Denkendorfer Kreis
             
für christlich-jüdische Begegnung e.V.

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Aus  dem Rundbrief vom 30. Januar 2003

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"Eine Thora für Ulm“ - Wenn Juden wieder zu Nachbarn werden....   Von Martin Tränkle

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Dschihad und Judenhaß - Der Kampf der Islamisten hat eine jahrzehntelange antisemitische Tradition
Von Matthias Küntzel

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Unheimliche Begegnung der dritten Art - Wie in der westlichen Welt die Realitätswahrnehmung durcheinander gerät - Von Alan Dershowitz

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Hitlers islamitische Erben - Die Schoa ist nicht Geschichte, sondern Gegenwart - Von Yehuda Bauer

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Die sieben Wasserquellen Israels - Das Regengebet ist aktueller denn je! - Von Ari Elazar Lipinski

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Initiative und Gottvertrauen - Die Lehren von Purim und Pessach - Von Roland Gradwohl

 

Wenn Juden wieder zu Nachbarn werden, sind Christen gefragt, wie sie sich ihnen gegenüber verhalten. Aus Ulm gibt es eine beispielhafte Aktion zu berichten. Dort besteht seit kurzem wieder eine kleine jüdische Gemeinde, die erst im Aufbau begriffen ist. Noch fehlt ihr das Wichtigste: die eigene Thorarolle - eine echte Herausforderung für gute Nachbarn!

Tübinger Christen, auch der Denkendorfer Kreis beteiligte sich, stifteten vor Jahren eine Thorarolle zum Aufbau einer jüdischen Gemeinde in Petrosawodsk/Russland und pflegen seither sorgsam diese ferne Nachbarschaft. Nun geben Freunde in Ulm hierzulande ein Beispiel, wie gute Nachbarschaft in der Nähe gestaltet werden kann.      Hartmut Metzger

„Eine Thora für Ulm“

Wenn Juden wieder zu Nachbarn werden....   Von Martin Tränkle

 Seit Mai 2002, 64 Jahre nach der Reichspogromnacht, bei der auch in Ulm die Synagoge zerstört wurde, gibt es hier wieder eine kleine jüdische Gemeinde mit Rabbiner und Gemeindezentrum - nachdem in den letzten Jahren über 400 Juden aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion zugewandert sind. Die Gemeinde ist eine Filiale von Stuttgart und hat für ihren Gottesdienst noch keine Thorarolle.

So rief die Deutsch-Israelische Gesellschaft Ulm / Neu-Ulm (DIG), die seit Jahren die Gedenkfeier zum 9. November auf dem Weinhof gestaltet, dieses Mal zu einer Spendenaktion auf: „Eine Thora für Ulm“. Bis Mitte Januar 2003 kamen über 4 000 Euro zusammen. Auch im Ulmer Münster ist ein Opferstock dafür aufgestellt.

Anfang Januar warb Klinikpfarrer Martin Tränkle, 2. Vorsitzender der DIG, im Schwabenradio für die Aktion. Sofort meldete sich ein Buchbindermeister aus Riedlingen mit dem Angebot, Teile einer Thorarolle, die er 1964 mit dem Geschäft übernommen habe und die vor dem Krieg einer jüdischen Gemeinde (Bad Buchau?) oder einer jüdischen Familie in Riedlingen gehörte, für Ulm zu stiften.

So trafen sich am 21. Januar ein Pfarrer und ein Religionslehrer vom Vorstand der DIG, beide im Hebräischen bewandert, der Rabbiner von Ulm und ein Journalist vom SWR in Riedlingen bei dem Buchbindermeister und seiner Frau. Die geöffnete Thorarolle lag auf dem Tisch, d.h. drei Teile mit handgeschriebenem hebräischem Text auf kostbarem Pergament, mehrere Meter lang, etwa ein Drittel der fünf Bücher Mose.  Die fehlenden Teile -  waren sie in der Buchbinderei vor 1964 verarbeitet worden? Oder waren sie schon am 9. November 1938 verbrannt worden? Wie kam die Thora in die Buchbinderei? Wir wissen noch keine Antwort.

Die vorliegenden Teile sind offensichtlich in gutem Zustand. Der Rabbiner, aus Israel stammend, las ein Stück daraus vor. Ob die drei Teile für eine neue Rolle verwendbar sind, versprach er zu klären. Er kenne einen Sofer, einen Thora-Schreiber in München. Auf jeden Fall werde er das kostbare Fundstück - die Thora gehört im Judentum zum Heiligsten der Religion - in der Ulmer jüdischen Gemeinde gut verwahren.

Es war schon ein bewegender Augenblick, als der Buchbindermeister diese wertvolle Thora, das handgeschriebene Wort Gottes in der Ursprache - eine vollständige Rolle kostet heute ca. 30 000 Euro - dem Rabbiner aushändigte und dabei betonte, jetzt sei er zufrieden, jetzt sei die Rolle wieder dort, wo sie hingehöre. Der Rundfunk, der Pfarrer und die Aktion „Eine Thora für Ulm“ hätten das Ihre dazu beigetragen.

Bevor sich die Delegation aus Ulm verabschiedete, versprach der Rabbiner, das Spender-Ehepaar aus Riedlingen bald zum Schabbat-Gottesdienst nach Ulm einzuladen und Ihnen dort eine Urkunde zu überreichen.

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Wenn eine fanatisch-religiöse Richtung des Islam die antisemitische Nazi-Propaganda des 3. Reiches aufgreift und weiterführt, erhalten die gegenwärtigen Auseinandersetzungen um Israel eine Dimension, die in den Tagesmeldungen selten auch nur angedeutet wird.  -  Wer zum Nahostkonflikt Stellung nehmen will, sollte über seine tiefreichenden Wurzeln und geschichtlichen Hintergründe Bescheid wissen.     HM

 

Dschihad und Judenhaß

Der Kampf der Islamisten hat eine jahrzehntelange antisemitische Tradition

Von Matthias Küntzel

Welche politische Anschauung trieb Mohammed Atta, den Anführer der Todespiloten vom 11. September 2001, zu seiner Tat? 
„Ein ‚nationalsozialistisches Weltbild’ attestierten ihm Teilnehmer der Koranrunden“, berichtete der Spiegel am 2. September 2002. „’Die Juden’, das waren für ihn die reichen Strippenzieher der Medien, der Finanzwelt, der Politik, und natürlich steckten auch hinter dem Einsatz der Amerikaner am Golf die Juden, hinter den Kriegen auf dem Balkan, in Tschetschenien, überall. ...

‚Das Zentrum des Weltjudentums’, so sah es Atta, war New York. Atta wünschte sich einen Gottesstaat vom Nil bis zum Euphrat, frei von Juden, und sein Befreiungskrieg mußte in New York beginnen.“  (Spiegel 36/2002, S. 117)

Attas obsessiver Judenhaß, den seine Anleiter und Finanziers von al Kaida teilen wie deren Stellungnahmen zeigen, war offenkundig das Hauptmotiv für die Massaker in Washington und New York. 

Dies ist wenig überraschend. Denn das Muster des suicidalen Massenmords war schon vor dem 11. September bekannt:  Am 1. Juni 2001 riß ein Hamas-Angehöriger einundzwanzig Jugendliche vor einer Diskothek bei Tel Aviv mit in den Tod.

Am 9. August 2001 sprengte sich ein weiterer Islamist in der überfüllten Pizzeria Sabbaro in Jerusalem in die Luft und tötete sechzehn Gäste.

Schon im September 2001 lag die Mutmaßung, daß zwischen diesen drei Anschlägen ein Zusammenhang besteht, auf der Hand.

Dennoch wird das antisemitische Motiv in den Diskussionen über die Septembermassaker wenig thematisiert. Dies ist um so unverständlicher, als die Geschichte des Islamismus den Zusammenhang von Dschihad und Judenhaß unzweideutig belegt.  Anders als es viele Darstellungen kolportieren, ist diese politisch-religiöse Bewegung nicht in den sechziger, sondern in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entstanden. Ihr Aufstieg wurde nicht vom Scheitern des Nasserismus, dafür jedoch vom Erfolg des Faschismus inspiriert. Bis 1951 waren sämtliche Mobilisierungskampagnen der Islamisten nicht antikolonial, wohl aber antijüdisch orientiert.

Es war die 1928 in Ägypten gegründete Organisation der Muslimbrüder, die den Islamismus als Massenbewegung begründete.

Bis heute sind die Muslimbrüder für den Islamismus das, was die Bolschewiki für die kommunistische Bewegung des zwanzigsten Jahrhunderts waren: der ideologische Bezugspunkt und der organisatorische Kern, der alle nachfolgenden Tendenzen, einschließlich al Kaida, maßgeblich inspirierte und bis heute inspiriert.

Zwar waren es die Auswirkungen der britischen Kolonialpolitik, die den Islamismus als Widerstandsbewegung gegen die „kulturelle Moderne“ hervorbrachten und den Ruf nach einer neuen Scharia-Ordnung provozierten. 

Dennoch wurde der Dschihad der Muslimbrüder nicht an erster Stelle gegen die Briten geführt. Er wurde auch nicht gegen die französische Kolonialmacht geführt und ebenfalls nicht gegen die ägyptische Elite, die mit den Briten kooperierte.

Die Dschihad-Bewegung der Muslimbrüder nahm fast ausschließlich den Zionismus und die Juden ins Visier.

Nicht als antikoloniale, sondern als antijüdische Bewegung wurden die Muslimbrüder zur Massenorganisation.

1936 zählten sie achthundert Mitglieder, 1938 waren es zweihunderttausend. Dazwischen lag ihre erste große, gegen Juden und Zionisten gerichtete Mobilisierungskampagne.

Auslöser war der 1936 vom Mufti von Jerusalem initiierte Aufstand in Palästina.  „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten und Palästina“ lauteten die Parolen der Massendemonstrationen, die die Bruderschaft daraufhin in den ägyptischen Großstädten organisierte. Auf Flugblättern rief sie zum Boykott jüdischer Waren und Geschäfte auf.

In ihrer Zeitschrift al-Nadhir wurde eine regelmäßige Kolumne mit der Kopfzeile:  „Die Gefährlichkeit der Juden von Ägypten“ etabliert. Darin wurden die Namen und Adressen von jüdischen Geschäftsinhabern und Besitzern angeblich jüdischer Zeitungen aus aller Welt veröffentlicht und alles Böse - vom Kommunismus bis zum Bordell - auf die „jüdische Gefahr“ zurückgeführt.

Viele Aktionsmuster und Inhalte waren dem Nationalsozialismus entlehnt. Die Muslimbrüder riefen zusätzlich jedoch dazu auf, „sich in allen Teilen Ägyptens für den Dschihad zur Verteidigung der Aqsa-Moschee zur Verfügung zu stellen.“ 

Dieser Dschihad-Ruf war in der damaligen muslimischen Welt ungewöhnlich und neu.

Erst die Muslimbrüder hatten die Idee des kriegerischen Dschihad und die Todessehnsucht als Leitideal des Märtyrers für die Neuzeit entdeckt.

1938 machte Hassan al-Banna, der charismatische Gründer der Muslimbrüder, die Öffentlichkeit in einem Aufsatz unter der Überschrift „Die Todesindustrie“ erstmals mit seinen Dschihad-Vorstellungen vertraut - einer Vorstellung, bei der das Wort „Todesindustrie“ nicht den Horror, sondern das Ideal beschreibt.

Al-Banna: „Derjenigen Nation, welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt.“

Diese Losung stieß bei den „Truppen Gottes“, wie die Muslimbrüder sich nannten, auf begeisterte Resonanz. Wann immer ihre Bataillone in semifaschistischer Formation durch die Straßen Kairos marschierten, erklang ihr Lied:  „Wir haben keine Angst vor dem Tod, sondern wir ersehnen ihn. ... Wie wundervoll der Tod ist. ... Laßt uns für die Erlösung der Muslime sterben.“

Diese in den dreißiger Jahren erstmals ausformulierte Dschihad-Idee war mit dem antisemitischen Impuls von Anfang an verquickt.

Der Antisemitismus der Muslimbrüder speiste und speist sich nicht nur aus europäischen, sondern zugleich aus spezifisch islamischen Einflüssen. 

Erstens gilt Palästina den Islamisten als muslimisches Einflußgebiet (Dar al-Islam), in welchem Juden kein einziges Dorf, geschweige denn einen Staat beherrschen dürften. 

Zweitens lassen sich entlang der Kampflinie Jude-versus-Muslim Erinnerungen an die Frühgeschichte des Islam revitalisieren: So versuchen die Islamisten aktuell die Vertreibung und Tötung der Juden in Palästina mit dem Vorbild Muhammads zu legitimieren, der der Legende zufolge im siebten Jahrhundert zwei jüdische Stämme aus Medina vertrieb und sämtliche Mitglieder des dritten Stammes töten oder in die Sklaverei verkaufen ließ.

Last but not least verhilft dies Feindzuschreibung dem Diktum des Koran, die Juden seien die schlimmsten Gegner aller Gläubigen, scheinbar zu seinem Recht.

Doch erst nach dem 8. Mai 1945 erreichte die ideologische Annäherung der Muslimbrüder an den Nationalsozialismus ihren Höhepunkt.

Im November 1945 kündigte sich die Verschiebung des antisemitischen Zentrums von Deutschland in die arabische Welt bereits an. In diesem Monat verübten die Muslimbrüder in Kairo und Alexandria die größten antijüdischen Pogrome in der Geschichte Ägyptens: Demonstranten fielen aus Anlaß des Jahrestages der Balfour-Erklärung in das jüdische Viertel Kairos ein, plünderten dort Häuser und Geschäfte, griffen Nicht-Muslime an, verwüsteten Synagogen und steckten sie schließlich in Brand. Sechs Menschen wurden getötet, Hunderte verletzt.

Einige Wochen später gingen die Zeitungen der Islamisten „zum Frontalangriff auf die ägyptischen Juden als Zionisten, Kommunisten, Kapitalisten, Blutsauger, Waffen- und Mädchenhändler oder ganz generell als ‚zersetzendes Element’ aller Staaten und Gesellschaften über“, wie Gudrun Krämer in ihrer Studie Die Juden in Ägypten 1914-1952 schreibt.

1946 sorgten die Muslimbrüder schließlich dafür, daß der als Kriegsverbrecher gesuchte Freund von Heinrich Himmler, Amin el-Husseini, in Ägypten Exil und eine neue politische Wirkungsstätte erhielt.  In seiner Funktion als Mufti von Jerusalem und Führer der palästinensischen Nationalbewegung hatte el-Husseini, der seit Anfang der dreißiger Jahre zu den engsten Verbündeten der Muslimbrüder gehörte, die Schoa mehr als jeder andere arabische Politiker unterstützt und vorangetrieben.

Mit der Amnestierung dieser prominenten islamischen Autorität wurde für einen großen Teil der arabischen Welt auch der Nationalsozialismus und dessen Antisemitismus rehabilitiert. Scharenweise strömten nunmehr die in Europa gesuchten Nazis in die arabische Welt.

Massenhaft wurden in den folgenden Jahrzehnten die Protokolle der Weisen von Zion von zwei ehemaligen Mitgliedern der Muslimbruderschaft - Gamal Abdel Nasser und Anwar al-Sadat - verbreitet und unterstützt.

Die uneingeschränkte Solidarität der Muslimbrüder mit dem Mufti und ihre antisemitischen Ausschreitungen wenige Monate nach Auschwitz verdeutlichen, daß die Vernichtung der europäischen Juden von ihnen entweder ignoriert oder gerechtfertigt worden ist.

Die Folgen dieser Einstellung sind immens und bestimmen bis heute den arabisch-jüdischen Konflikt. Denn solange der Islamismus die Schoa leugnet, wird er damit fortfahren, die internationale Rückendeckung, die die Gründung Israels 1947 durch die Vereinten Nationen erfuhr, ausschließlich unter Rückgriff auf antisemitische Denkmuster, also verschwörungstheoretisch zu erklären: als ein von Juden gelenkter Angriff der USA und der Sowjetunion gegen das Arabertum.

Dementsprechend wurde der Teilungsbeschluß für Palästina, den die Vollversammlung der Vereinten Nationen 1947 verabschiedete, von den Muslimbrüdern als ein „internationales Komplott“ interpretiert, „ausgeführt von den Amerikanern, Russen und den Briten unter dem Einfluß des Zionismus“.

Mit dieser Theorie der Weltverschwörung versuchten sie die Juden kurz nach Stilllegung der Gaskammern als weltbeherrschende Macht abzustempeln. Mithin fand die in Deutschland seit dem 8. Mai 1945 unterdrückte Wahnidee in der arabischen Welt, in der die Muslimbrüder inzwischen über eine millionenstarke Anhängerschaft verfügten, ihr seither wirkungsmächtigstes Exil.

Dies zeigt besonders deutlich die 1988 verabschiedete Charta der Muslimbrüder von Palästina, kurz: Hamas. Sie stellt das wichtigste programmatische Dokument des Islamismus in der Gegenwart dar und reicht in ihrer Bedeutung über den Palästina-Konflikt weit hinaus.

Die Hamas begreift sich darin als „universalistische Bewegung“, deren Dschihad von den Muslimen in allen Teilen der Welt zu unterstützen sei. Dementsprechend wird als Gegner nicht allein Israel ausgemacht, sondern der „Weltzionismus“, ergo: das „Weltjudentum“.

Die Hamas, heißt es in der Charta, sei „die Speerspitze und die Avantgarde“ im Kampf gegen den „Weltzionismus“.

Und so, als hätten die Autoren dieser Charta beim Abfassen ihres Textes die Seiten der Protokolle der Weisen von Zion offen aufgeschlagen neben sich liegen gehabt, werden dem „Weltzionismus“ alle Bösartigkeiten der Weltgeschichte unterstellt:

„Die Juden standen hinter der Französischen Revolution und hinter der kommunistischen Revolution.“ Sie standen „hinter dem Ersten Weltkrieg, um so das islamische Kaliphat auszuschalten... und standen auch hinter dem Zweiten Weltkrieg, in dem sie immense Vorteile aus dem Handel mit Kriegsmaterial zogen.“ 

Sie veranlaßten „die Gründung der Vereinten Nationen und des Sicherheitsrats, ... um die Welt durch ihre Mittelsmänner zu beherrschen. Es gab keinen Krieg an irgendeinem Ort, der nicht ihre Fingerabdrücke trüge.“

In Artikel 32 dieser Charta wird endlich auch das Original benannt: „Das Programm der Zionisten wurde in den Protokollen der Weisen von Zion ausgebreitet und ihr gegenwärtiges Verhalten ist der beste Beweis für das, was dort gesagt wurde.“

Man möchte über derartigen Irrsinn lächeln, wie einst über das Gebrabbel eines Adolf Hitler gelächelt wurde. Doch eben dieser wahnwitzige Begriff von Juden als dem absoluten Bösen und Weltübel ist es, der der islamistischen Begeisterung über die suizidalen Massenmorde an israelischen oder US-amerikanischen Zivilisten das Motiv verleiht.

Mit ihrer massenmörderischen Umsetzung dieser Charta setzen die palästinensischen Muslimbrüder unter dem Beifall der Islamisten aus aller Welt die Politik des Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini, weiter fort.

Kann es angesichts dieser Zusammenhänge noch verwundern, daß diejenigen, die Mohammed Atta aus gemeinsamen Koranrunden kannten, ihm ein „nationalsozialistisches Weltbild“ attestierten?

Ist es angesichts der Tatsache, daß einer der Gründer der Hamas, der Palästinenser Abdullah Azzam, zugleich wichtigster Lehrer und Mentor Osama bin Ladens gewesen war, erstaunlich, daß dieser „den Juden“ den Vorwurf macht, „Amerika und den Westen als Geiseln genommen“ zu haben? 

Warum will man aber ausgerechnet in Deutschland von dieser antisemitischen Dimension des 11. September wenig sehen und gar nichts wissen?

Schon die achtlos präsentierte Spiegel-Enthüllung über Attas Weltanschauung blieb hierzulande ohne Resonanz.  Von den wichtigsten programmatischen Texten des islamistischen Antisemitismus - der „Charta“ der Hamas von 1988 und dem 1950 veröffentlichten Aufsatz „Unser Kampf mit den Juden“ von Sayyid Qutb - liegen bis heute nicht einmal deutsche Übersetzungen vor.

Die deutsche Islamwissenschaft scheint hieran kaum etwas ändern zu wollen: Weder in ihren Interpretationen der „Charta“ noch in ihren sonstigen Darstellungen des Islamismus taucht der Begriff des Antisemitismus auf.

Dies und die Tatsache, daß bei der unendlichen journalistischen Motivforschung für die suizidalen Massenmorde gegen israelische und US-amerikanische Zivilisten das Programm der Hamas nicht einmal zur Kenntnis genommen wurde - das Selbstverständlichste also nicht geschah! - verleiht der 1969 formulierten Warnung Léon Poliakovs neue Aktualität:

„Wer den Antisemitismus in seiner primitiven und elementaren Form nicht anprangert, und zwar gerade deshalb nicht, weil er primitiv und elementar ist, der muß sich die Frage gefallen lassen, ob er nicht dadurch den Antisemiten in aller Welt ein Zeichen heimlichen Einverständnisses gibt.“

Aus:  Jüdische Allgemeine vom 2. Januar 2003

 Zum Thema ist von Matthias Küntzel das Buch „Djihad und Judenhaß“.
Über den neuen antijüdischen Krieg  (ca ira-Verlag Freiburg)  erschienen.

 

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Manchmal rücken pointierte Artikel Fehlentwicklungen schärfer ins Licht als übervorsichtige ‚wissenschaftliche’ Erörterungen. Dies scheint mir auch beim nachstehenden Artikel der Fall zu sein. Daß die „unheimliche Begegnung“ gerade in den USA oder in Kanada stattfindet, wird den Leser kaum langweilen; sie könnte, wie er schnell merken wird, sich genauso auch in Europa ereignen. Und auch hier wäre eine Satire über einen im wörtlichen Sinne ‚verrückten’ Zustand wohl nicht ganz abwegig. 

Der Verfasser Alan M Dershowitz ist Anwalt und Juraprofessor an der Harvard Universität und Autor des Buches „Why Terrorism Works“.     HM 

Unheimliche Begegnung der dritten Art

Wie in der westlichen Welt die Realitätswahrnehmung durcheinander gerät

Von Alan Dershowitz

Würde ein Besucher aus einer fernen Galaxie auf einem amerikanischen oder kanadischen Universitätscampus landen und sich manche Flugblätter und Aufrufe ansehen, die dort zirkulieren, würde er wahrscheinlich zu dem Schluß kommen, daß die Erde ein friedlicher und freundlicher Planet ist, auf dem es nur einen einzigen Schurkenstaat gibt, der den Frieden stört und die Menschenrechte missachtet. Dieser Staat wäre nicht etwa der Irak, Libyen, Serbien, Russland oder der Iran. Dieser Staat wäre Israel.

In den meisten nordamerikanischen Universitäten sind derzeit Petitionen im Umlauf, die die Universitäten dazu aufrufen, sämtliche Investitionen in Unternehmen zu beenden, die in oder mit Israel Geschäfte machen. In manchen der Petitionen werden auch die einzelnen Fakultätsmitglieder zum Boykott gegen Wissenschaftler und Gelehrte aufgerufen, die zufällig israelische Juden sind, ganz gleich, welcher Auffassung diese Personen in Bezug auf den israelisch-arabischen Konflikt sind. Es gab Versuche, darunter einige erfolgreiche, israelische Redner vom Campus fernzuhalten, wie kürzlich erst in der Concordia University.

Vergleichbare Aufrufe gegen andere Länder, die Minderheiten unterdrücken, Dissidenten einsperren, politische Gegner ermorden und angebliche Terroristen foltern, gibt es nicht, ebensowenig wie vergleichbare Bemühungen, Redner aus anderen Ländern zum Schweigen zu bringen.

Der intergalaktische Besucher würde sich fragen, was diese Parianation Israel angestellt haben muß, um diese einzigartige Form der wirtschaftlichen Todesstrafe zu verdienen.

Ginge unser Besucher dann in die Bibliothek, um dort Bücher und Artikel über diesen Planeten zu lesen, würde er herausfinden, daß Israel eine kraftvolle Demokratie mit Redefreiheit, Pressefreiheit und Religionsfreiheit ist, umgeben von einer Reihe tyrannischer und undemokratischer Regime, von denen viele aktiv an der Zerstörung Israels interessiert sind.

Er würde in Erfahrung bringen, daß Homosexuelle in Ägypten ins Gefängnis geworfen und mit Hinrichtung bedroht werden;  daß in Jordanien mutmaßliche Terroristen und andere Oppositionelle gefoltert werden und daß bei mangelndem Erfolg die Verwandten herbeigeholt und ebenfalls mit Folter bedroht werden; daß man in Saudi-Arabien Frauen köpft, die außerehelichen Sex haben;  daß politische Gegner im Irak massenhaft hingerichtet werden und keinerlei Abweichung gestattet wird;  daß im Iran Angehörige religiöser Minderheiten, wie Bahais oder Juden, eingesperrt und manchmal umgebracht werden;  daß in allen diesen Nachbarländern regelmäßig in den staatlich unterstützten Fernseh- und Radiostationen Antisemitismus verbreitet wird;  daß in Saudi-Arabien gegen Nicht-Muslime Apartheid praktiziert wird, daß dort in den Städten eigene Zonen für Nicht-Muslime ausgewiesen werden;  daß China seit einem halben Jahrhundert Tibet besetzt hält; daß in mehreren afrikanischen Ländern Frauen bei Verstößen gegen die herrschenden sexuellen Sitten gesteinigt werden;  daß es in einigen Teilen der Welt nach wie vor Sklaverei gibt;  und daß in der jüngsten Vergangenheit etliche Länder Völkermord begangen haben.

Unser Besucher würde sich die Augen reiben und sich fragen, weshalb gegen diese Menschenrechtsverletzungen keine Petitionen im Umlauf sind. Ist die israelische Besetzung des Westjordanlandes und des Gasa-Streifens - eine Besetzung, deren Beendigung Israel im Gegenzug gegen Frieden angeboten hat - schlimmer als die chinesische Besetzung von Tibet?

Sind die israelischen Methoden im Kampf gegen den Terror schlimmer als die russischen Methoden gegen tschetschenische Terroristen?

Sind die arabischen oder muslimischen Staaten demokratischer als Israel? Gibt es in irgendeinem arabischen oder muslimischen Land eine Einrichtung, die mit dem Obersten Gerichtshof Israels vergleichbar wäre, der oft zugunsten palästinensischer Ansprüche gegen die israelische Regierung und das Militär entscheidet?

Ist Israel - das als einziges Land des Nahen Ostens keine Todesstrafe kennt - barbarischer als die Länder, in denen politisch Andersdenkende geköpft, gehängt und erschossen werden?  Ist die israelische Siedlungspolitik, die achtundsiebzig Prozent der Israelis im Tausch gegen Frieden zu beenden bereit sind, schlimmer als der chinesische Versuch eines Völkermordes in Tibet?

Ist die israelische Gleichbehandlung offen schwuler Soldaten und Parlamentsabgeordneter irgendwie schlechter als die muslimische Verfolgung derjenigen, die eine andere sexuelle Orientierung als die Mehrheit haben?

Ist die israelische Gleichbehandlung der Frauen schlechter als die Geschlechterapartheid in Saudi-Arabien?

Unser Besucher wäre sprachlos angesichts der Begründungen von Professoren und Studenten für ihre Kritik an Israel und ihr gleichzeitiges Schweigen über das viel schlimmere Verhalten anderer Länder.  Würde er einen Studenten nach Übergriffen anderer Länder fragen, würde er (wie ich) zu hören bekommen: „Sie lenken ab. Wir sprechen hier über Israel.“

Das erinnert mich an einen Vorfall aus den zwanziger Jahren mit dem damaligen Präsidenten von Harvard, A. Lawrence Lowell. Lowell beschloß, die Anzahl der Zulassung von Juden zu begrenzen, weil „Juden schummeln“. Als der Harvardabsolvent Richter Learned Hand darauf hinwies, daß auch Protestanten schummeln, erwiderte Lowell: „Sie lenken ab; wir sprechen hier über die Juden.“

Es überrascht daher nicht, daß ein so verantwortungsbewußter und umsichtiger Autor wie Andrew Sullivan, ehemaliger Herausgeber der New Republic und jetzt Autor des New York Times Magazine, zu dem Schluß kommt, daß „fanatischer Antisemitismus, so schlimm oder noch schlimmer als derjenige Hitlers, heute in einem großen Teil des Nahen Ostens und darüber hinaus zur kulturellen Norm geworden ist. Das ist der beißende Kitt, der Saddam, Arafat, El-Kaida, die Hisbollah, den Iran und die Saudis zusammenschweißt. Sie alle hassen die Juden und wollen sie vernichtet sehen.“

Unser intergalaktischer Reisender würde sich, nachdem er alle diese Tatsachen in Erfahrung gebracht hat, fragen, auf was für einem Planeten er eigentlich gelandet ist. Läuft hier alles rückwärts? Kennen wir überhaupt den Unterschied zwischen Richtig und Falsch? Lehren unsere Universitäten die Wahrheit?

Diese Fragen müssen gestellt werden, wenn wir nicht wollen, daß unsere Welt so wird, wie unser Besucher sie angetroffen hätte, wäre er in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren in Europa gelandet.

Aus: Jüdische Allgemeine vom 21. 11. 2002

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Professor Yehuda Bauer von der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem hielt bei einem Symposium der Claims Conference in Berlin den nachstehenden Vortrag, den die Jüdische Allgemeine in etwas gekürzter Form veröffentlicht hat.    HM

 Hitlers islamistische Erben

Die Schoa ist nicht Geschichte, sondern Gegenwart

Von Yehuda Bauer

Ich muß zugeben, daß es mir gegen den Strich geht, einen Vortrag zu halten, der nur Klischees wiederholt. Daß die Schoa ein Schlüsselereignis der menschlichen Geschichte war, ist zu einer ziemlich weitverbreiteten Weisheit geworden. Was sie dem jüdischen Volk angetan hat, ist auch nicht unbekannt. So möchte ich einige Elemente des Kontextes besprechen, in dem die Schoa stattgefunden hat und die vielleicht auch aktuelle Probleme beleuchten könnten. Schoa ist nämlich nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart, und auch wer sich mit den Aussichten auf eine Zukunft beschäftigt, kann sie nicht ignorieren.

Der amerikanische Soziologe und Statistiker Rudolph J. Rummel analysiert in seinen Büchern die Massenmorde des zwanzigsten Jahrhunderts und behauptet, daß zwischen 1900 und 1987  169 Millionen Zivilisten und entwaffnete Kriegsgefangene durch Regierungen und politische Organisationen ermordet wurden. Im Vergleich dazu fielen während derselben Zeitspanne 34 Millionen Soldaten in den zwei Weltkriegen und den anderen Auseinandersetzungen, also über vier Mal mehr Zivilisten als Soldaten. (...)  Rummel nennt diese Massenmorde „Demozid“, also Mord an Menschen. Von den 169 Millionen fielen 38 Genoziden zum Opfer. Von diesen 38 Millionen vernichtete die Schoa zwischen 5,5 und 6 Millionen Juden. Rummel definiert die Schoa als die bislang extremste Form des Genozids.

Ich stimme mit Rummel überein. Man muß dabei erklären, daß die Schoa die extremste Form des Genozids ist, weil die Vernichtung total sein sollte, also daß jeder Mensch, der oder die von den Nationalsozialisten als Jude definiert wurde, getötet werden sollte, und zwar überall auf der Welt, daß also dieser Genozid, im Unterschied zu anderen, universell und total sein sollte.

Die Ideologie, die die Schoa anfeuerte, war, wieder im Unterschied zu anderen, unpragmatisch und beruhte auf Phantasien wie der vermeintlichen jüdischen Weltverschwörung - ein verzerrter Spiegel der Ideologie der Nazis, die selbst den Griff nach der Weltherrschaft versuchten. (...) 

Es ist festzuhalten, daß eine solche antipragmatische, aller Moderne widersprechende Ideologie neu war.

Ich sage „war neu“, war präzedenzlos, denn inzwischen sahen wir Genozide, die manche dieser Elemente wiederholten. Denn die Schoa war zwar präzedenzlos, aber sie selbst war eben ein Präzedenzfall. So plante eine Hutu-Intelligenz in Ruanda 1994 die totale Vernichtung aller Tutsi.

Ich weiß nicht, ob die an den besten frankophonen Universitäten erzogenen Hutu-Beamten und -Experten, die den Genozid dort planten, bewußt von den Nazis gelernt hatten, oder ob sie die Geschichte der Schoa auf diesen Lehranstalten aufgegriffen haben und dann ganz natürlich und unbewußt Ähnliches planten. Ob das nun bewußt oder unbewußt geschah, die Schoa war der Präzedenzfall und der Genozid in Ruanda die leider sehr geglückte teilweise Nachahmung. (...)

Die Herausforderung an uns muß sein, daß die Schoa eine Warnung sein soll, nicht ein sich wiederholender Präzedenzfall.

Wenn die Schoa präzedenzlos war und folgerichtig einen Präzedenzfall bildet, so ist doch die Schlußfolgerung die, daß die Schoa sich wiederholen kann; nicht unbedingt nur gegen Juden, obwohl das jüdische Volk durchaus anfällig ist, wieder die Rolle des Opfers zu spielen; auch nicht mit Deutschen als Tätern; sondern daß diese extremste Form des Genozids von jeder beliebigen Gruppe gegen jede beliebige andere verübt werden kann, mit Millionen oder Milliarden untätigen Zuschauern. (...)

Warum sind wir die einzigen Säugetiere, die einander gegenseitig in großen Massen vernichten? Wie kommen wir dieser Krankheit bei? Besteht nach der Schoa und angesichts des Demozids noch eine Chance für eine Weltordnung, die uns vor der Selbstzerstörung retten kann?    Ich weiß nicht, ob man guten Gewissens eine Antwort auf diese Frage geben kann, aber (...) ich bin unvorsichtig genug, sie zu wagen. Meine eigene, zögernde Antwort ist trotz allem die eines vorsichtigen Optimisten.

Bevor ich jedoch auf Rettungsmöglichkeiten zu sprechen komme, möchte ich es Ihnen und mir noch etwas schwerer machen. Man kann im November 2002 nicht umhin, den September 2001 zu erwähnen. Hat US-Präsident Bush recht, wenn er sagt, daß wir in einem langen, sehr schweren Krieg stehen?  Man muß nicht unbedingt jeder amerikanischen Politik folgen, um zu dem Schluß zu kommen: Ja, er hat recht. (...)

Es ist ein sehr verbreiteter Irrtum, den totalitären Islamismus als Fundamentalismus aufzufassen. Fundamentalismus ist der Glaube an eine wörtliche Auslegung heiliger Texte einer Religion, und die Überzeugung, daß die jeweilige Religion die einzig wahre ist. Der Fundamentalismus ist sowohl bei Juden als auch bei Christen ziemlich weit verbreitet.

Islamismus ist auch fundamentalistisch, aber er geht über den Fundamentalismus weit hinaus, denn er zielt auf die Beherrschung der Welt, die, wenn sie nicht gutwillig zum Islam übertritt, mit Gewalt zu erobern ist. Das Endziel ist, das können Sie bei Ideologen wie Sayyid Qutb oder Abul A’lah al-Maududi und heutzutage in der islamistischen Presse nachlesen, die Utopie einer friedlichen, wunderbaren, vom Islamismus regierten Welt.

Diese Welt braucht keine Demokratie, denn alle Gesetze sind schon in der islamischen Gesetzgebung, der Shari’a, enthalten. (...)    Deswegen wendet sich der Islamismus auch gegen Nationalstaaten, besonders arabische Nationalstaaten und Nationalbewegungen, denn man will ja islamische Staaten errichten, die dann eine weltumfassende islamische Herrschaft errichten sollen. (...)

Der Islamismus will also Weltherrschaft, er will die Ersetzung des modernen Staates durch eine Regierung, die von islamischen Geistlichen nach mittelalterlicher islamischer Gesetzgebung geführt werden soll;  er ist im Prinzip gegen politische Beteiligung der Bevölkerung an der islamischen Regierung, und er will die korrupten, zu einem großen Teil nationalistischen arabischen Regierungen durch den islamischen Staat ersetzen.

Der Feind ist der Westen, die christliche Welt, und deren Stoßkraft sind die Juden. Die Juden werden nicht nur symbolisch, sondern allen Ernstes als Affen und Schweine definiert: Die Sprache des Islamismus ist klar und deutlich - Descartes würde sagen „clare et distincte“ - genozidal.   Eine Wiederholung des Massenmordes an den Juden wird angestrebt, das ist schwarz auf weiß nachzulesen.

Der Nahostkonflikt hat bestimmt viel damit zu tun, und auch amerikanische Militärstützpunkte in Saudi Arabien, dem heiligen Land der heiligen Städte, sind für die Islamisten untragbar.  Bin Laden hat sich erst ziemlich spät an Palästina erinnert, aber Qutb und andere maßgebende Ideologen haben schon vor ihm den jüdisch-palästinensischen Konflikt als casus belli bezeichnet.

Doch die antijüdische genozidale Propaganda beschränkt sich keineswegs auf Israel, denn Israel wird als der kollektive Jude gesehen, und alle Juden der Welt werden als Feinde definiert.  Es ist also genauso falsch, den israelisch-palästinensischen Konflikt zu ignorieren, wie ihn als die Hauptursache für den Aufstieg des Islamismus zu sehen. Wenn jemand glaubt, daß irgendeine Lösung des Nahostkonfliktes den Islamismus verschwinden lassen wird, so ist das eine gefährliche Illusion. Der Konflikt muß durch einen Kompromiß gelöst werden, weil er ein Gefahrenherd ist. Der Konflikt erschwert den Kampf gegen den radikalen Islamismus, das ist eine Tatsache.

Das alles hat sehr viel mit meinem Thema zu tun. Im letzten Jahrhundert entwickelten sich drei ideologische Bewegungen, die die Menschheitsgeschichte entscheidend beeinflußt haben: der Nationalsozialismus, der stalinistische Marxismus-Leninismus und der Islamismus.

Ich brauche wohl kaum zu betonen, daß es große Unterschiede zwischen diesen drei Ideologien und politischen Bewegungen gibt. Es gibt aber auch Parallelen, und die möchte ich hervorheben.

Erstens sind oder waren alle drei Religionen oder Quasi-Religionen.  Die Nazis hatten heilige Texte, an die man bedingungslos zu glauben hatte; beim Marxismus-Leninismus ist das noch klarer, vom heiligen Marx zur Sonne der Völker, Stalin. (...)   Der Islamismus hat natürlich seine absolut gültigen, schriftlichen, religiösen Autoritäten. 

Der Leninismus sprach vom Absterben des Staates als Ziel der Diktatur des Proletariats. Im Nationalsozialismus wurde der Staat abgebaut, weil die Volksgemeinschaft in der Person des Führers, der den Volkswillen durch die Partei verkörperte, der Souverän war. Der Nationalismus war der Ursprung des Nationalsozialismus gewesen;  doch ist uns heute klar, daß der Nationalsozialismus im Laufe der Zeit universalistische, anti-nationalistische Ansprüche entwickelte, in rassenideologischer Form. Der Islamismus ist, wie schon erwähnt, ebenso gegen den Nationalismus und gegen den modernen Staat ausgerichtet.

Doch es existiert noch ein Element, das, wenn auch in unterschiedlicher Form, den drei radikalen Ideologien gemeinsam ist - nämlich der Haß gegen die Juden.  Die Nazis wollten alle Juden auf der Welt vernichten. Der Stalinismus wollte wenigstens die sowjetischen Juden nach Sibirien verbannen, klarerweise unter Bedingungen, die ein Massensterben verursacht hätten. (...)  Der Islamismus, das muß man sehr scharf betonen, spricht gegenüber den Juden die Sprache des Genozids, so wie es die Nazis, und unter Stalin die Kommunisten taten. (...)

Die Juden heute, auch die großen jüdischen Organisationen, befassen sich mit einer wirklichen und reellen Gefahr, nämlich mit dem wachsenden Antisemitismus in Europa, Lateinamerika und auch Nordamerika. (...)    Aber völlig auf der Hand liegt die Tatsache, daß der westliche Antisemitismus in letzter Linie doch eine marginale Erscheinung ist. Keine demokratische Regierung ist antisemitisch, und es besteht heute keine Gefahr, daß eine auf dem Antisemitismus basierende Bewegung irgendwo in der westlichen Welt die Macht erringt. Das kann sich natürlich ändern, aber zumindest derzeit ist das die Lage.

Doch der islamistische Antisemitismus ist ein zentraler Bestandteil einer Ideologie, die mehr und mehr ums sich greift, unter einer Riesenbevölkerung von zirka 1,2 Milliarden Muslimen, also ungefähr einem Fünftel der Menschheit. (...)    Daß so etwas wie der Holocaust wieder eine Möglichkeit geworden ist, verdanken wir dieser hier skizzierten Entwicklung. Und unsere jüdischen Organisationen, wie auch die israelische Regierung, bekämpfen tapfer den westlichen Antisemitismus, der einem gefährlichen Skorpion gleicht, während hinter ihnen ein Riese mit einer großen Keule steht und losschlagen will.

Die Schoa ist nicht Geschichte, sondern Gegenwart. Sie ist Gegenwart für die Juden, die durch den heutigen Islamismus wieder bedroht sind.   Sie ist es für die, die verstehen, daß die Schoa eine universelle Warnung für die gesamte Menschheit ist.

Der Holocaust ist der paradigmatische Genozid im Bewußtsein des Westens, weil er die bislang extremste Form der genozidalen Pathologie darstellt. Doch nicht nur deswegen. Denn wenn ich versucht habe, die Parallelen zwischen Nationalsozialismus, Bolschewismus und Islamismus zu beschreiben, so muß ich auch einen der vielen Unterschiede zwischen diesen mörderisch-utopischen Ideologien erwähnen.

Die Präzedenzlosigkeit des Holocaust beruht zu einem gewichtigen Teil auf der Präzedenzlosigkeit des Nationalsozialismus. (...)  Der Kommunismus als der Versuch, soziale Klassen anders zu ordnen, manche zu vernichten und andere zur Macht gelangen zu lassen, ist ja an sich nicht neu. Die biblischen Propheten hatten nicht unähnliche Ideen. Die Wiedertäufer oder die französischen Revolutionäre Ende des achtzehnten Jahrhunderts hatten sie auch. Auch der Islamismus, die Utopie einer durch die einzig wahre Religion regierten Welt, ist schon mehrere Male dagewesen. Aber eine Utopie von einer Welt der Rassenhierarchie, das hatte die Welt noch nie vorher gesehen.

Auf der NS-Utopie sollte die Welt aufgebaut werden, auf dem Altar dieses Götzen wurden mindestens neunundzwanzig Millionen Menschen geopfert. Das war neu, das war, soweit ich das verstehe, die einzige wahre Revolution der letzten hundert Jahre. Das war präzedenzlos, und deswegen war auch die Schoa, der Versuch, alle Juden, den Satan selbst, wie die Nazis glaubten, im Namen dieser Rassentheorie zu ermorden, präzedenzlos.

Die Nazis mordeten die Juden ja nicht, weil sie ihr Vermögen rauben wollten, sondern sie raubten das Vermögen, weil es herrenlos wurde durch die Vertreibung, dann die Vernichtung der Juden.   Der Mord war, wie schon gesagt, anti-pragmatisch, rein ideologisch motiviert.

Doch auch das ist noch nicht alles. Die Juden, damals und heute, sind ein Symbol des Westens, weil ihre Traditionen eine der Grundlagen der westlichen Zivilisation sind. Dessen sind sich die meisten Juden, die genauso gut und genauso schlecht sind wie alle anderen Menschen, kaum bewußt. Wenn also die Nazis, die Stalinisten oder die Islamisten die westliche Welt und ihre Zivilisation bekämpfen und vernichten wollten oder wollen, so ist es gar nicht so unlogisch, die Juden als die ersten zu vernichtenden Feinde zu sehen. Man fängt mit ihnen an, und dann kommen die anderen dran.  Um das zu bekämpfen, soll mit vollem Recht versucht werden, die Moralkeule zu gebrauchen.

Lassen Sie mich zum Schluß wieder zu dieser Hauptfrage zurückkommen: Können Genozide verhindert werden?  Ja, denn im Prinzip hat der demokratische, liberale Westen die dafür nötige Macht. Große Monopole und Banken könnten vielleicht langsam zur Erkenntnis kommen, daß ermordete Menschen keine Waren kaufen und daß, wie die Schoa zeigte und wie es sich in Ruanda wiederholte, das Aufräumen nach einem Genozid viel kostspieliger ist, als eine relativ leicht durchführbare Verhinderung. (...)

Das sind ziemlich primitive, elementare Gedanken, die der moderne Kapitalismus aber wahrscheinlich erst lernen muß. Es gibt möglicherweise Anzeichen dafür, daß man es wirklich anfängt zu begreifen.  Dazu müßten gute Menschen in den Demokratien erst einmal ganz entschlossen handeln, um die notwendigen internationalen Werkzeuge zu schaffen, die Massenmorde und Genozide verhindern können. Vielleicht, hoffentlich, werden sie das tun. Hoffentlich kommen wir nicht zu spät.

Vor einer relativ kurzen Zeit gab es keine Menschen auf dieser blauen Erdkugel. Wir müßten eigentlich alles dafür tun, damit die Menschheit, also wir, doch noch etwas länger da sind.

 

Aus: Jüdische Allgemeine vom 21. 11. 2002

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