Das hat Arafat abgelehnt und es vorgezogen, mithilfe der
pflegeleichten Europäer die alten Kampfbücher leicht entschärft neu binden zu
lassen.
Entsetzt verlässt Laschet Palästina und beantragt im Europaparlament, die
Förderung der Bildungsarbeit einzustellen, „solange sich die Lehrbücher nicht
ändern". Im Plenum fehlen ihm am Ende zwei Stimmen. Die Sozialisten mögen
nicht zustimmen und auch nicht Abgeordnete verschiedener Fraktionen aus den
Niederlanden, Irland und Skandinavien. Diese Allianz will keinen Druck auf
Europas große Hoffnung im Nahen Osten ausüben.
Die Hoffnung verblasst nicht einmal, als sich die Indizien mehren, nach denen
Arafat jenen Frieden nicht mehr will, der Voraussetzung aller Förderung ist.
Niemand erwägt Konsequenzen, als Arafats eigene Al-Aksa-Märtyrerbrigaden
unentwegt Israelis in die Luft sprengen. Die Gutgläubigkeit, die Naivität, der
Langmut der Europäer scheinen unendlich zu sein.
Offenbar hat sich für sie nichts geändert seit jenen Osloer Tagen im Herbst
1993, als die Welt hoffen durfte, es werde Friede nach 100 Jahren Krieg im
Heiligen Land. Damals, auf der ersten Geberkonferenz, vereinbarten Europäer und
Araber, dem werdenden Staat zu helfen. Die Europäer nehmen ihre Aufgabe ernst,
so ernst wie sonst nur Agrarsubventionen. Die gewaltige Summe von mindestens 4,1
Milliarden Euro ist seither nach Palästina geflossen, Zuwendungen einzelner
EU-Länder nicht mitgerechnet.
Weil die Erfinder der Friedensförderung sich sorgten, Geld werde
Begehrlichkeiten bei den Empfängern wecken, ersannen sie die „Projekthilfe".
Deren Verwendung lässt sich besser kontrollieren als laufende Zahlungen in den
Haushalt. Fast die gesamte neue Infrastruktur - Schulen, Krankenhäuser,
Flughafen - hat Brüssel hingestellt. Die EU zahlt auch an Arafats Kasse,
allerdings mit Zweckbindung. Das Geld ist für Gehälter öffentlicher Angestellter
bestimmt, etwa Polizisten oder Lehrer.
Als die zweite Intifada im Herbst 2000 entfesselt wird, stoppt Israel alle
Transferzahlungen an die Palästinenser. Jahrelang hatten sie Arafats Behörde
einen Teil der Einnahmen aus Einfuhrzöllen überlassen. Jetzt glaubt die neue
Regierung Ariel Scharons: Arafat dämpfe die Intifada nicht, er heize sie an; er
dulde und fördere die neue Serie von Selbstmordanschlägen gegen Israel.
Die Europäer sehen die Lage anders: Scharon habe die Intifada durch seinen
provokativen Besuch auf dem Tempelberg selbst ausgelöst; für den Terror seien
die Extremisten vom Islamischen Dschihad und von Hamas verantwortlich; Arafat
versuche zu beruhigen und den Friedensprozess vor den Radikalen zu schützen.
Deshalb trifft die Europäische Union eine - wie es jetzt scheint: folgenschwere
- Entscheidung:
Sie springt für die Israelis ein und weist seit Juni 2001 eine monatliche
Haushaltshilfe von zehn Millionen Euro an - direkt und nicht länger als
„Projekthilfe".
Nach Darstellung von EU-Kommissar Christ Patten ist dies ein „wichtiger
Beitrag, um den weiteren Absturz in Anarchie, Chaos und Armut" zu
verhindern. Das Geld soll helfen, für „öffentliche Grundbedürfnisse" zu
zahlen, also „Bildung, Gesundheit, Polizei, Gehälter von Beamten".
Hat Jassir Arafat das Geld verwandt wie vorgesehen?
2200 Kilo Sprengstoff, genug für Hunderte von Selbstmörderbomben Im
Frühsommer 2001, als die Europäer beschließen, Arafat direkt zu alimentieren,
beschließt Arafat etwas anderes - hinter dem Rücken der Europäer. Die Welt
erfährt von dieser Entscheidung erst ein paar Monate später, am 3. Januar 2002. An
diesem Tag sitzt Israels Generalstabschef Shaul Mofaz in einer Militärmaschine
hoch über dem Roten Meer und schaut durch ein Spezialfernglas auf die See. Unten
sieht er einen rostigen blauen Frachter. Drei Monate lang hat Israels
Geheimdienst das Schiff beobachtet. Aber jetzt ist Mofaz nervös. Er schaut
selbst durch das Fernglas, bis er die Schriftzeichen auf der Bordwand entziffern
kann: Karina-A. In diesem Moment gibt er den Einsatzbefehl.
Binnen Minuten haben Kommandotruppen der Marine das Schiff geentert. Kein Schuss
fällt. Den Ablauf des Waffengeschäfts hat der Nahostexperte Robert Satloff vom
Washington Institute for Near East Policy detailliert rekonstruiert und in der
Zeitung The National Interest publiziert (auf die sich diese Darstellung
im Wesentlichen stützt).
Unter Kisten mit billiger Kleidung und Sonnenbrillen finden die Soldaten in
wasserdicht verpackten Containern Waffen und Sprengstoffe, genug, um eine kleine
Armee zu versorgen: Raketen mit Reichweiten bis zu 20 Kilometern, Granaten,
panzerbrechende Waffen, Maschinengewehre, Minen. Dazu genug C4-Sprengstoff für
300 Selbstmörderbomben: 2200 Kilogramm, das ist fünfmal so viel wie das Gewicht
aller Selbstmörderbomben, die in Israel seit Staatsgründung explodiert sind.
Doch nicht die Zahl der Waffen erschüttert den Nahen Osten, sondern ihre
Herkunft und ihr Ziel. Die Karina-A kam aus dem Iran, und die Waffen
sollten in den Gaza-Streifen. So gesteht es der Kapitän in der Haft.
Gern lassen die Israelis den Mann sein Bekenntnis vor Journalisten der New
York Times und von Fox TV wiederholen. Im Interview nennt der Mann, Omar
Akawi, auch den Auftraggeber: die palästinensische Autonomiebehörde. „Die
haben mir gesagt, es seien Waffen für Palästina", erzählt Akawi, „als
palästinensischer Offizier tue ich, was mir gesagt wird." Inzwischen haben
sich auch amerikanische und europäische Regierungsbeamte die Indizien angeschaut
und die israelische Version bestätigt.
Der Befehl zum Ankauf solcher Waffen markiert die strategische Wende des Jassir
Arafat: von der friedlichen zur blutigen Lösung des Konflikts.
Diese Wende vollzieht sich gerade in jener Phase, in der Europa sein größtes
Vertrauen in den Friedensnobelpreisträger Arafat setzt und ihm Direktzahlungen
zusagt.
Wie Arafat den Freundschaftspreis von zehn Millionen Dollar für die Fracht der
Karina-A bezahlt hat, gehört zu den Geheimnissen dieser Affäre. Bis heute
gibt es kein Indiz dafür, dass Europa die Waffen gegen Israel bezahlt hat.
Wer das beruhigend findet, sollte eine kleine Wahrscheinlichkeitsrechnung
anstellen: Zur Zeit des Waffengeschäfts zahlte Europa mindestens 10 Prozent des
laufenden Etats von Jassir Arafat und 50 Prozent aller Hilfszahlungen. Neben den
Europäern hatte Arafat nur noch zwei Einnahmequellen - erhebliche Hilfszahlungen
der arabischen Staaten und unerhebliche Steuereinnahmen. Wie groß ist also die
Wahrscheinlichkeit, dass Arafat Europas Ruf nicht beschmutzt hat?
EU-Kommissar Chris Patten rühmt Europa eines besonders „strengen Mechanismus
von Ex-ante- und Ex-post-Kontrollen". Jeden Monat werde nur dann Geld
überwiesen, sagt er, wenn Prüfer die ordnungsgemäße Verwendung der Hilfe vom
Vormonat testiert hätten. Der Haushalt muss gegenüber der EU völlig transparent
sein, Nebenhaushalte soll es nicht geben. Höchst erstaunlich ist es deshalb, wie
mühelos Arafat ein ganzes Waffenschiff am Haushalt vorbeisteuern konnte.
Glaubt man der Europäischen Union, gibt es eine wirksame Kontrolle für die
Hilfsgeldzahlungen nach Palästina: den Internationalen Währungsfonds (IWF).
EU-Kommissar Chris Patten schreibt, der IWF überprüfe die Zahlungen genauestens
und schicke monatlich eine Unbedenklichkeitserklärung.
Für den IWF erledigt Karim Naschaschibi diesen Job. Er wohnt in Jerusalem.
Dieser Mann, der laut Patten die Palästinenser kontrollieren soll, ist selbst
Palästinenser. Er stammt aus demselben Clan und führt denselben Nachnamen wie
Jassir Arafats langjähriger Finanzminister. Er war sogar für eine politische
Karriere unter Arafat vorgesehen: Bis Montagabend dieser Woche sollte IWF-Mann
Naschaschibi Arafats neuer Finanzminister werden. Dann drehte sich der Wind, und
Naschaschibis Vorgänger beim IWF ist seither erster Kandidat für dieses Amt.
Arafats Finanzberater Fuad Shoubaki, jener Mann, der die Karina-A kaufte,
ist stolz darauf, den IWF-Vertreter Naschaschibi "einen Freund" nennen zu
dürfen.
Jener Freund, der angeblich auch ein Kontrolleur sein soll, gibt allerdings zu
bedenken: „Wir überblicken nicht, wie jeder Euro ausgegeben wird", denn
„wir sind keine Rechnungsprüfer". Der IWF überwache lediglich, ob die
Summen nach dem Haushaltsplan in der korrekten Höhe an die richtigen Ressorts
fließen.
Nicht anders sieht es der IWF in Washington. „Wir haben keinen Prüfauftrag",
heißt es dort, „wir helfen nur, den Budgetplan der Palästinensischen
Autonomiebehörde aufzustellen." Wenn dies zutrifft, haben sich die
Palästinenser bis zum heutigen Tag selbst kontrolliert - also gar nicht.
Was Europas Politikern nun wie eine große Überraschung vorkommen muss, hat sich
lange angebahnt. Die Wende des Jassir Arafat lässt sich inzwischen erzählen wie
ein Kapitel aus einem historischen Kriegsepos. Denn die palästinensischen
Zeitzeugen beginnen langsam, ihr Schweigen zu brechen.
Sie berichten von den Strategietreffen der Autonomiebehörde (bitten allerdings
um Anonymität). Die Zusammenkünfte beginnen schon vor Ausbruch der Intifada im
Herbst 2000 und enden offenbar mit der Empfehlung, auf Terror zu setzen.
Eines dieser Treffen datiert vom Februar 2001, kurz vor der Wahl in Israel. Es
findet in Jerusalems Orienthaus statt. Zwei Zukunftsszenarien werden diskutiert.
Option eins: Arafats Leute würden auf den kontrollierten Aufstand setzen. Die
Intifada geht zu diesem Zeitpunkt schon fünf Monate lang dahin, mit Steinen, mit
Schüssen, mit Toten. Jassir Arafat hatte gleich zu Beginn inhaftierte Attentäter
freigelassen und damit gezeigt, dass er nun den Terror der Radikalen dulden, mit
ihm spielen würde. Eine Strategie des Mordes und zugleich der Einhegung, die
eigene Parteigänger nur in den besetzten Gebieten einsetzt. Am Ende würde
Israels Ministerpräsident, entnervt, Kompromisse schließen müssen.
Nicht wenn Ariel Scharon gewählt wird!, widersprechen die Anhänger von Variante
zwei. Sie bieten eine andere, vermeintlich moderne Lageanalyse an. Weil ein
Ministerpräsident Scharon nie mehr anbieten werde als sein Vorgänger Ehud Barak
bei den Verhandlungen von Camp David im Vorjahr, müsse man auf Krieg setzen. Ist
es nicht seit ein paar Monaten erwiesen, dass Israel zu besiegen ist? So
interpretiert diese Gruppe den Rückzug Israels aus dem Libanon. Israelis seien
nicht leidensfähig und würden dauernde Verluste nicht ertragen. Der unsichtbare
Selbstmordbomber sei die Waffe, die diese westlich verweichlichte Gesellschaft
ins Herz treffe. „Richtete
Scharon doch ein ordentliches Massaker an"
Für die Anhänger dieser Theorie wäre ein Hardliner als Ministerpräsident sogar
die bessere Lösung. Provoziere man Scharon nur genügend, werde er brachial
zurückschlagen. Arafats persönliche Truppen, die Al-Aksa-Brigaden, stünden
bereit. Ein Zyniker, sehr weit oben in der palästinensischen Hierarchie
angesiedelt, sagte damals: „Wir würden uns wünschen, Scharon richtete ein
ordentliches Massaker an." Danach nämlich funktioniere das „Modell Kosovo".
Die Welt, empört über Israel, werde zu Hilfe eilen. Am Ende würden
internationale Truppen im Heiligen Lande stehen und den neuen palästinensischen
Staat schützen. In
diesen tragischen Fiebertraum steigern sich offenbar auch Palästinenser hinein,
die zuvor als Moderate galten.
Dass sich Jassir Arafat im Frühjahr 2001 an die Spitze der Bewegung gesetzt und
das Fantasma zur Strategie gemacht hat, wollen die Israelis jetzt durch
Dokumente beweisen. Die wurden entdeckt, als Israels Panzer nach immer neuen
Mordanschlägen eine Schneise durch die besetzten Gebiete schlugen, Trümmer und
Leichen zurückließen, Polizeistationen, Verwaltungsgebäude und Jassir Arafats
Amtssitz besetzten.
Heute liegen die Unterlagen, in Umzugskisten gestapelt, in Lagerhallen. Große
Teams werten mehrere Millionen Blatt und viele Gigabyte Daten aus. Eine Auswahl
der Dokumente hat die israelische Armee ins Internet gestellt, andere übergibt
sie Journalisten, um die Welt zu überzeugen.
Der 21. März 2002 ist einer dieser furchtbaren Tage, an die man sich niemals
gewöhnen wird. Die Bombe explodiert im Zentrum Westjerusalems, auf der King
George Avenue. Der Täter ist ein junger Mann, Araber, der Passanten zuvor
verdächtig vorkam. Sie alarmierten die Polizei, er fasst sich an den Bauch: zu
spät! Der Mörder und drei Opfer bleiben tot liegen, 70 Menschen werden verletzt.
Sofort beginnt das politische Ritual. Arafats Al-Aksa-Brigaden bekennen sich zur
Tat. Israelische und palästinensische Polizisten treffen sich und beraten. Der
amerikanische Außenminister Colin Powell ruft Arafat an und fordert ihn auf,
entschieden vorzugehen gegen Terroristen. Die palästinensische Führung erklärt,
sie werde die Drahtzieher festnehmen. Nach den Dokumenten, die später in Arafats
Hauptquartier sowie Nachrichtendienstbüros in Tulkarem und Nablus gefunden
werden, müsste der Palästinenser-Führer sich in diesem Moment selbst festnehmen.
Die Geschichte des Anschlags ist festgehalten in einem ganzen Bündel von
Papieren, die geeignet sind, das gängige Bild vom Selbstmordattentäter zu
erschüttern.
Keineswegs handelt es sich hier um einen zornigen jungen Mann, der von
Unterdrückung, Besetzung und Armut gedemütigt irgendwann ausrastet. Vielmehr
zeigt sich das präzise geplante, über Monate vorbereitete Unternehmen einer
Terrorzelle, die auf Befehl handelt. Im Hintergrund agieren Arafats Satrapen,
bürokratisieren den ganzen Prozess und streiten um das Recht, dem Märtyrer den
Weg in den Himmel weisen zu dürfen.
Der Mann, der dazu ausersehen ist, heißt Mohammad Hashaikh, stammt aus einem
Vorort von Nablus, ist 21 Jahre alt und Polizist bei der Autonomiebehörde. Die
Planung übernehmen zwei so genannte Operateure, Naser Ash-Shawish und Mohammed
Ka’abina, beide Ende 20, beide aus Nablus, der eine angestellt bei einem von
Arafats Geheimdiensten, der andere Mitglied des Islamischen Dschihad.
Anweisungen gibt einer von Arafats 13 Geheimdiensten, den offenbar nicht stört,
dass ein Mitglied der Zelle von der islamistischen Konkurrenz ist.
Die Zelle wird in den Monaten ihrer Vorbereitungen entdeckt - von einem anderen
Geheimdienst aus Arafats Reich. Dessen Agent schreibt am 2. Dezember 2001 einen
Bericht. Danach lässt er die drei Mitglieder der Zelle zum Verhör verhaften. Er
erhält Anweisung, die drei wieder freizulassen und weiter zu beobachten,
offenbar mit dem Ziel, die Dienste der Terroristen später selbst zu nutzen. So
begleitet er den künftigen Märtyrer nach Hause, trinkt dort Tee und schaut sich
den Sprengstoffgürtel an. Am
8. Februar 2002 scheint die Stunde des Märtyrers gekommen zu sein. Er erhält
Anweisung, nach Tulkarem zu fahren. Den Sprengstoffgürtel am Bauch, wartet er
auf den Einsatzbefehl. Aber nichts geschieht. Wahrscheinlich können sich die
Geheimdienste nicht einigen, wer den Einsatz führen darf. Statt den Attentäter
loszuschicken, lässt einer der Dienste ihn wieder verhaften. Er wird nach
Ramallah gebracht.
Inzwischen hat sich Jassir Arafat persönlich eingeschaltet. In einem Telefonat
mit den Israelis rühmt er sich seines Kampfes gegen den Terrorismus und erwähnt,
dass seine Behörden einen Terroristen verhaftet hätten. Einer Aktennotiz zufolge
steht wenig später Arafats Geheimdienstkoordinator in der Zelle, gibt den
Sprengstoffgürtel zurück und teilt dem Häftling Einsatzort und Einsatzzeit mit:
Jerusalem, 21. März 2002. „Bitte weisen Sie
2000 Dollar an jeden der Kampfbrüder an"
Die überlebenden Operateure werden nach der Tat honoriert. Die Israelis haben
Namenslisten gefunden, in denen es in immer gleicher Formulierung heißt:
„Bitte weisen Sie die Summe von 2000 Dollar an jeden der
folgenden Kampfbrüder an."
Der Mann, an den sich die Bitte richtet, heißt Jassir Arafat. Die Israelis
wollen seine Unterschrift auf solchen Dokumenten identifiziert haben. Fast jedes
Mal, sagen sie, habe Arafat die erbetene Summe drastisch reduziert. Die
Prinzipien sparsamer Haushaltsführung ließen sich demnach sogar auf die
Verwaltung einer Mordmaschine übertragen.
Die Israelis haben Zahlungsbelege gefunden, nach denen Gehälter für Täter nach
einer Überweisungskaskade von jenen Konten abgebucht wurden, auf die die
Europäische Union einzahlt. Ein Indiz, das in eine furchtbare Richtung weist.
Aber noch nicht genug, um zu beweisen, dass gerade das Blutgeld aus Brüsseler
Fördertöpfen stammt.
Deshalb ist es wichtig zu erfahren, wie verlässlich die Recherchen der Israelis
über Jassir Arafat und sein System sind. Immerhin haben bei der Auswertung des
Materials israelische Geheimdienste mitgewirkt. Und das politische Interesse von
Premier Scharon, selbst als Mann des Friedens nicht auffällig, ist offenkundig:
Arafat muss weg! Handelt es sich also um Information oder um Kriegspropaganda?
Diese Frage stellt sich seit den Aktenfunden praktisch jeder westlichen
Regierung, auch der deutschen. Sie hat deshalb die eigenen Fachleute vom
Bundesnachrichtendienst um Prüfung gebeten.
Mitte April liefert der BND sein erstes Gutachten. Es hält die Dokumente für
authentisch und stimmt den Schlüssen der Israelis zu. Es lägen allerdings nur
Indizien für die Verstrickung Arafats vor, kein gerichtstauglicher Beweis. Am
2. Mai 2002 legt der BND ein weiteres Gutachten vor (Aktenzeichen 39C-04/2/02).
Der Verfasser kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Zwar enthielten die ersten
Dokumente aus Israel „keinen direkten Beweis" für einen Missbrauch von
EU-Geldern zur Finanzierung des Terrors. Es sei „jedoch erkennbar, dass
Arafat offensichtlich nicht trennt zwischen der Struktur des Autonomie-Regimes
und seiner Fatah-Bewegung". Deshalb sei die Zweckentfremdung der
Fördermittel „nicht auszuschließen". Der Gutachter schreibt von
„bekanntem Missmanagement" und „weit verbreiteter Korruption" und
kommt zu dem Schluss: „Realistischerweise konnte zu keinem Zeitpunkt davon
ausgegangen werden, dass die Verteilung der EU-Gelder (...) hundertprozentig
zweckgebunden stattfindet".
Beispiele liefert der Verfasser gleich mit. Arafat hat seine schwarze Kasse
offenbar durch einen Devisentrick gefüllt: Für Gehälter palästinensischer
Lehrer, Ärzte und Polizisten zahlte die EU in Dollar; Arafat leitete das Geld in
Schekeln weiter - allerdings unter Abzug einer Provision von 25 Prozent. Die
Beamten mussten zusätzlich 3,7 Prozent an einen Steuereintreiber abtreten, ohne
dass das Geld als Sondersteuer im Haushalt ausgewiesen wurde.
Stellt sich die Frage, warum der BND das alles derart genau weiß. Sind die
Geheimen in Palästina so gut vernetzt? Die kurze Antwort lautet: ja. Die lange
Antwort führt zurück zum europäischen Förderwerk Arafat, an dem auch der BND
seit Jahren teilhat - ohne dass die deutsche Öffentlichkeit davon bis heute
erfahren hat.
Der BND hat Arafats Geheimdienste nach Information der ZEIT im
Gaza-Streifen seit den Osloer Verträgen von 1993 ausgerüstet und ausgebildet.
Die neuen Sicherheitsdienste brauchten vor allem bei einer Aufgabe Hilfe:
Terroristenbekämpfung. Nun muss die Bundesregierung die Frage quälen, ob die
Schützlinge des BND ihre Aufgabe vor einiger Zeit neu definiert haben, ob also
aus einer Antiterrorgruppe eine Terrororganisation wurde.
Der BND hat, wie es heißt, seine Zusammenarbeit mit den Palästinensern Ende des
Jahres 2000 unterbrochen - so heimlich, wie sie begann. Die Geheimdienstler
müssen die innere Wende ihrer Zöglinge mitbekommen haben. Was teilte der BND
seiner Regierung darüber mit? Und welche Konsequenzen zog die Bundesregierung
daraus?
Auf Erklärungen dringen einzelne Bundestagsabgeordnete seit Wochen. Am 5. April
2002 wendet sich Friedbert Pflüger, Vorsitzender des Europaausschusses, an
Joschka Fischer, der Außenminister möge die israelischen Dokumente prüfen
lassen. „Wenn sie echt sind", schreibt der CDU-Parlamentarier, „können
Deutschland und die EU nicht in der bisherigen Weise die Palästinensische
Autonomiebehörde unterstützen."
Die Echtheitsprüfung ist inzwischen abgeschlossen, aber die Debatte findet
trotzdem nicht statt. Warum nicht?
Außenminister Fischer setzt auf stille Krisenbewältigung. Ohne große Publizität
hat er vorvergangene Woche ein eigenes Untersuchungsteam der Gesellschaft für
Technische Zusammenarbeit nach Palästina geschickt. Fischer weiß um die
Sprengkraft einer öffentlichen Debatte über die Frage, ob deutsche Steuergelder
unwillentlich den Mord an Israelis finanziert haben. Zu vermeiden ist sie
gleichwohl nicht. Die Untersuchung dieser Frage muss - wie der Abgeordnete
Pflüger fordert - öffentlich und transparent sein. Denn sie rührt an das
Selbstverständnis deutscher Politik.
Joschka Fischer wünscht nun eine strengere Kontrolle der europäischen Förderung
und eine demokratische Reform der Autonomiebehörde. Diese Forderung erinnert an
das Wunschdenken, das die Affäre erst möglich gemacht hat. Denn warum sollte
jetzt, in einer Kriegssituation, jene arabische Demokratie ausbrechen, die sogar
die Osloer Friedenseuphorie jahrelang nicht gebären konnte? Und was nützt die
strengste Verwendungskontrolle, wenn Arafat am Ende mit eigenen Geldern den
Terror fördert?
Nein, die deutsche und erst recht die europäische Politik sperren sich gegen die
Einsicht, dass die Grundlagen für das Förderwerk Arafat entfallen sind. Diese
Politik wollte den Frieden und nicht eine Guerillabewegung von Mordbombern.
Allein seit die Belagerung von Arafats Amtssitz beendet ist, haben dessen
Al-Aksa-Märtyrerbrigaden die Verantwortung für drei der folgenden neun tödlichen
Anschläge auf Israelis übernommen. Wer künftig eine humanitäre Katastrophe in
Palästina verhindern will, darf nicht den Regierungschef, dessen Haushalt und
dessen Beamte alimentieren. Die Palästinenser
fordern, dass Europa ihnen Blutgeld zahlt
Bisher haben Europas Politiker jedes Indiz für den Missbrauch der Gelder
konsequent übersehen. Anfangs, 1994, befinden sie sich damit noch in guter
Gesellschaft. Denn die Amerikaner und die Israelis tun das Gleiche. Sie
ignorieren Arafats Schattenhaushalte in der Hoffnung, am Ende könnten sie mit
dem Frieden belohnt werden. Deshalb reagieren die Israelis nicht einmal, als
Arafat seine Polizei vertragswidrig aufrüstet. Erst als sich seine Anhänger dem
Terrorismus zuwenden, rufen sie Alarm - aber Europa hört nicht hin.
Die Europäische Union ist stolz auf ihre Politik der Äquidistanz zwischen
Israelis und Palästinensern. Doch während sie Premier Ariel Scharon seiner
Besatzungspolitik, seines Siedlungsbaus und seiner Friedensunwilligkeit zeiht,
ignoriert sie die Wende des Jassir Arafat.
Niemand mag sich das Bild vom Freiheitskämpfer mit der Kefije zerstören lassen,
schon gar nicht von der Realität. Für die einen darf eine linke Symbolfigur
nicht zerbrechen, für die anderen der letzte Verhandlungspartner nicht verloren
gehen. Am Ende dieser Politik steht die Weigerung, Israel Panzerteile zu
liefern, und zugleich die monatelange Weigerung, die Budgethilfe für Arafat zu
überdenken.
Erst am Dienstagnachmittag dieser Woche hat der EU-Haushaltsausschuss
beschlossen, die Zahlungen zu unterbrechen. Solange jedoch das Europäische
Parlament diese Entscheidung nicht bestätigt, fließt das Geld weiter. In
den kommenden Wochen wird vermutlich behauptet werden, man habe nichts wissen
können. Doch das stimmt nicht. Zuletzt haben die Palästinenser den Europäern
selbst mitgeteilt, wo sie stehen. Am
22. April 2002 präsentiert der palästinensische Minister Nabil Schaath
Mitgliedern der Europäischen Kommission auf der Mittelmeerkonferenz im
spanischen Valencia Hilfsforderungen im Umfang von etwa 1,9 Milliarden Dollar.
Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Zeugen enthält Schaaths Liste einen
Posten von 20,6 Millionen Dollar für Waffen und 40,6 Millionen Dollar zur
Unterstützung von Häftlingen und „Märtyrerfamilien".
Allen Ernstes erwarten die Palästinenser von den Europäern, es Saddam Hussein
nachzutun und Blutgeld zu zahlen.
Die versammelten europäischen Diplomaten schlagen ob dieser Forderung nicht
Alarm. Sie sind nicht entsetzt, sondern peinlich berührt. Sie lassen die Liste
in einem Panzerschrank verschwinden. Sie wollen nichts davon wissen. Sie wollen
lieber stilvoll betrogen werden. Aus: DIE ZEIT vom 6.
Juni 2002 „Wir brauchen eigene
Erde, um das Gebot zu erfüllen, wir brauchen die Freiheit, unser eigenes Leben
zu ordnen" - dieses Buber-Wort zitiert Rabbiner Dr. Roland
Gradwohl s. A. in dem folgenden unveröffentlichten Artikel. - Esther
Gradwohl danken wir, dass sie uns diesen Artikel für den Rundbrief des
Denkendorfer Kreises überlassen hat. Aus zwei Gründen ist
er uns hochwillkommen: Einmal ist sein Thema, auch wenn es die
Tagesauseinandersetzungen nur am Rande berührt, sehr aktuell; zum andern
erinnern wir uns daran, dass vor vier Jahren Roland Gradwohl gestorben ist: Auf
den 1. Juni 2002 fiel die „Jahrzeit", an der Familie und Freunde seiner
gedachten. Im folgenden Beitrag
hören wir über den großen Graben hinweg die vertraute Stimme des Freundes und
Lehrers, der uns so viel gegeben hat. Die Existenz Israels aus jüdisch-religiöser Sicht Von Roland Gradwohl Kurz nach der
Gründung Israels im Mai 1948 verfasst das Landesoberrabbinat in Jerusalem „Ein
Gebet für den Frieden des Staates". Es steht damit in einer alten Tradition,
denn seit der Antike beten Juden für den Frieden und das Wohlergehen jenes
Landes, in dem sie leben. In den meisten
Gebetbüchern findet sich ein entsprechender Text. Der Brauch geht auf den
Propheten Jeremia zurück. In einem Schreiben an die Bürger Jerusalems, die seit
597 v.d.Z. in Babylonien exiliert sind, nennt Jeremia den Willen Gottes:
„...und sucht den Frieden der Stadt, in die Ich euch verbannt habe, und betet
für sie zum Herrn; denn in ihrem Frieden wird auch euch Frieden sein"!
(Jeremia 29,7) Die Juden Babyloniens
nehmen die Forderung ernst: sie beten für das Wohl der Stadt und des Landes, und
sie integrieren sich so sehr, dass die meisten nicht mehr in die Heimat
zurückkehren wollen, als ihnen 538 v.d.Z. der persische König Kyros die Rückkehr
ermöglicht. Das Gebet des
Landesoberrabbinats beginnt mit den Worten: „Unser Vater im Himmel, Fels
Israels und sein Erlöser, segne den Staat Israel, da unsere Erlösung zu sprießen
beginnt." Was ist mit dieser
etwas seltsamen Wendung gemeint? Nichts Geringeres, als dass der Staat Israel,
diese parlamentarische Demokratie am östlichen Mittelmeer, unter dem Vorzeichen
messianischer Hoffnung gesehen wird. Die „Erlösung", auf die der Jude seit
biblischen Zeiten hofft, ist identisch mit den „Tagen des Maschiach" (Messias),
des „gesalbten" Friedensfürsten (Jesaja 11), da die Völker ihre Schwerter und
Speere zu Werkzeugen des Ackerbaus umschmieden und der Krieg als Option
ausgeschaltet ist (Jesaja 2). Wohlgemerkt: Der
Staat Israel deutet die Erfüllung erst an, er steht am Anfang eines Prozesses,
da „unsere Erlösung zu sprießen beginnt". Doch ohne den Anfang stellt sich auch
das Ende nicht ein, ohne Israel, den säkularen Staat, in dem die Bibel eine
wichtige Rolle, doch nicht die entscheidende Rolle spielt, wird es die von den
Propheten und den Weisen verkündete Erfüllung des Gottesreichs auf Erden nicht
geben. Eine gewagte Aussage, gewiss, doch eine Aussage, die sich in den Rahmen
der jüdischen Geistesgeschichte einordnet. Denn das muss man
sehen: Das Judentum ist - anders als das Christentum - nie nur Glaube. Es ist
immer zugleich auch nationales Geschehen, ist die Geschichte des Volkes Israel,
die mit Abraham einsetzt. Abraham ist in erster Linie Patriarch, der Begründer
einer Volksgemeinschaft, und erst in zweiter Linie Begründer eines neuen
Glaubens. Juden nennen ihn bis heute „Unser Vater Abraham" - unser Vater, unser
Stammvater. Am Anfang dieser
Geschichte steht der Aufbruch. Abraham muss im hohen Alter - zusammen mit seiner
betagten Gattin Sarah - alles zurücklassen, das ihm lieb und teuer ist, und in
ein unbekanntes Land ziehen. Gott gibt ihm den Befehl: „Zieh hinweg aus
deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land,
das Ich dir zeigen werde. Ich mache dich zu einem großen Volk. Ich werde dich
segnen und deinen Namen groß machen. Sei ein Segen! Ich werde segnen, die dich
segnen, und fluchen jenem, der dich verflucht. Gesegnet werden durch dich alle
Familien der Erde" (1. Mose 12,1-3). Der Gottesbefehl ist
mit einer Verheißung verknüpft: Abraham und seine Nachfahren werden bestimmt zum
Segensträger für alle Völker. Wenn Abraham aufbricht, dann nicht nur für sein
eigenes Volk, sondern für die ganze Menschheit. Abraham ist schon
lange tot, als Israel kurz vor der eigentlichen Gottesoffenbarung am Sinai die
Botschaft vernimmt: „Seid mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges
Volk" (2. Mose 19,6). Der Priester muss sich im alten Israel nicht bloß um
die Tempelopfer kümmern. Er hat das Volk zu belehren, ihm den Weg zu weisen, der
zu Gott und zum Mitmenschen führt. Entsprechend wird
ganz Israel eine Priesterfunktion innerhalb der Völkergemeinschaft zugewiesen.
Es kann, wenn es seine Aufgabe ernstnimmt, „zum Licht für die Völker"
werden. (Jesaja 42,6) Wie diese Aufgabe
konkret aussieht und wie sie realisiert wird, erfährt Israel durch das
Gotteswort vom Sinai (2. Mose 20), später niedergelegt in den Zehn Geboten und
den übrigen Satzungen der Tora (Fünf Bücher Mose), der „Weisung". Abraham ist im Land
noch ein wandernder Nomade, und der einzige Boden, der ihm faktisch gehört, ist
die Grabeshöhle, die Machpela in Hebron, in der er seine Gattin bestattet. (1.
Mose 23). Auch Abrahams Sohn
und Enkel, Isaak und Jakob, sind nicht sesshaft, auch wenn sie schon stärker Fuß
fassen. Erst wie die Israeliten unter Josua, dem Nachfolger des Mose, in Kanaan
eindringen und das Land nach und nach in Besitz nehmen, ist es faktisch „ihr"
Land geworden, auch wenn Gott sein eigentlicher Besitzer ist (3. Mose 25,23:
„denn mir gehört das Land"). Das Volk hat einen Boden unter den Füßen, eben
das „Land, das Ich dir zeigen werde". Dieses Land heißt längst nicht
mehr, wie zu Abrahams Zeiten, Kanaan oder akkadisch Kinachu, das „Land der
Purpurschnecke", deren Drüsensekret zum kostbaren Farbstoff verarbeitet wird.
Man nennt es „Land Israel", und es ist Teil der jüdischen „Dreiheit" Gott
Israels / Volk Israel / Land Israel. Israel scheint am
Ziel angelangt, doch der Schein trügt. Nunmehr beginnen die eigentlichen
Aufgaben. Das Gotteswort vom
Sinai lässt die Verbindung von Volk Israel und Land Israel erst richtig
transparent werden. Abraham erfährt von einer zahlreichen Nachkommenschaft und
von einem Land, in dem sie leben wird - „allen Familien der Erde" zum Segen. Doch wodurch werden
seine Nachkommen zum Segen? Seit der Theophanie am Sinai ist diese Frage gültig
beantwortet: Israel wird zum Segen, indem es im Land, das Gott ihm zuweist -
„die Landnahme ist eine Landgabe, und zwar eine stets sich erneuende Gabe
Gottes" (M. Buber) -, Seine Gebote zu befolgen bereit ist. Ohne das eigene
Land vermag es die Fülle der Weisung, die Totalität der Tora, also auch die
spezifischen „Gebote, die mit dem Boden zusammenhängen", nicht zu erreichen. Und wenn es die
Weisung verrät und - wie die Schrift oftmals beklagt - „fremden Göttern
nachbuhlt", wird es das Land wiederum verlieren (3. Mose 26,33; 5. Mose 28,
37 u. a.), wird exiliert in die „Wüste der Völker" (Hesekiel 20,35). Das Land ist, durch
die Verheißung Gottes, dem Volk Israel nicht zum Geschenk, sondern nur zum Lehen
gegeben, und dieses Lehen kann vom Lehensherrn jederzeit zurückgenommen werden. Diese Aussagen müssen
näher erläutert werden. In einem Offenen Brief an den Inder Mahatma Gandhi
schreibt der jüdische Philosoph Martin Buber über den Stellenwert des Landes
Israel für das Volk Israel. „Nicht die Verheißung
des Landes ist für uns das Entscheidende, sondern die Forderung, deren Erfüllung
an das Land, an die Existenz einer freien jüdischen Gemeinschaft in diesem Land
gebunden ist. Die Bibel sagt uns nämlich, und unser innerstes Wissen bestätigt
es, dass einst, vor mehr als dreitausend Jahren, unsere Einwanderung in dieses
Land im Bewusstsein eines Auftrags von oben geschah, hier, mit den Generationen
unseres Volkes, eine gerechte Lebensordnung aufzurichten, wie sie eben nicht von
Einzelnen im Bereich der privaten Existenz, sondern nur von einem Volk in
Gestaltung seiner Gesellschaft zu verwirklichen ist: Gemeinschaftsbesitz am
Boden, regelmäßig wiederkehrender Ausgleich der sozialen Unterschiede,
Verbürgung der Unabhängigkeit jeder Person, gegenseitige Hilfe, gemeinsame
Sabbatruhe, die Knecht und Tier als Wesen gleichen Anspruchs mitumfasst,
Sabbatjahr, in dem sich mit der Schonung der Natur ein freier Zugang aller zu
ihren Früchten verbindet." Buber, der in diesen
Sätzen die biblische Ethik der mitmenschlichen Solidarität präzis umschreibt,
weiß, dass Israel der Gottesforderung niemals auch nur annähernd gerecht
geworden ist. An der Forderung selbst hat sich dadurch nichts geändert. „Wir
haben damals nicht zustandegebracht, was uns aufgetragen worden ist, wir sind
unverrichteter Sache ins Exil gegangen, aber das Gebot ist bei uns geblieben,
und es ist drängender geworden als je. Wir brauchen eigene Erde, um es zu
erfüllen, wir brauchen die Freiheit, unser eignes Leben zu ordnen, auf fremdem
Boden und unter fremder Satzung ist kein Versuch zu wagen... Wir sind nicht
begehrlich, Mahatma; wir wollen nur endlich gehorchen können." „Wir brauchen eigene
Erde, um es zu erfüllen..." Der einzelne Jude vermag auch außerhalb des
Landes Israel viele Gebote seines Glaubens zu erfüllen, vor allem, wenn er einer
Gemeinde angehört: den Schabbat und die Feiertage, die Gebote der Nächstenliebe
(3. Mose 19), das Studium des religiösen Schrifttums. Doch sein Tun bleibt
rudimentär, weil er nicht in einem Land lebt, in welchem jüdische Ethik und
jüdisches Brauchtum die Normen maßgeblich mitbestimmen. Die von Buber erwähnte
„gerechte Lebensordnung" jüdisch-biblischer Prägung kann, wenn überhaupt, nur im
eigenen Staatswesen eingerichtet werden. Wer Israel besucht,
sieht es selbst. Israels Parlament, die Knesset, berücksichtigt bei seiner
Legislation das religiöse Recht des Judentums, auch wenn es dann im Endeffekt
neue Wege beschreitet. Doch alte jüdische Tradition kommt im neuen Staat zur
Geltung. Das Kollektiv des Kibbuz, der Gemeinschaftssiedlung, mit seiner
egalitären Güterverteilung und dem dadurch erzielten Optimum an sozialer
Gerechtigkeit, besitzt Wurzeln in der biblischen Ethik. Der Staat Israel bemüht
sich - bei allem weltlichen Charakter - nicht nur ein Staat der Juden, sondern
auch ein jüdischer Staat zu sein. Wobei seit Jahrzehnten religiöse und
laizistische Israelis Wortgefechte über den Sinn des Judeseins führen. Fraglos sehen der
Schabbat und die Feiertage in Israel anders aus als in der Diaspora. Wo tanzt
man beispielsweise mit den Schriftrollen der Tora am Tora-Freudenfest (Simchat
Tora) in den Straßen, um seiner Freude und innigen Verehrung des Gotteswortes
sichtbaren Ausdruck zu geben? Allerdings sind auch
die Probleme drängender. Weil die Tora nicht erst in unserer Zeit, sondern vor
Jahrtausenden dem Volk gegeben wurde, und weil ihre Gebote, so lehrt der Glaube,
für immer ihre Geltung besitzen, entstehen immer wieder Probleme, und
gelegentlich kollidiert das religiöse Gesetz mit den Gegebenheiten in einem
modernen, demokratischen Staat. Am Schabbat, dem
wöchentlichen Ruhetag, ist die Arbeit, genauer: eine Tätigkeit, die Neues
erzeugt oder Bestehendes verwandelt, untersagt. Der Schabbat ist der staatliche
Ruhetag, wie der Sonntag in Ländern, in denen das Christentum dominiert.
Geschäfte, Banken, Schulen lassen sich schließen, doch wie steht es mit dem
Elektrizitäts- und Wasserwerk, wie mit Polizei, Feuerwehr, Krankenhäusern und
Armee? Das Religionsgesetz
kennt den Grundsatz "Lebensgefahr verdrängt den Schabbat". Bei akuter oder auch
bereits möglicher Lebensgefährdung fallen sämtliche Schabbatverbote dahin. Alle
lebensrettenden Maßnahmen sind dann nicht nur erlaubt, sondern werden als
religiöse Verpflichtung angesehen. Wollte die Polizei
ihren Dienst am Schabbat einstellen, jubilierten Verbrecher. Also bleibt sie
rund um die Uhr im Dienst. Entsprechendes gilt für alle, die in lebensrettenden
Berufen tätig sind. Elektrizitäts- und Wasserwerk funktionieren, weil ihr
Ausfall während 24 Stunden verheerend wäre. Also, weitgehende
Toleranz in der Anwendung der Satzungen, und trotzdem bleiben Reibflächen. Sie
entstehen, wenn eine religiös motivierte Minderheit der nichtreligiösen Mehrheit
ihren Willen aufzuzwingen sucht. Einige Beispiele:
Bisher fehlt die staatliche Trauung und Scheidung. Zuständig sind die
Geistlichen: der Rabbiner, der Pfarrer, der moslemische Kadi. Seit Jahren kämpft
die Bürgerrechtsbewegung um die Einführung der Zivilehe, doch aus
koalitionspolitischen Gründen ist ihr der Erfolg versagt geblieben. Die Ultraorthodoxen
haben schon vor Jahrzehnten erreicht, dass in Jerusalem, Tel Aviv und anderen
Städten vor Beginn des Schabbat am Freitagabend der Autobusverkehr eingestellt
wird. Vor einigen Jahren ist es ihnen gelungen, die Flüge der El Al am Schabbat
und an den Feiertagen zu unterbinden. Diese Probleme und
noch viele dazu nimmt ein Jude in Kauf, wenn er im Judenstaat leben will. Auch
viele Nichtjuden - Christen, Moslems, Drusen, Tscherkessen -, denen bereits die
Gründungsurkunde von 1948 die Religionsfreiheit verbrieft, müssen sie
notgedrungen in Kauf nehmen. Sie sind indessen Augenzeugen eines einzigartigen
geschichtlichen Vorgangs: des „Einsammelns der Zerstreuten Seines Volkes
Israel von den vier Enden der Erde" (Gebetbuch) und des Aufbaus eines
alt-neuen Staates, der der Gerechtigkeit und dem Frieden verpflichtet ist. Die Weisen des Talmud
lehrten: „Groß ist der Frieden, denn jeder Segen ist im Frieden enthalten."
Der Frieden ist nicht erreicht, aber die Suche nach dem Frieden, nach einem
dauerhaften und gerechten Frieden, der allen Völkern des Nahen Ostens den Segen
bringt, hat machtvoll eingesetzt. Das „Gebet für den
Frieden des Staates" trifft den Kern: Israel kann - wer wüsste es mit Gewissheit
zu sagen - der Anfang sein, „da unsere Erlösung zu sprießen beginnt."
Wenn sie aber zu sprießen beginnt, beginnt sie jedenfalls im Land Israel, dem
„Land, das Ich dir zeigen werde", zu sprießen. David Ben Gurion, der
den Staat Israel am 14. Mai 1948 in Tel Aviv proklamiert hat und den Anbruch der
Wende zu erkennen glaubte, schrieb die folgenden Sätze: „Die Erlösung der
Juden findet hier und jetzt statt. Es ist eine große Auszeichnung für uns, in
einer Zeit leben zu dürfen, wo wir nicht gezwungen sind, unsere Kultur durch
Mystizismen und Träume am Leben zu erhalten. Für uns gilt nicht: Nächstes Jahr
in Jerusalem, sondern: Heute in Jerusalem!" Auf diesem Heute
liegt der Akzent, denn vom Heute aus will Israel an einer Zukunft mitbauen, in
der unsere von Krisen und Kriegen erschütterte Erde zum messianischen
Friedensreich wird. Dem nachstehenden
Artikel hat der Autor folgenden Vorspann vorausgeschickt: „Wie alljährlich habe
ich auch dieses Jahr meinen nichtjüdischen Freunden in Deutschland und in der
Schweiz zum neuen Jahr meine besten Wünsche gesandt und - so wie immer - einen
meiner Artikel beigelegt, der dieses Jahr von der Situation in Israel sprach." Dr. Cohn aus
Jerusalem, der zum Kreis der „Denkendorfer Lehrer" gehört, lehrt Tenach (die
hebräische Bibel) an der Bar Ilan Universität, der größten Universität in
Israel. Er ist vielen Freunden aus dem Denkendorfer Kreis bekannt; darüber
hinaus ist m. E. aber sein Neujahrsgruß für alle Rundbriefleser lesens- und
bedenkenswert. Steter Tropfen höhlt den Stein Von Gabriel H. Cohn Im Gegensatz zu früheren Jahren waren die Reaktionen [sc. auf seinen Artikel über die Situation in Israel; HM] diesmal anders. Einige haben mir in aller Freundschaft geschrieben, andere haben (noch) nicht geantwortet. Aber bei vielen hatte ich den Eindruck, dass die stetigen - leider völlig entstellten - Berichte in den Medien über Israels Verhalten gegenüber den Palästinensern sogar ihr persönliches Verhältnis zu mir als Jude und Israeli, der in klaren Worten die Sache Israels vertritt, getrübt haben. Die Berichte über die Schwierigkeiten und das Leiden der palästinensischen Bevölkerung verunsichern viele Menschen in ihrer Beurteilung Israels, Menschen, welche die Lage nicht selbst beurteilen können und von den Massenmedien Tag für Tag gegen Israel aufgehetzt werden. Von den Freunden Israels, welche das Land schon oft besucht haben und auch persönliche Freunde in Israel haben, erwartet man jedoch nicht nur Verständnis, sondern auch überzeugten Einsatz für Israel. Es hat mich persönlich getroffen, dass dieser Ausdruck der Verbundenheit in vielen Briefen fehlte. Sicher macht auch Israel Fehler. Diese werden in unserer demokratischen Gesellschaft klar kritisiert (Stimmen dieser Kritik werden dann ja auch in völlig unproportionaler Weise in der deutschsprachigen Presse hochgezogen). Aber die Fundamente des Nahostkonflikts sind ganz, ganz klar, und jeder rechtdenkende Mensch muss für eine gerechte Beurteilung der Lage einstehen. Die meisten meiner Freunde in Europa sind mit der Bibel und der jüdischen Geschichte vertraut und wissen, dass die Juden über 2000 Jahre vor der Geburt des Islam in Israel waren und dort seither immer ansässig sind. 1922 wurde dann Palästina aufgeteilt, und über 75 Prozent des Gebietes gingen an den arabischen Staat Jordanien, dessen Bevölkerung mehrheitlich palästinensisch ist, also eigentlich ein palästinensischer Staat. Auf einem Teil der übrigen 25 Prozent Palästinas wurde 1948 (drei Jahre nach dem Holocaust) aufgrund des UNO-Beschlusses der Staat Israel gegründet. Israel wurde gleich von den umliegenden arabischen Staaten angegriffen und im Rahmen der Kämpfe verließen ca. 630 000 Palästinenser, oft auf Geheiß ihrer Führer, das israelische Territorium. Eine bedeutend größere Zahl von Juden flüchtete zur selben Zeit aus arabischen Staaten nach Israel. 1964 gründete Arafat die PLO (Palestine Liberation Organisation), welche damals wie heute das Ziel hat, Israel von den Juden zu befreien (die besetzten Gebiete waren seinerzeit in den Händen Ägyptens und Jordaniens). 1967 brach (von Ägypten, Syrien und Jordanien inszeniert!) der Sechstagekrieg aus. Die weiteren Entwicklungen inklusive das Oslo-Abkommen - das für viele eine Quelle der Hoffnung war - sind auch allen bekannt. Wie diese Geschichtsentwicklungen mehr und mehr verfälscht wurden, kann man am Beispiel Jerusalems sehen. Im Islam spielt diese Stadt eine untergeordnete Rolle: Sie ist im Koran kein einziges Mal erwähnt. Jerusalem war nie die Hauptstadt eines arabischen Staates, und während der jordanischen Herrschaft (1948 bis 1967) besuchte - außer König Abdullah von Jordanien - keine einzige arabische Persönlichkeit die Stadt! Sadat betete bei seinem historischen Besuch in Jerusalem - den Rücken dem Tempelberg zugewandt - in Richtung Mekka. Für das jüdische Volk war Jerusalem, wie allgemein bekannt, seit den Zeiten Davids immer das Zentrum jüdischen Seins, und die Bibel und alle späteren jüdischen Schriften befassen sich intensiv mit dieser Stadt. Alle jüdischen Gotteshäuser in der Welt sind nach Jerusalem ausgerichtet, und bei jedem jüdischen Anlass nehmen die Lieder der Sehnsucht nach Jerusalem einen zentralen Platz ein (Hochzeit, Seder-Abend, Jom Kippur etc.). Jedoch heute wird die Geschichte neu geschrieben: „Israel hat keine Rechte in Jerusalem", heißt es in Moscheen und Schulprogrammen. Archäologische Ausgrabungen, welche Licht auf Israels Vergangenheit in Jerusalem werfen, werden systematisch zerstört. Der Tempelberg, den Israel um des Friedens willen unter arabische Verwaltung stellte, ist der einzige Ort in der Welt, den ein Jude nicht besuchen darf! Statt gegen diese Entstellung der Geschichte und das Aufheben der Religionsfreiheit energisch zu protestieren, fordert man Israel dringend auf, die heiligen Stätten ganz den Palästinensern zu überlassen. Um es klarzustellen: Mit Friedenswillen lässt sich für die Jerusalem-Frage ein modus vivendi finden - aber hier geht es um ein systematisches Zerstören der Jahrtausende alten Beziehung Israels zu seiner heiligen Stadt, die in seiner Tradition eine so zentrale Rolle spielt. Auf einer ‚posthistorischen’ Geschichtsschreibung dieser Art kann keine Atmosphäre des gegenseitigen Verständnisses gedeihen. Zu einem anderen wichtigen Punkt: Die Sprache schafft Bezugnahme. Der Ausdruck „Besatzungsmacht" erweckt furchtbare Assoziationen. Man muss sich aber energisch gegen diese Bezeichnung wehren. Es gibt in Palästina nur „umstrittene Gebiete", und man kann in diesem „Streit" tragbare Lösungen finden. Israel ist 1967 nicht in den Krieg gezogen, um Gebiete zu erobern, sondern der jüdische Staat wurde angegriffen und in einen Verteidigungskrieg verwickelt, im Rahmen dessen er den Weg zu alten jüdischen Zentren zurückfand, von denen er vorher gewaltsam vertrieben wurde (Altstadt Jerusalem, Hebron, Gusch Etzion etc.). Die „besetzten" Gebiete gehörten keinem Staat und waren seinerzeit ungesetzlich von Ägypten und Jordanien verwaltet worden. Also ist Israel keine Besatzungsmacht. Auch der Ausdruck, Israel sei die letzte „Kolonialmacht", der in Durban bei der Antirassismus-Konferenz immer wieder auf offene Ohren stieß, ist absolut unfundiert im Zusammenhang mit Israel. Natürlich wissen die Palästinenser, warum sie diese Bezeichnung benützen: Durch sie wird der Staat Israel überhaupt in Frage gestellt. Sind Jaffa und Haifa nicht auch „besetzte" Gebiete und Teil des zionistischen Kolonialismus? Es ist an der Zeit, dass jeder sich fragt, was er in der gegebenen Situation an Israels Stelle machen würde. Früher hieß es „Gebiete für Frieden", und Israel hat sich mit diesem Slogan abgefunden, obwohl heiliges Land nicht einfach „Gebiete" sind. Nun, nachdem die palästinensische Führung keinen Frieden will (Arafat hat das Wort „Frieden" im Zusammenhang mit Israel nie auf Arabisch benützt), heißt es, die Gebiete, mit denen das Volk Israel seit Jahrtausenden verbunden ist, sollen ohne verbindliches Friedensabkommen verlassen werden - wohl damit alle Welt sieht, dass Israel unter Gewalt historisches Land aufgibt. - Es ergibt sich von selbst, dass nach einem solchen Rückzug Israel von ganz nah viel leichter und tödlicher angegriffen werden kann. Wer, wie manche Journalisten in namhaften Zeitungen, das Existenzrecht Israels bezweifelt, wird schnell verantwortungslose Ratschläge geben können. Wer aber glaubt, dass das jüdische Volk in Israel neben 21 arabischen Staaten auch eine kleine Welt für sich entwickeln darf, wird es nicht leicht haben, Israel „gute" Ratschläge zu geben. Es ist immer politically correct und „salonfähig", zu sagen, dass im Nahostkonflikt beide Parteien schuldig sind und dass man nicht einseitig die Situation beurteilen darf. Leider sind wir hier in Israel nicht in einem „Salon", sondern seit über 50 Jahren in einem täglichen Kampf um die jüdische Existenz in Israel. Im Nahostkrieg stehen sich zwei grundsätzlich ganz ungleiche Partner gegenüber. Die eine Seite (Israel) akzeptiert die Rechte der anderen, will zu einem lebensfähigen Vergleich kommen und hat schon 95 Prozent der Araber in den „Gebieten" unter palästinensische Autonomie gestellt! In Israel diskutiert man heftig über die Frage, ob alles getan wird, um Opfer unter der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Hier wird von Frieden gesungen und geträumt (diese Lieder sind zum Teil international bekannt), und das Losungswort heißt „Schalom"! Die andere Seite (die Palästinenser) spricht den Juden alle ihre Rechte in Israel und Jerusalem ab, schürt in Medien, Moscheen und Schulbüchern den Hass gegen die Juden und ruft zur Zerstörung Israels auf (die diesbezüglichen Unterlagen sind erschütternd!). Wenn - wie diese Woche in Jerusalem - Terrorakte gegen Israel gelingen und Frauen und viele Kinder getötet und verletzt werden, finden in der palästinensischen Autonomie Freudendemonstrationen statt. Bei solch einem Unterschied der Kriegs- respektive Friedensmentalität ist kein Raum für „sterile" Salongespräche. Da muss jeder an Gerechtigkeit und Frieden interessierte Mensch klar Stellung beziehen! Eines muss uns allen klar sein: Viele Palästinenser, unterstützt von anderen militanten Mulimen, bereiten eine Zerstörung Israels vor. Der Holocaust wird offiziell als zionistische Erfindung abgetan, was aber die palästinensische Propaganda nicht daran hindert, Maßnahmen Israels als „nazistisch" abzustempeln, um damit alle späteren Terroranschläge zu rechtfertigen. Die unglaublichsten „Blutmord"-Beschuldigungen werden immer neu wiederholt: Israel vergiftet Nahrungsmittel, verseucht Wasser, vergewaltigt junge Palästinenserinnen, und eine legitime Basis für schärfste anti-israelische Terroraktionen wird geschaffen. Der fürchterliche Terror gegen Zivilisten (auch viele Kinder) ist dann tatsächlich das Ergebnis dieser Hetze. Seit Jahren beschäftigen sich die internationalen Gremien (letztens in Durban bei der Antirassismus-Konferenz) immer vor allem mit Israel. Alle Welt mit ihren Diktaturen und Unterdrückungsmethoden wird gerechtfertigt, nur das kleine demokratische Israel, welches seit seiner Gründung um einen Ausgleich mit den Palästinensern bemüht war, ist allein an allem Unrecht der Welt schuld und wird dementsprechend von einer automatischen Mehrheit verurteilt. Langsam, aber sicher wird Israel sein moralisches Existenzrecht abgesprochen. Alle jene Nichtisraelis, welche die in diesen Zeilen dargestellte Situation kennen und auch persönliche Kontakte zu Israelis haben, müssen es als ihre menschliche und religiöse Pflicht ansehen, in jedem möglichen privaten und öffentlichen Rahmen aufklärend zu wirken und ihre Stimme zu erheben, um solch einer geplanten Gefährdung Israels und indirekt auch des jüdischen Volkes (das inzwischen von bedenklichen Wellen des Antisemitismus umgeben ist!) entgegenzuwirken. Wer in dieser Zeit schweigt und nicht klar Stellung nimmt, macht sich an den gefahrvollen zukünftigen Entwicklungen mitschuldig. Aus: ISRAEL NACHRICHTEN vom 15. März 2002 |