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Aus dem Rundbrief vom 18. Oktober 2001:
„Wissen sie nicht, was sie tun?“
Kritischer Kommentar zu einer landeskirchlichen „Aufklärung“
über den
Einen ‘Skandal’ würde es die
allgemeine Presse nennen, doch die kirchliche Umgangssprache drückt sich
zurückhaltender aus; nennen wir den Vorgang also ‘ungewöhnlich’:
Im Begleitschreiben, vom Theologischen Dezernenten
der Kirchenleitung unterschrieben, heißt es: „Die politische und soziale
Situation in Israel/Palästina erfüllt viele Menschen mit Sorge... Es ist schwer,
sich aus den täglichen Meldungen der Medien ein Gesamtbild der Lage und der
eigentlichen Probleme zu machen. Daher hat die Evangelische Mittelost-Kommission
der EKD das beiliegende Heft herausgegeben. Es schildert die Probleme sowohl aus
der Sicht der Palästinenser wie der Israelis und versucht, mögliche
Perspektiven zum Frieden aufzuzeigen.“ - Der Hinweis, daß in der genannten
Kommission (abgekürzt „EMOK“) an die 30 kirchliche Einrichtungen und Werke
zusammenarbeiten, die mit dem Nahen und Mittleren Osten besonders verbunden
sind, soll wohl von vorneherein Qualität und Sachkenntnis garantieren. Schon die Überschrift des Papiers läßt aufmerken. Da weiß jemand genau Bescheid: „Warum Oslo keinen Frieden brachte“. - Als ob es nicht viele Erklärungsversuche gäbe!
Etwa auch den, der in Israel gerade weit verbreitet
ist, nämlich: daß man auf einen falschen Partner gesetzt hat, der weder fähig
noch willens ist, Frieden zu schließen.
In der Hinführung „Ein Blick zurück“ wird
vermerkt: „der Oslo-Friedensprozess war auf eine lange Zeitspanne ausgelegt,
in der beide Seiten zuerst einmal mit vertrauensbildenden Maßnahmen aufeinander
zugehen sollten“. Doch warum dieser Prozeß daneben ging und sein gutes Ziel
nicht erreichte, darüber gab es nur die ‘ausgewogene’ Auskunft: „die
Verhandlungen verzögerten sich, Vereinbarungen wurden nicht eingehalten oder
unterschiedlich interpretiert...“ Für das Scheitern des Camp David Treffens im Sommer 2000 weiß das EMOK-Papier die richtigen Gründe: Barak verhandelte ohne Mehrheit in der Knesset. Seine unglaublichen Zugeständnisse waren „aus palästinensischer Perspektive nicht glaubwürdig“. - Der amerikanische Präsident Bill Clinton beurteilte die Situation anders, von den Israelis ganz zu schweigen, doch das ist offensichtlich eine andere Geschichte.
Scharons „Besuch“ (so in Anführungszeichen gesetzt!)
auf dem Tempelberg setzt ein Datum: Seither „herrschen in den
palästinensischen Gebieten kriegsähnliche Verhältnisse“; die Intifada
beginnt: „für die Palästinenser ein gerechtfertigter nationaler Aufstand
gegen die israelische Besatzung“..., für die Israelis ein terroristischer
Ausbruch, „der ihre Existenz bedroht und mit militärischen Mitteln
niedergeschlagen werden muss.“
Was „aus israelischer Sicht“ zu diesem makabren
Zahlenspiel zu sagen ist, wird nicht erwähnt.
Das nächste Kapitel soll - wieder ‘ausgewogen’ - die
zwei unterschiedlichen Perspektiven der beiden Völker darstellen. Das EMOK-Papier übernimmt nicht nur die palästinensische Sicht der Dinge, sondern auch deren Methode, sie darzustellen. Ein Beispiel für diese Art von Berichterstattung:
„Der ungehinderte Zugang für Palästinenser nach
Jerusalem und zu den Arbeitsstellen in Israel wurde immer wieder durch längere
oder kürzere Absperrungen verhindert...“ Das ist nicht falsch, und trotzdem
ist es nur die halbe Wahrheit. Wer diesen Satz liest, aber nicht die
Hintergründe und die Ursachen für solche Abriegelungen kennt, der ist
schlechthin desinformiert.
Auf israelischer Seite konstatiert das
EMOK-Papier: „Die Angst vor den arabischen Nachbarn konnte nicht abgebaut
werden... Alte Überzeugungen, es sei trotz aller Behauptungen noch immer
langfristiges Ziel der Araber, den jüdischen Staat zu vernichten, sind wieder
präsent. Die Sicherheitsfrage beherrscht alle anderen Überlegungen, was durch
Anschläge radikaler palästinensischer Gruppen auf israelische Zivilisten,
Militärposten und die Beschießung von Siedlungen Auftrieb erhält...“
Je länger das Papier wird, desto mehr schwindet die
„Ausgewogenheit“. Bei den „Hindernissen“, die in der Vergangenheit zum
Scheitern geführt haben sollen, überwiegt deutlich die palästinensische
Sichtweise; bei den „Menschenrechten“ dominiert sie allein.
Zunächst zu den „Hindernissen“! Die
EMOK-Autoren machen drei aus: die Jerusalemfrage („Wem gehört Jerusalem?“);
die Flüchtlingsfrage („Wo werden die Flüchtlinge leben?“) und die Frage
der israelischen Siedlungen („Was wird aus den israelischen Siedlungen?“)
Beschrieben werden die weitgehenden, aber trotzdem
ungenügenden Angebote der Regierung Barak.
Bei der Flüchtlingsfrage werden zuerst die
„heute etwa 5 Millionen palästinensischen Flüchtlinge von 1948 und 1967“ (bewußt
orientalische Angaben?) in Erinnerung gebracht, ehe auf die Staatsgründung
Israels eingegangen wird, die „in der israelischen nationalen Identität...
einen Akt der Befreiung und Selbstbestimmung des jüdischen Volkes nach
jahrhundertelanger Unterdrückung und Verfolgung“ darstelle.
Ich wiederhole in Kurzfassung, was viele von uns
noch in lebendiger Erinnerung haben.
Der neue Staat versucht in seiner
Unabhängigkeitserklärung der arabischen Seite die Hand hinzustrecken:
Die Antwort darauf ist - Krieg. Krieg an
allen Fronten: Die regulären Armeen sämtlicher Nachbarstaaten (Libanon, Syrien,
Jordanien, Ägypten, verstärkt durch ein Kontingent aus dem Irak, der nicht
einmal eine gemeinsame Grenze mit Israel hat) fallen über das winzige, eben erst
geborene Israel her, mit dem Ziel, es zu vernichten.
Der schreckliche Krieg schlug schreckliche Wunden;
die Leidtragenden waren vor allem die jüdische und arabische Bevölkerung des
Landes.
(Daß die arabischen Flüchtlinge nun schon in der
dritten und vierten Generation in erbärmlichen Lagern hausen, auch in Gaza, ist
eine Menschenrechtsverletzung schwersten Grades, die aber die arabischen Staaten
und die UNO trifft, die in all den Jahren nichts unternommen haben, diese
Flüchtlinge wieder in ein menschenwürdiges Dasein zurückzubringen. - Die Frage
ist erlaubt, warum hier nichts geschah!)
Bei der Frage der israelischen Siedlungen
übernimmt das EMOK-Papier ausschließlich und in aggressiver Weise die
palästinensische Sichtweise. Man hat sich ja angewöhnt, die Siedlungen für alles
Böse verantwortlich zu machen; darum bedarf es einer israelischen Sicht der
Dinge nicht mehr. Den traurigen Höhepunkt erreicht das EMOK-Papier im Abschnitt über die Menschenrechte. Hier geht alles zu Lasten Israels, und auf der palästinensischen Seite werden nicht einmal die eklatantesten Menschenrechtsverletzungen genannt (wie z. B. die Lynchmorde in Ramallah oder öffentliche Hinrichtungen nach Schauprozessen in Gaza).
Ich muß mich korrigieren: Am Ende des Abschnitts
gibt es einen Hinweis darauf, daß auch auf der palästinensischen Seite „die
Konfrontation negative Auswirkungen auf die notwendige Demokratisierung und
Wahrung der Menschenrechte“ hatte. Am Ende des EMOK-Papiers kommen Überlegungen, was die „deutsche und europäische Nahostpolitik zur Beendigung des Konflikts beitragen“ kann. - Man ist gespannt, welche Vorschläge von dieser kirchlichen Seite kommen.
Neben der Einklagung der „Menschenrechte“ stellen
die Autoren fest, daß die Rollen bei den Oslo-Verhandlungen ungleich verteilt
waren, und daß sich dies ändern müsse:
Da das EMOK-Papier von kirchlichen Organisationen
entworfen wurde, fehlt auch die Aufforderung nicht: „Organisieren Sie
Gottesdienste, Bildungsveranstaltungen und Aussprachen und verteilen Sie dieses
Papier in ihrer Umgebung.“
In der „Erklärung der Württembergischen
Evangelischen Landessynode zum Verhältnis von Christen und Juden“ vom 6. April
2000 lesen wir im Paragraphen 2. „Israelvergessenheit als Schuld der
Kirche“ unter anderem:
Wir dürfen voraussetzen, daß diese Erklärung nicht
in der „Technik der leeren Worte“ verfaßt worden ist. Doch wo finden wir in der
EMOK-Schrift, die an alle Pfarrämter verschickt wurde, auch nur im Ansatz etwas
von dieser Selbstverpflichtung? „Israelvergessenheit als Schuld der Kirche“, die die Synode mit klaren, prägnanten Sätzen beschrieben hat, gab es nicht nur in der Vergangenheit; es kann sie auch in der Gegenwart und zukünftig geben. - Darum bin ich gespannt, was die württembergischen Synodalen zu diesem EMOK-Papier sagen werden.
Eine nebensächliche und recht weltliche Frage zum
Schluß, doch sie gehört eben auch zu unserer Zeit. Aus welchem Topf werden
solche Schriften finanziert? Aus freiwilligen Spenden wohl nicht. Hat das
theologische Dezernat dafür einen Sonderfonds? Oder bezahlen die Missionswerke
diese Traktate aus Kollekten? Oder aus den Zuweisungen der Landeskirchen? Hartmut Metzger
Vor genau zehn Jahren ist unser Freund
Herbert Kahn gestorben. Im Kloster Denkendorf gibt es zur
Erinnerung an ihn ein Herbert-Kahn-Zimmer; ebenso ist im Shaare Zedek
Krankenhaus in Jerusalem ein Untersuchungs- und Beratungszimmer in der
Kinderabteilung nach ihm genannt. Hartmut Metzger „...aber Thora lernen wir bei uns im jüdischen Paradies!“
In Erinnerung an meinen Freund
Herbert Kahn s. A.
In der Nacht zum Sonntag, 13. Oktober 1991, ist
Herbert Kahn, unser erster jüdischer Freund, nach einjähriger, schwerer
Krankheit gestorben.
Meine erste Begegnung hatte diesen Charakter noch
nicht. Im Jahr 1960 lernte ich ihn bei einem Synagogenbesuch in Stuttgart
kennen. Mit einer Klasse von Cannstatter Abiturienten hatte ich am jüdischen
Schabbatmorgen-Gottesdienst teilgenommen. Hinterher sollte sich noch eine kurze
Gesprächsrunde mit einem Gemeindeglied anschließen; so war es im voraus mit
Rabbiner Dr. Bloch verabredet worden.
Seine einleitende Bemerkung machte bei den
Abiturienten sofort Eindruck: am Schabbatmorgen frühstücke ein gesunder,
gesetzestreuer Jude erst nach dem Gottesdienst; er sei also noch nüchtern, und
das sei seiner Laune nicht besonders bekömmlich. Darum wolle er uns auch nicht
allzu lang aufhalten...
Bei dieser ersten Begegnung kam es noch zu einem
weiteren Zwischenfall. Ein Abiturient stellte, wenig überlegt und wohl etwas
provozierend, die Frage, ob Herbert Kahn sich während seiner Jugend in
Deutschland eher als Jude oder als Deutscher gefühlt hätte.
Um den Faden weiterzuspinnen, lud ich Herbert Kahn
zu einer Schulstunde ins Kepler-Gymnasium ein: er sollte uns von Israel
erzählen. Er erschien, berichtete und kam am Ende der Stunde zu dem Ergebnis:
Israel könne man auf diese Weise nicht kennenlernen, das müsse man selbst
gesehen haben; er lade uns nach Israel ein!
Unsere persönlichen Kontakte hielten an und
vertieften sich. Bei den vielen Gruppenreisen, die in den 60er Jahren folgten,
spielte Herbert Kahn indes keine Rolle; als streng religiöser Jude stellte er
eine Ausnahme unter meinen israelischen Freunden dar. (Zu religiösen Kreisen
fanden wir damals noch keinen Zugang!)
Mein Plan war gut, nur die Lehrer fehlten. Ich
kannte zwei gesetzestreue Juden in Israel: Herbert Kahn in Haifa und Dr. Josef
Walk in Jerusalem. Ob sich mit ihrer Hilfe gesetzestreue Lehrer finden ließen,
die bereit wären, nach Deutschland zu kommen, mit Christen zusammenzuarbeiten,
und das noch in einem "Kloster"? Mit seiner Hilfe gingen viele Türen auf, und ich traf auf freundliche, streng religiöse Leute, die mir interessiert zuhörten. Manche wollten sich meine Anfrage überlegen; andere gaben mir gleich zu wissen, daß ich mit ihnen nicht rechnen könne. Doch nirgendwo spürte ich eine Ablehnung, die mich zurückweisen wollte; eher gelegentlich einmal, aber dies nur ganz verhalten, eine tiefe Trauer über das, was zerbrochen war und nicht mehr geheilt werden konnte.
Im Sommer 1978 konnten wir im Kloster Denkendorf die
erste jüdisch-christliche Bibelwoche über "Thora und Bund" mit Texten aus dem 2.
Buch Mose durchführen. Jüdische Lehrer-Ehepaare aus Haifa und Umgebung sowie aus
Jerusalem ließen sich auf das Wagnis ein, mit Christen Thora zu lernen.
Das Ehepaar Herbert und Gertrud Kahn, mittlerweile
enge Freunde von uns, hatten noch zusätzliche Aufgaben übernommen.
Herbert Kahn nahm auch eine besondere, ihm durch
seine Geburt gebührende Stellung ein. Er war, wie schon sein Name "Kahn" sagte,
"Cohen", ein Priester, und als solchem kommen ihm in der jüdischen Gemeinschaft
besondere Ehren und Pflichten zu.
Er fand, wenn er
wollte, zu jedermann sofort und unmittelbar Kontakt; mit seinem oft
spitzbübischen Charme eroberte er auch distanzierte Gemüter. Besonders gut
konnte er es mit Kindern. Ihnen wurde er zum Freund, zum wunderbaren
Geschichtenerzähler, zum lustigen Spielkameraden, gelegentlich auch zum
gutmütig-ernsthaft mahnenden Großvater, dem man folgen mußte, weil man ihn nicht
verstimmen wollte. Zu einem Spaß war er meist aufgelegt. Nicht nur bei hochgestellten Persönlichkeiten, die er damit liebenswürdig zu normalen Menschen machte, sondern auch bei Kindern. Und auch sie nahm er gerne "auf den Arm". Dafür ein Beispiel! Wenn einer in Israel niesen muß, wünscht man ihm in der Regel "la Briuth", "zur Gesundheit". Herbert brachte als junger Lehrer in Haifa seinen Kindern, meist kleinen Orientalen, aber eine wohlklingende Fremdsprache bei, indem er sie bei solchem Nies-Brauch mit "Hatzi, mein Schatzi" beehrte. Bald konnte die ganze Klasse im Chor und mit eifrigem Ernst "Hatzi, mein Schatzi" rufen, wenn eine Respektsperson in der Schule niesen mußte.
Andere heiter und fröhlich zu stimmen, war eine
Sache; ob er es selber war, eine ganz andere. Sein Leben hatte in den Schrecken
der Nazi-Zeit einen Sprung bekommen, der nie wieder geheilt ist. Schon als
religiöser jüdischer Bub, in einem badischen Dörflein aufgewachsen, wurde er in
eine Außenseiterrolle gedrängt. Im Dritten Reich spürte er, wie Gleichgültigkeit
und Ablehnung ihn als Juden isolierten; selten traf er auf Anteilnahme und
Mitgefühl. Die jährlichen jüdisch-christlichen Bibelwochen begleitete er, trotz vieler guter Erfahrungen, darum mit Zweifeln und Skepsis. Auch lange Gespräche von Freund zu Freund konnten ihn kaum beruhigen, wenn er in der Tiefe seines jüdischen Herzens angefochten war. Er kam zwar mit vielen Christenmenschen zusammen, und jedes Jahr wurden es mehr, denen er ihre Aufrichtigkeit abnahm und mit denen er sich gerne befreundete. Aber waren diese nicht alle Ausnahmen, bis hin zu den Mitgliedern der Kirchenleitung, die er kennen und schätzen gelernt hatte? Hatte die Kirche sich wirklich geändert? - Bis zuletzt wurde er zwischen Hoffnung und Skepsis so hin und her gerissen.
Seit wir das Thora-Lernen aufgenommen hatten, kamen
Herbert und Trude Kahn jeden Sommer als Vorhut nach Denkendorf und verließen uns
wieder vor Beginn der jüdischen Herbstfeste im September. Fremden Gästen gegenüber, die sich wunderten, wie beschlagen er in den Angelegenheiten des Klosters war, gab er noch eine weitere Dienstbezeichnung an, die, wie er erklärte, mit seinem Namen "Kahn", "Cohen" (Priester) zusammenhing. Wir beide wären ein nützliches, gut eingespieltes Gespann: Ich würde als Direktor die weltliche Obrigkeit in der Fortbildungsstätte verkörpern, während er als "Hohepriester" des Klosters sich für die geistliche Seite verantwortlich fühlte. - Meist folgte auf eine solche Erklärung ein verdutztes Schweigen, bis die Gäste sahen, wie der Schalk um seine Augenwinkel spielte. Was er gewöhnlich hinter einem Scherz versteckte, konnte er jedoch, wenn nötig, auch eindringlich und gütig vorbringen. So scheute er etwa den schweren Weg in ein Trauerhaus nicht. Er konnte trösten mit Worten, die zu Herzen gingen. Bei Menschen, die in ihrer Seele verwundet, durch Krankheit gequält, in Trauer verstummt waren, fand er Gesten und Worte, die anrührten und aufrichteten. Er konnte sich in einen Leidenden hineinversetzen, war er doch selber ein an Seele und Leib verwundeter und leidender Mensch. Doch dies behielt er für sich; was sollte er andere damit beschweren!
Im Juli 1990 fand unsere 12. Thora-Lernwoche zum
Thema "Aber du sollst das Leben erwählen!" statt; wir lernten Texte aus dem 5.
Buch Mose. Es war Herbert und Trude Kahns letzter, gemeinsamer Sommer in
Denkendorf. Ein letztes Mal sah und erlebte er das gewohnte Bild: Das Kloster war bis auf den letzten Platz besetzt; gesetzestreue Juden lernten mit Christen von morgens bis abends mit wachsender Freude Thora; sie lebten und sie aßen zusammen, wobei es gar kein Problem aufwarf, daß die jüdischen Lehrer auf der einen Seite ihre "koschere Abteilung" hatten, während die Christen, nur durch einen schmalen Gang, nicht aber im Geist getrennt, die andere, größere Hälfte des Speisesaals füllten. Und Christen erlebten bei Juden und zusammen mit ihnen die Freude und den Segen des Sabbats. Hinterher blieben noch einige Wochen, bis Kahns nach Israel zurückflogen. Wir gingen wieder zusammen spazieren (wegen seiner verschiedenen Herzinfarkte mußte Herbert sich viel bewegen), wir tranken miteinander unseren Nachmittagskaffee (im eigenen, dafür vorgesehenen Kaffeegeschirr!), wir ließen uns von Herbert und Trude zum festlichen Sabbatessen am Freitagabend einladen, sangen "auf jeckische Weise", wie es früher bei süddeutschen Juden gehalten wurde, den Psalm 126 und das ausführliche Tischgebet: Es waren nochmals ungetrübte Tage einer lange währenden Freundschaft. Daß Herbert und Trude Juden und wir Christen waren, störte dabei überhaupt nicht. Wir respektierten uns gegenseitig und verstanden uns dabei so gut, daß wir über unsere Unterschiede auch frotzeln konnten.
Ein beliebtes Samstagsessen in unserer Familie war
etwa "Italienisch": Spaghetti mit einer guten Fleischsoße darüber und viel
geriebenem Parmesankäse noch oben drauf. Unkoscherer geht's kaum mehr!
Wenige Tage vor Rosch Haschana 1990 waren Kahns
wieder zuhause in Israel. Am zweiten Tag des Festes bekam er eine Grippe, von
der er sich nicht mehr erholte. Seine Kräfte schwanden so schnell, daß man schon
nach wenigen Wochen mit dem Äußersten rechnen mußte. Aber sein Herz, das so
angeschlagene und geschwächte, hielt noch lange durch. Seine seelischen Kräfte
waren aufgebraucht. Das Aufgezehrtwerden von seiner Krankheit und die düsteren
Wolken des Krieges, die sich wieder einmal gegen Israel auftürmten, löschten den
letzten Funken Lebenswillen in ihm aus.
Mit einer letzten Erinnerung an meinen Freund möchte
ich schließen. Es gibt Zeiten, da helfen eigene Worte nicht mehr; es gibt
Zeiten, da können wir, Juden wie Christen, nur noch mit dem fremden und doch so
tröstlichen Wort der Schrift sprechen.
"Die Sonne soll nicht mehr dein Licht sein am Tage
Deine Sonne wird nicht mehr untergehen
In den ISRAEL NACHRICHTEN vom 7. Sept. 2001 schrieb Alice Schwarz-Gardos über die UN-Konferenz gegen Rassismus in Durban: „Was sich in Durban abspielte, war vielleicht ein Wendepunkt. Wer nicht vom Israel- und Judenhass total verblendet ist, auch wer Israel kritisiert, aber nicht emotionale, Vorurteilsbestimmte, sondern rationale Argumente gegen Israels Politik zu haben glaubt, musste aufhorchen. Und einhalten. Diese Orgien des Hasses, die schwarze Woge, die stinkend aufbrandete und sich überschlug, ist sogar einigen entschiedenen Kritikern Israels zu viel geworden. Es gibt Grenzen. Irgendwann einmal kommt der verbale Extremismus an einen Punkt, wo er über sein Ziel hinausschießt. Die psychologische Wirkung der Hasspropaganda läßt nach, wenn sie zu absurd wird. Jedenfalls schien es in den letzten Tagen, als würden sich mehr und mehr Regierungen, aber auch einfache Bürger in aller Welt von dem häßlichen Zirkustreiben in Durban abwenden. Die Welt-Medien begannen etwas ausgewogener zu berichten... Durban war einfach widerlich. Auf Plakaten bei Demonstrationen den Davidstem neben einem Hakenkreuz zu sehen, musste einem Herz und Magen umdrehen..." Dass unter den antiisraelischen und antisemitischen NGO's (den Nichtregierungsorganisationen) Vertreterinnen des Weltkirchenrats an vorderster Front „kämpften", musste den christlichen Kirchen zu denken geben. Was nützen alle Erklärungen zu einer Erneuerung des Verhältnisses zwischen Christen und Juden, wenn so die Praxis an der Basis - in diesem Fall auf der Ebene der Weltpolitik - aussieht? Der folgende Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 7. September 2001 berichtet über die Vorgänge in Durban. Es wäre ein Stoff für den kommenden Bußtag... Hartmut Metzger
Großes Hauen und Stechen in Durban
Die
Vertreter der Nichtregierungsorganisationen haben sich in Durban nicht mit Ruhm
bekleckert. Viele haben die Stimmung polarisiert und damit maßgeblich zum
Scheitern der Konferenz und der Abreise der amerikanischen und israelischen
Delegationen beigetragen.
Die undurchsichtige ,Art und Weise, wie es zur Annahme der Erklärung kam, wird inzwischen von zahlreichen Nichtregierungsorganisationen vor allem aus Europa heftig kritisiert. Selbst nach der Verabschiedung . des. Dokuments durch das NGO-Forum hätten einzelne Mitglieder des Leitungsausschusses noch Veränderungen an dem Text vorgenommen, klagt ein Teilnehmer. Ein Vorwort, das die Erklärung als „Stimmen der Opfer" des Rassismus relativieren wollte und darauf verwies, dass nicht alle Stimmen zu Wort gekommen seien, wurde von Mitgliedern des Leitungsausschusses einfach gestrichen. Die Amerikanerin Barbara Arnwine quittierte aus Protest gegen die Verfahrensweise ihre Tätigkeit im Formulierungskornitee. UN-Verantwortliche wie die Hohe Kommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, verurteilten das Dokument als verletzend und hetzerisch. 77 Nichtregierungsorganisationen vor allem aus Osteuropa haben sich inzwischen von der Erklärung distanziert. Absichtlich vorgenommene Verfälschungen vor allem in den Paragrafen zum Antisemitismus widersprächen dem Geist der Antirassismuskonferenz, heißt es in einer Erklärung europäischer NGOs. Der Streit um die Erklärung begann lange vor der Konferenz. Ein Textvorschlag des Vorbereitungskomittees war von dem gastgebenden südafrikanischen Dachverband der NGOs, Sangoco, als zu mild und „bevormundend" zurückgewiesen worden. Sangoco habe damit gedroht, das NGO-Forum in Durban nicht zu organisieren, falls es nicht einen eigenen Entwurf präsentieren könne. In dem von Sangoco vorgelegten Papier wurde die internationale Gemeinschaft zu einem Militäreinsatz im Nahen Osten auf der Seite der Palästinenser aufgerufen - „ein schreckliches Papier", so ein europäischer Delegierter. Alle Versuche, die unterschiedlichen Positionen zum Nahen Osten noch während der Konferenz zu harmonisieren, seien gescheitert, so ein Mitglied des Formulierungskomitees. Deswegen habe man beschlossen, auch widersprüchliche Passagen nebeneinander stehen zu lassen - eine Strategie, die durch den Antrag des Weltkirchenrats schließlich durchkreuzt wurde. Albert Deterville, Mitglied des Leitungskomitees, bedauerte den Antrag der ökumenischen Arbeitsgruppe. „Es hat mich sehr gewundert, dass ausgerechnet eine religiöse Gruppierung dies gefordert hat", sagte er. Die Kenianerin Pauline Muchina, die als Vertreterin des Weltkirchenrats die Streichung der proisraelischen Passage gefordert hatte, sagte, die Arbeitsgruppe sei der Überzeugung gewesen, Israel habe „keinen besonderen Schutz" verdient. Aus: Stuttgarter Zeitung vom 7. September 2001
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