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Zurück zum Rundbrief vom 26. Oktober 2003 Das Schweizer jüdische Wochenmagazin „tachles“ bringt zum jüdischen Neujahr eine Art Bilanz des zurückliegenden Jahres und einen Ausblick auf das kommende Jahr. Rosch haSchana, der Beginn des neuen jüdischen Jahres 5764, war am Schabbat, 27. September 2003. Dazu schrieb der international bekannte Schweizer Filmproduzent Arthur Cohn aus Basel den nachstehenden Artikel, dem „tachles“ folgenden Vorspann vorausstellte: „Eine exklusive Analyse des abgelaufenen Jahres von Arthur Cohn, der auf seinen Reisen jeweils mit führenden politischen Persönlichkeiten zusammentrifft und wenig bekannte Fakten aus erster Hand erhält.“ Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlichen wir seine weit ausholende, die großen Zusammenhänge schildernde Einschätzung der weltpolitischen Lage Israels und der jüdischen Gemeinschaft. Hartmut Metzger
Neue
Realität, alte Probleme - Auch das zu Ende gehende Jahr stand im Zeichen des antiisraelischen Terrors. Seit Beginn der zweiten Intifada kamen bei 18 787 Terroranschlägen 862 Israeli ums Leben, 5 868 wurden verletzt. Zu den Opfern des 103. Selbstmordanschlages gehört der Chefarzt David Appelbaum vom Shaare-Zedek-Krankenhaus. Über ihn schrieb der „Spiegel“ unter dem Titel „Einer von 36 Gerechten“: „Appelbaum machte keinen Unterschied zwischen jüdischen und nichtjüdischen Patienten, weil er sich in einem hasserfüllten Umfeld den Glauben an die Gleichheit der Menschen bewahrt hatte.“ David Appelbaum hatte sich mit seiner Tochter Nava am Vorabend von deren Hochzeit getroffen, um Einzelheiten der Feier nach der Trauung zu besprechen. Beim Selbstmordattentat saßen Vater und Tochter in der Nähe des Eingangs zum Café und waren sofort tot. Anderntags wurden sie Seite an Seite beerdigt, in Gegenwart der Gäste, die eigentlich zur Hochzeit geladen waren. Hanan Sand, Navas Bräutigam, sagte: „Ich glaube nicht mehr an den Frieden.“ Er legte den Ring, den er ihr an den Finger stecken wollte, mit ins Grab. Unter dem Titel „Zwei tragische Schicksale“ stand in der „Basler Zeitung“ ein Kommentar zum Tod von David Appelbaum und seiner Tochter Nava, kombiniert mit einem Bericht über Mahmud Al Zahar, einem Mitbegründer der radikal-islamistischen Hamas-Bewegung, der bei einem Bombenanschlag seinen Sohn verlor und selber verletzt wurde. Dieser unglaubliche Vergleich zwischen einem Arzt, der alle Kranken (auch Araber) hingebungsvoll behandelt, und einem Hamas-Führer, der nach dem Grundsatz „Tötet die Juden, wo immer ihr sie trefft“ handelt, zeigt eindrücklich, wie einseitig die Nahostberichterstattung in zahlreichen Schweizer Medien auch dieses Jahr geblieben ist. Wer würde es wagen, einen Al-Qaida-Ideologen, der für Terroranschläge wie jenen vom 11. September verantwortlich ist, mit einem amerikanischen Arzt zu vergleichen, der Kranke in seinem Spital zu heilen sucht und die Hoffnung auf eine friedliche Lösung nie aufgegeben hat? Terror als LebenszweckDer militarisierte Aufstand hat keines seiner Ziele erreicht. Weder brachte er den „Sicherheits-Ministerpräsidenten“ Sharon zu Fall, noch hielt er die jüdische Besiedlung auf, und anstatt zur Befreiung der besetzten Gebiete führte er zu Wiederbesetzung. Und trotzdem: 70 Prozent aller Palästinenser unterstützen nach zuverlässigen Meinungsumfragen die Selbstmordanschläge. Damit ist bewiesen, dass die palästinensische Gesellschaft für den historischen Kompromiss mit Israel noch nicht reif ist. Der libanesische Historiker Fuad Ayami erklärte hierzu: „Wir Araber haben die Tendenz, lieber glorreichen Träumen nachzuhängen, als uns mit den Realitäten zu befassen.“ Anders ausgedrückt: Die Intifada ist kein Antibiotikum zur Heilung der palästinensisch-israelischen Krankheit. Es gilt, den Selbstmord-Terrorismus zu entmystifizieren, denn er zeigt jenen „paranoiden Islamismus“ auf, den Salman Rushdie als schlimmsten Feind der Werte der islamischen Zivilisation bezeichnet hat. Keine Terrorgruppe hat mehr Selbstmordanschläge gegen Israel begangen als Hamas, für die Terror den eigentlichen Lebenszweck bedeutet. Im Gegensatz zur PLO ist die Hamas nicht korrupt. Sie hat ein soziales Netz aufgebaut, das allein im Gaza-Streifen 20 000 Familien versorgt. Bei ihrer Gründung 1978 war Hamas eine soziale Hilfsaktion mit dem Ziel, islamische Werte zu vermitteln. 1987 wurde während der ersten Intifada unter der Leitung von Abdel Aziz Rantisi der Wandel zur militärischen Terrororganisation beschlossen. Seitdem lautet das erklärte Ziel der Bewegung, „den zionistischen Feind aus Palästina zu vertreiben, und zwar aus ganz Palästina, nicht nur aus den 1967 besetzten Gebieten.“ Rantisi spezifizierte in der ägyptischen Tageszeitung „Al Ahram“: „Die Grenzen Palästinas reichen vom Mittelmeer bis zum Jordanfluss, und es gibt hier nicht einen Platz für irgendeinen, der nicht Palästinenser ist. Wenn wir im Moment nicht das gesamte Palästina befreien können, akzeptieren wir die ‚Befreiung in Etappen’. Das bedeutet aber keineswegs die Aufgabe Palästinas vom Meer bis zum Fluss.“ Wie tief dieser Geist der Hamas in der palästinensischen Gesellschaft verwurzelt ist, belegt eine aktuelle Umfrage des palästinensischen Zentrums, wonach Hamas nicht nur im Gaza-Streifen, sondern im gesamten Westjordanland mit 29 Prozent Zustimmung erschreckend beliebt ist, dank seiner Mischung aus Wohlfahrt und Kampf gegen Israel. Nathan Sharansky, zentrales Mitglied der israelischen Regierung, sagte mir hierzu: „Die Geschichte lehrt uns, dass Juden oft auf brutale, unmenschliche Art ermordet wurden, von den Pogromen bis zu den Gaskammern. Heute müssen wir uns einem weiteren teuflischen Phänomen unterziehen - den Bomben der Selbstmörder. Aber diesmal liegen die Dinge anders. Heute haben wir einen souveränen jüdischen Staat zu verteidigen und unsere Bürger zu schützen. Und indem wir sie vor diesen neuen Waffen des Terrors schützen, ist Israel an der Seite derjenigen, welche die zivilisierte Welt vor dieser neuen Gefahr schützen.“ Wirtschaftliche Notlage der Palästinenser Einmal mehr wurde beim kontinuierlichen Auflodern des Nahostkonfliktes die Notlage verarmter Palästinenser, die in erbärmlichen Flüchtlingslagern leben, ins Rampenlicht gestellt. Zwar behaupten die Araber, über diese Situation empört zu sein; in Wirklichkeit aber haben sie bisher nichts zum Wohlstand des palästinensischen Volkes beigetragen. Die Frage, die zu Beginn jeder palästinensischen Problemlösung stehen muss, lautet deshalb nicht: Wer stoppt Palästinas Verelendung? Sondern: Wer ist für die Verelendung der Palästinenser verantwortlich? Alle Versuche der internationalen Gemeinschaft, diesen Menschen eine lebenswürdige Existenz aufzubauen, haben zu keinem Ziel geführt, weil enorme Summen von dringend benötigten Hilfsgütern nicht für ihr Wohl benützt, sondern von der korrupten palästinensischen Führung missbraucht worden sind. Die katastrophale Lage der Palästinenser wurde aus politischen Gründen als Zeitbombe bewusst am Leben erhalten. Solchermaßen sind die Hauptleidtragenden der Terrorakte die Palästinenser selbst. Ihnen kann nicht geholfen werden, solange ihre Führung an der Zerstörung Israels mehr interessiert ist als an kontinuierlichem Anheben des Lebensniveaus. Arafat ist ein Hindernis für den Frieden Das berühmte Wort von Abba Eban, „Palästinenser lassen nie eine Gelegenheit aus, um eine Gelegenheit auszulassen“, fand im Lebenswerk von Yasser Arafat seine konkrete Bestätigung. Immer wenn die Palästinenser in den über 50 Jahren die Gelegenheit hatten, einen Staat neben Israel zu bilden, zogen sie die Ablehnung und die Zuflucht zur Gewalt vor. Ich hatte die Ehre, mit Itzhak und Leah Rabin befreundet zu sein. Drei Tage vor seinem Abflug nach Camp David sagte mir Rabin bei einem Mittagessen, dass er sich sehr schwer tue, Arafat die Hand zu reichen. In späteren Jahren wiederholte Rabin seinen alten Verdacht, dass es keinen wirklichen Frieden geben könne, weil Arafat ein Hindernis für solchen Frieden geblieben ist. Arafats „Errungenschaft“ besteht in Verbrechen von Flugzeugentführungen und Sprengen von Passagier-Flugzeugen; dem kontinuierlichen Versuch, Jordanien zu destabilisieren; der erfolgreichen Vernichtung Libanons als eines souveränen Staates; der gezielten Opferung palästinensischer Kinder, um in skrupellos zynischer Verletzung der Menschenrechte Fernsehübertragungen effektiver erscheinen zu lassen. Arafat hat Friedenshoffnungen brutal zerstört und nie den Schritt vom Terroristen zum Staatsmann vollzogen. Dazu kommt, dass Arafat massivster persönlicher Korruption bezichtigt wurde. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds haben Arafat und die palästinensische Autonomiebehörde zwischen 1995 und 2000 eine Summe von 898 Millionen Dollar Einnahmen am Haushalt vorbeigeschleust und auf geheime Konten einbezahlt, auf die nur Arafat Zugriff hat. Enorme Hilfsgelder für die palästinensische Bevölkerung wurden skrupellos zur Förderung des palästinensischen Terrors gegen Israel eingesetzt. Das von Israel aufgebrachte Schiff Karin A, mit iranischen Katyusha-Raketen beladen, kostete z. B. 15 Millionen Dollar; dieser Betrag hätte das jährliche Budget des Ahli-Arab-Spitals in Gaza während mehrerer Jahre gedeckt. Die monatliche Summe, die Arafat nach Anschuldigen des ehemaligen Finanzverwalters der PLO, Al-Ghussain, aus internationalen Hilfsgeldern für seinen privaten Gebrauch abgezweigt hat, hätte für ein großes Wohnviertel kinderreicher Familien verwendet werden können. Wichtiger als all dies aber bleibt die Tatsache, die der israelische Schriftsteller Amos Os folgendermaßen beschrieb: „Arafat ist in Ramallah und Gaza eingezogen, im Gepäck die Taktik, Israel schrittweise zu liquidieren, den Jihad fortzusetzen und der entstehenden Terror-Infrastruktur Schutz zu bieten.“ Trotzdem muss die öffentliche Erwägung der israelischen Regierung, Arafat zu eliminieren, verurteilt werden: Sie hat der palästinensischen Symbolfigur zu erneuter Popularität verholfen. Arafat ist seit einem halben Jahrhundert der Sache der Palästinenser aufs Engste verbunden. Würde er kaltgestellt, empfänden dies die Palästinenser als kollektive Demütigung ihrer Sache. Seine Ausweisung würde den Zusammenbruch der palästinensischen Behörden zur Folge haben und zu Gewalt und Chaos führen. Die Erkenntnis, dass gegenwärtig kein Weg politisch oder wirtschaftlich an Arafat vorbeiführt, darf aber nicht zum Trugschluss „ohne Arafat kein Frieden“ führen, denn die Frage lautet „... und mit Arafat?“ Neue Realität nach Sturz von Saddam HusseinHusseins Sturz im April dieses Jahres hat die irakische Bedrohung Israels erheblich abgeschwächt. Die neue Realität des Nahen Ostens analysierte Ariel Sharon: „Die Beseitigung der mörderischen irakischen Bedrohung ist eine Erleichterung, aber sie darf nicht bedeuten, dass alle Probleme, denen wir gegenüberstehen, beseitigt sind. Die Entwicklung in Iran, Syrien und Libyen bleibt ernst und gefährlich. Doch wir stehen einer konkreten Möglichkeit gegenüber, dass eine neue Periode beginnt. Der Feldzug im Irak verursachte den Arabern im Mittleren Osten einen Schock, und er bringt zumindest Hoffnung auf große Veränderungen mit sich.“ Zweifellos fürchten die meisten arabischen Regimes eine politische Umgestaltung im gesamten Nahen Osten als Folge des Irak-Kriegs. Anders als im Westen, wo Diskussionen in aller Öffentlichkeit geführt werden, bemühten sich die Regimes der arabischen und muslimischen Länder, ihre Meinungsverschiedenheiten unter den Teppich zu kehren. Die Irak-Krise hat, wie es der Herausgeber der libanesischen Tageszeitung „al Safir“, Tallal Salman, formulierte, den „Abgrund des gegenseitigen Misstrauens zwischen den Bevölkerungen und den herrschenden Eliten“ krasser als zuvor erkennen lassen. 115 Milliarden gesicherte sowie 200 Milliarden Barrel vermutete Öl-Reserven sind mit dem Ende des Krieges aus Saddams Händen in den Einfluss-Bereich Washingtons eingegangen. Das Weiße Haus ist bemüht, europäische Sorgen zu zerstreuen, dass sich nach dem Sieg der Amerikaner im Irak eine der „gewagtesten Geschäftsübernahmen aller Zeiten“ abzeichnet, wie sie das „Wall Street Journal“ charakterisiert hat. Allerdings erweist sich die Befriedung und Neuordnung des eroberten Iraks als überaus schwierig. Das von den „Neokonservativen“ in Washington entworfene Design eines grundlegend veränderten Nahen Ostens könnte schon in der Anfangsphase scheitern. Sollten die USA aber die Auseinandersetzungen im Irak gewinnen, würde dies einen massiven Rückschlag für alle radikalen Kräfte im Nahen Osten bedeuten. In jedem Fall bedeutet die Kontrolle der USA über das irakische Öl eine Schwächung der Drohung der OPEC-Staaten mit einem Förderboykott. Syrien - größter Verlierer des Irak-KriegsZweifellos zählt Syrien zu den größten Verlierern des Irak-Kriegs, denn es büßt einen wichtigen Handelspartner ein und sieht sich mit dem unbequemen neuen Nachbarn USA konfrontiert. Nach dem Fall Bagdads steht der syrische Präsident Bashar Al-Assad unter massivem Druck, denn es wird ihm Nachsichtigkeit gegenüber Jihad-Kämpfern vorgehalten und er wird dafür kritisiert, dass Damaskus weiterhin die libanesische Hizbollah unterstützt und sich nicht aus dem Zedernland zurückzieht. Der amerikanische Unterstaatssekretär Bolten betonte in einem Kongress-Hearing, Syrien sei ein Schurkenland, genau wie Iran, Libyen und Nordkorea, während Bushs Sicherheitsberaterin Rice darauf hinwies, dass 1000 Terroristen mit Hardcore-Ausbildung, welche im Irak amerikanische Soldaten töten wollen, aus oder via Syrien im Irak eintreffen. Bei seiner Machtübernahme galt der junge Präsident Syriens als Hoffnungsträger für Reformen, aber der politische Frühling währte nur kurz: Längst herrschen wieder Gewalt und Diktatur, die Furcht vor dem Geheimdienst bleibt allgegenwärtig , und es sind die Sicherheitsapparate der Baath-Partei, welche den syrischen Präsidenten in Schach halten, dem die Skrupellosigkeit seines Vaters fehlt. Trotzdem gibt es in Syrien Intellektuelle und Politiker, welche aufgrund der amerikanischen Machtdemonstration im Irak Syriens Regime unter Reformdruck stellen und die syrische Besetzung des Libanons als Ursache für den langsamen Niedergang des Zedernlandes ansehen. Entfremdung zwischen Saudi-Arabien und den USASeit dem 11. September ist das Verhältnis zwischen der amerikanischen Regierung und dem Königreich Saudi-Arabien brüchig geworden. Dabei hatten die Beziehungen alle Eigenschaften einer Vernunftehe: Die USA boten Saudi-Arabien militärische Sicherheit und sicherten sich damit den Zugang zu den sprudelnden Ölquellen. Die Amerikaner konnten aber Schwierigkeiten in den gegenseitigen Beziehungen nicht verhehlen, nachdem 15 der 19 Attentäter vom 11 September Saudis waren und es sich klar erwiesen hat, dass 50 Prozent des militärischen Budgets der Terrororganisation Hamas von Saudi-Arabien beglichen werden. Die ehrenwerte „Rand Corporation“ hat in einem Briefing im Pentagon wörtlich ausgeführt: „Die Saudis sind auf jeder Stufe der Terrorkette aktiv - von den Planern bis zu den Financiers, von den Kadern bis zum Fußvolk, von den Ideologen bis zu den Beifallklatschern. Saudi-Arabien unterstützt unsere Feinde und attackiert unsere Verbündeten. Saudi-Arabien ist der Kern des Bösen, der wichtigste Anstifter.“ Trotz Ölreichtum verschlechtert sich die soziale Lage, vor allem für junge Menschen in Riad, und die Unzufriedenheit wächst. Das Königreich steckt in einer tiefen Krise. Dies hat zumindest dazu geführt, dass der saudi-arabische „Friedensplan“ für den Nahen Osten ad acta gelegt wurde. Der Plan - eine Wiederholung der maximalen arabischen Forderungen, von denen sie während Jahrzehnten nie abgewichen sind - war ein durchsichtiger Versuch, die Aufmerksamkeit der Welt von den Wurzeln der Gewalt abzulenken und den Ärger der Amerikaner über die saudische Verbindung zu den Geschehnissen des 11. September zu besänftigen. Ende der Herrschaft der Mullahs in Iran?Der amerikanische Vizepräsident Cheney entgegnete dem von europäischen Kritikern vorgebrachten Argument, der Angriff im Irak könnte die ganze Region destabilisieren: „Das Gegenteil ist wahr. Der Regimewechsel im Irak kann der Region eine Reihe von Vorteilen bringen. Ist die kontinuierliche Bedrohung einmal beseitigt, würden die friedlichen Völker der Region jene Werte zu fördern suchen, die dauernden Frieden bringen.“ Damit stellt Cheney den Regime-Wechsel im Irak in den umfassenden geostrategischen Kontext. Im Weißen Haus besteht die Hoffnung auf einen Domino-Effekt, in dem ein demokratischer Irak dazu führen könnte, dass die seit Jahren gegen die Herrschaft der Mullahs im Iran aufbegehrende Jugend und die gemäßigte persi-sche Mittelschicht sich unterstützt fühlen. So müssen amerikanische Beschuldigungen an die Adresse Irans gesehen werden, den Wiederaufbau Iraks mit gewalttätigen Aktionen gegen Koalitions-Truppen zu sabotieren und der internationalen Atomenergie-Behörde verbindliche Auskünfte über das iranische Nuklearprogramm zu verweigern. Teherans Atomwaffenprogramm und seine Unterstützung des Terrorismus waren auch Hauptgesprächspunkt beim ersten Besuch eines israelischen Ministerpräsidenten in Neu Delhi. Ariel Sharon war mit einer Delegation von 150 Vertretern aus Regierung und Wirtschaft in Indien eingetroffen, das brennende Sicherheitsprobleme regelmäßig mit israelischen Experten diskutiert und israelische Lenksysteme und elektronische Sicherheitsanlagen im Wert von 1,5 Milliarden Dollar aus Israel importiert. König Abdallahs erfolgreicher Balanceakt Seit vier Jahren regiert König Abdallah im haschemitischen Königreich Jordanien, eingeschnürt durch den palästinensisch-israelischen Konflikt im Westen und den um Irak im Osten. In umsichtiger Art ist es König Abdallah gelungen, aus dem Irak-Krieg so gestärkt hervorzugehen, dass er sich in seinen Reden nicht mehr auf seinen verstorbenen Vater Hussein berufen muss. „Wer die Zeichen der Zeit nicht erkennt, wird sie bald - dann vielleicht zu spät - spüren“, betonte König Abdallah und brachte damit seine Genugtuung darüber zum Ausdruck, dass die Amerikaner den Jordaniern 1,2 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern überwiesen haben. Das Versprechen von Präsident Bush, eine Freihandelszone im Nahen Osten zu errichten, würde der jordanischen Wirtschaft einen enormen Konjunkturschub bringen und hat Jordanien ermutigt, die diplomatischen und wirtschaftlichen Verbindungen mit Israel zu intensivieren. In den ersten sechs Monaten des Jahres 2003 hat das Handelsvolumen Israel-Jordanien so viel ausgemacht wie das Gesamtgeschäft der letzten sechs Jahre zwischen den beiden Ländern. Ein neuer Naher Osten ist zwar noch nicht in Reichweite, aber der Weg Jordaniens hierzu vermochte antiisraelisches Misstrauen zu reduzieren oder gar zu beseitigen. 25 Jahre nach dem historischen Camp-David-Friedensabkommen zwischen Anwar el Sadat und Menachem Begin sind die Beziehungen zwischen Ägypten und Israel kälter denn je: „Ägypten hat keinen Botschafter mehr in Tel Aviv, die politischen Verbindungen zu Israel sind schlecht, Israels Exporte nach Ägypten machen weniger als die Hälfte des Vorjahres aus, und die ägyptische Bevölkerung ist zunehmend feindlich gegenüber Israel“, stellte Emad Gad vom Al Ahram Center for Political and Strategic Studies in Kairo fest: „Die meisten ägyptischen Studenten sind nach der Rückgabe des ägyptischen Territoriums 1982 geboren worden, und doch empfinden sie Israel als Ägyptens Feind Nr. 1.“ Dazu trägt sicher auch die antiisraelische Hetze in den ägyptischen Medien bei. Die Entwicklung der israelisch-ägyptischen Beziehungen ist solchermaßen bedenklich, überaus positiv hingegen Israels enge Zusammenarbeit mit der Türkei. Bei einigen arabischen Ländern ist ein gewisses Tauwetter festzustellen. In London traf der israelische Außenminister Silvan Shalom mit dem Kronprinzen von Bahrain, Scheich Salman Bin Hamad al Khalifa, zusammen, nachdem er sich zuvor mit Scheich Hamad bin Yasim aus Qatar in Paris getroffen hatte. Das erstaunlichste Zeichen für die Bemühungen gewisser moslemischer Staaten, nicht auf die Liste der amerikanischen Terroristenländer gesetzt zu werden, ist die mutige Einstellung des pakistanischen Präsidenten Pervez Musharraf gegenüber Israel, die in der Entsendung eines Emissärs nach Tel Aviv kulminierte. Gefährliche Blindheit der EU im Nahost-Konflikt Immer wieder - beim Sechstagekrieg 1967, nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973 und seit Ausbruch der zweiten Intifada 2000 - musste man in Israel feststellen, dass die Europäer aus moralischen oder ökonomischen Gründen die Palästinenser unterstützten. Die humanitäre Situation bei den Palästinensern wird jedoch von den Regierungen der EU ohne den historischen Rahmen isoliert dargestellt, und es findet z. B. kaum je Betonung, dass es stets, wenn die Grenzen von Israel geöffnet wurden, um palästinensische Arbeiter nach Israel zu bringen, prompt zu neuen Terrorakten gekommen ist. „Die EU hat bei ihren enormen Zahlungen an die palästinensische Autonomiebehörde bisher jedes Indiz für den Missbrauch dieser Hilfeleistungen durch Yasser Arafat konsequent übersehen“, schreibt die angesehene Hamburger Wochenzeitung „DIE ZEIT“, und der Nahostexperte Wolfgang Günter Lerch fasst in einem Essay „Umschlag der Stimmung“ die heutige Situation so zusammen: „Dem ehemaligen Fast-Alles-Dulden Israels steht heute ein Fast-Alles-Kritisieren gegenüber. Antisemitismus und Philosemitismus können Extreme sein, die sich berühren.“ Die kontinuierliche Beschäftigung der europäischen Medien mit Vorfällen in von Israel verwalteten Gebieten hat, zumindest teilweise, Wurzeln in versteckten Motiven des Antisemitismus, welcher erschreckend an Ehrbarkeit gewinnt. Diese Entwicklung muss im Zusammenhang mit der angestrebten Absolution von Schuldgefühlen betrachtet werden. Mit den sechs Millionen ermordeter Juden hat Israel gekauft, was man im Basketball ein „Time-Out“ nennt. Fünf Jahrzehnte später ist der Antisemitismus mit unerträglicher Offenheit zurückgekehrt. Wie überaus bequem und tröstlich lässt sich doch mit Zwischenfällen in Gaza und Jenin das Tabu der Geschichte widerlegen. Israel so schlimm darzustellen wie die Nazis, lässt jene, die seinerzeit geschwiegen haben, die Last des Holocaust leichter ertragen. Der Basler Verleger Matthias Hagemann hierzu: „Wer Jenin mit dem Warschauer Ghetto vergleicht oder den gegenwärtigen Nahostkonflikt mit der Schoah, verabschiedet sich vom seriösen Journalismus.“ Vor einigen Wochen trat der frühere Präsident des norwegischen Parlaments, Khare Kristiansen, dafür ein, die 1994 entschiedene Verleihung des Friedens-Nobelpreises an Arafat rückgängig zu machen. Prompt wurde er von Persönlichkeiten der EU gerügt, die entschlossen sind, ihre persönlichen Kontakte mit Arafat als einzigem Verhandlungspartner aufrecht zu erhalten. Dieser habe den Nobelpreis für Frieden (!) zu Recht bekommen, da er „den Terror aufgeben wollte“. Ein Mann wie Arafat, der das Oslo-Abkommen mit historischen Abkommen des Propheten Mohammed verglich - das dieser selbst a priori nie einzuhalten gedachte -, ein Mann, der nie das Wort „Frieden“ auf arabisch öffentlich aussprach, ein Mann, der die Jahre nach Oslo intensiv dafür benützte, seine Militärmacht weit über das in der Vereinbarung Erlaubte hinaus auszubauen und eine unglaubliche Hetzkampagne gegen Israel in den palästinensischen Schulen und Moscheen zu schüren begann -, so ein Mann wollte wirklich den Terror aufgeben? Wie weit verbreitet das israelische Misstrauen gegenüber Europa inzwischen ist, kann eine Umfrage belegen, die in Israel erhoben wurde. Auf die Frage, aus welchem Lande die Friedenstruppen kommen sollten, die vielleicht eines Tages einen Frieden mit den Palästinensern überwachen könnten, lehnten 67 Prozent der Befragten den Einsatz arabischer Soldaten ab, während sogar 85 Prozent gegen eine Entsendung europäischer, vor allem französischer Soldaten votierten. Internationales Muskelspiel der UNO Immer wieder fühlt sich Israel von der UNO ungerecht behandelt. Der ehemalige israelische UNO-Botschafter Dore Gold betonte: Das Verhalten hat mit internationaler Gerechtigkeit nicht das Geringste zu tun, sondern nur mit internationalem Muskelspiel. Auch Yehuda Blum, der ebenfalls während vieler Jahre Israel in der UNO vertrat, ist der Überzeugung, dass der jüdische Staat gegenüber 50 arabischen und muslimischen Staaten keine Chance hat, sich in der UNO irgendwie durchzusetzen. So ist Israel als einziges Land in keiner regionalen Arbeitsgruppe vertreten, während ironischerweise Libyen die UNO-Kommission für Menschenrechte in Genf präsidiert.Es bleibt eine bedenkliche Tatsache, dass die Schulbücher des palästinensischen Bildungswesens antiisraelisch, antisemitisch und rassistisch sind - und sie werden vom UNO-Hilfswerk UNRWA finanziert. Der Generalsekretär der UNO, Kofi Annan, ein Mann mit starkem Charisma und Charme, sagte mir in einem Gespräch mit Marion Wiesel zu, dafür besorgt zu sein, dass die UNRWA mehr Verantwortung für die Inhalte der Schulbücher im palästinensischen Schulsystem übernimmt.
Das Aufwachen aus einer Illusion Von Golda Meir stammt der weise Ausspruch: „Frieden wird im Nahen Osten erst einkehren, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie die Juden hassen.“ Für Professor Thomas Owens vom amerikanischen Naval War College liegt der Misserfolg Oslos in der Erkenntnis, dass die Palästinenser ungeachtet der Dinge, die westlichen Ohren eingeflüstert wurden, unverändert das „Auslöschen des Staates Israel“ vor Augen haben. Eine solche Kluft aber kann auch von einem „Fetzen Papier“ nicht überbrückt werden. Israels Erziehungsministerin Limor Livnat sieht im Oslo-Prozess die Geschichte von Hoffnung und Wunschdenken, die über gesunden Menschenverstand und nationales Stehvermögen triumphiert hat. „Die Palästinenser haben Israels Existenzrecht als jüdischer Staat nie wirklich akzeptiert, die antiisraelische Hetze nie eingestellt und die Verpflichtung, in gutem Glauben zu verhandeln, nie honoriert.“ Der israelische Militärkommentator Zeev Schiff bezeichnete das fatale Abkommen in Norwegen als hauptverantwortlich für die bittere Niederlage der Arbeitspartei bei den israelischen Parlamentswahlen vom 28. Januar dieses Jahres. Auch Shlomo Ben Ami, Außenminister der letzten Arbeitspartei-Regierung, gab zu: „Wir müssen endlich zugeben, dass der fruchtlose Friedensprozess die Arbeitspartei zu Fall gebracht hat. Wir müssen das Programm nicht mehr auf Frieden, sondern auf innenpolitische Reformen richten.“ Die Wahl Sharons war in erster Linie ein eindeutiges Misstrauensvotum gegen Barak und seinen politischen Weg. Ariel Sharon hat zwar eine glanzvolle Karriere als Kriegsheld, Ex-General, Ex-Verteidigungsminister und als Israels Retter im Jom-Kippur-Krieg mit einer tollkühnen Überquerung des Suez-Kanals, aber das Bild, das die Medien in Libanon und Sabra und Schatila um ihn aufbauten, hätte sein politisches Aus bewirken können. Umso außergewöhnlicher war sein Wahlerfolg. Die herzliche, persönliche Beziehung Sharons zu Präsident Bush, bei dem der israelische Ministerpräsident schon achtmal zu Gast war, findet ebenso uneingeschränkte Würdigung wie Sharons echter Patriotismus, die Kraft seiner Überzeugung und sein Sendungsbewusstsein. Obwohl Sharon ein klares militärisches Konzept zur Terrorbekämpfung durchführte, wird ihm vorgeworfen, kein politisches Konzept mit klarer Vision zu besitzen. Diesbezüglich dürfen aber wesentliche Wandlungen nicht ignoriert werden, die Sharon im Laufe der Jahre durchgemacht hat. So ist er vom Slogan „Jordanien ist Palästina“ abgerückt, und er hat den Grundsatz akzeptiert, dass ein palästinensischer Staat letztlich gebildet werden kann, solange es sich um einen demilitarisierten Ministaat handelt. Im Weiteren und vor allem hat Sharon, im Gegensatz zu seiner Zeit als Verteidigungsminister Anfang der achtziger Jahre, erkannt, dass er ohne Mithilfe der USA zum Misserfolg verurteilt ist und sich im Übrigen in Israel selbst auf einen breiten nationalen Konsens abstützen muss und nicht nur auf die extreme Rechte. Dies kam in seiner Akzeptanz der säkularen „Shinui“ konkret zum Ausdruck. Wiederholt gab sich der Hardliner moderat, und es scheint nicht ausgeschlossen, dass Sharon, um - wie Begin - in die Geschichte einzugehen, eine Wandlung zum moderaten Realpolitiker machen könnte. Sein langjähriger Parteifreund, der Parlamentspräsident Reuven Rivlin, zeigte sich besorgt darüber, dass Sharon einen Weg einschlagen könnte, auf dem er zu Zugeständnissen gezwungen wäre, zu denen er ursprünglich nicht bereit war. Rivlin vergleicht den Friedensprozess mit einem Flug. Wenn man Platz genommen hat, liegt die Entscheidung , wo das Flugzeug landet, beim Piloten. Und dieser heißt im Nahen Osten George W. Bush. Israels Wirtschaftskrise Es ist erstaunlich, dass die Palästinenser das zentrale Wahlkampfthema in Israel waren und nicht die wachsende Armut: Jeder fünfte Israeli lebt unter der Armutsgrenze. Die Intifada hat Israel in eine Wirtschaftskrise gestürzt, wobei wegen der allgemeinen Unsicherheit natürlich der Tourismus besonders betroffen war. Die Zahl der ausländischen Investitionen in Israel hat stark abgenommen, und auf dem Kapitel der Landwirtschaft sind Probleme des existentiellen Ersatzes für die palästinensischen Arbeitskräfte enorm. Natürlich ist nicht allein die Intifada für die Wirtschaftskrise verantwortlich: Die globale Rezession, die mangelnde Investitionsbereitschaft des Auslandes und vor allem der Absturz des Nasdaq haben dazu beigetragen, galt Israel doch als weltweite Nummer zwei nach den USA auf dem High-Tech-Sektor. Finanzminister Binyamin Netanyahu konnte in der Regierung den Haushaltsplan für das Jahr 2004 schließlich durchbringen, der eine Begünstigung des produzierenden Sektors vorsieht, auf Kosten der auf eine Sozialhilfe aus Haushaltsgeldern angewiesenen Bevölkerung. Dies dürfte für Netanyahu innerhalb des Likud zu Prestigeverlusten führen, während sich Verteidigungsminister Shaul Mofaz besonderer Beliebtheit erfreut. Ob Israel der Schritt zur freien Marktwirtschaft unter Abtragung demokratischer Hürden und Privatisierung staatlicher Gesellschaften und Banken gelingt und die Wirtschaft damit einen Riesensprung nach vorne machen könnte, wird die Zukunft zeigen. Die Terrororganisation Hamas ihrerseits ist finanziell in Bedrängnis, weil ihre Führer unter doppeltem Druck stehen: Sie werden von Israel verfolgt und getötet, und ihre Aktivitäten werden in Frage gestellt, weil ihnen der Zugriff auf internationale Bankkonten mehr und mehr verwehrt wird. Israels größtes Infrastrukturprojekt Die Idee, sich von den Palästinensern durch einen Sicherheitszaun zu trennen, entsprach, wie Ari Shavit in „Haaretz“ ausführte, dem „Angstgefühl des israelischen Volkes“. Regierungschef Ehud Barak nahm zu Beginn der zweiten Intifada den Vorschlag der einseitigen Trennung auf und reagierte damit auf die Drohung Arafats, einen Staat Palästina auch ohne vorherigen Friedensvertrag auszurufen. Als Anfang 2002 die Terrorwelle einen neuen Höhepunkt erreichte, konnte Verteidigungsminister Ben-Elieser von der Arbeitspartei sich bei Sharon durchsetzen, und der Bau des Zaunes begann. „Wäre es nicht besser, mit den Palästinensern zu verhandeln, statt einen Zaun zu bauen?“ wurde Ben Eliezer gefragt, und er antwortete: „Die Regierung ist für die Sicherheit der Bürger Israels verantwortlich. Da dürfen wir nichts riskieren. Doch parallel dazu müssen die politischen Verhandlungen weitergehen.“ Der Zaun, Israels größtes Infrastrukturprojekt, wird von der überwiegenden Mehrheit der israelischen Bevölkerung als wirksame Methode zur Eindämmung von Selbstmordanschlägen angesehen. Diskussionen gibt es lediglich darüber, welche Siedlungen innerhalb oder außerhalb der Mauer bleiben sollen. Tatsache ist, dass aus dem umzäunten Gaza bisher kein einziger Selbstmörder gekommen ist. „Wenn keine Gewalt droht, ist auch kein Zaun nötig. Wir tun dem Friedensprozess keinen Gefallen, wenn wir ohne palästinensische Kooperation etwa einen Baustopp des Zaunes fordern“, betonte der frühere stellvertretende amerikanische Außenminister Dennis Ross, und der bekannte amerikanische Publizist Charles Krauthammer meinte: „Es stimmt, dass einige Palästinenser durch den Zaun von ihren Feldern abgeschnitten werden. Sollte der Zaun aber nicht entstehen, werden unschuldige Menschen auf der anderen Seite in Stücke gerissen werden. Welches der beiden Missgeschicke ist moralisch zwingender?“ Der Schutzzaun wurde von der palästinensischen Führung zum Unterdrückungssymbol hoch stilisiert und als Versuch Israels angesehen, territoriale Fakten zu schaffen, bevor Verhandlungen über eine endgültige Grenzziehung begonnen haben. Es wäre hilfreich, dass die Regierung Israels offiziell betont, dass die Mauer nicht die endgültige Grenze zwischen Palästina und dem Staat Israel darstellt. Zuverlässigen Informationen zufolge hat Sharon bei seinem letzten Besuch im Weißen Haus Präsident Bush zugesagt, dass, wenn die terroristische Infrastruktur der Palästinenser beseitigt ist, auch die Mauer nicht bestehen bleiben muss. „Road Map“ - Rezept für eine neue Katastrophe Die „Road Map“ sieht vor, dass der palästinensische Staat entstehen soll, ohne dass vorher klar gesagt wird, dass er entmilitarisiert sein muss; ohne dass vorher die Grundprobleme zwischen Israel und den Palästinensern gelöst wurden (Rückkehr von arabischen Flüchtlingen, Jerusalem, feste Grenzen); ohne dass vorher der geistige Terror in Schulen, Medien und Moscheen eindeutig beendet werden muss. Es ist erstaunlich, dass ein solcher „Marschplan“ die Billigung Amerikas finden konnte und kaum zu verstehen, dass Israel keinen Weg fand, seinen Einfluss geltend zu machen, um bedenkliche Mängel dieses neuen Vorschlags zu verhindern. 62 Prozent aller Israeli glauben, Sharon habe einem amerikanischen Diktat nachgegeben, weil Präsident Bush seinem englischen Kollegen Blair als Anerkennung für dessen Unterstützung im Irak-Krieg dies versprochen habe, obwohl es kaum mehr als ein Stück diplomatischer Fiktion darstellt. Die Absetzung von Mahmud Abbas durch Arafat hat der „Road Map“ den Wind aus den Segeln genommen und es Israel erleichtert, die diesbezügliche Lawine aufzuhalten. Der Vorsitzende von Israels Media Watch, Eli Pollack, erklärte mir: „Es scheint das Schicksal der ‚Road Map’ zu sein, einen ehrenvollen Platz im überfüllten Papierkorb der Friedensinitiativen für den Nahen Osten zu finden.“ Fortsetzung der „Hudna“? In den sieben Wochen der mit dem arabischen Begriff „Hudna“ bezeichneten Waffenruhe sind 27 Israeli getötet und 160 verletzt worden. In dieser kurzen Zeit gab es 240 Terroranschläge, wobei es israelischen Sicherheitskräften gelang, 230 Terroristen, darunter auch 20 Selbstmordattentäter, zu verhaften. Das israelische Verteidigungsministerium ist zur Erkenntnis gekommen, dass ein neuer Waffenstillstand, wie er von Arafat und der Hamas vorgeschlagen wurde, nichts bringt, solange die Auflösung der palästinensischen Terrorinfrastruktur, die Verhaftung von Terrorzellen und Selbstmordattentätern und die Konfiszierung illegaler Waffen nicht konkret eingeleitet wurde. Die gezielte Tötung palästinensischer Extremisten wird von der überwiegenden Mehrheit aller Israeli befürwortet und wurde von Generalstaatsanwalt Rubinstein als legale Kampfhandlung bezeichnet. Ein einseitiger Rückzug aus dem Westjordanland vor Ende der gewaltsamen Konfrontation würde für Israel lebensgefährlich sein. Der frühere Generalstabschef Moshe Ya’alon hierzu: „Für mich steht außer Frage, dass ein Rückzug die Palästinenser zu weiterer Gewalt ermutigen würde. Jeder einseitige Rückzug würde Terrorismus und Gewalt verstärken.“ Unter dem Motto „Schwäche erzeugt Gewalt“ betont Uzi Landau, Israels Minister für Sicherheit: „Militärische Rückzüge Israels haben nie zu größerer Stabilität geführt, weil sie die israelischen Abschreckungsmöglichkeiten verringert haben, mit Folgen von existentieller Bedeutung für Israels Zukunft.“ Das wesentliche Problem besteht im Übrigen nicht im Abschluss eines Abkommens, sondern in der tatsächlichen Einhaltung solch einer Vereinbarung: „Die Zahl der Abkommen, die die Araber nicht eingehalten haben, ist größer als die, die tatsächlich durchgeführt wurden“, erklärt Shimon Peres in seinem Buch „Tomorrow is Now“. David gegen Goliath Immer wieder müssen wir uns bewusst sein: Israel ist noch immer ein David gegen den Goliath der arabischen Welt. Es gibt 22 arabische Polizeistaaten und Bürokratien und nur ein demokratisches Israel. Israel hat keine Ölreserven, die Araber haben zwei Drittel der Weltversorgung. Sie besitzen 750mal mehr Land als Israel, und sie geben jedes Jahr fünfmal mehr für das Militär aus. Diese ernüchternde Statistik schließt nicht den Rest der islamischen Welt ein, welche zum größten Teil die arabischen Nationen unterstützt und Hass gegen Israel fördert. Ich erinnere mich an meine Zeit als Schweizer Fernsehreporter, als ich die Ehre hatte, David Ben Gurion zu interviewen. Sein Privatbüro im ersten Stock des Jerusalemer Hauses war ein mittelgroßer Raum mit Landkarten an allen vier Wänden. Die Karte hinter seinem Schreibtisch war sehr groß und zeigte die arabischen Länder in roter Farbe, den Rest der Welt in gelb und Israel als einen dunkelblauen Punkt, der so klein war, dass man ihn kaum sah. „Diese Karte erinnert mich jeden Tag daran, wie klein wir sind“, sagte Ben Gurion bescheiden. Oft fragt man sich, wie es möglich ist, dass Klein-Israel (etwa so groß wie das Bundesland Hessen in Deutschland!) einen solch zentralen Platz in den politischen Beratungen der Weltgremien einnimmt, dass der Ministaat Israel jeden Tag in allen Medien der Welt mit so viel emotionsgeladenen Berichten „beehrt“ wird. Oft fragt man sich, ob es nicht Zeit wäre, nach all den Jahrhunderten von grausamen Verfolgungen das jüdische Volk endlich in seinem eigenen kleinen Staat in Ruhe leben zu lassen, um dort seine Existenz, seinen geistigen Werten entsprechend, kreativ zu gestalten. Aus: „tachles“ vom 26. September 2003 |