Denkendorfer Kreis
             
für christlich-jüdische Begegnung e.V.

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Aus dem Rundbrief  vom 18. Oktober  2001:  

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Wissen sie nicht, was sie tun?" - kritischer Kommentar zu einer landeskirchlichen Aufklärung über den Nahostkonflikt
Von Hartmut  Metzger

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„...aber Thora lernen wir bei uns im jüdischen Paradies!“
In Erinnerung an meinen Freund Herbert Kahn s. A.

Von Hartmut Metzger
 

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UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban
Alice Schwarz-Gardos in den ISRAEL NACHRICHTEN vom 7. September 2001
Johannes Dieterich in der Stuttgarter Zeitung vom 7. September 2001

 

Wissen sie nicht, was sie tun?“

Kritischer Kommentar zu einer landeskirchlichen „Aufklärung“ über den
Nahost-Konflikt
Von Hartmut Metzger 

Einen Skandal würde es die allgemeine Presse nennen, doch die kirchliche Umgangs­sprache drückt sich zurückhaltender aus; nennen wir den Vorgang also ungewöhnlich:
Der Stuttgarter Oberkirchenrat verschickt - in zeitlicher Nähe zum „Israelsonntag“ 2001 - ein Informationsheft an sämtliche Gemeindepfarrer, in der diese, wahrscheinlich zur Weiter­vermittlung an die Gemeinden, darüber aufgeklärt werden: „Warum Oslo keinen Frieden brachte“ - so der Titel der Veröffentlichung. 

Im Begleitschreiben, vom Theologischen Dezernenten der Kirchenleitung unterschrieben, heißt es:  „Die politische und soziale Situation in Israel/Palästina erfüllt viele Menschen mit Sorge... Es ist schwer, sich aus den täglichen Meldungen der Medien ein Gesamtbild der Lage und der eigentlichen Probleme zu machen. Daher hat die Evangelische Mittelost-Kommission der EKD das beiliegende Heft herausgegeben. Es schildert die Probleme sowohl aus der Sicht der Palästinenser wie der Israelis und versucht, mögliche Perspek­tiven zum Frieden aufzuzeigen.“ -  Der Hinweis, daß in der genannten Kommission (abgekürzt „EMOK“) an die 30 kirchliche Einrichtungen und Werke zusammenarbeiten, die mit dem Nahen und Mittleren Osten besonders verbunden sind, soll wohl von vorneherein Qualität und Sachkenntnis garantieren.
Dem ist aber nicht so.   Man tut besser daran, sich aus den oft gescholtenen Medien ein „Gesamtbild der Lage“ zu machen und selber zu überlegen, was die „eigentlichen Prob­leme“ sind. Bei diesem Kirchenpapier wird - wieder einmal - die palästinensische Darstel­lung des Geschehens unters Volk gebracht. Zu Lasten Israels!
Daß diese Morgengabe, wohl zufällig, zum „Israelsonntag“ verteilt wurde, ist peinlich.  

Schon die Überschrift des Papiers läßt aufmerken. Da weiß jemand genau Bescheid: „Warum Oslo keinen Frieden brachte“. - Als ob es nicht viele Erklärungsversuche gäbe!  

Etwa auch den, der in Israel gerade weit verbreitet ist, nämlich: daß man auf einen falschen Partner gesetzt hat, der weder fähig noch willens ist, Frieden zu schließen.
Dabei erinnern sich viele Israelis an Erfahrungen aus der europäischen und deutschen Geschichte des Jahres 1938 und an Illusionen, die an den Realitäten zerbrachen.
(Das ist z. B. eine „israelische Sicht der Dinge“, die jedoch von den Verfassern des EMOK-Papiers weder zur Kenntnis und noch weniger ernst genommen wird.)  

In der Hinführung „Ein Blick zurück“ wird vermerkt: „der Oslo-Friedensprozess war auf eine lange Zeitspanne ausgelegt, in der beide Seiten zuerst einmal mit vertrauensbildenden Maßnahmen aufeinander zugehen sollten“. Doch warum dieser Prozeß daneben ging und sein gutes Ziel nicht erreichte, darüber gab es nur die ‘ausgewogene’ Auskunft: „die Verhandlungen verzögerten sich, Vereinbarungen wurden nicht eingehalten oder unter­schiedlich interpretiert...“
Die israelische Sicht könnte hier konkreter ausfallen, angefangen bei der Grundvoraus­setzung, daß Verhandlungen an die Stelle von Gewalt und Terror treten sollten und daß es weder in Schulbüchern noch in Moscheen eine Erziehung zum Haß geben dürfe.  

Für das Scheitern des Camp David Treffens im Sommer 2000 weiß das EMOK-Papier die richtigen Gründe: Barak verhandelte ohne Mehrheit in der Knesset. Seine unglaublichen Zugeständnisse waren „aus palästinensischer Perspektive nicht glaubwürdig“. - Der amerikanische Präsident Bill Clinton beurteilte die Situation anders, von den Israelis ganz zu schweigen, doch das ist offensichtlich eine andere Geschichte. 

Scharons „Besuch“ (so in Anführungszeichen gesetzt!) auf dem Tempelberg setzt ein Datum: Seither „herrschen in den palästinensischen Gebieten kriegsähnliche Verhältnisse“; die Intifada beginnt: „für die Palästinenser ein gerechtfertigter nationaler Aufstand gegen die israelische Besatzung“..., für die Israelis ein terroristischer Ausbruch, „der ihre Existenz bedroht und mit militärischen Mitteln niedergeschlagen werden muss.“
Auf diese scheinbar sachliche Schilderung werden nun die Zahlen der Intifada-Opfer ange­geben, die Toten - „meist Palästinenser, darunter viele Kinder“ - und die Tausende von Verletzten.   

Was „aus israelischer Sicht“ zu diesem makabren Zahlenspiel zu sagen ist, wird nicht erwähnt.
Aber gerade damit macht die scheinbar objektive Aufzählung Stimmung, wie wir es schon oft erlebt haben. -  Daß zu den Opfern unter den Palästinensern auch die Selbstmord­attentäter gezählt werden, die „Märtyrer“ und Helden der Intifada, wird unterschlagen. (Warum? Ist es ein zu vernachlässigendes Detail?)
Die bloßen Zahlenangaben regen auch nicht zum Nachdenken darüber an, daß bei „kriegs­ähnlichen Verhältnissen“ Kinder von verantwortungsbewußten Leuten nach Hause geschickt und in Sicherheit gebracht werden sollten und auf den Schauplätzen der Intifada nichts zu suchen haben. 

Das nächste Kapitel soll - wieder ‘ausgewogen’ - die zwei unterschiedlichen Perspektiven der beiden Völker darstellen.
Die Palästinenser werden durch eine israelische Politik der Stärke gedemütigt; wirtschaft­liche Not und Angst breiten sich aus. Bei der Schilderung der schlimmen Situation werden anschaulich die Einschränkungen und Leiden der Bevölkerung aufgezählt.  Auffallend ist aber, daß die politische Führung nicht vorkommt.
(Dagegen wird bei der israelischen Seite nachher vermerkt: „Die israelischen Regierungen versäumten es, die israelische Bevölkerung auf das Ausmaß der notwendigen Zugeständnisse vorzubereiten, etwa auf das Aufgabe von Siedlungen, die Rückgabe der 1967 besetzten Gebiete oder eine Teilung Jerusalems.“ -  Völlig ‘objektiv’ wird das von Kirchenleuten den ganz verschiedenen, demokratisch gewählten Regierungen Israels als ‘Versäumnis’ angelastet!) 

Das EMOK-Papier übernimmt nicht nur die palästinensische Sicht der Dinge, sondern auch deren Methode, sie darzustellen. Ein Beispiel für diese Art von Berichterstattung: 

„Der ungehinderte Zugang für Palästinenser nach Jerusalem und zu den Arbeitsstellen in Israel wurde immer wieder durch längere oder kürzere Absperrungen verhindert...“  Das ist nicht falsch, und trotzdem ist es nur die halbe Wahrheit.  Wer diesen Satz liest, aber nicht die Hintergründe und die Ursachen für solche Abriegelungen kennt, der ist schlechthin desinformiert.
Unter Jizchak Rabin, dem Friedensnobelpreisträger, wurden die Absperrungen eingeführt als ein - wenig effektives - Mittel, die israelische Bevölkerung vor Anschlägen palästinen­sischer Terroristen zu schützen. Auch die späteren Regierungschefs wußten sich nicht an­ders zu helfen. Daß die palästinensische Bevölkerung, die Arbeit, Brot und Ruhe haben wollte, darunter zu leiden hatte, ließ sich nicht vermeiden.
Ebenso hatte der kontrollierte Zugang zu Jerusalem ausschließlich mit den Unruhen zu tun, die gewaltbereite Jugendliche und Moslems von außerhalb in die Stadt hineintragen wollten  und oft genug hineingetragen haben.
Wer sich nicht auskennt, hält für israelische Schikanen, was in Wirklichkeit Sicherheits­erfordernisse und Reaktionen auf blutige Schachzüge der Intifada sind. Halbwahrheiten sind manchmal so schlimm wie Lügen. In der Propaganda werden sie bewußt eingesetzt. Doch wie steht es damit in einem kirchlichen Papier? 

Auf israelischer Seite konstatiert das EMOK-Papier: „Die Angst vor den arabischen Nach­barn konnte nicht abgebaut werden...  Alte Überzeugungen, es sei trotz aller Behauptungen noch immer langfristiges Ziel der Araber, den jüdischen Staat zu vernichten, sind wieder präsent. Die Sicherheitsfrage beherrscht alle anderen Überlegungen, was durch Anschläge radikaler palästinensischer Gruppen auf israelische Zivilisten, Militärposten und die Beschie­ßung von Siedlungen Auftrieb erhält...“
Auf den ersten Blick scheint das eine zutreffende Beschreibung zu sein. Aber bei genauerem Hinsehen fällt auf, daß der tägliche palästinensische Terror gegen Wehrlose, vorwiegend Frauen und Kinder, nur überaus „zurückhaltend“ erwähnt wird. Daß dieser Terror nicht nur von „radikalen Gruppen“ ausgeht, sondern von der palästinensischen Führung selbst (dem „Friedenspartner“!), wird verschwiegen - für die „israelische Seite“ ist das aber von grundlegender Bedeutung.
Daß Arafat in seiner Außenpolitik keine Gelegenheit ausließ, Israel mit schlimmsten Verleumdungen zu überziehen und zum Kampf gegen den zionistischen Staat aufzurufen (Arafat in Durban: „Die Israelis sind die größte Gefahr für den Weltfrieden!“); daß er innen­politisch schon den Kindern ein schreckliches ‘Feindbild Israel’ einpflanzen läßt und zum Haß erzieht (die „Märtyrer“ als Helden und Vorbilder!), sind für Israelis ebensowenig Nebensächlichkeiten. 

Je länger das Papier wird, desto mehr schwindet die „Ausgewogenheit“. Bei den „Hindernis­sen“, die in der Vergangenheit zum Scheitern geführt haben sollen, überwiegt deutlich die palästinensische Sichtweise; bei den „Menschenrechten“ dominiert sie allein.
Und damit ist dann auch der Schluß- und Höhepunkt erreicht. 

Zunächst zu den „Hindernissen“!  Die EMOK-Autoren machen drei aus: die Jerusalemfrage („Wem gehört Jerusalem?“);  die Flüchtlingsfrage („Wo werden die Flüchtlinge leben?“)  und die Frage der israelischen Siedlungen („Was wird aus den israelischen Siedlungen?“)
Daß von israelischer Seite aus vielleicht noch andere „Hindernisse“ wesentlich wären, wird von dem Aufklärungspapier nicht weiter reflektiert. 

Beschrieben werden die weitgehenden, aber trotzdem ungenügenden Angebote der Regierung Barak.
So wird etwa vermerkt, daß sie in der Jerusalemfrage bereit war, „den ideologisch [!] begründeten Anspruch auf Jerusalem als ewige und unteilbare Hauptstadt des Staates Israel aufzugeben“ - eine bemerkenswerte Formulierung aus dem Munde von Theologen, die die Bibel Jesu kennen und aus dem Siddur, dem jüdischen Gebetbuch, eine Ahnung von der jahrtausendealten Verbundenheit des jüdischen Volkes mit Jerusalem haben könn­ten! -  Ob die christlichen Gemeinden solche Formulierungen unkritisch hinnehmen? 

Bei der Flüchtlingsfrage werden zuerst die „heute etwa 5 Millionen palästinensischen Flüchtlinge von 1948 und 1967“ (bewußt orientalische Angaben?) in Erinnerung gebracht, ehe auf die Staatsgründung Israels eingegangen wird, die „in der israelischen nationalen Identität... einen Akt der Befreiung und Selbstbestimmung des jüdischen Volkes nach jahrhundertelanger Unterdrückung und Verfolgung“ darstelle.
Zur Aufklärung der Leser folgt nun die andere Seite: „Die palästinensische Sichtweise der Ereignisse ist aber eine fundamental andere. Für die Identität des palästinensischen Volks ist das Jahr 1948 als al- Nakba, die Katastrophe, maßgeblich. Die Staatsgründung Israels im Jahre 1948 führte zu Flucht, Vertreibung und Entwurzelung des Volkes, für das die Erlangung seiner nationalen Selbstbestimmung und die Befreiung von Besatzung und Unterdrückung noch aussteht.“
Für junge Leser und Hörer, die weder die Staatsgründung noch den Sechs-Tage-Krieg erlebt haben, ist diese „Aufklärung“ eine irreführende Halbwahrheit. Die palästinensische Propaganda arbeitet auf diese Weise erfolgreich. - Was wird im EMOK-Papier unterschlagen? (Weil es „die palästinensische Seite“ ja auch unterschlägt!) 

Ich wiederhole in Kurzfassung, was viele von uns noch in lebendiger Erinnerung haben.
Am 29. November 1947 beschließt die Vollversammlung der Vereinten Nationen den Teilungsplan für das britische Mandatsgebiet Palästina, nach dem ein jüdischer und ein arabischer Staat entstehen können. Die jüdische Gemeinschaft akzeptiert diesen Plan, die arabische Seite lehnt ihn ab und verstärkt Feindseligkeiten und Terroranschläge. 

Der neue Staat versucht in seiner Unabhängigkeitserklärung der arabischen Seite die Hand hinzustrecken:
            „Wir wenden uns - selbst inmitten mörderischer Angriffe, denen wir seit Monaten ausgesetzt sind - an die in Israel lebenden Araber mit dem Aufrufe, den Frieden zu wahren und sich aufgrund voller bürgerlicher Gleichberechtigung und entsprechender Vertretung in allen provisorischen und permanenten Organen des Staates an seinem Aufbau zu beteiligen.“
            „Wir bieten allen unseren Nachbarstaaten und ihren Völkern die Hand zum Frieden und guter Nachbarschaft und rufen zur Zusammenarbeit und gegenseiti­gen Hilfe mit dem selbständigen jüdischen Volk in seiner Heimat auf. Der Staat Israel ist bereit, seinen Beitrag bei gemeinsamen Bemühungen um den Fortschritt des gesamten Nahen Ostens zu leisten.“ 

Die Antwort darauf ist - Krieg.  Krieg an allen Fronten: Die regulären Armeen sämtlicher Nachbarstaaten (Libanon, Syrien, Jordanien, Ägypten, verstärkt durch ein Kontingent aus dem Irak, der nicht einmal eine gemeinsame Grenze mit Israel hat) fallen über das winzige, eben erst geborene Israel her, mit dem Ziel, es zu vernichten.
Israels Gesamtbevölkerung, Frauen und Kinder eingeschlossen, umfaßt zu diesem Zeit­punkt 650 000 Menschen, denen nun Tod und Vernichtung drohen.
Der Israel aufgezwungene Krieg war ein Kampf auf Leben und Tod. Daß Israel diesen Krieg übersteht, ja als Sieger aus ihm hervorgeht, konnte sich kaum jemand vorstellen. Eher fragte man sich mit Entsetzen, ob jetzt, so kurz nach dem Ende des
2. Weltkriegs, der Holokaust des jüdischen Volkes in Palästina seine Fortsetzung fände. 

Der schreckliche Krieg schlug schreckliche Wunden; die Leidtragenden waren vor allem die jüdische und arabische Bevölkerung des Landes.
Die Juden kämpften mit dem Mut der Verzweiflung. Die ansässigen Araber verhielten sich unterschiedlich: Die einen beteiligten sich an den mörderischen Auseinandersetzun­gen;  andere flohen, z. T. auf Anweisung ihrer arabischen Führer, vor dem Kriegs­geschehen;  wieder andere hielten sich aus den Kämpfen heraus - und überstanden den Krieg ohne Flucht und Vertreibung.  

(Daß die arabischen Flüchtlinge nun schon in der dritten und vierten Generation in erbärmlichen Lagern hausen, auch in Gaza, ist eine Menschenrechtsverletzung schwersten Grades, die aber die arabischen Staaten und die UNO trifft, die in all den Jahren nichts unternommen haben, diese Flüchtlinge wieder in ein menschenwürdiges Dasein zurück­zubringen. -  Die Frage ist erlaubt, warum hier nichts geschah!) 
Der Stuttgarter Oberkirchenrat verschickte das EMOK-Papier in alle Gemeinden der Landeskirche, damit sich Pfarrer und Gemeindeglieder ein ungetrübtes Bild über den Nahost-Konflikt machen könnten.  Sieht so eine ‘ausgewogene’ Aufklärung aus? Oder ist es überflüssig zu wissen, wie es überhaupt zu diesem Konflikt gekommen ist? 

Bei der Frage der israelischen Siedlungen übernimmt das EMOK-Papier ausschließlich und in aggressiver Weise die palästinensische Sichtweise. Man hat sich ja angewöhnt, die Siedlungen für alles Böse verantwortlich zu machen; darum bedarf es einer israelischen Sicht der Dinge nicht mehr.
In einem Punkt gehen die EMOK-Autoren weit über alles hinaus, was ich bisher von anderen ‘Fachleuten’ gehört habe: Sie verdoppeln die Zahl der Siedler, indem sie alle jüdischen Bewohner Jerusalems, die im Ostteil der Stadt wohnen, zu Siedlern erklären:
„Insgesamt leben rund 200.000 Siedler im Westjordanland und im Gazastreifen. Im  arabischen Ost-Jerusalem leben noch mal 200.000 jüdische Siedler.“  -
Ob wohl die jüdischen Gesprächspartner der württembergischen Landeskirche darin einen Versuch sehen, „mögliche Perspektiven zum Frieden aufzuzeigen?“ - Vielleicht hätte man doch die „israelische Sichtweise“ erfragen müssen! 

Den traurigen Höhepunkt erreicht das EMOK-Papier im Abschnitt über die Menschen­rechte. Hier geht alles zu Lasten Israels, und auf der palästinensischen Seite werden nicht einmal die eklatantesten Menschenrechtsverletzungen genannt (wie z. B. die Lynchmorde in Ramallah oder öffentliche Hinrichtungen nach Schauprozessen in Gaza). 

Ich muß mich korrigieren: Am Ende des Abschnitts gibt es einen Hinweis darauf, daß auch auf der palästinensischen Seite „die Konfrontation negative Auswirkungen auf die notwendige Demokratisierung und Wahrung der Menschenrechte“ hatte.
 Schuld daran, man ahnt es schon, sind aber die Israelis. Dadurch, daß sie bei den Verhandlungen Frieden vor allem mit Sicherheit gleichgesetzt hatten!
Zitat: „Das führte dazu, dass die Rolle der palästinensischen Behörden teilweise darauf reduziert wurde, für Sicherheit zu sorgen und die eigene Bevölkerung zu kontrollieren und einzuschüchtern. Folge waren weitere Menschenrechtsverletzungen und ein Wachsen anti-demokratischer Strukturen, die zur faktischen Bedeutungslosigkeit des palästinensischen Parlaments führte und zu Repressionen gegenüber der Zivilgesellschaft.“
Da erübrigt sich jeder Kommentar! 

Am Ende des EMOK-Papiers kommen Überlegungen, was die „deutsche und europäische Nahostpolitik zur Beendigung des Konflikts beitragen“ kann. - Man ist gespannt, welche Vorschläge von dieser kirchlichen Seite kommen. 

Neben der Einklagung der „Menschenrechte“ stellen die Autoren fest, daß die Rollen bei den Oslo-Verhandlungen ungleich verteilt waren, und daß sich dies ändern müsse:
„Die Palästinenser, ohne militärische, wirtschaftliche Macht und starke Verbündete, waren gegenüber den Israelis in der schwächeren Verhandlungsposition. Die USA konnten ihrer Vermittlungsrolle, aufgrund ihrer unbestrittenen Unterstützung für Israel, nicht gerecht werden.“ Also sollten die EU und, noch besser, „zivilgesellschaftliche Gruppen und Frie­densorganisationen“ in den Prozeß mit einbezogen werden.
Was dabei herauskäme, kann jeder, der sich dafür interessiert, an den Vorgängen bei der UNO-Weltkonferenz für Menschenrechte im Sommer dieses Jahres in Durban ablesen. Dort wurde aus einer Konferenz gegen Rassismus und Haß eine Konferenz des Hasses - gegen Israel.
„Was können Sie tun?“ werden die Leser am Ende gefragt.  Es kommen zunächst die übli­chen, harmlosen Mahnungen, die aber nach den bisherigen ‘Auskünften’ alles andere als harmlos sind:  „Machen Sie sich ein differenziertes Bild!“  „Schreiben Sie Ihre Abgeordneten, den Außenminister, den israelischen Botschafter und den palästinensischen Gesandten an und fragen Sie nach der Wahrung der Menschenrechte.“  „Schreiben Sie Leserbriefe!“

Da das EMOK-Papier von kirchlichen Organisationen entworfen wurde, fehlt auch die Aufforderung nicht:  „Organisieren Sie Gottesdienste, Bildungsveranstaltungen und Aussprachen und verteilen Sie dieses Papier in ihrer Umgebung.“
Mir graust es, wenn ich daran denke, daß Gottesdienste für eine solche „Aufklärung“ herhalten sollen... 

In der „Erklärung der Württembergischen Evangelischen Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden“ vom 6. April 2000 lesen wir im Paragraphen 2. „Israelvergessenheit als Schuld der Kirche“ unter anderem:
„Wir blicken zurück auf die lange Geschichte der Judenverfolgung und auf die Schoah, die alle bisherigen Verfolgungen in ihrer programmatischen Brutalität und Perfektion überstieg. Unsere Kirche hat in dieser Situation versagt. Sie versagte aus Lieblosigkeit, Furcht und Schwäche... So wurde ausdrückliche Judenfeindschaft ein Teil des christlichen Selbstverständnisses...
Wir wollen daraus Konsequenzen ziehen:
 „...Bei allen Aussagen zu unserem Selbst­verständnis und zum Verhältnis von Christen und Juden wollen wir den jüdischen Weg und das jüdische Schicksal mit bedenken. Wir leben davon, dass Israel unser Gegenüber ist, und nehmen die Juden als Juden wahr.
Wir stellen uns allen Formen des Antisemitismus entgegen....“
 

Wir dürfen voraussetzen, daß diese Erklärung nicht in der „Technik der leeren Worte“ verfaßt worden ist.  Doch wo finden wir in der EMOK-Schrift, die an alle Pfarrämter verschickt wurde, auch nur im Ansatz etwas von dieser Selbstverpflichtung?
Nach den schrecklichen Terroranschlägen in New York und Washington gab es zahllose Solidaritätsadressen aus aller Welt, und auch die Kirchen hielten mit Gottesdiensten und Gedenkveranstaltungen mit. Ein deutscher Politiker nahm einen Satz von Kennedy auf und sagte, für jedermann verständlich: „Heute sind wir alle Amerikaner.“Seit einem Jahr herrscht
blanker Terror in Israel. Die Bevölkerung, die jüdische und die arabische, leidet unsäglich darunter.  Wie wohltuend, wenn auch wenig diplomatisch wäre es gewesen, wenn nach den blutigen Anschlägen auf die Jugend-Disco in Tel Aviv oder die Pizzeria in Jerusalem es einen repräsentativen kirchlichen Zuspruch dieser Art gegeben hätte: „Heute sind wir alle Israelis.“
Viele Gemeindeglieder warteten auf eine solche oder ähnliche Stellungnahme! Von den Juden ganz zu schweigen, die wieder einmal vergessen wurden. 

„Israelvergessenheit als Schuld der Kirche“, die die Synode mit klaren, prägnanten Sätzen beschrieben hat, gab es nicht nur in der Vergangenheit; es kann sie auch in der Gegenwart und zukünftig geben.  -  Darum bin ich gespannt, was die württembergischen Synodalen zu diesem EMOK-Papier sagen werden. 

Eine nebensächliche und recht weltliche Frage zum Schluß, doch sie gehört eben auch zu unserer Zeit. Aus welchem Topf werden solche Schriften finanziert?  Aus freiwilligen Spenden wohl nicht. Hat das theologische Dezernat dafür einen Sonderfonds? Oder bezahlen die Missionswerke diese Traktate aus Kollekten? Oder aus den Zuweisungen der Landeskirchen?
Man soll in der Kirche nicht so viel über Geld reden. Aber bei der Fülle ähnlicher Publikati­onen kann man dieses Thema nicht ganz ‘außen vor’ lassen.

                                                                                                                      Hartmut Metzger

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Vor genau zehn Jahren ist unser Freund Herbert Kahn gestorben. Im Kloster Denkendorf gibt es zur Erinnerung an ihn ein Herbert-Kahn-Zimmer; ebenso ist im Shaare Zedek Krankenhaus in Jerusalem ein Untersuchungs- und Beratungszimmer in der Kinder­abteilung nach ihm genannt.
Viele aus dem Denkendorfer Kreis werden sich dieser Tage dankbar an ihn erinnern.
Die Reihe unserer jüdischen Freunde ist lang; Herbert Kahn hat diese Reihe eröffnet. Mit ihm haben wir zuerst buchstabiert, was Judentum heißt. Aber auch die Geschichte der Juden in Deutschland ist uns in ihm entgegengetreten - „Dachau“ ließ ihn nicht mehr los.
Wenn ich heute meinen „Nachruf für einen Freund“, den ich am 12. Dezember 1991 geschrieben habe, nochmals abdrucke, so lenke ich unsere Gedanken auch auf die Anfänge zurück, in denen Herbert Kahn unser wichtigster Partner war. Was er und seine Frau Trude für das Gespräch zwischen Christen und Juden an der Fortbildungsstätte und für alle Freunde aus dem Denkendorfer Kreis bedeutete, kann man nicht hoch genug einschätzen.

                                                                                                 Hartmut Metzger

„...aber Thora lernen wir bei uns im jüdischen Paradies!“

In Erinnerung an meinen Freund Herbert Kahn s. A.
Von Hartmut Metzger 

In der Nacht zum Sonntag, 13. Oktober 1991, ist Herbert Kahn, unser erster jüdischer Freund, nach einjähriger, schwerer Krankheit gestorben.
Mit uns trauern viele und erinnern sich dankbar an Begegnungen mit ihm, die für sie zu den tragenden Erfahrungen ihres Lebens zählen. 

Meine erste Begegnung hatte diesen Charakter noch nicht. Im Jahr 1960 lernte ich ihn bei einem Synagogenbesuch in Stuttgart kennen. Mit einer Klasse von Cannstatter Abiturienten hatte ich am jüdischen Schabbatmorgen-Gottesdienst teilgenommen. Hinterher sollte sich noch eine kurze Gesprächsrunde mit einem Gemeindeglied anschließen; so war es im voraus mit Rabbiner Dr. Bloch verabredet worden.
Als Gesprächspartner stellte sich uns der damalige Lehrer der Gemeinde Herbert Kahn vor.  Er war mit seiner Familie für zwei Jahre aus Israel nach Stuttgart gekommen, um die weni­gen jüdischen Kinder im Judentum zu unterrichten. 

Seine einleitende Bemerkung machte bei den Abiturienten sofort Eindruck: am Schabbat­morgen frühstücke ein gesunder, gesetzestreuer Jude erst nach dem Gottesdienst; er sei also noch nüchtern, und das sei seiner Laune nicht besonders bekömmlich. Darum wolle er uns auch nicht allzu lang aufhalten...
Von solch unverblümter Offenheit mußte man sich ja angezogen fühlen! 

Bei dieser ersten Begegnung kam es noch zu einem weiteren Zwischenfall. Ein Abiturient stellte, wenig überlegt und wohl etwas provozierend, die Frage, ob Herbert Kahn sich während seiner Jugend in Deutschland eher als Jude oder als Deutscher gefühlt hätte.
Eine mittelschwere Explosion war die Folge, was nicht schadete, sondern manchen zum Nachdenken anregte. 

Um den Faden weiterzuspinnen, lud ich Herbert Kahn zu einer Schulstunde ins Kepler-Gymnasium ein: er sollte uns von Israel erzählen. Er erschien, berichtete und kam am Ende der Stunde zu dem Ergebnis: Israel könne man auf diese Weise nicht kennenlernen, das müsse man selbst gesehen haben; er lade uns nach Israel ein!
Aus dieser Bemerkung, mehr so nebenhin erfolgt, entwickelte sich die erste Klassenfahrt Stuttgarter Abiturienten nach Israel und eine enge Beziehung zwischen der Landeshauptstadt Stuttgart und dem kleinen, von schwäbischen Juden gegründeten Dorf Shavej Zion im westlichen Galil. 

Unsere persönlichen Kontakte hielten an und vertieften sich. Bei den vielen Gruppenreisen, die in den 60er Jahren folgten, spielte Herbert Kahn indes keine Rolle; als streng religiöser Jude stellte er eine Ausnahme unter meinen israelischen Freunden dar. (Zu religiösen Kreisen fanden wir damals noch keinen Zugang!)
In Denkendorf, wo ich mittlerweile die Leitung der Fortbildungsstätte mit ihren vielen Kursangeboten über­nommen hatte, reifte Mitte der 70er Jahre ein weitreichender Plan: wir wollten jüdisch-christliche Bibel­wochen in unser Programm aufnehmen; jüdische Lehrer sollten uns Christen in die reiche Tradition jüdischer Schriftauslegung einführen. 

Mein Plan war gut, nur die Lehrer fehlten. Ich kannte zwei gesetzestreue Juden in Israel: Herbert Kahn in Haifa und Dr. Josef Walk in Jerusalem. Ob sich mit ihrer Hilfe gesetzestreue Lehrer finden ließen, die bereit wären, nach Deutschland zu kommen, mit Christen zusammenzuarbeiten, und das noch in einem "Kloster"?
Im Sommer 1977 machte ich mit Herbert Kahn Hausbesuche in Haifa und Umgebung. Bei gesetzestreuen Juden, die aus Nazi-Deutschland rechtzeitig geflüchtet waren, hatte er uns telefonisch angemeldet: er käme mit einem württembergischen Pfarrer kurz vorbei, der eine etwas absonderliche Bitte hätte, sonst aber ein ganz passabler Mensch wäre.
Herberts Art, Besuche zu machen, kannten alle. Er kam, sagte kurz Schalom und noch ein paar freund­liche Worte dazu, und schon war er wieder draußen. 3 Minuten sah er als ausführlich an; viel länger hielt er es nicht aus. 

Mit seiner Hilfe gingen viele Türen auf, und ich traf auf freundliche, streng religiöse Leute, die mir inter­essiert zuhörten. Manche wollten sich meine Anfrage überlegen; andere gaben mir gleich zu wissen, daß ich mit ihnen nicht rechnen könne. Doch nirgendwo spürte ich eine Ablehnung, die mich zurückweisen wollte; eher gelegentlich einmal, aber dies nur ganz verhalten, eine tiefe Trauer über das, was zerbrochen war und nicht mehr geheilt werden konnte. 

Im Sommer 1978 konnten wir im Kloster Denkendorf die erste jüdisch-christliche Bibelwoche über "Thora und Bund" mit Texten aus dem 2. Buch Mose durchführen. Jüdische Lehrer-Ehepaare aus Haifa und Umgebung sowie aus Jerusalem ließen sich auf das Wagnis ein, mit Christen Thora zu lernen.
In den 14 Jahren seitdem wurde aus jenem Experiment mit ungewissem Ausgang eine überaus gefragte, weitgefächerte Arbeit, die in unserer ganzen Landeskirche Anklang findet. 

Das Ehepaar Herbert und Gertrud Kahn, mittlerweile enge Freunde von uns, hatten noch zusätzliche Aufgaben übernommen.
Für die gesetzestreuen Lehrer mußten wir die Regeln der Kaschruth, d.h. die religiösen Speisevorschrif­ten, genau einhalten. Wir brauchten für sie also eine koschere Küche und, auch das ist Vorschrift, eine zuverlässige Aufsicht darüber. Diesen Dienst nahm Trude Kahn auf sich. Mit Geduld und Humor erklärte sie unseren Mitarbeiterinnen die Speise-Gebote und lehrte sie, eine koschere Küche zu führen.
Ihren Mitjuden gegenüber trug sie die Verantwortung, und niemand zweifelte daran, daß die koschere Küche im Denkendorfer Kloster den genauesten Nachprüfungen standhielt. 

Herbert Kahn nahm auch eine besondere, ihm durch seine Geburt gebührende Stellung ein. Er war, wie schon sein Name "Kahn" sagte, "Cohen", ein Priester, und als solchem kommen ihm in der jüdischen Gemeinschaft besondere Ehren und Pflichten zu.     
Beim Gottesdienst wird der Cohen als erster zur Thora aufgerufen; ebenso wird er beim Tischgebet besonders respektiert. In Israel legen die Priester in jedem Gottesdienst den Segen auf die versammelte Gemeinde; dabei verhüllen sie ihren Kopf und ihre segnend ausgestreckten Hände mit dem Gebetsmantel und sprechen, ganz Werkzeug im Dienst des Ewigen, den uralten Priestersegen Aarons: "Der HERR segne dich und behüte dich..."             
Für Herbert Kahn hat dieser Dienst des Priesters viel bedeutet. Allerdings hat er sich damit nie gebrüstet. Eher erzählte er spaßhaft, wie er sich revanchierte, wenn etwa junge Eltern ihren erstgeborenen Sohn bei ihm als Priester "auslösten". Auch wenn er vom Prinzip her eine bestimmte Summe "nehmen" sollte, zog er es lieber vor, zu "geben".

Er fand, wenn er wollte, zu jedermann sofort und unmittelbar Kontakt; mit seinem oft spitzbübischen Charme eroberte er auch distanzierte Gemüter. Besonders gut konnte er es mit Kindern. Ihnen wurde er zum Freund, zum wunderbaren Geschichtenerzähler, zum lustigen Spielkameraden, gelegentlich auch zum gutmütig-ernsthaft mahnenden Großvater, dem man folgen mußte, weil man ihn nicht verstimmen wollte.
Auch in der Schule muß er es als Lehrer mit den Kindern gut verstanden haben. In Haifa begegnete uns öfter, daß wir auf der Straße plötzlich angerufen wurden und ein Rechtsanwalt oder ein Rabbiner ihn erfreut und respektvoll mit "Mori", mein Lehrer, anredete. Auch wenn Jahrzehnte dazwischen lagen, eine herzliche Beziehung zwischen den längst entwachsenen Schülern und ihrem Lehrer war geblieben.

 Zu einem Spaß war er meist aufgelegt.  Nicht nur bei hochgestellten Persönlichkeiten, die er damit liebenswürdig zu normalen Menschen machte, sondern auch bei Kindern. Und auch sie nahm er gerne "auf den Arm".  

Dafür ein Beispiel! Wenn einer in Israel niesen muß, wünscht man ihm in der Regel "la Briuth", "zur Gesundheit". Herbert brachte als junger Lehrer in Haifa seinen Kindern, meist kleinen Orientalen, aber eine wohlklingende Fremdsprache bei, indem er sie bei solchem Nies-Brauch mit "Hatzi, mein Schatzi" beehrte. Bald konnte die ganze Klasse im Chor und mit eifrigem Ernst "Hatzi, mein Schatzi" rufen, wenn eine Respektsperson in der Schule niesen mußte.

Andere heiter und fröhlich zu stimmen, war eine Sache; ob er es selber war, eine ganz andere. Sein Leben hatte in den Schrecken der Nazi-Zeit einen Sprung bekommen, der nie wieder geheilt ist. Schon als religiöser jüdischer Bub, in einem badischen Dörflein aufgewachsen, wurde er in eine Außenseiterrolle gedrängt. Im Dritten Reich spürte er, wie Gleichgültigkeit und Ablehnung ihn als Juden isolierten; selten traf er auf Anteilnahme und Mitgefühl.
Nach der "Kristallnacht" im November 1938 wurde sein Vater verhaftet. Herbert, der nicht auf der Fahndungsliste der Polizei stand, stellte sich freiwillig: Er wollte bei seinem Vater bleiben, um ihm im Lager beistehen zu können. Zusammen mit seinem Vater wurde er in das KZ Dachau eingeliefert.
Die Wochen in Dachau haben ihn zerbrochen. Davon war er sein Leben lang gezeichnet, auch wenn er es Fremden und auch Bekannten gegenüber nur selten zu erkennen gab. 

Die jährlichen jüdisch-christlichen Bibelwochen begleitete er, trotz vieler guter Erfahrungen, darum mit Zweifeln und Skepsis. Auch lange Gespräche von Freund zu Freund konnten ihn kaum beruhigen, wenn er in der Tiefe seines jüdischen Herzens angefochten war. Er kam zwar mit vielen Christenmenschen zusammen, und jedes Jahr wurden es mehr, denen er ihre Aufrichtigkeit abnahm und mit denen er sich gerne befreundete. Aber waren diese nicht alle Ausnahmen, bis hin zu den Mitgliedern der Kirchenleitung, die er kennen und schätzen gelernt hatte? Hatte die Kirche sich wirklich geändert? - Bis zuletzt wurde er zwischen Hoffnung und Skepsis so hin und her gerissen. 

Seit wir das Thora-Lernen auf­genommen hatten, kamen Herbert und Trude Kahn jeden Sommer als Vorhut nach Denkendorf und verließen uns wieder vor Beginn der jüdischen Herbstfeste im September.
Ab Pfingsten fragten unsere Mitarbeiter und auch die Nachbarn auf dem Klosterberg: Wann kommen denn Kahns? Auf Trude in ihrer mütterlichen Freund­lichkeit und Herbert mit seinem Witz und Charme freuten sich alle.
Herberts Einfluß auf die Atmosphäre im Kloster war unverkennbar. In seiner Nähe machte die Arbeit Spaß. Darum legte es sich nahe, ihn zum „stellvertretenden Direktor und Hausmeister ehrenhalber“ zu ernennen. Denn er wußte nicht nur, was im Kloster ablief; er sah auch, wenn jemand der Schuh drückte, und er hatte für alle ein freundliches Wort. Und vormittags um 11 Uhr gab es eine frische Brezel, wenn er jemand aufbauen oder besonders erfreuen wollte! 

Fremden Gästen gegenüber, die sich wunderten, wie beschlagen er in den Angelegenheiten des Klosters war, gab er noch eine weitere Dienstbezeichnung an, die, wie er erklärte, mit seinem Namen "Kahn", "Cohen" (Priester) zusammenhing. Wir beide wären ein nützliches, gut eingespieltes Gespann: Ich würde als Direktor die weltliche Obrigkeit in der Fortbildungsstätte verkörpern, während er als "Hohepriester" des Klosters sich für die geistliche Seite verantwortlich fühlte. -  Meist folgte auf eine solche Erklärung ein verdutztes Schweigen, bis die Gäste sahen, wie der Schalk um seine Augenwinkel spielte. 

Was er gewöhnlich hinter einem Scherz versteckte, konnte er jedoch, wenn nötig, auch eindringlich und gütig vorbringen. So scheute er etwa den schweren Weg in ein Trauerhaus nicht. Er konnte trösten mit Worten, die zu Herzen gingen. Bei Menschen, die in ihrer Seele verwundet, durch Krankheit gequält, in Trauer verstummt waren, fand er Gesten und Worte, die anrührten und aufrichteten. Er konnte sich in einen Leidenden hineinversetzen, war er doch selber ein an Seele und Leib verwundeter und leidender Mensch. Doch dies behielt er für sich; was sollte er andere damit beschweren! 

Im Juli 1990 fand unsere 12. Thora-Lernwoche zum Thema "Aber du sollst das Leben erwählen!" statt; wir lernten Texte aus dem 5. Buch Mose. Es war Herbert und Trude Kahns letzter, gemeinsamer Sommer in Denkendorf.
Herbert war zuvor schon gesundheitlich schwer angeschlagen, gefährliche Herzattacken hatten sein Kommen zuerst überhaupt in Frage gestellt. Aber dann hatte er es doch nochmals geschafft, und es wurde, so meinen wir im Rückblick sagen zu können, die schönste, ausgeglichenste Zeit, ein Höhepunkt in der Reihe der Denkendorfer Sommer.
Wider Erwarten hielt er die ganze Bibelwoche durch. Bei den Auslegungen der Texte, auf die er sich monatelang vorbereitet hatte, konnte er sich, wie verabredet, mit seinem Freund und Mitlehrer Schimon Bar-Chama abwechseln. 

Ein letztes Mal sah und erlebte er das gewohnte Bild: Das Kloster war bis auf den letzten Platz besetzt; gesetzestreue Juden lernten mit Christen von morgens bis abends mit wachsender Freude Thora; sie lebten und sie aßen zusammen, wobei es gar kein Problem aufwarf, daß die jüdischen Lehrer auf der einen Seite ihre "koschere Abteilung" hatten, während die Christen, nur durch einen schmalen Gang, nicht aber im Geist getrennt, die andere, größere Hälfte des Speisesaals füllten. Und Christen erlebten bei Juden und zusammen mit ihnen die Freude und den Segen des Sabbats. 

Hinterher blieben noch einige Wochen, bis Kahns nach Israel zurückflogen. Wir gingen wieder zusammen spazieren (wegen seiner verschiedenen Herzinfarkte mußte Herbert sich viel bewegen), wir tranken miteinander unseren Nachmittagskaffee (im eigenen, dafür vorgesehenen Kaffeegeschirr!), wir ließen uns von Herbert und Trude zum festlichen Sabbatessen am Freitagabend einladen, sangen "auf jeckische Weise", wie es früher bei süddeutschen Juden gehalten wurde, den Psalm 126 und das ausführliche Tischgebet: Es waren nochmals ungetrübte Tage einer lange währenden Freundschaft. 

Daß Herbert und Trude Juden und wir Christen waren, störte dabei überhaupt nicht. Wir respektierten uns gegenseitig und verstanden uns dabei so gut, daß wir über unsere Unter­schiede auch frotzeln konnten. 

Ein beliebtes Samstagsessen in unserer Familie war etwa "Italienisch": Spaghetti mit einer guten Fleischsoße darüber und viel geriebenem Parmesankäse noch oben drauf. Unkoscherer geht's kaum mehr!
Herbert saß manchmal beim Essen dabei und schaute uns zu. Wir aßen mit Genuß, konnten ihn aber nicht einladen.
"Im 'Olam Haba', in der 'kommenden Welt', gehen wir miteinander italienisch essen", trösteten wir ihn. "Wo, im jüdischen oder im christlichen Paradies?", war seine Gegenfrage.
Das spiele keine Rolle; da sei doch alles koscher, war meine Erwiderung; und im übrigen stünden die Türen zwischen dem jüdischen und dem christlichen Paradies weit offen.
Herbert behielt jedoch das letzte Wort: "Wir können uns also oft besuchen; aber Thora lernen tun wir bei uns im jüdischen Paradies!" 

Wenige Tage vor Rosch Haschana 1990 waren Kahns wieder zuhause in Israel. Am zweiten Tag des Festes bekam er eine Grippe, von der er sich nicht mehr erholte. Seine Kräfte schwanden so schnell, daß man schon nach wenigen Wochen mit dem Äußersten rechnen mußte. Aber sein Herz, das so angeschlagene und geschwächte, hielt noch lange durch. Seine seelischen Kräfte waren aufgebraucht. Das Aufgezehrtwerden von seiner Krankheit und die düsteren Wolken des Krieges, die sich wieder einmal gegen Israel auftürmten, löschten den letzten Funken Lebenswillen in ihm aus.
Saddam Hussein hatte Kuwait zusammengeschlagen und drohte Israel Vernichtung an. Seine Raketen sollten tödliches Gas über das Land niedergehen lassen.
Ich besuchte meinen Freund um die Jahreswende, unmittelbar vor Beginn der zweiten Phase des Golfkriegs. Das Ultimatum der UN lief ab; in Israel fürchtete man einen Präventivschlag des Irak. Die Bevölkerung erhielt Gasmasken; auch die Kranken und die Alten sollten sich damit abplagen.
Zur Krankheit seines Körpers kamen nun noch die Ängste der Seele hinzu, aufgebrochen aus den Erinnerungen an die Lager in Nazi-Deutschland. Er litt unsäglich. Aber er lebte weiter, Tag und Nacht gepflegt und versorgt von seiner Frau, die nicht von seiner Seite wich, obwohl sie selbst am Ende ihrer Kräfte war. Erst nach den diesjährigen Herbstfesten, als das neue Jahr schon wieder Tritt gefasst hatte, ist Herbert Kahn gestorben. 

Mit einer letzten Erinnerung an meinen Freund möchte ich schließen. Es gibt Zeiten, da helfen eigene Worte nicht mehr; es gibt Zeiten, da können wir, Juden wie Christen, nur noch mit dem fremden und doch so tröstlichen Wort der Schrift sprechen.
In einer solchen Stunde hielt Herbert sich an zwei Verse aus dem Trostbuch des Propheten Jesaja (cap.60,19.20) und "lernte" sie für uns. Sie sprechen auf ihre Weise vom "Olam Haba", von der "kommenden Welt"...  Ich gebe ihm jetzt diese Worte zurück: 

"Die Sonne soll nicht mehr dein Licht sein am Tage
und der Glanz des Mondes soll dir nicht mehr leuchten,
sondern der HERR wird dein ewiges Licht sein
und dein Gott wird dein Glanz sein. 

Deine Sonne wird nicht mehr untergehen
und dein Mond nicht den Schein verlieren;
denn der HERR wird dein ewiges Licht sein,
und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben."

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In den ISRAEL NACHRICHTEN vom 7. Sept. 2001 schrieb Alice Schwarz-Gardos über die UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban:

„Was sich in Durban abspielte, war vielleicht ein Wendepunkt. Wer nicht vom Israel- und Judenhass total verblendet ist, auch wer Israel kritisiert, aber nicht emotionale, Vorurteilsbestimmte, sondern rationale Argumente gegen Israels Politik zu haben glaubt, musste aufhorchen. Und einhalten. Diese Orgien des Hasses, die schwarze Woge, die stinkend aufbrandete und sich überschlug, ist sogar einigen entschiedenen Kritikern Israels zu viel geworden. Es gibt Grenzen.

Irgendwann einmal kommt der verbale Extremismus an einen Punkt, wo er über sein Ziel hinausschießt. Die psychologische Wirkung der Hasspropaganda läßt nach, wenn sie zu absurd wird. Jedenfalls schien es in den letzten Tagen, als würden sich mehr und mehr Regierungen, aber auch einfache Bürger in aller Welt von dem häßlichen Zirkustreiben in Durban abwenden. Die Welt-Medien begannen etwas ausgewogener zu berichten... Durban war einfach widerlich. Auf Plakaten bei Demonstrationen den Davidstem neben einem Hakenkreuz zu sehen, musste einem Herz und Magen umdrehen..."

Dass unter den antiisraelischen und antisemitischen NGO's (den Nichtregierungsorganisationen) Vertreterinnen des Weltkirchenrats an vorderster Front „kämpften", musste den christlichen Kirchen zu denken geben. Was nützen alle Erklärungen zu einer Erneuerung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden, wenn so die Praxis an der Basis - in diesem Fall auf der Ebene der Weltpolitik - aussieht?

Der folgende Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 7. September 2001 berichtet über die Vorgänge in Durban. Es wäre ein Stoff für den kommenden Bußtag... Hartmut Metzger

Großes Hauen und Stechen in Durban
Unrühmliche Rolle der Nichtregierungsorganisationen bei der Antirassismuskonferenz

Die Vertreter der Nichtregierungsorganisationen haben sich in Durban nicht mit Ruhm bekleckert. Viele haben die Stimmung polarisiert und damit maßgeblich zum Scheitern der Konferenz und der Abreise der amerikanischen und israelischen Delegationen beigetragen.
Von Johannes Dieterich. Durban


Ausgerechnet eine Delegierte des Weltkirchenrats hat bei der Debatte um die Abschlusserklärung den Antrag eingebracht, eine proisraelische Passage aus dem Text zu nehmen. Die Streichung dieses Paragrafen führte zum Auszug der jüdischen Organisationen aus dem Forum der Nichtregierungsorganisationen (NGO). Im Text blieben aber sämtliche propalästinensischen Formulierungen, die Israel als „rassistischen Apartheidstaat" verurteilen, der „ethnische Säuberungen" und einen „Genozid" unter den Palästinensern verübe. Die Verantwortlichen in Israel müssten vor das Kriegsverbrechertribunal in den Haag gestellt werden, heißt es weiter.

Die undurchsichtige ,Art und Weise, wie es zur Annahme der Erklärung kam, wird inzwischen von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen vor allem aus Europa heftig kritisiert. Selbst nach der Verabschiedung . des. Dokuments durch das NGO-Forum hätten einzelne Mitglieder des Leitungsausschusses noch Veränderungen an dem Text vorgenommen, klagt ein Teilnehmer. Ein Vorwort, das die Erklärung als „Stimmen der Opfer" des Rassismus relativieren wollte und darauf verwies, dass nicht alle Stimmen zu Wort gekommen seien, wurde von Mitgliedern des Leitungsausschusses einfach gestrichen. Die Amerikanerin Barbara Arnwine quittierte aus Protest gegen die Verfahrensweise ihre Tätigkeit im Formulierungskornitee.

UN-Verantwortliche wie die Hohe Kommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, verurteilten das Dokument als verletzend und hetzerisch. 77 Nichtregierungsorganisationen vor allem aus Osteuropa haben sich inzwischen von der Erklärung distanziert. Absichtlich vorgenommene Verfälschungen vor allem in den Paragrafen zum Antisemitismus widersprächen dem Geist der Antirassismuskonferenz, heißt es in einer Erklärung europäischer NGOs.

Der Streit um die Erklärung begann lange vor der Konferenz. Ein Textvorschlag des Vorbereitungskomittees war von dem gastgebenden südafrikanischen Dachverband der NGOs, Sangoco, als zu mild und „bevormundend" zurückgewiesen worden. Sangoco habe damit gedroht, das NGO-Forum in Durban nicht zu organisieren, falls es nicht einen eigenen Entwurf präsentieren könne. In dem von Sangoco vorgelegten Papier wurde die internationale Gemeinschaft zu einem Militäreinsatz im Nahen Osten auf der Seite der Palästinenser aufgerufen - „ein schreckliches Papier", so ein europäischer Delegierter.

Alle Versuche, die unterschiedlichen Positionen zum Nahen Osten noch während der Konferenz zu harmonisieren, seien gescheitert, so ein Mitglied des Formulierungskomitees. Deswegen habe man beschlossen, auch widersprüchliche Passagen nebeneinander stehen zu lassen - eine Strategie, die durch den Antrag des Weltkirchenrats schließlich durchkreuzt wurde. Albert Deterville, Mitglied des Leitungskomitees, bedauerte den Antrag der ökumenischen Arbeitsgruppe. „Es hat mich sehr gewundert, dass ausgerechnet eine religiöse Gruppierung dies gefordert hat", sagte er. Die Kenianerin Pauline Muchina, die als Vertreterin des Weltkirchenrats die Streichung der proisraelischen Passage gefordert hatte, sagte, die Arbeitsgruppe sei der Überzeugung gewesen, Israel habe „keinen besonderen Schutz" verdient.

Aus: Stuttgarter Zeitung vom 7. September 2001

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