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Aus dem Rundbrief vom 18. Oktober 2002
Herbert Bettelheim, der ehemalige Direktor des Leo-Baeck-Erziehungszentrums in Haifa, und seine Frau Miriam erhielten am 24. Juni 2002 das Bundesverdienstkreuz wegen ihrer Verdienste um den Brückenbau zwischen israelischen und deutschen Schülern und Lehrern. In Israel wurden sie ebenso bekannt durch ihren Brückenbau zwischen Juden und Arabern. Am 18. August 2002 hielt Bettelheim den nachfolgenden Vortrag in Pforzheim, dessen Text uns freundlicherweise Johanna Fischle übermittelt hat. HM
Israels Stellung im Nahen Osten Die Geschichte einer widersprüchlichen Beziehung Von Herbert Bettelheim Anfang Juni erhielt ich, wie immer, die Nachrichten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft aus Mainz. Mit Erstaunen las ich: „Der angekündigte Studientag der Evang. Akademie Arnoldsheim - Was heißt solidarisch sein mit Israel ?- fällt aus, weil die vorgesehenen Referenten sich derzeit außerstande sehen, sich zu dieser Frage zu äußern !!" Nicht umsonst setzte der Verfasser dieser Zeilen zwei Ausrufungszeichen an das Ende dieses Satzes. Ich setze daneben noch zwei Fragezeichen. Ist es wirklich so schwer, Solidarität zu erklären, Solidarität mit einem Staat, der seit seinem Bestehen um seine Existenzberechtigung kämpft? Was bedeutet Solidarität? - Sicher nicht, dass man mit allem, was der Partner tut, einverstanden ist. Im Lexikon fand ich zum Stichwort Solidarität: „Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich in gegenseitiger Hilfe und Unterstützung ausdrückt." So bin ich gerne bereit, über meine Solidarität mit der Bundesrepublik Deutschland zu sprechen, die diese bitter benötigt, um den aufkommenden Antisemitismus, oder nennen Sie es Fremdenhass, zu bekämpfen. Ich war sehr oft in den letzten 30 Jahren, seit unserem ersten Besuch in der Bundesrepublik, mit ihrer Politik und ihren Politikern nicht einverstanden, aber immer solidarisch mit den Bemühungen, hier in Deutschland einen Staat aufzubauen, der sich nicht nur Demokratie nennt, sondern auch demokratisch handelt, der aus der Vergangenheit lernt, um - wie es Herr von Weizsäcker so treffend ausdrückte - nicht in der Zukunft zu straucheln. Diesen Prozess des Lernens hier in Ihrem Land habe ich mit Interesse verfolgt, mitgemacht, erklärt und mich mit Ihnen solidarisch gefühlt. Sie brauchten - wie hieß das im Lexikon? - Sie benötigten die „gegenseitige Hilfe und Unterstützung", die wir nur zu gerne Ihnen gegeben haben und weiter geben. Dieses „aus der Vergangenheit lernen" bezieht sich allerdings nicht nur auf Ihre Geschichte, nicht nur auf das Handeln der Deutschen, sondern ganz allgemein auf ein Geschichtsbewusstsein, das uns weithin heute nur zu oft abgeht. Das Geschehen in der Vergangenheit wird nicht in Rechnung gestellt und wird in der Berichterstattung kaum erwähnt. Genau darüber möchte ich sprechen. Genau das ist mein Thema. Denn nur aus der Vergangenheit heraus ist zu verstehen, wie sehr sich Israel seit dem Entstehen des zionistischen Gedankens bemüht, nicht Fremdkörper, sondern Nachbarstaat zu sein. Ein besonders gutes Beispiel findet man in den Memoiren unseres ersten Präsidenten Dr.Chaim Weizmann. Er berichtet über das Auftreten der zionistischen Delegation bei der Friedenskonferenz in Paris nach dem ersten Weltkrieg. Er zitiert aus einem Schreiben des späteren irakischen Königs Feisal I. an Richter Felix Frankfurter, die wichtigste Persönlichkeit der zionistischen Bewegung in den USA. Feisal schreibt im Jahr 1919: „Ich ergreife gern die Gelegenheit meiner ersten Bekanntschaft mit den amerikanischen Zionisten, Ihnen das zu sagen, was ich Dr. Weizmann in Arabien und in Europa öfters gesagt habe... Wir Araber, vor allem die gebildeten unter uns, hegen tiefe Sympathie für die Zionistische Bewegung. Unsere Abordnung kennt die Vorschläge, die die Zionistische Bewegung der Friedenskonferenz vorlegte, genau, und wir halten sie für maßvoll und angemessen. Soweit es von uns abhängt, werden wir alles tun, sie durchbringen zu helfen; wir werden die Juden in der Heimat herzlich willkommen heißen. Mit den Führern Ihrer Bewegung, besonders mit Dr. Weizmann, standen wir und stehen wir noch in engster Verbindung. Er hat unserer Sache viel geholfen, und ich hoffe, die Araber werden bald in der Lage sein, den Juden diese Güte zu vergelten. Wir arbeiten gemeinsam an der Reform und dem Wiederaufbau des Nahen Ostens... Ich sehe, und mit mir mein Volk, einer Zukunft entgegen, in der wir Ihnen und Sie uns helfen, damit das Land, das uns beiden am Herzen liegt, dereinst wieder seinen Platz in der Gemeinschaft der kultivierten Völker der Erde einnehmen kann." Dieser bemerkenswerte Brief dürfte diejenigen Kritiker interessieren, die behaupten, wir hätten unsere zionistische Arbeit begonnen, ohne uns um die Wünsche und das Wohl der arabischen Weit zu kümmern. Man darf nicht vergessen, dass diese Anschauungen von Feisal, dem zu dieser Zeit beglaubigten Führer der Araber, dem Träger ihrer Hoffnungen, ausgesprochen wurden; und dass sie wiederholten, was die Quintessenz der Besprechungen war. Seit damals ist viel Zeit vergangen und viel geschehen. Die Geschichte, das Entstehen des Konflikts ist bekannt. Seit dem Massaker in Hebron im Jahr 1929, bei dem fast alle damaligen jüdischen Einwohner ermordet wurden, bis zum Ende der Mandatszeit im Jahr 1948 gab es immer wieder Unruhen, immer wieder Terrorakte. Wir müssen uns fragen: Warum wurden Nachbarn, die seit Jahrzehnten, ja oft Generationen lang, in dieser Stadt gemeinsam gelebt haben, warum wurden sie plötzlich zum Fremdkörper, zum Feind? Eine Frage, die immer wieder auftaucht. Gestern im Kosovo. Vorgestern in Hitlerdeutschland. Und trotzdem lebten in diesen Jahren, während der Mandatszeit, weite Teile der Bevölkerung gemeinsam, arbeiteten gemeinsam und schlossen Freundschaften. Meine Frau und ich können dies persönlich bezeugen. Wir heirateten im Juni 1947. Ich arbeitete als Zivilist in der englischen Armee, meine Frau in einem großen englischen Betrieb. Wir beide hatten englische und arabische Freunde, die zusammen mit unseren vielen jüdischen Verwandten und Freunden zur Hochzeit kamen. Es war das letzte Mal, ich betone das immer wieder, dass Araber, Juden und Engländer gemeinsam feierten, gemeinsam tanzten. Einige Tage danach fingen die Unruhen an. Unruhen, die Engländer gegen Juden, die Araber gegen Juden und die Engländer gegen Araber führten. Auch das ist Geschichte. Doch auch heute: Vor kurzem hat der Oberbürgermeister der Stadt Haifa in einem Vortrag in der deutschen Partnerstadt Mainz erklärt, dass die Einwohner von Haifa eine große Familie sind; ob Juden, Araber, Christen. Vor wenigen Wochen fanden arabische Angestellte in einem arabischen Restaurant den Tod. Sie wurden von Arabern, Terroristen aus Jenin, umgebracht. Und der Eigentümer, ein Araber, wurde schwer verletzt. Und auch hier wieder ein persönliches Beispiel: Der Mann, der mir das Autofahren beibrachte, war ein Araber, er wurde uns zum Freund. Seine Söhne, seine Enkel, alle wurden Offiziere in der israelischen Armee. Gleich zu Beginn seiner Sammlung von Essays „Der Traum vom Frieden und die Versuchung der Macht" schrieb der bekannte Historiker Fritz Stern: „Das Dritte Reich war eine Lektion, die uns noch immer verfolgt." Nun, meine Damen und Herrn, wir Juden, und so auch wir Israelis, haben viele Lektionen erhalten. Sie alle verfolgen uns. Nur wenn wir diese kennen, verstehen wir das Verhalten von uns Israelis heute, und wenn uns, und vor allem Ihnen hier in Europa, diese Lektionen, eine nach der anderen, bewusst werden, werden Sie verstehen, warum ich Solidarität für Israel fordere. Die erste Lektion war im Jahr 1919 das Verhindern eines Abkommens zwischen Weizmann und Emir Feisal. Wir lernten daraus, was Verträge bedeuten, wenn sie die Interessen der Großmächte stören. Das bedeutete aber auch, dass die Balfour Deklaration ein Papier blieb. Das lernten wir schon bald, nämlich nach der ersten Teilung des damaligen Palästinas. Damals, im April 1921, wurde das Emirat Transjordanien geschaffen, das heutige Königreich Jordanien. Die nächste Lektion war die Radikalisierung der arabischen Welt, ausgelöst durch den Sykes-Picot-Vertrag der Siegermächte nach dem ersten Weltkrieg 1918. Trotz der Versprechen an den bereits erwähnten König Feisal, Unabhängigkeit zu gewähren, wurden im Nahen Osten französische und englische Mandatsgebiete gebildet. „Verrat an den Arabern" nennt es Anthony Nutting, Unterstaatssekretär unter dem englischen Premierminister Anthony Eden in seinem Buch "Die arabische Welt". Die nächste Lektion, die unsere und noch viele nachkommende Generationen verfolgt und verfolgen wird, war nicht nur der Holocaust, die brutale Vernichtung von 6 Millionen Menschen, nur weil sie jüdisch waren, sondern auch das Schweigen der Welt. Dazu kam der Versuch der Engländer, die sogenannte „illegale Alyah" zu verhindern, also die Flucht weniger Tausender, die dem Nazi-Moloch entkommen wollten. Und die Wenigen, die es schafften, nach Mauritius zu verbannen, um sie nach dem Krieg wieder nach Europa, das sie vernichten wollte, zurück zu schicken. Dies und vieles mehr waren Lektionen, die uns, die wir überlebt hatten, den Willen stärkten: NIE WIEDER! Dies war das Credo unserer Bevölkerung, unseres Staates. Dieses Credo haben wir auch unseren Kindern mitgegeben. Wundert es dann, dass wir Israelis unser Überleben verteidigen? Mit allen Mitteln verteidigen? Denn zwischen dem Ende des englischen Mandats im Jahr 1948 und Heute haben wir noch einige Lektionen erhalten: Zunächst die Ablehnung des Teilungsplanes der Vereinten Nationen, der im Jahr 1947 mit mehr als einer 2/3-Mehrheit angenommen worden war, durch die arabischen Staaten und der Überfall aller Nachbarstaaten auf den noch nicht bestehenden Staat Israel. Die Vereinten Nationen taten nichts, gar nichts, um ihren Beschluss durchzusetzen. Wir, wir Israelis, mussten alleine kämpfen. Wir kämpften. Sechshundertundfünzigtausend gegen Millionen Araber. Die nächste Lektion waren die Waffenstillstandsabkommen. Sie wurden 1949 mit Ägypten, mit dem Libanon, mit Syrien, mit Jordanien geschlossen. Sie enthielten die Vereinbarung: „Diese Abkommen sollen den Übergang von der jetzigen Waffenruhe zu einem permanenten Frieden erleichtern." Diese Abkommen wurden völlig missachtet. Keiner der anderen Staaten versuchte auch nur, Überfälle und Terrorakte von seinem Gebiet aus zu verhindern. Schon damals wurden alle nicht von Israel beherrschten Gebiete Basen für Gruppen, die sich Fedayin, Palestine Freedom Fighters oder sonstige Namen zulegten. Vergebens all unser Appellieren an die Vereinten Nationen, an die Staaten, die uns anerkannt hatten. Und so lernten wir das erste Mal die Unfähigkeit der Vereinten Nationen kennen. Die nächste Lektion, und die haben wir uns besonders gut gemerkt, war der Versuch des damaligen Königs von Jordanien, Abdullah, mit Israel Frieden zu schließen. Er hatte natürlich auch sein eigenes Interesse an diesem Abkommen. Die jordanische Armee, unter englischem Kommando, hatte die gesamte Westbank und Ostjerusalem erobert. Der König wollte diese Eroberung konsolidieren und suchte die Anerkennung der Welt und der Vereinten Nationen. Dazu benötigte er vor allem das Einverständnis für eine erneute, zweite Teilung des ehemaligen englischen Mandatsgebietes. Er wurde am 20. Juli 1951 in der EI-Aksa-Moschee ermordet. Ermordet aus zwei Gründen: 1. Er wollte Frieden mit Israel schließen. 2. Er hatte die Westbank annektiert und damit die nationalen Aspirationen der Palästinenser zunichte gemacht. Es ist ganz interessant, über dieses sicher nicht alltägliche Ereignis in einem Büchlein zu lesen, das Jordanien Touristen überreicht. In wenigen Worten heißt es dort: „Als der Monarch die Moschee betrat, wurde er von einem einzelnen Attentäter erschossen." Man vermeidet jede Erklärung warum; man betont den einzelnen, den alleinigen Attentäter. Auf die weiteren Geschehnisse in Jordanien werde ich noch zurückkommen, denn sie sind wichtig, um das Wesen und Handeln Arafats zu verstehen. Unsere nächste Lektion erhielten wir 1956. Nachdem die Überfälle aus dem Gazastreifen und dem Sinai immer neue Opfer forderten und alle Interventionen bei den Vereinten Nationen erfolglos blieben, als die Ägypter nach der Verstaatlichung des Suez-Kanals im Jahr 1956 nicht nur israelischen Schiffen die Durchfahrt sperrten, sondern auch für Israel bestimmte Frachten beschlagnahmten, besetzte Israel den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel. Meine Damen und Herrn, Israel erklärte sich bereit, alle von ihm eroberten Gebiete zu räumen. Den gesamten Sinai; den gesamten Gazastreifen. Das war 1957!! Dafür forderten wir und erhielten folgende Verpflichtung der USA, der Sowjetunion und der Vereinten Nationen: 1. Eine Truppe der Vereinten Nationen als Puffer zwischen Israel und Ägypten. 2. Keine Rückkehr ägyptischer Truppen in den Gazastreifen. 3. Das Recht, dass israelische Frachten den Suez-Kanal passieren dürfen. Die Verpflichtung, israelische Frachten den Suez-Kanal passieren zu lassen, wurde nie eingehalten. Und bereits einen Tag nach der Räumung des Gazastreifens durch Israel kehrten ägyptische Truppen zurück. Die Vereinigten Staaten und 14 Seemächte garantierten Israels Recht auf freie Schifffahrt durch die Meerenge von Tiran und den Golf von Akaba bis nach Eilat. Dies war besonders wichtig für die Ölversorgung unseres Staates. Israel erklärte schon damals, dass eine Sperre des Seewegs nach Eilat ein casus belli wäre, also zum Krieg führen müsse. Ich könnte noch viele Lektionen aufzählen. Doch diese waren wohl die wichtigsten. Das Einhalten der Bedingungen seitens Israels, das Brechen aller, aller Verpflichtungen durch Ägypten und die anderen Anrainerstaaten waren der unmittelbare Anlass für den 6-Tage-Krieg im Juni 1967, in dem wir das zu Jordanien gehörende Gebiet der Westbank, den zu Ägypten gehörenden Gazastreifen und die zu Syrien gehörenden Golanhöhen besetzten. In vielen meiner Vorträge habe ich betont, dass das Einhalten der Verpflichtungen, zumindest seitens der Großmächte oder der Vereinten Nationen, diesen Krieg ohne Schwierigkeit hätte verhindern können. Dass dies nicht geschah, dass wir, Israel, wieder gegen alle, ja alle unsere Nachbarstaaten um unsere Existenz kämpfen mussten, auch diese Lektion bleibt in unserer Erinnerung fest verankert. Brauche ich zu erwähnen, dass trotz unseres Angebotes, alle Gebiete zu räumen für einen Frieden mit der arabischen Welt, mit den arabischen Nachbarn, wir nur wieder NEIN, NEIN, NEIN hörten? Keine Anerkennung. Keine Verhandlungen. Kein Friede. - So auf der Konferenz der arabischen Staaten im September 1967 in Khartum. Warum sollen wir auf diese Angebote zurückkommen, jetzt, nachdem wir eine erneute Lektion im Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 erhalten haben? Warum, wenn dieselben Staaten, die sich zu einer friedlichen Lösung verpflichtet hatten, uns überfielen, und wir nur unter großen Opfern diesen Überfall abwehren konnten. Wundern Sie sich noch, dass Israel einen großen Teil seiner Kraft, seines Vermögens, seines Wissens und seines Potentials in die Entwicklung seines Militärs investierte? Dass Israel der militärisch stärkste Faktor im Mittleren Osten wurde? Wir sind noch immer nur 6 Millionen gegenüber einer moslemischen Welt, die Mord und Hass predigt. Dieses Predigen von Hass und Mord, gestützt auf einen religiösen Fanatismus, der jeden Kompromiss ablehnt, hat uns einen Terror gebracht, einen Terror bar jeder Menschlichkeit. Sie hier in der Bundesrepublik haben den feigen Mord an unseren Sportlern bei der Olympiade 1972 miterleben können. Damals gab es noch keine Siedlungen; das Angebot der Räumung aller im 6-Tage-Krieg eroberten Gebiete war noch auf dem Tisch; trotz der Beschlüsse von Karthum. Israel war noch immer zu einem Frieden bereit, zu einem echten Frieden. Doch dieser feige Mord bei der Olympiade 1972 war nur einer der Terrorakte der sogenannten "Palästinensischen Befreiungs-Organisation" - PLO. Welch ein Freiheitskampf war es, einen behinderten Menschen, einen Amerikaner, mit seinem Rollstuhl von einem italienischen Touristendampfer ins Meer zu werfen, - nur weil er Jude war!! Ich möchte hier nun etwas ausführlicher über das Geschehen in Jordanien sprechen, das in die Weltgeschichte als „Schwarzer September" eingegangen ist. Schon deshalb, weil es zum ersten Mal die Methoden Arafats beleuchtet und eine Lektion ist, eine Lektion zum Verständnis dieses Mannes. Eine Lektion nicht nur für Israel, sondern für die ganze Welt, auch für die moslemische. In dem schon erwähnten Propagandaheft des jordanischen Touristenbüros heißt es: „Die Partnerschaft mit der PLO, die König Hussein befürwortete, brach im September 1970 zusammen. Die Präsenz bewaffneter palästinensischer Fedayin-Gruppen, die Immunität gegenüber dem jordanischen Gesetz und den Behörden forderten, wurde immer stärker fühlbar. Den gemäßigten palästinensischen Führern war es unmöglich, ihren Einfluss geltend zu machen. Extreme Elemente versuchten zweimal, dem König einen Hinterhalt zu legen. Und nach einer Serie von Entführungen musste der König Anarchie und Revolution mit Gewalt verhindern." Hinter diesen Worten verbirgt sich die Geschichte der Bedrohung der Existenz Jordaniens durch Arafat, der damals seine Karriere als Führer der Fatah und der PLO begann; und die Geschichte seiner Methoden, die durch all die Jahre dieselben blieben. Seine Leute fühlten sich als Herren, besonders in den Lagern. Sie trugen Uniformen und Waffen und zogen Steuern ein. Ihr Benehmen erzeugte ein Dilemma für den jordanischen König Hussein, denn einerseits waren 2/3 seines Volkes selbst Palästinenser, andererseits untergrub diese Organisation seine Stellung. Und weder seine Polizei, noch seine Armee beherrschten das Geschehen. Nicht nur in den Lagern, sondern auch in weiten Gebieten des Landes, besonders im Norden. Im November 1968 versuchte der König Ordnung zu schaffen. Es kam zu einem ersten Abkommen mit Arafat, der sich verpflichtete, die Oberhoheit jordanischer Behörden anzuerkennen, und eine Kommission von sieben Personen wählte, die bei Disputen entscheiden würde. Dieser Vertrag wurde schneller gebrochen als unterschrieben. Die palästinensischen Gruppen führten ihren Kleinkrieg gegen Israel ohne Einverständnis des jordanischen Militärs. Allein im Jahr 1969 gab es 3 170 Überfälle. Die Abwehraktionen der israelischen Armee zerstörte einen Großteil der jordanischen Landwirtschaft im Jordantal und etwa 70 000 Bewohner dieser Gebiete flohen vor den dauernden Gegenaktionen der Israelis. Im Februar 1970 erließ König Hussein ein Edikt, das unter anderem eigenständige Aktionen gegen Israel, ohne Einverständnis der jordanischen Armee, verbot. Auch hier wurde dieses Edikt sofort gebrochen. Es kam zu Unruhen, und am 11. Februar 1970 gab es 300 Tote bei Kämpfen in den Straßen von Amman. Im Juli 1970 versuchten die palästinensischen Organisationen, den Staat zu übernehmen. Zwei Attentate auf König Hussein und die Entführung von drei Flugzeugen waren der Auftakt zu einer Erklärung Arafats, dass der Distrikt um Irbid, im Norden des Landes Jordanien, „befreites palästinensisches Gebiet" sei. Am 16. September erklärte der König den Ausnahmezustand. Es kam zu schweren Kämpfen, und am 27. September baten die Palästinenser um einen Waffenstillstand. Am 31. Oktober wurde ein erneutes Abkommen von Arafat unterschrieben; doch schon im November gebrochen. Keiner der Punkte, auf die man sich geeinigt hatte, wie z. B. Waffenverbot, Verbot von Überfällen auf Israel u. a. m. wurde eingehalten. So auch mit einem erneuten Versprechen Arafats im Februar 1971. Im April 1971 besetzte das jordanische Militär die Stadt Irbid, das Zentrum palästinensischer Aktivitäten. Und im Juni 1971 wurden die letzten Widerstandsnester der palästinensischen Terroristen in den Bergen gestürmt. Ironie des Schicksals: Einige der Leute Arafats flüchteten nach Israel und übergaben sich dem israelischen Militär, anstatt in die Hände der jordanischen Truppen zu fallen, die mit ihnen kurzen Prozess gemacht hätten. König Hussein hatte sein Land Jordanien gerettet. Doch die palästinensischen Gruppen, die mit Arafat in den Libanon geflüchtet waren und dort in den Lagern neue Basen aufbauten, gründeten eine neue Organisation, den "Schwarzen September". Seine erste Aktion war die Ermordung des Ministerpräsidenten von Jordanien am 28. 11. 1971 auf den Treppen des Scheraton-Hotels in Kairo. Seine letzten Worte: „Mörder! Sie glauben nur an Mord und Zerstörung." Für Arafat war das Geschehen ein Test. Er sollte Verträge einhalten. Doch er hat sie immer wieder gebrochen. Er sollte gegen die Extremisten aus seinen Reihen vorgehen. Doch er ließ sie gewähren. Er sollte sich für eine realistische Strategie entscheiden. Doch auch das tat er nicht. So musste er in den Libanon fliehen, wo er das prekäre Gleichgewicht zwischen Moslems und Christen zerstörte. Wo er versuchte, mit Hilfe der Palästinenser in den Lagern die staatliche Macht im Süden zu übernehmen. Das Spiel mit den gebrochenen Verträgen wurde auch dort fortgesetzt. So musste er letztlich, als es zum Krieg mit Israel kam, nach Tunis fliehen. Ein Held in den Augen derer, die sich weiter dem Terror und dem Chaos verschrieben hatten. Der Kampf gegen den Terror, ganz egal wo und ganz egal unter welchem Vorwand, fordert alle Mittel, denn der Gegner hält sich an keine Konventionen, an keine Gesetze, an keine Verträge. Vielleicht hätten wir die Lektion von Jordanien und dem Libanon besser lernen müssen. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob die Oslo-Verträge von 1993 noch vor ihrer Unterschrift gescheitert waren. Gescheitert an der Mentalität Arafats, der, als er wieder vor der Entscheidung stand, seine geleistete Unterschrift in die Tat umzusetzen oder zu brechen, den zweiten Weg wählte: nicht die Verhandlung, zu der er sich verpflichtet hatte, sondern die Gewalt. Möglicherweise hatte ihn unser Rückzug aus dem Libanon im Jahr 2000 überzeugt, er könne mit Gewalt und nach genügend Ermordungen den Rückzug Israels aus allen Gebieten erzwingen. Vielleicht war es seine Mentalität, die ihn beherrscht und die uns alle, Israelis und Palästinenser, in eine Situation brachte, in der nur mehr Hass und Angst zu finden sind. So fragen sich weite Kreise, nicht nur bei uns, sondern auf der ganzen Welt, ob Arafat überhaupt ein Partner sein kann, ob ein Friedensprozess mit ihm möglich ist. Dies alles, nachdem er auch in Oslo seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist. Wir brauchen uns nur die Vielfalt des von Arafat aufgestellten Sicherheitsapparats ansehen, um dies zu verstehen. Die Polizei mit 12 500 Mann. Eine Ziviltruppe mit 1 500 Mann und vielen Freiwilligen; 1 000 Mann Seepolizei; 300 Politessen; 800 Mann Geheimdienst. Spezielle Sicherheitsdienste. Militärpolizei. 3 000 Mann Interne Abwehr; 600 Mann Militärische Abwehr. Dazu die Force 17, eine Elitetruppe zur Sicherheit Arafats, 3 300 Mann stark. Der Sicherheitsapparat, den Arafat aufgebaut hat, umfasst ungefähr 40 000 Mann. Doch das ist natürlich nicht alles, denn dazu kommen noch die verschiedensten geduldeten Terrororganisationen: Tanzim, Hamas, Islamischer Jihad und wie sie alle heißen. Im Kairo-Vertrag, der am 4. Mai 1994 unterschrieben wurde, ist eine Polizeitruppe von 9 000 Mann festgelegt und deren Waffen sind genau beschrieben. Auch dieser Teil des Vertrags blieb auf dem Papier. Israel war sich dieser Tatsache bewusst und versuchte immer wieder, am Verhandlungstisch Arafat zu bewegen, seine illegale Armee aufzulösen. Bis dann nach dem Scheitern der Gespräche mit Barak in Camp David im Jahr 2000 und in Taba, schon unter dem Druck der Intifada und der Terrorangriffe, Scharon zum Ministerpräsidenten gewählt wurde. Nach 500 ermordeten Israelis und beinahe 4 000 Verwundeten beschloss Scharon, diese illegalen Streitkräfte zu entwaffnen und aufzulösen. Allerdings auch erst, nachdem er sah, dass das Spiel des Zusicherns und Wortbrechens weiter geht. Wer hat dies nicht schon alles miterlebt: Mitchel, Tennet, der deutsche Außenminister Fischer, der EU-Beauftragte Solana, der amerikanische Außenminister Powell, um nur einige zu nennen. Sie bekamen die Beteuerungen Arafats, er wolle nur den Frieden, doch noch während ihrer Gespräche oder kurz danach platzten Autobomben und sprengten sich Selbstmordattentäter mit ihren Opfern in die Luft. Sie alle erlebten die Realität des Terrors. Wollen Sie noch mehr erfahren, dann lesen Sie den Artikel „Arafat bombt - Europa zahlt" in der Zeitschrift „DIE ZEIT" vom 6. Juni 2002 [siehe Rundbrief vom18. Juni 2002, Seite 60 ff! HM]. Hier wird in einer Zeitung der Bundesrepublik festgestellt, wohin die EU-Gelder geflossen sind und weiter fließen. Meine Damen und Herrn, für eine kurze Zeit hat es nach dem Oslo-Vertrag von 1993 ausgesehen, als ob wir auch mit unseren unmittelbaren Nachbarn in Frieden würden leben können. Dies sollte nicht sein. Bei den Israelis und bei den Palästinensern herrschen heute Angst und Hass. Damit werden die extremen Kräfte auf beiden Seiten immer stärker. Die Wahl Scharons war ein klares Zeichen der Radikalisierung. Er hatte Sicherheit und Frieden versprochen. Doch obwohl er weder das eine noch das andere brachte, ist seine Popularität ungebrochen. Die in Israel z.Zt. bestehende große Koalition bedroht unsere Demokratie. Der Schulterschluss der Koalitionspartner ermöglicht eine Politik, die nur zu oft die Vernunft außer Acht lässt und in den Palästinensern per se den Feind sieht, den Feind, den man mit allen Mitteln bekämpfen muss. Die vorherrschende Meinung, dass nur die Siedlungspolitik Arafat an den Verhandlungstisch nach Oslo brachte, bestimmt auch die heutige Politik unserer Regierung. Die Angst vor einem palästinensischen Staat lässt die Stimme der Opposition, die für Verhandlungen, Ende der Besetzung der Autonomiegebiete und Räumung eines großen Teiles der Siedlungen ist, verstummen. Scharons Ziel ist es, die jetzige palästinensische Autonomie so zu gestalten, dass sie nur aus kleinen Kantonen besteht, die durch die dazwischen liegenden jüdischen Siedlungen beherrschbar sind, um dann, wenn die Sicherheit mehr oder weniger gewährleistet ist und das Vertrauen erneuert werden kann, über endgültige Grenzen zu verhandeln. Wir dürfen nicht vergessen, dass über 50 Jahre Krieg die Mentalität der Israelis geformt haben. Viele der Abgeordneten und Minister sind ehemalige hohe Offiziere und haben ihre beim Militär erworbene Mentalität behalten. Doch viele unserer Mitbürger, viele unserer Politiker zweifeln, ob die Politik Scharons imstande ist, eine Entspannung überhaupt anzubahnen. Immer wieder und immer öfter gibt es Kritik oder Demonstrationen, die die Vergeltungsschläge, das Einsetzen der Luftwaffe verurteilen und erklären, dass Gewalt nur wieder Gewalt erzeugt. So ist auch die Entscheidung des Oberbürgermeisters von Haifa, General i. R. Amram Mitznah, zu verstehen, für den Vorsitz der Arbeiterpartei zu kandidieren. Mitznah hatte aus Protest gegen den Libanonkrieg im Jahr 1982 das Militär verlassen und steht auch jetzt in Opposition zu dem Verteidigungsminister, dem jetzigen Vorsitzenden seiner, Mitznahs Partei. Der Hass der Palästinenser hinwiederum, denen durch viele Jahre die Rückkehr in die verlorene Heimat versprochen worden war, und die auch auf Frieden hofften, wurde durch die Propaganda und den Terror immer größer. Der Einsatz der Militärmaschine Israels im Kampf gegen den Terror, die Angst unserer Soldaten und der Hass, der nur zu oft an den Kontrollpunkten fühlbar war, das alles erzeugt eine Verzweiflung bei der palästinensischen Bevölkerung, die in dem Attentäter einen Heiligen sieht und in allen Israelis den Feind. Wir wissen, dass der andauernde Konflikt Stereotypen des Anderen erzeugt und zu einem stereotypen Denken führt. Stereotypen, die bar jeder Menschlichkeit zu dem führen, was wir heute erleben: Terror, Gegenterror, Attentate, Vergeltung, Demütigung, Zerstörung. Ein Teufelskreis der Vernichtung und ein Sieg der extremen Kräfte, die alles, alles fordern. Gestatten Sie mir, noch einige Zeilen aus der AZ Mainz vorzulesen. Dort schreibt Klaus Beck am 13. April, nach dem Anschlag in Djerba, zur Lage im Nahost: „Der palästinensische Kampf um Land und staatliche Integrität ist kaum auf diese Ziele begrenzt. Dahinter steht vielmehr die bis heute nie relativierte Absicht, dem Judenstaat und seinen Menschen ein für allemal ein Ende zu bereiten...... Und wer meint, das Geschehen handle weit weg und träfe allenfalls noch Touristen am Rande der nahöstlichen Region, der mag sich vor Augen halten, dass auch hier und heute, im Deutschland des Jahres 2002, jüdische Menschen vielfach nur unter Polizeischutz, hinter Panzerglas und Stacheldraht den Sabbath feiern können." Ich hoffe, Sie verstehen, warum wir Solidarität benötigen. Wir die Ihre, und Sie die Unsere. Wenn wir Israelis endlich ein „Nachbarstaat" aller moslemischen Staaten werden, dann werden auch die jüdischen Mitbürger in Deutschland nicht mehr hinter Panzerglas und oftmals unter Polizeischutz beten müssen. Und da gibt es zwei Lichtblicke, die hoffen lassen. Zum Einen: Die Initiativen des amerikanischen Präsidenten Busch und der Saudis. Beide verstehen, dass Israel nach all den Erfahrungen einen sicheren, garantierten Frieden will. Beide sind sich klar darüber, dass es keine Sofortlösung gibt, und dass man das Vertrauen beider Seiten wieder aufbauen muss. Präsident Busch betonte in seiner Rede: 1. Es ist nicht zumutbar, dass Israelis im Terror leben. Es ist ebenso unhaltbar, dass Palästinenser in Armut und unter Okkupation leben. 2. Meine Vision sind zwei Staaten, die in Frieden und Sicherheit miteinander leben. 3. Frieden und Sicherheit sind unter keinen Umständen erreichbar, ohne dass alle den Terror bekämpfen. 4. Ein palästinensischer Staat wird niemals durch Terror entstehen. Er wird entstehen aus ehrlichen Reformen, die neue politische und ökonomische Institutionen schaffen, basiert auf Demokratie, Marktwirtschaft und ganzem Einsatz gegen Terror. 5. Die anhaltende Okkupation bedroht Israels Identität und seine Demokratie. Deshalb fordere ich Israel heraus, konkrete Schritte für den Aufbau eines glaubwürdigen und lebensfähigen palästinensischen Staates zu unternehmen. 6. Der Bau von Siedlungen muss enden. Der Schlüsselsatz der Rede sind die Worte, die wir immer wieder von Busch gehört haben: „Staaten sind entweder mit uns oder gegen uns im Kampf gegen den Terror ...." Das bedeutet, sie müssen aufhören, Geld an Terroristen zu überweisen, Kriegsmaterial und Rekruten an Terrorgruppen zu senden oder sie auf andere Weise zu unterstützen. Das gilt nicht nur für die moslemische Welt, sondern auch für die Europäische Gemeinschaft. Eine Vision, eine Utopie? Demokratie in der moslemischen Welt? Doch, wer hätte 1945, vor 57 Jahren, daran geglaubt, dass Sie heute mit EURO zahlen? Der Post-Oslo-Plan von Busch kann den Traum, Kinder aufwachsen zu sehen, anstelle sich in die Luft zu sprengen, verwirklichen. Der zweite Lichtblick sind die bei uns in Israel, im Leo-Baeck-Erziehungszentrum in Haifa, praktizierten Bemühungen, das stereotype Feinddenken zu bekämpfen durch den Kontakt von Mensch zu Mensch, durch das Kennenlernen und Verstehen des Anderen. Rabbiner Leo Baeck, Humanist, Lehrer, der letzte der großen Rabbiner Deutschlands, schrieb über Toleranz der Religionen: „Es gilt, das Gemeinsame zu betonen und das Unterschiedliche zu erklären." Und dieses Betonen des Gemeinsamen und Erklären der Unterschiede, dieser Weg zur Toleranz, das ist das Ziel des Leo-Baeck-Erziehungszentrums in Haifa seit seiner Gründung im Jahr 1939. Viele der Projekte des Leo-Baeck-Zentrums wurden Vorbild für das allgemeine Erziehungswesen in Israel. Wie z. B. das Neueinwanderer-Programm; die Programme für äthiopische Studenten gemeinsam mit der Universität Haifa; die ersten Schüleraustauschprogramme mit der Bundesrepublik; und vor allem das Projekt „Herz", das von allen unseren Schülern mindestens ein Jahr Arbeit für die Gemeinschaft forderte und heute ein Teil des Curriculums aller Schulen in Israel ist. ("Herz" abgeleitet aus den Buchstaben "LB" - Leo Baeck; im Hebräischen „lev" = Herz.) Was hier geleistet wurde und wird, wäre Stoff für ein Seminar. Es genügt vielleicht zu erwähnen, dass eine der Schülerinnen aus dem Leo-Baeck-Zentrum für ihre Arbeit an autistischen Kindern den Preis des Staatspräsidenten für Freiwilligenarbeit bekam. Eine andere für ihr Projekt, die Gewalttätigkeit im Kindergartenalter zu verringern. Mit dem Erweitern der Schule durch das Gemeindezentrum wurde der Aufgabenkreis um vieles erweitert. Doch das Wichtigste sind heute die vielen Koexistenzprogramme, eine Zusammenarbeit mit der arabischen Bevölkerung, Christen und Muslimen. So die Kinderbetreuungsstätten, in denen jüdische und arabische Kinder nach der Schule betreut werden, ihre Schulaufgaben machen und dann gemeinsam spielen. Dann ein Freitags- und Sonntagskinderheim für Kinder von moslemischen und christlichen Familien. Auch das Gemeindezentrum der katholischen Schule, das durch die Hilfe und Erfahrung der Mitarbeiter des LBEZ entstand. Sowie Erwachsenenbildung, Seniorenbetreuung und vieles mehr. In der Leitung des Gemeindezentrums beraten jüdische, christliche, moslemische und drusische Mitglieder gemeinsam die Projekte und die Initiativen. Dass diese Arbeit auch heute und jetzt weitergeht, trotz Angst und Terror, dass wir das schon zur Tradition gewordene arabisch-jüdische Sommerlager auch dieses Jahr durchführen konnten und 80 Familien, 40 jüdische und 40 arabische, ihre Kinder geschickt haben, um gemeinsame Tage zu verbringen, ist der Lichtblick in dem grauen Alltag des Terrors und der Vergeltungsschläge. Vielleicht gelingt es, den Traum zu verwirklichen, Kinder aufwachsen zu sehen, anstelle sich in die Luft zu sprengen. Vor zwei Tagen besuchten meine Frau und ich den jüdischen Friedhof hier in Pforzheim. Am Eingang las ich die Worte: „Die Grabsteine mahnen zur Toleranz und Humanität." Doch nicht Grabsteine sollen uns mahnen, sondern wir selbst; wir, die wir leben. Und das muss die Aufgabe sein, der wir uns stellen.
Avital Ben-Chorin, in Eisenach geboren, lebt nun schon über 66 Jahre in Jerusalem. Gemeinsam mit ihrem Mann, Schalom Ben-Chorin s. A., trat und tritt sie mit großer Offenheit für das Gespräch zwischen Christen und Juden ein. Viele Freunde aus dem Denkendorfer Kreis kennen sie persönlich von Begegnungen in Jerusalem oder auch hierzulande. - Das folgende Gespräch, das Tobias Raschke Ende April mit ihr in Jerusalem geführt hat, wird darum wohl auf großes Leser-Interesse stoßen. HM „...aber wir geben nicht auf..." Interview von Tobias Raschke mit Avital Ben-Chorin Tobias Raschke: Sie leben seit über 60 Jahren in Jerusalem. Gab es früher auch schon Anschläge? Avital Ben-Chorin: Als ich am 28. April 1936 ins Land kam, herrschten bereits sogenannte Unruhen, die neun Tage vorher begonnen hatten. Es gab Schießereien und Anschläge auch in Orten, wo es keine arabische Bevölkerung gab, wie in der Bucht von Haifa. Bis zum Beginn des Weltkrieges dauerten die Angriffe, dann wurden sie von den Engländern unterbunden, die sich wichtigeren Problemen widmen mußten. Anschläge und Terror hat es leider fast immer gegeben, wie den Pogrom 1929 in Hebron, wo unbewaffnete Juden einfach massakriert wurden. Nur das Phänomen dieser furchtbaren Selbstmordanschläge gab es früher noch nicht. Raschke: Terroranschläge gehören in der Hauptstadt Israels fast schon zur Tagesordnung. Haben Sie seitdem Ihren Tagesablauf verändert? Ben-Chorin: Ich persönlich nicht; weil ich schon einiges miterlebt habe, insbesondere die Belagerung von Jerusalem im Unabhängigkeitskrieg 1948, gehe ich damit gelassener um. Raschke: Ins Haus von Avital und Schalom Ben-Chorin kamen immer viele Besucher aus Deutschland. Fürchten sich die Menschen jetzt, nach Jerusalem zu kommen? Ben-Chorin: Gruppen kommen derzeit nicht, weil befreundete Reiseleiter zwar alleine kommen würden, aber die Verantwortung für andere nicht tragen können. Jedoch einzelne gute Freunde kommen mich nach wie vor besuchen - trotz der fast täglichen Anschläge und der damit verbundenen Anspannung weiter Teile der Bevölkerung. Raschke: Den Oslo-Friedensprozeß und die Etablierung der Autonomie unter Arafat ... Ben-Chorin: ....habe ich von Anfang an skeptisch ablehnend gesehen, weil ich den Eindruck hatte, daß unsere Verhandlungsführer wie Peres oder Beilin Träume und Illusionen vom "neuen Nahen Osten" hatten, den ich nirgends am Horizont erkennen konnte. Insbesondere fand ich bedenklich, Arafat vom Meeresgrund der Weitgeschichte hervorzuholen. Mir war klar, daß das ein alter Terrorist ist, der sich nicht ändern wird und mit dem man nicht verhandeln kann, weil er sich an nichts halten wird. So war das leider, und viele Freunde geben mittlerweile zu, daß ich mit meinen Warnungen vor diesem Terroristen, der nur die Zerstörung Israels zum Ziel hat, Recht gehabt habe. Raschke: Was ist das Ziel Arafats in diesem Konflikt? Ben-Chorin: Das Ziel ist es offensichtlich nicht, einen Staat zu gründen. In Europa wird es immer so dargestellt, daß alles gut und friedlich wird, wenn Arafat seinen Staat bekommt. Diesen Staat hätten die Palästinenser schon lange haben können, und zwar bereits 1947, wenn sie den Teilungsplan der Vereinten Nationen anerkannt hätten. Aber damals wollten sie das Ganze und haben den Krieg angefangen. Mehrmals hatten sie die Möglichkeit einen Staat zu errichten, aber während der jordanischen Besatzung 1948 bis 1967 wollten sie das gar nicht. Auch nach den Verhandlungen in Camp David im Juli 2000 hätte es den Staat Palästina schnell geben können. Doch sie haben das beste Angebot, das sie je bekommen haben, wieder abgelehnt und haben seitdem auf die Karte des Terrorismus gesetzt. Raschke: Wie soll man das verstehen? Ben-Chorin: Ich habe den Eindruck, daß sie diesen Staat gar nicht wollen, sonst hätten sie ja wie wir vor der Staatsgründung angefangen, einen Staat aufzubauen, und hätten das nicht mit dieser Intifada aufs Spiel gesetzt. Als 1948 der Staat Israel ausgerufen wurde, war alles vom Schulsystem bis zur Verwaltung vorbereitet. Ich habe den Eindruck, daß es ihnen nicht darum geht, einen Staat in der Westbank und Gaza zu bekommen, sondern sie wollen Groß-Palästina errichten, einen islamischen Staat, an dessen Seite es keinen Platz gibt für Israel. Mit anderen Worten: Israel steht dem palästinensischen Staat im Weg und muß erst vernichtet werden. Raschke: Wie wird es weiter gehen? Ben-Chorin: Ich hoffe, daß sie bald zur Einsicht kommen - so wie bei uns -, daß man Kompromisse eingehen muß. Wir haben das seit dem UN-Teilungsplan verstanden, der auch nicht unseren Erwartungen entsprach. Wenn sie feststellen, daß sie mit Gewalt, Terror und Selbstmordanschlägen nichts erreichen, dann werden sie auf dem Verhandlungswege ihren Staat bekommen und hoffentlich in Frieden mit uns leben. Darauf warten wir. Raschke: Geben die Medien in Europa ein angemessenes Bild der Situation wieder? Ben-Chorin: Soweit ich sehe, nur ganz selten. Es wird immer die Reaktion Israels betont, aber nicht, was vorher passierte. Von den Selbstmordanschlägen mit unzähligen unschuldigen Frauen, Kindern und alten Menschen als Opfern wird unter „ferner liefen" berichtet. "Nach einigen Selbstmordanschlägen" heißt es beispielsweise im Fernsehen, und es werden israelische Panzer gezeigt, ohne dass klar wird, was diese Selbstmordanschläge gegen Israel eigentlich bedeuten. Die Reaktion wird groß herausgestellt, so daß ich den Eindruck habe, hier wird mit zweierlei Maß gemessen und nicht objektiv geurteilt. Raschke: Worauf führen Sie das zurück? Ben-Chorin: Das kommt daher, daß manche Journalisten zwar exzellente Kenntnisse der aktuellen Lage haben, aber die Hintergründe und die Geschichte viel zu wenig kennen, und daher nicht verstehen, wie es zu dieser Situation gekommen ist. Das habe ich sogar an dem Artikel des mir gut bekannten Korrespondenten der FAZ gemerkt. Die meisten kennen die Geschichte nur von heute nach hinten aufgerollt - und das reicht einfach nicht. Raschke: Zum Beispiel? Ben-Chorin: Die Leute reden dauernd von der Besatzung als Hindernis für den Frieden, die aber größtenteils schon aufgehoben wurde mit der Übergabe der Verantwortung für die Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung an die Palästinensische Autonomiebehörde 1994. Seitdem ist Arafat dort verantwortlich, und ich glaube, mit dieser Intifada möchte er vor allem von seinem korrupten Regime mit seinen 12 Geheimdiensten und Mafiamethoden ablenken. Prinzipiell ist das Interesse Israels, die Besatzung vollständig aufzuheben, und in Camp David wurde das ja auch angeboten. Die Intifada hat das verhindert. Raschke: Aber derzeit befinden sich israelische Truppen im Autonomiegebiet. Ben-Chorin: Der Einmarsch der israelischen Armee in die autonomen Gebiete im letzten Monat nach dem brutalen Anschlag in Netanja am Seder-Abend ist nur vorübergehend. Das Ziel ist, Terroristen, insbesondere die Rädelsführer, festzunehmen, die - entgegen der Verträge - von Arafat freigelassen wurden. Die Autonomiebehörde fördert und finanziert den Terror, wie sich auch belegen läßt mit Dokumenten, die wir in Ramallah gefunden haben. Abgesehen von wenigen Israelis glauben jetzt alle, daß Arafat und seinen Leuten nicht zu trauen ist. Raschke: Die Siedlungen behindern den Frieden. Ben-Chorin: Eigentlich wurde das Problem der Siedlungen längst in Camp David gelöst, und Israel ist zu Kompromissen bereit und hat sogar einen Landtausch angeboten. Die einzige Antwort von Arafat darauf war eine blutige, die fast jeden Tag unbeteiligte Zivilisten zu Opfern macht. Auch finde ich es schon komisch, wenn Juden nicht in Judäa sollen siedeln dürfen. Raschke: Was sagen Sie zu den Brandanschlägen auf Synagogen in Frankreich und dem wieder aufflackernden Antisemitismus? Ben-Chorin: Es ist sehr bedauerlich, daß der Antisemitismus nicht auszulöschen ist, und sich jetzt in einer Anti-Israel-Haltung verkleidet. Auch in Deutschland spürt man, daß die Menschen Mitleid mit den armen, schwachen Palästinensern, "den Opfern", haben. Auch ich habe Mitleid mit den Palästinensern, denen diese Intifada von ihrem Diktator aufgezwungen wurde. Nur traut sich das keiner dort laut zu sagen, weil sein Leben sonst verwirkt ist. Arafats Geheimdienste schlagen schnell und brutal zu, vor allem gegen die eigene Bevölkerung. Raschke: Erinnert Sie das an die NS-Zeit? Ben-Chorin: Ich habe mir angesichts meiner Erfahrungen in den 30er Jahren in Deutschland nicht vorstellen können, daß wir so etwas wieder erleben müssen. Ich glaube, daß Äußerungen und Hetze gegen Israel oft von Arabern und Muslimen in Europa geschürt werden. Die vielen Fahnen und das Geschrei bei solchen Demonstrationen ist fürchterlich und erinnert mich stark an das Dritte Reich. Das Schlimmste ist jedoch, wie die Araber die Schoa leugnen, und arabische Zeitungen sind in ihrer Aufhetzung gegen Juden und Israel bösartig wie das NS-Hetzblatt "Der Stürmer". Das Schlimmste aber ist die Hetze in den palästinensischen Schulbüchern - finanziert von der EU übrigens -, die weitere Generationen zu Haß und Krieg anstatt Toleranz und Frieden erziehen. Raschke: Die Menschen in Israel sind ziemlich niedergeschlagen. Ben-Chorin: Das stimmt, aber wir geben nicht auf; denn es geht um unser Leben, um unsere Existenz in einem freien, demokratischen Staat Israel. In Deutschland bin ich dagegen ziemlich neidisch, wenn ich die vollen Lokale sehe; denn bei uns fürchten sich angesichts der Selbstmordanschläge viele, Cafés oder Restaurants aufzusuchen. Die wirtschaftliche Situation hat sich auch verschlechtert. Raschke: Es gibt ein gewaltiges soziales Problem angesichts der steigenden Arbeitslosigkeit, so daß sich die Leute auch weniger leisten können. Ben-Chorin: Der am Boden liegende Tourismus schadet Israel sehr, aber ebenso den Palästinensern. Von arabischen Händlern in der Altstadt von Jerusalem, die ich schon lange kenne, habe ich bereits in der ersten Intifada gehört, daß diese Terroristen "verrückt sind" und vor allem das Geschäft und damit einen wirtschaftlichen Aufschwung in der ganzen Region verhindern. Aus: Israelnetz vom 23. 4. 2002
„Bilder lügen nicht", sagt man. Doch das stimmt wohl nicht. Bilder können täuschen; Bilder können die Wahrheit verzeichnen, überdecken oder gar auf den Kopf stellen. Deshalb sind Bildberichte heutzutage nicht nur ein Mittel sachgerechter Information, sondern können auch missbraucht werden. HM Palästinensische Kameraleute 'filtern' Informationen FRANKFURT AM MAIN (Inn) - Die Berichterstattung über den anhaltenden Nahost-Konflikt wird zum großen Teil von Palästinensern bestimmt: „Weit über 90 % aller Kameraleute, die an den Brennpunkten in Israel und den Autonomiegebieten Bilder für ausländische Medien aufzeichnen, sind Palästinenser, die Vorgänge aus ihrer Sicht darstellen." Das sagte die Fernsehjournalistin Esther Schapira auf einer Veranstaltung des jüdischen Verbandes Keren Hayesod am Sonntag in Frankfurt am Main. Die Bildaufnahmen würden von den palästinensischen Kameraleuten bewußt „gefiltert" an ausländische Korrespondenten internationaler Fernsehsender weitergeleitet und stellten meist die einzige Bildquelle für die gesamte Berichterstattung über die Vorgänge der israelischen Armee und der Palästinenser dar. „Nur wenige Korrespondenten können oder wollen sich noch ein eigenes Bild von den Vorfällen machen, über die sie täglich im Fernsehen berichten. Sie verlassen sich auf die Bilder der Kameraleute", so Schapira. Dabei sei jedoch der immer größer werdende Zeitdruck, unter dem TV-Korrespondenten stehen, mit entscheidend für die unkritisch übernommenen Berichte der palästinensischen Kameraleute. Daher sei es angebracht, die Quelle der Bilder anzugeben, die in einem Korrespondentenbericht verwendet wurden. „Kollegen sollten den Zuschauern mitteilen, wenn ein Bildbericht von einem palästinensischen Kameramann verwendet wird", forderte die Journalistin des Hessischen Rundfunks in Frankfurt. Ein weiteres Problem in der Fernsehberichterstattung über den Nahost-Konflikt seien zudem die häufig „gestellten Szenen" von Palästinensern, die lediglich vor ausländischen Kameras zelebriert würden. "For cameras only - nur für die Kamera - lautet ein Schlagwort unter den Palästinensern. Werden gewaltsame Auseinandersetzungen von Kameraleuten aufgenommen, brechen palästinensische Kinder oder Erwachsene auch dann durch eine angebliche Schußverwundung zusammen, wenn israelische Soldaten nur Platzpatronen verwenden", so Esther Schapira. Die Redakteurin des Fernsehsenders HR wurde bekannt durch Ihren Film „Drei Kugeln und ein totes Kind - Wer erschoß Mohammed al-Dura?". In dem Beitrag untersuchte Esther Schapira die Hintergründe des Todes des zwölfjährigen Palästinenserjungen, der zu Beginn des palästinensischen Aufstandes im Oktober 2000 an der Netzarim-Kreuzung im Gazastreifen erschossen wurde. Nach Befragung zahlreicher palästinensischer, israelischer sowie ausländischer Berichterstatter und Untersuchungsbeamter kam Schapira zu dem Ergebnis, daß der Junge, entgegen der palästinensischen Darstellung, nicht zwangsläufig von israelischen Soldaten erschossen wurde. Vieles spricht dafür, daß eine von Palästinensern abgefeuerte Kugel Mohammed al-Dura getötet haben könnte. Der Film wurde in diesem Jahr für den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Beste Dokumentation" nominiert. Nach der Ausstrahlung ihres
Fernsehbeitrags über die Hintergründe des Todes von al-Dura wurde Esther
Schapira in Hunderten Briefen und Reaktionen angegriffen. „Einige warfen mir
vor, die ‚zionistische Lobby’ im deutschen Fernsehen verbreitet zu haben, andere
beschuldigten mich der Bestechlichkeit oder drohten mir, Allah werde mich für
den Film strafen", sagt die Redakteurin. Aus: Israelnetz vom 21. 10. 2002
Ephraim Kishon, ein Überlebender des Holocaust, ist der meistgelesene Satiriker der Gegenwart. In dem folgenden Interview mit der „Welt am Sonntag" im August 2002 bezieht er politisch Stellung und begründet, warum er Arafat für den größten Schauspieler hält und Europas Rolle im Nahostkonflikt als wenig Frieden fördernd einschätzt. HM „Wer Israel verurteilt, ist ein Antisemit" Interview zum Nahostkonflikt mit Ephraim Kishon WELT am SONNTAG: Herr Kishon, kennen Sie einen palästinensischen Witz? Ephraim Kishon: Im arabischen Humor geht es in der Regel darum, dass Scharon wieder eins auf den Kopf bekommen hat. WamS: Kann Humor eine Frieden schaffende Maßnahme sein? Kishon: Natürlich. Aber Satire kann einer Nation nur den Spiegel vorhalten. Sie kann sie nicht verändern. WamS: Was halten Sie von der Politik Ariel Scharons? Kishon: 60 Prozent von uns haben Scharon gewählt, weil die bitter enttäuschte israelische Bevölkerung begriffen hat, dass die Palästinenser nicht in friedlicher Nachbarschaft leben, sondern uns vernichten wollen. WamS: Zweifeln Sie nicht an Scharons Strategie? Kishon: Scharon kann keine festgelegte Strategie haben. Die ganze Welt sagt ihm, was wir nicht tun sollen, aber niemand erklärt uns, was wir um Gottes Willen tun sollen. Sitzen und warten, dass auch meine kleine Enkeltochter auf der Straße zerfetzt wird? WamS: Aber es geschieht doch unbestreitbar auch von israelischer Seite aus Unrecht. Kishon: Ich bestreite es. Welches Land In der Welt würde es hinnehmen, dass täglich feige Morde an seinen Zivilisten verübt werden, dass man von seiner Großmutter oder einem Freund plötzlich nur noch eine Hand auf der Straße findet? Israel wird in den feindlichen Weltmedien derart diskriminiert, dass, wenn palästinensische Terroristen israelische Schulkinder ermorden, dies die gleiche Empörung hervorruft, als wenn wir einen der brutalsten Mörder, einen Hamas-Führer, töten. WamS: Aber dabei sind auch Kinder ums Leben gekommen. Kishon: Es war doch nicht unser Ziel, Kinder umzubringen. Es ist insofern kein Zufall, als sich die Terroristenführer gern mit Frauen und Kindern umgeben. Der entscheidende Unterschied ist jedoch: Ganz Israel hat es betrauert, die Regierung und die Armee haben sich öffentlich entschuldigt. WamS: Außenminister Schimon Peres hat Scharons Politik jedoch massiv kritisiert. Kishon: Peres ist ein unglaublich intelligenter Mann, aber er ist ein Gefangener der gescheiterten Oslo-Vereinbarungen. Er muss unbedingt beweisen, dass er Recht hatte. Ich habe schon vor einigen Jahren geschrieben, dass Rabin und Peres betrogen wurden und unsere "Friedenspartner" die jetzige Terrorwelle schon in Kindergärten über Generationen vorbereitet haben. WamS: Aber der Terror nimmt zu statt ab. Wäre es nicht sinnvoller, statt auf militärisches Vorgehen auf Friedensverhandlungen zu setzen? Kishon: Aber genau das haben wir getan. In Camp David 2000. Das Resultat war, dass Arafat zurückgegangen ist und die bewaffnete Intifada begonnen hat. Was können wir mehr vorschlagen als die Rückgabe von 94 Prozent des Territoriums? WamS: Kein Friede mit Arafat also? Kishon: Arafat müsste den Oscar bekommen als größter Schauspieler. Er hat es meisterlich verstanden, auf dar Welle des weltweiten Antisemitismus zu reiten. Auch er hat offensichtlich entdeckt, dass der Nationalsozialismus nicht ideologisch, sondern nur militärisch besiegt wurde. Die ganze Welt glaubt, dass Arafat dafür kämpft, eines Tages Präsident eines unabhängigen Staats zu sein. Ein riesiger Irrtum! Nichts fürchtet Arafat mehr als einen Palästinenserstaat. Wenn er Präsident ist, womit kann er dann das gequälte Volk beschäftigen? Mit der desolaten Wirtschaftslage, mit der Korruption? Es gibt keinen Frieden mit Arafat, weil er keinen wollen kann. Das wäre sein Ende. WamS: Unabhängig von der Person Arafats - sind Sie für einen eigenen Palästinenserstaat? Kishon: Ja, als eingeschworener Anhänger von Rabin war ich schon immer dafür. Mein Wunschtraum ist eine Art österreichisch-ungarische Monarchie für Israel und die Palästinenser, die - in ihre schrecklichen Flüchtlingslager deportiert - im Grunde genommen die Opfer ihrer grausamen arabischen Brüder sind. Unser Know-how und ihr Arbeitseifer zusammen, das würde uns zum blühendsten Ort im Nahen Osten machen. Aber dazu muss eine neue palästinensische Generation kommen, die sagt: Schluss mit der Hass-Propaganda und mit dem Blutvergießen! WamS: Was kann Israel für das Entstehen einer solchen Generation tun? Kishon: Wir sind schon dabei. Und es gibt auch auf der anderen Seite positive Zeichen. In der Tageszeitung „Haaretz" haben palästinensische Professoren gerade eine Annonce veröffentlicht, in der sie ihr Beileid für die Opfer des Universitätsanschlags zum Ausdruck bringen. WamS: Was bedeutet Israel für Sie persönlich? Kishon: Es ist der einzige Ort in der Welt, wo ich kein Jude bin. Es bedeutet für mich, zu Hause zu sein. Und "zu Hause" bedeutet, dass der todernste Polizist, der mir einen Strafzettel verpasst, irgendwie mein Bruder ist. WamS: Ein Wort zu den deutsch-israelischen Beziehungen. Die Kritik des FDP-Politikers Jürgen Möllemann an Israel hat kürzlich eine Antisemitismus-Debatte ausgelöst. Kishon: Möllemann ist ein schlecht kalkulierender Opportunist, nichts weiter. Viel mehr hat mich schockiert, dass der Exminister Norbert Blüm, der wie ich den „Orden wider den tierischen Ernst" trägt, noch viel antisemitischer als Möllemann ist. Er hat erklärt, dass Israel „einen hemmungslosen Vernichtungskrieg" gegen die "friedlichen" Palästinenser führt, wäh-rend bei uns jeden Tag ein Dutzend Bürger abgeschlachtet werden. Das ist purer Antisemitismus. Ich habe dem Aachener Karnevalsverein einen Brief geschrieben: Wenn sie meinen Ritterbruder Norbert nicht verurteilen, oder er sich nicht öffentlich entschuldigt, trete ich aus dem Ritterorden aus. WamS: Hat man ihnen geantwortet? Kishon: Ja, dass sie sich nicht mit Politik beschäftigen. Aber das ist keine Frage der Politik. Das ist eine Frage von Moral. WamS: Aber Kritik an Israel muss doch erlaubt sein? Kishon: Kritik ist erlaubt. Aber ich bin der einseitigen Verurteilung von Israel in Europa ebenso müde wie die Amerikaner. Ich sage ganz klar: Wer heute den winzig kleinen, ums Überleben kämpfenden jüdischen Staat verurteilt, ist ein Antisemit. WamS: Eine zweite Antisemitismus-Debatte hat sich am Fall des Schriftstellers Martin Walser entzündet. Kishon: Ich kann Walsers Wut verstehen. Obwohl 33 Millionen Bücher von mir in DeutschIand verkauft wurden, ist mein Name nicht ein einziges Mal im „Literarischen Quartett" erwähnt worden. Aber in Walsers Fall wäre es jedenfalls nicht so beleidigend gewesen, wenn die Hauptfigur kein Jude gewesen wäre. Dadurch bekam es einen antisemitischen Unterton. Als ob Reich-Ranicki der „typische Jude" wäre... WamS: Halten Sie Walser für antisemitisch? Kishon: Walser war von seiner Wut verblendet. Er wollte wehtun, deswegen hat er nicht nur über das Judentum der Hauptfigur, sondern auch über das Privatleben des Ehrl-König geschrieben. Ich glaube nicht, dass er Antisemit ist - jedenfalls nicht mehr als üblich. WamS: Was bedeutet es für Sie, gerade in Deutschland so populär zu sein? Kishon: Ich bin ein Überlebender des Holocaust. Da ist es für mich eine besondere Genugtuung, dass die Enkel meiner Henker meine ursprünglich Hebräisch geschriebenen Werke so lieben. Ich habe diese jungen Menschen auch gern. WamS: Sie sind ein israelischer Patriot. Verstehen Sie die jungen Deutschen, die sagen, sie wollen „stolz" auf ihre Heimat sein? Kishon: Ich habe immer gesagt, dass ich Mitleid mit Leuten habe, die nicht stolz auf ihr eigenes Volk sind. Die Deutschen können allerdings stolz darauf sein, wie ihr Land demokratisch wieder aufgebaut wurde. Lediglich für die Vergangenheit müssen sie sich schämen. Dennoch: Es gibt keine kollektive Verantwortung, nur eine kollektive Schande. Was die Väter und Großväter der Deutschen getan haben, geht wahrhaftig über alle moralischen und menschlichen Begriffe hinaus. Auch für uns ist es eine kollektive Schande, dass beim gerechtfertigten Angriff auf den Hamas-Führer auch Kinder ums Leben kamen. Das darf nicht mehr vorkommen. Diese Gewissensbisse erwarte ich auch von meinen deutschen Freunden. Das Gespräch führte Miriam Hollstein.
Bassam Tibi, geboren 1944 in Damaskus, ist Professor für Internationale Politik in Göttingen. Seine Bücher über den Islam finden weltweite Beachtung. Seit Jahren streitet Tibi für einen „Euroislam", der mit Pluralismus und Demokratie vereinbar ist. Selig sind die Belogenen Der christlich-islamische Dialog beruht auf Täuschungen - und fördert westliches Wunschdenken Von Bassam Tibi Im Mai 2000 nahm ich an einer Veranstaltung der „Kulturhauptstadt Europa" in Rotterdam teil. Genau zu diesem Zeitpunkt erregten heftige Attacken des Imams von Rotterdam gegen Homosexuelle die Gemüter. Der Imam - der sich übrigens ausdrücklich nicht als europäischer Bürger, sondern als marokkanischer Muslim versteht - erklärte unter anderem: „Die Schwulen müssen bekämpft werden; sie sind eine Gefahr für den Frieden." Von solchen Äußerungen alarmiert, schrieb der Soziologieprofessor Pim Fortuyn ein Buch mit dem Titel Gegen die Islamisierung unserer Kultur. Fortuyn, ein bekennender Homosexueller, ging in die Politik. Der Rest der Geschichte ist bekannt. Auch sie gehört zum Thema „Dialog mit dem Islam". Pim Fortuyn gebührt - was immer man ihm sonst vorwerfen kann - das Verdienst, ein Denkverbot durchbrochen zu haben. Er sprach eine Wahrheit aus, die von einer falsch verstandenen westlich-liberalen Toleranz nicht mehr zugelassen wird: Eine religiöse Kultur, die abweichendes Verhalten wie die Homosexualität verdammt und verfolgt, ist rückständig. Ich selbst bin Muslim. Mich kann man nicht, wie Fortuyn, verdächtigen, ich wolle Muslime ausgrenzen. Umso eindeutiger stelle ich fest: Die Islamisierung der Welt ist ein fester Bestandteil islamischer Weltanschauung. In der Begrifflichkeit des Islam heißt das: Es müsse das Dar al-Islam (Haus des Islam) auf die gesamte Erde ausgeweitet werden, um es in ein Dar al-Salam (Haus des Friedens) zu verwandeln. Selbst noch die liberalere islamische Reformtheologie hebt al-Taqhal-lub (Dominanz) als Wesensmerkmal des Islam hervor. Eine solche Weltanschauung ist weder mit dem Kultur- noch mit dem Religionspluralismus westlicher Gesellschaften vereinbar, und sie wirkt daher im heutigen Europa wie ein Fremdkörper. In seinem Buch hat sich Fortuyn mit Recht gegen sie zur Wehr gesetzt. Leider zog er daraus die falsche Schlussfolgerung: Er glaubte, die Lösung könne darin bestehen, den Islam aus Europa auszusperren. Als Muslim und Migrant müsste nach dieser Logik auch ich aus der europäischen Gesellschaft ausgeschlossen werden - obwohl ich Fortuyns Anliegen, die Islamisierung Europas zu verhindern, teile. Eine erfolgversprechende Lösung kann aber nur darin bestehen, den Islam von seinem universalistischen Absolutheitsanspruch zu befreien und ihn an die pluralistische europäische Moderne anzupassen. Die Forderung nach einem „Dialog mit dem Islam" wurde schon lange vor dem 11. September erhoben. Seitdem jedoch wird er geradezu fieberhaft geführt. Aber was für eine Art von Dialog findet da statt? Dafür ein Beispiel: Der Bischof von Hildesheim wollte dem Dialogaufruf folgen und suchte den Imam einer Moschee auf, um eine christlich-islamische Begegnung herbeizuführen. Der Imam empfing den Bischof höflich und überreichte ihm ein Exemplar des heiligen Buches der Muslime. Der Bischof nahm den Koran dankend entgegen und wollte dem Imam als Gegengabe die Bibel schenken. Doch der sah ihn entsetzt an und lehnte es ab, das Buch auch nur anzufassen. Diese Begegnung veranschaulicht exemplarisch die grundlegenden weltanschaulichen Differenzen, die ein gegenseitiges Verständnis erschweren. Der Bischof ist von der Haltung des Imams, die er als grobe Unhöflichkeit auffasst, irritiert. Doch der Imam hat nur seinem Glauben entsprechend gehandelt, sich also nach seiner eigenen Wahrnehmung vorbildlich verhalten. Wenn ein Imam einem Bischof den Koran schenkt, dann ist dies für ihn ein Akt des Da’wa (Aufruf zum Islam), gemäß dem Koranvers: „Und sprich... zu den Ungelehrten: Werdet ihr nun Muslime werden?" (Sure Al-Imran, Vers 20). Etwas anderes ist für ihn die Schenkung einer Bibel; das kommt für ihn einem Akt christlicher Missionierung gleich, die er natürlich ablehnt. Der Imam und der Bischof leben in verschiedenen Welten: Die Denkweise des Bischofs ist modern, er geht vom religiösen Pluralismus aus, in dem alle Religionen als gleichwertig gelten und daher miteinander in Frieden leben können. Der Imam hingegen ist in seinem Denken und Handeln noch vormodern und vorpluralistisch. Für ihn heißt das Gebot des Koransverses absolut: „Die Religion bei Gott ist der Islam" (Al-Imran, Vers 19). Von einigen deutschen Islamexperten wird behauptet, den Islam verbindet mit dem Christentum eine historische Ehe. Vor dem 11. September 2001 sei die Pflege dieser intimen Verbindung sträflich vernachlässigt worden. Als Heilmittel wird jetzt der „Dialog" angepriesen. Doch diese „Ehe"-Vorstellung ist nur dem Wunschdenken wohlmeinender deutscher Idealisten geschuldet. Und bevor man einen Dialog führt, muss man sich doch fragen: Verstehen beide Seiten darunter überhaupt dasselbe? Seit der Wandlung Europas vom „christlichen Abendland" zur säkularen westlichen Zivilisation bedeutet Dialog hier: diskursiver Austausch, nicht aber Missionierung Andersgläubiger. Eine vergleichbare Entwicklung hat im Islam jedoch niemals stattgefunden. Erst kürzlich gab der Londoner Imam Zaki Badawi ein Beispiel dafür, wie ungebrochen der Missionsgeist unter islamischen Würdenträgern ist. Wohlwollend bezeichnete Badawi Europa als Teil des „Hauses des Islam", weil dort Muslime leben. Eigentlich wollte Badawi damit seine „Toleranz" unter Beweis stellen, denn mit dieser Qualifizierung stempelte er Europa immerhin nicht mehr als Dar al-Harb (Haus des Krieges) beziehungsweise als Dar al-Kuffar (Haus der Ungläubigen) ab, wie das früher der Fall war. Aber er sagte damit doch indirekt auch, dass nur die Anwesenheit von Muslimen Europa überhaupt zu so etwas wie einer zivilisierten Weltgegend macht. Welche Herablassung aus solchen vermeintlichen Zugeständnissen spricht, entgeht den meisten Europäern, die sich von den schön klingenden Worten betören lassen. Die historische Beziehung zwischen der christlich-europäischen und der islamischen Zivilisation ist durch gegenseitige Bedrohung, aber auch durch gegenseitige Faszination gekennzeichnet. Mit kriegerischen Mitteln - Dschihad einerseits, Kreuzzüge andererseits - wollte die eine Zivilisation die andere unterwerfen. Dieses kriegerische Bewusstsein ist im Islam bis heute lebendig geblieben. Auf westlicher Seite hat dagegen die Faszination obsiegt. Im Westen will man daher zum Beispiel nicht so recht wahrhaben, dass sich die Attentäter des 11. September als Dschihad-Kämpfer, nicht aber als Terroristen verstanden. Und vonseiten der Muslime ist es in höchstem Maße unaufrichtig, wenn sie im Dialog - statt an der in der islamischen Welt sehr weit verbreiteten Dschihad-Deutung des 11. September Kritik zu üben - behaupten, dies alles habe mit dem Islam nichts zu tun, und man trage zu einem „Feindbild Islam" bei, wenn man Mohammed Atta und seinen Meister bin Laden mit dem Islam in Zusammenhang bringe. Es ist sträflich naiv, wenn sich gut meinende Christen mit solchen Erklärungen zufrieden geben. Um ehrlich miteinander sprechen zu können, müsste man sich zunächst eingestehen, dass nicht einmal die gemeinsam benutzten Begriffe für beide Seiten dasselbe bedeuten. So bezeichnet das Wort „Friede" im Islam nichts anderes als die Ausweitung des Dar al-Islam auf die gesamte Welt - etwas ganz anderes also als der aufgeklärte „ewige Friede" Kants. Auch unter Toleranz versteht der Islam etwas anderes als die westliche Aufklärung, nämlich die Duldung nicht-islamischer Monotheisten - also nur von Juden und Christen - als Dhimmi (Gläubige, jedoch zweiter Klasse), das heißt: als geschützte, aber unmündige Minderheiten. Es führt kein Weg daran vorbei, von den Muslimen zu fordern, ihr Verständnis von Toleranz und von Frieden im Sinne einer Akzeptanz des Pluralismus zu revidieren und auf die Doktrin des Dschihad als Eroberung zu verzichten. Diese Forderung ist bereits erhoben worden - jedoch nie von christlicher Seite. Zu Beginn des ersten jüdisch-islamischen Dialogs 1994 in der Londoner Westminster-Synagoge stand ein Rabbiner auf und sagte: „Wir Juden sind den Muslimen dafür dankbar, als geschützte Minderheit unter dem Banner des Islam toleriert worden zu sein. Doch die Zeiten haben sich geändert. Heute wollen wir nicht nur den Muslimen gleichwertig sein, sondern auch als ein souveränes Volk anerkannt werden. Wir wollen also keine Dhimmi mehr sein. Nur unter der Voraussetzung, dass die Muslime dies akzeptieren, können wir einen Dialog führen, anders machte es keinen Sinn!" Anders gesagt: Im 21. Jahrhundert kann die „islamische Toleranz" nicht mehr als Vorbild dienen, denn sie gleicht heute eher der Diskriminierung. Vom Selbstbewusstsein und von der Aufrichtigkeit des Rabbiners, der diese Feststellung traf, können die Christen nur lernen. Die jüngsten Versuche eines Dialogs mit dem Islam gehen in Deutschland auf die frühen achtziger Jahre zurück. Der damalige evangelische Kirchentagspräsident von Bismarck initiierte entsprechende Begegnungen. Ähnliches geschah von katholischer Seite. Diese Versuche standen unter dem Eindruck der „islamischen Revolution" im Iran. Stets ging es dabei um rein religiöse Themen, nie um konkrete Probleme des Zusammenlebens. Gesprächspartner waren auf europäischer Seite die Kirchen und christliche Stiftungen, auf muslimischer Islamgelehrte und Regierungsvertreter. Ab den neunziger Jahren aber traten organisierte Gruppen auf, die vorgaben, für die deutschen Muslime zu sprechen. Es handelt sich dabei um zwei miteinander konkurrierende „Räte": den türkisch dominierten „Islamrat" mit eindeutigen Beziehungen zu den als rechtsradikal einzustufenden Milli Görus und den orthodox-islamisch ausgerichteten „Zentralrat der Muslime", der vom wahhabitischen Saudi-Araber Nadeem Elyas geführt wird. Ob der Islamismus von Milli Görus oder die Auffassungen des orthodox-wahhabitischen Islam mit säkularer Demokratie und einem religiös-kulturellen Pluralismus im Sinne des deutschen Grundgesetzes vereinbar ist, war bei den christlich-islamischen Gesprächen nie ein Thema. Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichtes Düsseldorf aus dem Jahr 2001 steht fest, dass dem Zentralrat die „Voraussetzungen fehlen", ein Mandat zur Vertretung der Muslime für sich zu beanspruchen. Auch ergab eine empirische Studie des Zentrums für Türkeistudien in Essen, dass diese Institution nur drei bis fünf Prozent der Muslime in Deutschland vertritt. Die große Mehrheit der in Deutschland lebenden Muslime ist demnach nicht in Moscheevereinen organisiert. Der Dialog wird also mit Institutionen geführt, die für die in Deutschland lebenden Muslime nicht repräsentativ sind. In der bisher geführten Form ist er somit nicht nur verlogen, sondern auch in höchstem Maße undemokratisch. Neuerdings sprechen selbst Funktionäre des Zentralrates von einem „europäischen Islam" und geben Bekenntnisse zum Grundgesetz ab. Doch verstehen sie darunter dasselbe wie das von mir vertretene Konzept des „Euroislam", das heißt: eines mit der zivilisatorischen Identität Europas versöhnten Islam? Ist ihr Bekenntnis zu Demokratie und religiösem Pluralismus aufrichtig oder bloß Iham, also bewusste Täuschung der Ungläubigen, die nach dem Koran ausdrücklich erlaubt ist? Skepsis ist angebracht, wenn man bedenkt, dass im bisherigen Dialog von islamischer Seite nichts als Forderungen und Anklagen erhoben wurden. Die Muslime gefielen sich in der Rolle des Opfers. Den christlichen Vertretern wurde nicht nur die deutsche Vergangenheit vorgehalten, sie wurden auch für die Kreuzzüge und für den Kolonialismus mitverantwortlich gemacht. Zugleich verbaten es sich die Muslime, mit der Geschichte des Dschihad konfrontiert zu werden. Bei den islamischen Dschihad-Eroberungen ist jedoch viel Blut geflossen, und Muslime haben Nichtmuslimen ihren Glauben oftmals brutal aufgezwungen. Doch darüber zu reden gilt als tabu. Lieber reden auch die Christen von ihrer eigenen dunklen Vergangenheit. Ein solches Ritual einseitiger Schuldzuweisungen ist kein Beitrag zur Verständigung zwischen den Zivilisationen. Es kommt dabei nur ein verlogener Dialog heraus. Die ernüchternde Wahrheit lautet: Nicht nur Islamisten, auch orthodoxe Muslime halten die Christen für „Kreuzzügler", Salibiyyun - und zwar auch dann, wenn diese sich vor dem Islam anbiedernd verbeugen. Christen müssen sich mit dieser feindseligen Einstellung offen auseinander setzen, statt sie weiterhin zu verdrängen. Warum geschieht dies nicht? Ich sehe dafür drei Gründe: Erstens: die Schuldgefühle der Christen, vor allem der deutschen Protestanten, in Bezug auf die unrühmliche Vergangenheit ihrer Kirche im „Dritten Reich". Nie wieder will man in die Gefahr kommen, andere Religionen zu diskriminieren. Hier stellt sich freilich die Frage, warum es Islamisten, die ja militante Antisemiten sind, gestattet sein soll, moralisches Kapital aus dem vergangenen Leiden der Juden zu schlagen. Zweitens: die gesinnungsethisch verordnete Fremdenliebe der Deutschen, die es ihnen verbietet, zwischen demokratischen und undemokratischen Ausländern und Kulturen zu unterscheiden. Drittens: die Angst der christlichen Kirchen vor Machtverlust. Wenn nämlich der Anspruch des organisierten Islam, alle Muslime im Rahmen einer Körperschaft des öffentlichen Rechts zu vertreten, zurückgewiesen wird, bliebe dies im Sinne der Gleichbehandlung nicht ohne Folgen für die Kirchen. Wer den Monopolanspruch der orthodoxen Muslime bestreitet, gefährdet das entsprechende christliche Monopol. Ein aufrichtiger Dialog hat dagegen einige Mindestkriterien zur Voraussetzung: Beide Dialogpartner müssen sich vorurteilsfreies theologisches und historisches Wissen über den anderen aneignen. Im Dialog geht es um conflict resolution als friedliche Konfliktbewältigung. Also: Weder brauchen wir interreligiöse Schmusestunden noch einen Austausch von Beweihräucherungen oder verlogenen Zusicherungen des guten Willens. Ehrlichkeit gibt es nur, wenn man ohne Selbstzensur, ohne Tabus und ohne Duckmäuserei miteinander reden kann. Die Geschäftsgrundlage muss die Akzeptanz des religiösen Pluralismus sein, also die Anerkennung der Gleichberechtigung der Religionen. Weder Beschuldigungen noch Selbstbezichtigungen helfen dabei weiter. Scheut man die Kontroverse nicht, wird man bald auch auf Verbindendes stoßen. Die Geschichte der Mittelmeerregion zeigt, dass sich die islamische und die westliche Zivilisation über Jahrhunderte hinweg gegenseitig befruchtet haben - jenseits kriegerischer Auseinandersetzungen im Zeichen von Kreuzzug und Dschihad. Zwischen dem 9. und dem 12. Jahrhundert fand eine Hellenisierung des Islam statt. Von ihr bis zur europäischen Renaissance führt eine direkte Linie. Die Muslime retteten das antike griechische Erbe vor dem Vergessen und bereicherten es. Darauf konnte die Renaissance aufbauen. So leistete der Islam einen wichtigen Beitrag zur Entstehung des modernen Europa. Diese positiven Impulse sollte ein Dialog in Erinnerung rufen. Geschichte kann damit zur Quelle einer künftigen gemeinsamen Werteorientierung werden. Aus: DIE ZEIT vom 29. Mai 2002 |