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Aus dem Rundbrief vom 21. Juni 2003
Die alte Synagoge soll wieder als Gotteshaus genutzt werden Von Susanne Mutschler Nach 65 Jahren ist am 18. März 2003 zum ersten Mal wieder ein jüdischer Gottesdienst abgehalten worden. Für Landesrabbiner Nethanael Wurmser war es „ein historisches Ereignis". Er sprach von einem „großen Tag für Hechingen" und feierte zusammen mit etwa fünfunddreißig jüdischen Zuwanderern aus den Ländern der GUS in der restaurierten Synagoge das Purim-Fest. Es ist die erste ehemalige Synagoge in Deutschland, die so ihre ursprüngliche Bestimmung wieder erhält. Das Purim-Fest ist im jüdischen Jahreslauf ein kleines, aber umso fröhlicheres Fest. Seine Tradition geht zurück auf die Geschichte der Königin Esther, die 450 Jahre vor unserer Zeitrechnung den Perserkönig gegen den Rat seines Günstlings Haman davon abhalten konnte, die Juden auszurotten. Zur Erinnerung an die damalige Errettung wird ausgelassen getanzt und gesungen, gegessen und getrunken. Die Purimtradition, bei der sich die Kinder verkleiden, es gibt Geschenke und Gaben für die Bedürftigen gibt, konnte jetzt auch wieder in Hechingen aufleben. So kennt Lyudmila Mammadova aus Baku in Aserbeidschan das Purimfest; sie lebt seit einem halben Jahr mit ihrer Familie in Hechingen. In der Hechinger Synagoge erwartete sie zwar ein vergleichsweise würdiger Gottesdienst, auch die gefüllten Haman-Teig-Taschen und der Wein am Ende hatten eher symbolischen Charakter, dennoch spürte sie ein Stückchen der alten Heimat und hofft nun auf einen neuen Anfang. Auch Alexander Stoffmacher aus der Ukraine freut sich, dass es in der Synagoge ab Mai regelmäßig am ersten Sabbat im Monat einen jüdischen Gottesdienst geben soll. „Hier ist guter Boden für eine Gemeinde", sagte Württembergs Landesrabbiner Wurmser. Mit ein bißchen gutem Willen werde Hechingen „ein Stützpunkt" werden. Ein Thora-Leser und Chasan „wird sich finden", glaubt er zuversichtlich. Beim Purim-Gottesdienst übernahm Wurmser selbst diese Aufgabe und sang den kompletten Text des Buches Esther auf Hebräisch. Lang sei das für ihn nicht gewesen, sagte er anschließend lächelnd, es seien doch nur zehn Kapitel. Arno Fern, der Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde in Stuttgart, assistierte beim Ein- und Ausrollen des Schriftstückes. Die Gottesdienstteilnehmer - die Männer in den vorderen Sitzreihen, die Frauen hinten - konnten die Geschichte auf Russisch, Hebräisch oder Deutsch nachlesen. Er sei sehr glücklich, hier zu sein, erklärte Wurmser, „nicht überall in Deutschland wird es gewünscht, dass den alten Synagogen wieder jüdisches Leben eingehaucht wird." Für den Vorsitzenden des Vereines Alte Synagoge Hechingen, Karl-Hermann Blickle, dagegen ging ein Traum in Erfüllung. „Uns konnte nichts Besseres passieren", sagte er. Die Situation in Hechingen umschrieb Wurmser mit dem Begriff „primäre Infrastruktur": Es gebe eine Synagoge, eine lange jüdische Tradition, einen unterstützenden Verein und eine in den vergangenen beiden Jahren ständig wachsende Anzahl jüdischer Einwohner. Blickle sprach von mehr als 70 jüdischen Hechingern, wobei noch nicht absehbar sei, wie viele endgültig blieben. Bei der Verteilung der jüdischen Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion wünschte sich der Landesrabbiner, daß in Zukunft eine solche Infrastruktur berücksichtigt werden sollte. Eine Dezentralisierung fand er kontraproduktiv, denn kleine, im Land verstreute Gruppen von jüdischen Zuwanderern seien für ein neu entstehendes religiöses Leben kaum zu erreichen. Aus: Jüdische Allgemeine vom 24. April 2003 Jüdisches Kinderlied als Wegweiser - Von der Menora zu Madame Kaulla: Johanna Werner führte durch die Alte Synagoge in Hechingen Von Susanne Mutschler Über die Verse eines alten jüdischen Kinderliedes näherte sich Johanna Werner den in Architektur und Ornamentik verborgenen Glaubenstraditionen in der Alten Hechinger Synagoge. Nicht nur die Kinder unter den etwa 30 Teilnehmern hatten Vergnügen daran, die Zahlensymbolik zu entschlüsseln und dabei einiges über das alte jüdische Hechingen zu hören. „Eins, wer weiß es? - Eins, ich weiß es: Einzig ist unser Gott im Himmel und auf Erden." So begann das Lied und damit die Suche nach etwas Einzigartigem in der Synagoge. Die Kinder fanden es sofort. Es war das Rundfenster in der Tora-Nische, in dem mit hebräischen Buchstaben der Gottesname JHWH zu lesen ist. „Zwei, wer weiß es?, fragte Johanna Werner weiter. Die beiden hohen Fenster, die für die beiden Gesetzestafeln stehen, waren schnell entdeckt. Die Zahl drei erscheint in den drei Eingangstüren, Symbole für die drei Erzväter Abraham, Isaak und Jakob. Und es gibt vier Decken-Eckfelder mit eingeschriebenen Schrift-Kreisen für die vier Erzmütter Sarah, Rebecca, Lea und Rahel. „Da muss doch einer zwei Frauen gehabt haben", schlussfolgerte Johanna Werner und war zusammen mit den Kindern - eines davon hieß tatsächlich Lea wie Jakobs erste Frau - schon mittendrin in den Geschichten des Alten Testaments. Die sieben Kerzen des Leuchters, der Menora, sind ein Zeichen für die Schöpfung, und die immer wieder auftauchenden achtzackigen Sterne erinnern daran, dass die männlichen Kinder am achten Tag nach ihrer Geburt beschnitten werden. Zehn Fenster insgesamt repräsentieren die zehn Gebote, und die zwölf dicht besternten, blauen Kuppelsegmente der Synagoge bedeuten die zwölf Stämme Israels. Die vielen kleinen goldenen Sterne sind die zahlreichen Nachkommen der Stämme. Beim Restaurieren in den achtziger Jahren wurde darauf geachtet, dass nicht alle Sternchen gleichzeitig glänzen, so wie auch die Nachkommen nicht alle zur gleichen Zeit leben. Johanna Werner war 40 Jahre lang mit Leib und Seele Lehrerin. Sie weiß, wie man bei Kindern - und bei Erwachsenen - die Lust am Entdecken weckt. Und ganz nebenbei ließ sie beim Erzählen die Baudaten der Alten Synagoge einfließen: 1767 auf den Grundmauern eines Vorgänger-Gotteshauses errichtet, 1850 und 1881 umgebaut und restauriert und in der Reichspogromnacht 1938 innen völlig zerstört. Nur die Nähe zu den umliegenden Häusern habe das Gebäude vor dem Anzünden bewahrt. Eine Fotografie der zerstörten Synagoge, die ein SA-Mann für sein Album machen ließ, ist auf der Empore zu sehen. Dort ist eine Dauerausstellung zur Geschichte der Hechinger Juden aufgebaut. Besonders lebendig wurde Johanna Werners Erzählfluss, als sie zu den berühmten Persönlichkeiten kam. Von Albert Einstein, dem sein reicher Hechinger Onkel Benedikt Baruch das Studium finanzierte, und vom Landgerichtsrat Moritz Mayer und seinem Waldbad Zollern wusste sie skurrile Geschichten, und sie berichtete vom Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf, vom Rechtsanwalt Paul Levi, der den Mord an Rosa Luxemburg aufdeckte, und von den bekannten jüdischen Lehrern Samuel Mayer und Leon Schmalzbach. Die Hechingerin Madame Kaulla (1739-1809), die es lange vor der Gleichstellung von Mann und Frau zur bedeutenden Hoffaktorin brachte, faszinierte sie besonders. „Sie war damals die reichste Frau Deutschlands, reicher als die Rothschilds", erzählte Johanna Werner. Kaullas Geschäftstüchtigkeit sei die Basis gewesen für den wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, den Hechingen durch seine jüdischen Einwohner erlebte. Von acht Fabriken mit jüdischen Besitzern berichtete die Heimatforscherin aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, und wie noch Anfang der dreißiger Jahre die Leute aus dem ganzen Umland zum Arbeiten und Einkaufen nach Hechingen kamen. Vor der Nazi-Herrschaft sei das Verhältnis zwischen Juden und Christen unproblematisch gewesen. Die Einweihungsrede für das Hechinger Kriegerdenkmal habe noch 1932 der letzte Rabbinatsverweser Leon Schmalzbach gehalten, wusste Werner. „Die Hechinger Juden waren keine Zionisten", nicht einer sei nach Palästina ausgewandert. Die überlebenden Hechinger Juden, die 1986 zur Wiedereinweihung ihrer Synagoge anreisten, kamen aus Nord- und Südamerika. Vier Jahre lang war an der Restaurierung gearbeitet worden, und die Synagoge war schöner als je zuvor. Doch die Frauen weinten, als sie die leere Tora-Nische sahen, erinnert sich Johanna Werner. Von nun an wurde die Alte Synagoge vom Verein Alte Synagoge Hechingen für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Erst in diesem Jahr, zum Purimfest, fand mit jüdischen Zuwanderern aus Russland zum ersten Mal wieder ein jüdischer Gottesdienst in der Hechinger Synagoge statt. Aus: Schwäbisches Tagblatt vom 28. Mai 2003 PS. Besichtigungen der Alten Synagoge Hechingens, Stadtrundgänge zur jüdischen Geschichte und Informationen zu den Veranstaltungen des Vereins „Alte Synagoge“ können beim Bürger- und Tourismusbüro der Stadt Hechingen (Telefon: 07471 - 940 211) und beim Verein Alte Synagoge Hechingen (Telefon: 07471 - 937 110) erfragt und vereinbart werden. Weitere Artikel werden eingefügt |