Denkendorfer Kreis
             
für christlich-jüdische Begegnung e.V.

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Aus dem Rundbrief vom 30. Januar 2002

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Das Schlüsselwort heißt „Begegnung" - Ein Blick auf die Anfänge und Ziele des Denkendorfer Kreises
Von Hartmut Metzger

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Erinnern wir uns an das Schweigen der Kirchen!

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Das ist Arafats letzte Chance" - Israels Premierminister Ariel Scharon über seinen Erzfeind, den Terror und die Zukunft eines Palästinenserstaates.

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Hasbara - Aufgabe für uns alle - Von Gabriel H. Cohn

 

Das Schlüsselwort heißt „Begegnung"

Ein Blick auf die Anfänge und Ziele des Denkendorfer Kreises

Von Hartmut Metzger

Eigentlich ist der Denkendorfer Kreis aus einer Verlegenheit entstanden. Aus einer sehr erfreulichen, positiven, aber doch aus einer echten Verlegenheit. Zu viele hoch motivierte Leute meldeten sich und fragten an, ob sie bei den sich anbahnenden Gesprächen zwischen Christen und Juden mitarbeiten könnten.

Solche Überraschungen gab es in kirchlichen Gefilden selten: Eine wichtige Aufgabe galt es anzupacken, und viele engagierte Leute drängten sich, dabei mitzumachen! Doch wie und wo?

Seit 1975 gab einen kleinen Kreis von kompetenten Kennern des Judentums und Freunden Israels, die sich kühn den Namen „Arbeitsgruppe Wege zum Verständnis des Judentums im Bereich der württembergischen Landeskirche" gegeben hatten. („Im Bereich der Landeskirche" war eine räumliche Bezeichnung, die auf unser geplantes Arbeitsfeld hinwies; doch wir waren „ökumenisch" zusammengesetzt, trafen uns in einer Einrichtung der Diakonie und hatten vorerst keinen landeskirchlichen Auftrag.) Sollte diese Arbeitsgruppe arbeitsfähig bleiben, so konnte sie nicht um hundert neue Mitglieder erweitert werden.

Die Lösung, einen Freundeskreis zu gründen, lag nahe. Interessenten gab es, wie gesagt, genug; ein Name, der gleichzeitig über unsere Zielsetzung orientierte, war bald gefunden: Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung.

Auf der Grundlage von vier Prinzipien konnte man beitreten: „Mitglied kann jeder werden: /dem das Verhältnis von Kirche und Israel wichtig ist, /der die gemeinsamen Wurzeln unseres Glaubens kennen lernen will, /der sich am Gespräch zwischen Christen und Juden beteiligen möchte, /der in seiner Umgebung etwas für Israel und den Frieden im Nahen Osten tun will. - Die Mitglieder unterstützen diese Arbeit mit einem Jahresbeitrag in Höhe von 25 DM bzw. 15 DM für Personen ohne Einkommen."

„Mitglied" und „Jahresbeitrag" waren nicht im juristischen Sinne gemeint; sie bezeichneten die Zugehörigkeit zum Kreis und den Anteil an den Kosten, die voraussichtlich - vor allem durch Rundbriefe und Informationsmaterialien - entstehen würden.

Im Jahr 1980 wurde der Denkendorfer Kreis gegründet. Den ersten Rundbrief - auf „hoffnungsvollem", hellgrünem Papier! - schrieb ich am 2. Dezember 1980. Die Anrede und den Stil kennen die Rundbrief-Leser bis heute. Damals geriet, vielleicht im Bewusstsein eines wichtigen Anfangs, ein bisschen viel Gefühl dazwischen.

„Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde! Obwohl unser Denkendorfer Kreis schon weit über hundert Mitglieder zählt, soll dieser erste offizielle Rundbrief recht persönlich gehalten sein... Die Teilnehmer am Biblischen Studienseminar „König David - Urbild des Messias" sitzen im Blarersaal drüben ohne offizielles Programm zusammen, hören Musik und erholen sich von der intensiven biblischen Arbeit des Tages, so dass ich mich an meinen Schreibtisch zurückziehen konnte, um diesen längst fälligen Brief an Sie zu schreiben.

Die Stimmung des Abends lädt dazu ein: vor dem Fenster draußen wirbeln die Schneeflocken; in den Kreuzgängen des Klosters leuchten die Kerzen aus den Adventsgestecken, und zuletzt ist der heutige Abend auch noch „Erev Chag", der Vorabend von Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, dessen erster Tag mit dem heutigen Abend angebrochen ist.

Doch nun ist es wohl besser, sachlicher fortzufahren, will ich Ihnen doch nicht in erster Linie einen Gruß zum Advent, sondern die Bestätigung Ihres Beitritts zum „Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung" und die ersten Mitteilungen schicken..."

Die Rundbriefe sollten das wichtigste Band, das die Mitglieder untereinander zusammenhält, werden. Auch über die beigefügten Informationsmaterialien, „Anlagen" genannt, sollten „Begegnungen" stattfinden, die die persönlichen Begegnungen ergänzen und vertiefen konnten.

Dem ersten Rundbrief lag nur eine „Anlage" bei, die bezeichnenderweise aus den beiden Thora-Lernwochen 1978 und 1980 hervorgegangen war: Die Schabbatlesungen des jüdischen Jahres. Der Hinweis darauf stellte die „Anlage" in einen größeren „Begegnungs"-Zusammenhang: „Vielleicht bekommen Sie dadurch Lust, sich zusammen mit der jüdischen Gemeinde durch die Thora hindurchzulesen."

Die „Schabbatlesungen" erscheinen seither jedes Jahr im Herbst - zum Beginn des neuen jüdischen Jahres. Tradition wächst mit der Zeit...

Im Jahr 1981 schrieb ich sechs Rundbriefe, 1982 fünf. Der „Jahresbeitrag" reichte für die Material- und Portokosten aus; denn „Drucksachen" waren damals erschwinglich. Die „Anlagen" leuchteten zunehmend in bunten Farben - nur damit nicht alles so langweilig weiß war; die Farben selber waren ohne jeden symbolischen Hintergrund!

Gleich im zweiten Rundbrief, am 29. Januar 1981 geschrieben, gab es einen politischen Schwerpunkt: Neben „Oz Weschalom - Information über eine politische Gruppe in Israel" thematisierte ich eine anti-israelische Pressekampagne:

„Wenig erfreulich, aber wohl notwendig ist die Information über die ‚UN-Politik an Israels Grenzen’. Vor etlichen Wochen hörte ich zuerst im Rundfunk, später las ich es in der Zeitung, israelische Soldaten hätten fünf getötete Palästinenser in die Luft gesprengt und verbrannt. Mich trieb diese Nachricht um. Juden verbrennen keine Toten; da mußte schon etwas Furchtbares geschehen sein. Und holländische UN-Soldaten protestierten!...

Genaueres erfuhr man nicht; es war wieder eine Nachricht, unscharf aber wirksam, die das Bild vom bedenkenlosen israelischen Militarismus verstärkte. - Lesen Sie bitte den ausführlichen Bericht dazu, den die Allgemeine jüdische Wochenzeitung in ihrer Ausgabe vom 16. Januar 1981 veröffentlichte. (Ich habe diese ‚Berichtigung’ nur in diesem von seiner Auflage her wenig bedeutenden und einflußreichen Blatt gelesen. Fand jemand von Ihnen einen sachlichen Bericht in einer der großen Zeitungen?)

Im folgenden Rundbrief (vom 28. Februar 1981) griff ich diesen Fall nochmals auf: „Holländische Soldaten hatten auf Grund von falschen Beobachtungen eine israelfeindliche Propagandakampagne entfacht: Versuche Israels, die Verleumdungen zu widerlegen, wurden von UN-Kreisen rundweg abgewiesen.

Mittlerweile habe ich von einem Bekannten gehört, der vor wenigen Wochen aus Israel zurückgekehrt ist, daß es doch noch zu einer Aufklärung und Richtigstellung gekommen sei: Daraufhin sei der holländische Verteidigungsminister nach Jerusalem gekommen und habe seinem israelischen Kollegen gegenüber offiziell das Bedauern der holländischen Regierung ausgesprochen. In der israelischen Presse muß dieses Ereignis große Beachtung gefunden haben; - vielleicht hat jemand von Ihnen auch in der europäischen Presse etwas darüber gelesen?"

Das war vor 21 Jahren! Wenn man dies liest, fragt man sich: Was hat sich seither geändert?

Und auch das andere ist wohl gleich geblieben: Wer Verleumdungen entgegentritt, mögen sie von der UN oder auch aus kirchlichen Kreisen kommen, der merkt, wie feindselig weithin die Stimmung gegenüber Israel ist. Wenn er Glück hat, wird er als „einseitig proisraelisch" abqualifiziert und in eine geistige Schublade gesteckt. Doch man hat nicht immer Glück...

Begegnungen mit Juden und Eintreten für Israel hat für den Denkendorfer Kreis eine immer größere Bedeutung gewonnen. Das spiegelt sich seit den Anfängen in vielen persönlichen Berichten und auch in den Artikeln der Rundbriefe wider.

Der christlich-jüdische Dialog, wie wir ihn in Württemberg planten, unterschied sich von ähnlichen Bestrebungen im Bereich der EKD: Uns lag weniger daran, einen Kreis von Experten heranzuziehen, als das „Gespräch zwischen Christen und Juden" in die Gemeinden hineinzutragen; nicht nur die „Amtsträger", sondern auch und vor allem die „Laien" sollten beteiligt werden. Doch wie konnte dies in der Praxis bewerkstelligt werden? Es gab ja nur ganz wenige Juden im Lande, die als Gesprächspartner in Frage kamen!

Unsere Idee, jüdische Freunde aus Israel in die Gemeinden zu schicken, konnten wir mit Hilfe des Denkendorfer Kreises verwirklichen. Die Mitglieder klärten vor Ort die nötigen Fragen und bereiteten die Treffen vor: Gemeindeabende zu jüdischen Themen, Vorträge über Israel, Bibelauslegungen in jüdischer Tradition. Da diese Unternehmungen finanziell sich selber tragen mussten - einen landeskirchlichen Zuschuss gab es nur zu der jährlichen Thora-Lernwoche im Sommer -, spielten auch die organisatorischen Überlegungen eine große Rolle. Unsere jüdischen Freunde kamen uns insofern entgegen, als sie ganze Wochen (mindestens eine, maximal drei Wochen) sich zur Verfügung stellten; da konnten eine Menge Begegnungen in Gemeinden landauf landab vereinbart werden!

Für Themen über Judentum und Israel waren Anfang der 80er Jahre als Referenten unterwegs: Avital und Schalom Ben-Chorin; Dr. Joseph Walk, Ruchama und Dr. Awraham Möller, Chawa und Efraim Jonai, Susi und Fritz Goldschmidt, Esther und Dr. Roland Gradwohl; aber auch Werner Neufliess und Jakob und Hanna-Ruth Fröhlich: Es gab ja auch interessierte Gärtner und Landwirte im Schwabenland!

So reisten jüdische Freunde auf unsere Einladung hin durch unser Land; und wir verstärkten andererseits die seit Anfang der 70er Jahre bestehende Denkendorfer Tradition, durch Israelreisen dem Land und Volk der Bibel zu begegnen. Dabei gab es auch Missverständnisse zu klären! (RB vom 6.Dez. 1981: )

„Im vorigen Rundbrief habe ich die 3wöchige Studienreise im Sommer 1982 angezeigt, wobei es anscheinend zu dem Missverständnis kam, als könnten nur Lehrer und Religionslehrer sich dazu anmelden. Dem ist nicht so. Unsere Studienreisen sind vorrangig auf pädagogische kirchliche Mitarbeiter ausgerichtet und stellen an die Teilnehmer ziemliche Ansprüche; grundsätzlich kann sich aber jeder, der am christlich-jüdischen Gespräch teilhaben möchte, dafür melden. Das gilt natürlich v. a. auch für die Mitglieder unseres Denkendorfer Kreises."

Noch kräftiger und belustigender ist ein späterer Eintrag (RB vom 4. 3. 83: )

„Wir müssen, was die Studienreisen anlangt, etwas gegen unser Image tun! Es ist mir schon wiederholt begegnet, daß ausgezeichnete Leute sich nicht anzumelden wagten, weil sie sich nicht als ausreichend qualifizierte Fachleute fühlten. Aber das ist ein Mißverständnis: Experten brauchen Sie nicht vorher zu sein, da reichen Aufgeschlossenheit und Bereitschaft zum Hören und Lernen; hinterher allerdings haben wir nichts dagegen, wenn Sie sich dann zu Experten vervollständigen!"

Israelreisen sind Begegnungen intensivster Art mit Menschen, Land und Geschichte des jüdischen Volkes. Auch wenn es fast immer so aussah, als ob die Lage in Israel gerade besonders gefährlich sei - Anfang der 80er Jahre braute sich der Libanonkrieg zusammen -, im Lande selbst sah es nochmals anders aus.

Die sogenannten „Jahresbeiträge" wurden von vielen „Mitgliedern" schon bald zu Spenden aufgestockt, mit denen der Denkendorfer Kreis neue Kontakte schaffen konnte: etwa durch Unterstützung sozialer und karitativer Einrichtungen in Israel. Über diese Art von Begegnungen, in die auch viele junge Leute hineingenommen wurden, lässt sich vielleicht ein andermal berichten.

Eine ausgefallene Suchanzeige aus den ersten Jahren wäre dann vielleicht ein guter Einstieg: "Gesucht werden 2 Hausfrauen und 1 Klavier" (RB vom 23. Mai 1982). - Doch die Ergebnisse möchte ich jetzt nicht vorwegnehmen.

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Erinnern wir uns an das Schweigen der Kirchen!

Die evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg haben in den Jahren 1984 und 1988 sowie 2000 Antisemitismus und Antijudaismus in synodalen Beschlüssen eine klare Absage erteilt. Sie haben in weiteren Erklärungen - wie zum Beispiel die Badische Landessynode in ihrer veränderten Grundordnung - „alle Formen der Judenfeindlichkeit" verurteilt.

In den vergangenen Wochen und Monaten klagen namhafte Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland (und auch sonst in Europa), dass Gemeinden und Einzelpersonen sich verstärkt antisemitischen Äußerungen und Reaktionen ausgesetzt sehen. Sie erleben, wie in enger Vermischung mit dem Nahostkonflikt dabei auch ein letztes Tabu angetastet wird: die Existenzberechtigung Israels als jüdischer Staat. Antisemitismus gibt sich getarnt als Anti-Israelismus. Daran sind - anders als noch vor kurzer Zeit - auch renommierte Personen (z. B. Günter Grass und Jürgen Möllemann) wie auch seriöse Zeitungen beteiligt (Der Spiegel, DIE ZEIT).

Warum schweigen kirchenleitende Personen zu öffentlichen antijüdischen Ausfällen? Warum sind aus ihren Reihen sogar antiisraelische Äußerungen zu hören?

Erinnern wir uns an das Schweigen der Kirchen! Als im Blick auf den Boykottaufruf zum

1. April 1933 die Reichsvertretung der deutschen Juden an die beiden großen Kirchen appellierte, sich gegen den Boykott bei der Reichsregierung zu verwenden, reagierten die Kirchen darauf überhaupt nicht. Wäre nicht wenigstens jetzt aus der Geschichte zu lernen, dass die Kirchen sich vor die jüdischen Bürger und deren Einrichtungen zu stellen haben, ohne diplomatisches Wenn und Aber?

Wir beklagen die mangelnde Solidarität mit dem jüdischen Volk und seinem Staat Israel. Während die jüdischen Israelis in einem Existenzkampf stehen, wie seit 1948 nicht mehr, erteilen kirchliche Repräsentanten Ratschläge gegen Gewalt. Oder sie geben, offen oder versteckt, dem Staat Israel die Schuld an der erfahrenen Gewalt. Israel verweigere, so ist aus kirchlichem Mund zu hören, den Palästinensern ihr Recht auf eigene staatliche Identität und verhindere ökonomische und soziale Entwicklungschancen. Andererseits werden Terroristen, die Israelis in Angst und Schrecken versetzen, selbst in christlichen Publikationen als "Verzweiflungstäter" verharmlost.

Wir protestieren gegen die Gleichgültigkeit unserer Kirchen Juden gegenüber.

Wir verurteilen die Bereitschaft unserer Kirchen, letztlich den jüdischen Staat für den erlittenen Terror verantwortlich zu machen.

Wir rufen dazu auf, den hehren Worten gegen jede Form der Judenfeindlichkeit, geschrieben in Synodaltagungen und gesprochen zu Gedenktagen, Taten folgen zu lassen.

Freundeskreis Kirche und Israel in Baden e. V. - Johanna Fischle 1. Vorsitzende

Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung e. V.   - Dr. Hartmut Metzger, 1. Vorsitzender

Im Januar 2002

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Ariel Scharon, Israels Ministerpräsident, hat hierzulande vorwiegend eine unfreundliche Presse. Ent-sprechend fällt auch in der Bevölkerung das Urteil über ihn aus. Dabei wissen die meisten nur gerüchteweise etwas von ihm zu erzählen.

DIE ZEIT brachte in ihrer Ausgabe vom 27. Dezember 2001, das folgende Interview. Wer wissen möchte, wie Scharon die Lage einschätzt und nach welchen Überzeugungen er handelt, kann sich hier informieren. Denn - und das hat in der Politik fast Seltenheitswert - Scharon meint, was er sagt; er macht niemandem etwas vor, weder Freunden noch Feinden. Hartmut Metzger.

 

„Das ist Arafats letzte Chance"

Israels Premierminister Ariel Scharon über seinen Erzfeind, den Terror und

die Zukunft eines Palästinenserstaates.

 

DIE ZEIT: Sie haben Jassir Arafat kürzlich als „größtes Hindernis für den Frieden in Nahost" bezeichnet, ihm auch „Irrelevanz" bescheinigt. Wird ohne Arafat der Frieden florieren?

ARIEL SCHARON: Der Vorsitzende hat sich selbst zur Irrelevanz verdammt, weil er nicht die strategische Entscheidung getroffen hat, den Terrorismus zu bekämpfen. Er hat sich im Gegenteil für eine Strategie des Terrors entschieden, obwohl er in Camp David (im Sommer 2000) mehr von Barak bekommen hat als je von einem anderen israelischen Premier zuvor - oder je bekommen wird, auch nicht von mir. Aber er hat nicht nur eine Strategie, sondern auch eine Koalition des Terrors aufgezogen...

ZEIT: ...wie das?

SCHARON: In der Vergangenheit haben Dschihad, Hamas, PFLP, vom Libanon aus Hizbullah den Terror betrieben. Jetzt aber haben wir es mit einem neuen Phänomen zu tun. In der Koalition befinden sich auch Mitglieder der Präsidentengarde Force 17, die Tanzim (ein militärischer Arm der Fatah-Bewegung, d. Red.), die voll unter der Kontrolle Arafats stehen. Können Sie sich die Sicherheitskräfte des deutschen Kanzlers als Teil einer Terrorgruppe vorstellen?

Im vergangenen Jahr gab es auf israelischer Seite 240 Tote und 2329 Verletzte - insgesamt 10300 Akte des Terrors. Etwa 40 Prozent der Opfer wurden durch Kräfte verursacht, die dem direkten Befehl Arafats unterstehen.

ZEIT: Wenn aber in dieser Lesart Arafat im Zentrum des Terrors steht, wie soll er dann den Terror kontrollieren, wie Sie es von ihm fordern?

SCHARON: Arafat handelt nur unter Druck - und wenn er international isoliert ist. Nicht nur ist er das größte Friedenshindernis. Er ist auch verantwortlich für die elenden Lebensbedingungen des palästinensischen Volkes. Ich habe zweimal mit Arafat gesprochen und ihm klar gesagt, dass ich unterscheiden will zwischen den gewöhnlichen Leuten und den Terroristen. Und wenn er nicht den Terror bekämpft, würden wir es tun.

ZEIT: Aber hier entsteht ein Widerspruch: Wie können Sie von Arafat erwarten, dass er die Terrorgruppen bekämpft, wenn Sie gleichzeitig seine Machtmittel, also seine Polizeikräfte attackieren?

SCHARON: Das ist kein Widerspruch. Erstens greifen wir Stützpunkte der Force 17 und der Tanzim an, die Teil der Terrorstrategie sind. Sie sind unsere Feinde, gegen die wir vorgehen müssen. Sie können doch nicht erwarten, dass wir Kräfte wie die Fatah in Ruhe lassen, die sich auch noch, wie gerade geschehen, zum jüngsten Terrorangriff bekennen. Wenn Mörserangriffe aus Gaza kommen, werden wir direkt darauf antworten. Sie müssen wissen, wer in Gaza für die Produktion von Mörsern verantwortlich ist: Rasid Dschabali, der Chefinspektor der palästinensischen Polizei. Wir haben sein Hauptquartier zerstört, weil just dort die Mörser und die Munition produziert werden.

ZEIT: Wenn Arafat „irrevelant" ist, haben Sie dann einen anderen Partner?

SCHARON: Es gibt andere, die pragmatischer sind. Die haben sehr wohl verstanden, dass Arafat sie in eine Sackgasse geführt hat. Von denen, die sich keineswegs zu Zionisten gemausert haben, könnte man sehr wohl erwarten, dass sie...

ZEIT: ...neue Partner für den Frieden sind?

SCHARON: Hier und jetzt? Nein, noch nicht. Das ist nicht einfach für sie, jetzt aufzustehen und ihren Kopf rauszustrecken. Solange jedermann in Europa wiederholt, dass er in Arafat den einzigen Führer sieht, wird das für diese Leute noch schwerer.

ZEIT: Wissen Sie, wer diese Pragmatiker sind?

SCHARON: Natürlich. Nur will ich es denen nicht noch schwerer machen, indem ich sie beim Namen nenne.

ZEIT: Einer Ihrer Minister, Ephraim Sneh, behauptet, das „Irrevelanz"-Etikett müsse nicht ewig an Arafat kleben. Was müsste Arafat denn tun, um wieder „relevant" zu werden?

SCHARON: Ich glaube nicht an Worte und Erklärungen. Wir haben die Nase voll davon. Arafat hat so oft geschworen und so oft seine Gelübde gebrochen. Das ist also eine hypothetische Frage.

ZEIT: Sie könnten aber sehr wohl sagen. Wenn er das und das tut, werden wir zum Beispiel unsere Panzer aus Ramallah zurückziehen, die Arafats Hauptquartier umzingelt haben.

SCHARON: Lassen Sie uns über Ramallah reden. Dort hält Arafat regelmäßigen Kontakt zum Befehlshaber der PFLP, die verantwortlich ist für die Ermordung unseres Minister Ze’evi. Wir werden erst nachlassen, wenn diese PFLP-Leute bestraft worden sind. Das müssen Sie verstehen. Arafat wird sich so lange nicht frei bewegen können, bis Gerechtigkeit geschehen ist.

ZEIT: Er bleibt also praktisch in seinem Hauptquartier eingesperrt? Er kann sich nicht mehr vom Fleck rühren?

SCHARON: Er kann sich nicht bewegen, solange diese Leute nicht im Gefängnis sind. Das ist in seinem ureigenen Interesse. Außerdem: Warum hat denn das Kabinett entschieden, dass sich Arafat selbst irrelevant gemacht hat? Wie sagt man das auf Englisch? Ach ja, das war der Strohhalm, der dem Kamel das Rückgrat gebrochen hat. Wie sagen Sie das auf Deutsch, bei Ihren Kamelen...?

ZEIT: Wir nennen es den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

SCHARON: (lacht) Das Bierfass, richtig? Wir wussten, dass die Palästinenser diesen Bus attackieren würden - nur nicht, wo und wann (es geschah Anfang Dezember in Haifa, d. Red.). Wir haben dem amerikanischen Unterhändler Zinni, dann Arafat die Namen und die Details gegeben. Er hat absolut nichts getan. Das hat ihn irrelevant gemacht.

ZEIT: Ihr Außenminister Schimon Peres hat gesagt: „Selbst wenn wir all unsere Peitschen benutzen, müssen wir trotzdem auch Zuckerbrot anbieten. Sonst gibt es keinen Waffenstillstand." Welchen Anreiz können Sie Arafat bieten?

SCHARON: Schimon Peres ist ein sehr alter Freund; wir reden regelmäßig miteinander. Es stimmt, wir brauchen auch das Zuckerbrot. Trotzdem würde ich diese Frage von der des Waffenstillstands trennen. Mit Zuckerbrot meint Peres eine politische Lösung. Aber ohne Gewaltverzicht? Das kann ich nicht akzeptieren. Wir haben es ganz klar gemacht, dass es zuerst einen totalen Terrorstopp geben muss.

ZEIT: Aber damit räumen sie den Terroristen doch eine Vetomacht ein. Sie können die Waffenruhe, die Vorstufe zum Verhandeln, jederzeit mit einem weiteren Angriff torpedieren.

SCHARON: Mir sind die Realitäten sehr wohl bewusst. Und deshalb sage ich: Wenn die Palästinenser wenigstens eine 100-Prozent-Anstrengung machen würden und trotzdem etwas passiert, wenn also irgendein Wahnsinniger losschlägt, dann - glauben Sie mir - würden wir Verständnis aufbringen. Aber wenn Arafat diese Anstrengung nicht macht...

ZEIT: ...was heißt „100-Prozent-Anstrengung"?

SCHARON: Ich will Ihnen fünf Kriterien nennen. Erstens: Arafat müsste die Terroristen, die Chefs der Organisationen, tatsächlich verhaften.

Zweitens: Diese Terrorgruppen müssen wirklich entmachtet werden und nicht bloß so, wie wir es auf dem Bildschirm sehen, wenn diese geleerten und mit Klebestreifen versiegelten Büros gezeigt werden. Ich meine echte Entmachtung, damit diese Gruppen nicht mehr agieren können.

Drittens: Ihre Waffen müssen konfisziert und an amerikanische Repräsentanten übergeben werden, so wie es in den Abkommen steht, die Arafat in der Vergangenheit unterschrieben hat.

Viertens: Arafat muss ernsthafte Vorbeugung betreiben - wie er es bei dem bereits erwähnten Busangriff nicht getan hat.

Fünftens: Die Hetze, die Aufwieglung zur Gewalt muss aufhören.

All das wäre der Beweis für eine 100-Prozent-Anstrengung. Reden sind nicht genug.

ZEIT: Ein ungenannter hoher Sicherheitsbeamter wurde gerade mit den Worten zitiert: „All unsere Antiterrormaßnahmen im vergangenen Jahr ähneln dem Versuch, das Meer mit einem Löffel auszuschöpfen." Mithin müsse auch eine politische Lösung angeboten werden.

SCHARON: Die Sicherheitsleute können Fragen besser stellen als Antworten geben. Die Öffentlichkeit wird nur sehr selten erfahren, wie erfolgreich wir im Antiterrorkampf wirklich gewesen sind. Warum bettelt denn Arafat neuerdings täglich um Unterstützung, am Telefon?

ZEIT: Bei wem?

SCHARON: Ich bin sicher: bei meinem Freund Joschka Fischer, meinem Freund Chirac, bei Präsident Mubarak, bei einem anderen alten Freund, Wladimir Putin. Was Arafat dazu treibt, ist der israelische Druck.

Zweierlei motiviert ihn mehr als alles andere:

Einmal, was Schimon Peres „gezieltes Abfangen" nennt. Zweitens: dass wir jene verhaften, die seine Sicherheitsleute nicht verhaften. Vorbeugung und Verhaftung könnte er natürlich selbst in die Hand nehmen.

ZEIT: Ami Ayalon, der frühere Chef des Inlandgeheimdienstes Schin Beth, sagt ganz öffentlich: Wenn es keine Aussicht auf eine Friedenslösung gibt, dann machen „gezielte Tötungen" aus Kämpfern Selbstmordattentäter. Muss es also außer Druck auch noch Anreize geben?

SCHARON: Wenn Ruhe herrscht. Sie müssen verstehen: Wir werden nicht unter Feuer verhandeln.

ZEIT: Die derzeitige israelische Strategie scheint so auszusehen: Symbolische Schläge gegen leere Polizeistationen oder Arafats Hubschrauber, militärische Vorstöße auf palästinensisches Territorium, Belagerung und räumliche Isolierung palästinensischer Städte. Wenn das die Strategie ist, was ist das politische Ziel?

SCHARON: Wir wollen irgendwann den Punkt erreichen, wo wir politische Verhandlungen aufnehmen können, um damit Frieden zu erreichen. Ich habe es oft genug wiederholt: Ich bin bereit, sehr weit zu gehen und schmerzhafte Kompromisse einzugehen für einen echten, dauerhaften Frieden.

ZEIT: Enthalten solche Kompromisse auch einen palästinensischen Staat, wie Sie im September angedeutet haben?

SCHARON: Was ich gesagt habe, habe ich gesagt. Zum Schluss wird es einen palästinensischen Staat geben. Zum Schluss. Aber einen demilitarisierten Staat, der keine Bündnisse mit den Feinden Israels schließen darf. Israel muss die Lufthoheit behalten, sonst können wir uns ja hier kaum bewegen. Das alles als Folge einer Übereinkunft...

ZEIT: ...aber Ihr Angebot wird nicht so gut sein wie das von Barak in Camp David?

SCHARON: (lacht) Heute sagt Barak, dass er dieses Angebot gemacht habe, um Arafats Absichten zu testen...

ZEIT: ...er hat es also nicht ernst gemeint?

SCHARON: Ich sage, was er mir gesagt hat. Ich habe allerdings noch nie erlebt, dass ein Politiker die Absichten eines anderen testet, indem er Risiken eingeht, die das Überleben seiner Nation berühren. Damit macht man keine Experimente. Trotzdem: Damals hat Arafat ein Angebot erhalten, das er noch nie zuvor bekommen hat und auch nicht wieder bekommen wird, nicht von mir, nicht von einem anderen israelischen Premier.

ZEIT: Lassen Sie mich eine allgemeinere, sozusagen eine philosophische Frage...

SCHARON: ...wissen Sie übrigens, wie viele Terrorakte wir gezählt haben, seitdem Arafat jene Rede gehalten hat, in der er zur Beendigung des Terrors aufrief (am 16. Dezember)? Es waren 49 Attacken. In Israel gibt es sechs Millionen Menschen, in Deutschlang 80 Millionen, fast 14-mal mehr. Auf Ihre Verhältnisse umgerechnet, wären die 242 Terrortoten (seit Beginn der zweiten Intifada im Herbst 2000, d. Red.) etwa 3400. Wie hätte wohl Deutschland auf solche Zahlen reagiert?

ZEIT: Sie haben Anfang des Jahres im Wahlkampf gesagt: „Die Araber wollen nicht, dass die Juden hier sind. Das ist der Kern des gesamten Problems." Wenn dies das Kernproblem ist, dann verneinen Sie so wohl die Möglichkeit einer politischen Lösung?

SCHARON: Lassen Sie mich etwas ausholen. Wir haben einen Friedensvertrag mit Ägypten, dann mit Jordanien abgeschlossen. Aber auch diese Länder verweigern die Anerkennung eines jüdischen Geburtsrechtes auf einen eigenen Staat.

Wir erleben hier arabischen Terror seit 120 Jahren, seit fünf, sechs Generationen. Und trotzdem ist es uns gelungen, Millionen von Juden in dieses Land zu holen, aus 102 Ländern mit 82 Sprachen. Jetzt sprechen sie alle Hebräisch, die Sprache der Bibel. Wir haben eine hoch entwickelte Wirtschaft geschaffen, dazu eine wunderschöne eigene Kultur - und all das, während wir das Schwert in der Hand behalten haben. Was nun? Vorweg: Wir wollen Frieden. Aber vielleicht wird das noch viele Jahre erfordern. Ich hoffe, dass im Jahre 2020 die Mehrheit des jüdischen Volkes hier in Israel leben wird.

ZEIT: Israels Wirtschaftsleistung ist in der Tat beeindruckend. Doch können die Palästinenser, wie jetzt geschehen, die Tourismusindustrie mit Selbstmordbomben lahm legen. Das heißt: Die Schwachen können den Starken das Leben sehr schwer machen, folglich muss Frieden...

SCHARON: ...was sollen wir tun? Kapitulieren? Ich bin ein Jude. Zum ersten Mal seit 2000 Jahren haben die Juden ein winzig kleines Land, 15-mal kleiner als Deutschland. Israel ist das einzige Land in der Welt, wo die Juden das Recht haben, sich selbst zu verteidigen. Und dieses Recht werden wir nie aufgeben.

ZEIT: Die Palästinenser werden auch nie aufgeben.

SCHARON: Aber wir können eine Lösung mit den Palästinensern finden...

Die Sekretärin betritt mit ungeduldiger Miene das Büro und legt Scharon einen Zettel vor. Er winkt ab und sagt auf Hebräisch: „Noch zehn Minuten."

...das war der britische Premier Tony Blair, der mich sprechen will, mit dem ich übrigens ein ausgezeichnetes Verhältnis habe.

Wir wissen, was den Juden im Zweiten Weltkrieg angetan worden ist. Sie in Deutschland oder Europa sollten deshalb nicht einmal versuchen, uns zu Konzessionen zu bewegen, nur weil Arafat irgendwelche Versprechen abgibt. Solche Ratschläge werden wir nicht akzeptieren. Vielleicht würde das mit einem anderen Premier funktionieren. Aber nicht mit mir. Nicht mit mir.

ZEIT: Was also wären Sie bereit, für den Frieden zu tun?

SCHARON: Ich bin bereit, sehr weit zu gehen. Und ich sage Ihnen, warum. Ich habe an jedem israelischen Krieg teilgenommen. Ich habe alle Schrecken des Krieges erlebt. Ich wurde zweimal schwer verwundet. Ich hatte Entscheidungen über Leben und Tod zu fällen - für mich selbst und für andere. Glauben Sie mir: Ich verstehe den Vorrang des Friedens besser als viele Politiker, die nie im Krieg gewesen sind.

Aber Frieden bedeutet für mich Frieden in Sicherheit. Ich denke, dass ich dazu eher in der Lage bin als andere. Dies ist vielleicht Arafats letzte Chance. Aber es wird sehr schwer sein, unseren Bürgern ins Auge zu blicken und ihnen Konzessionen für den Frieden abzufordern, zumal Israel keinen einzigen Krieg verloren hat. Aber ich glaube, dass ich derjenige bin, der unseren Menschen sagen kann: Das und das müssen wir jetzt tun.

ZEIT: ...Sie können es eher schaffen als Peres oder Barak oder Netanjahu?

SCHARON: Ich glaube nicht, dass die Menschen ihnen mehr vertrauen würden als mir. Sie wollen jemanden haben, der bei all den Schlachten und Kriegen dabei gewesen ist, von dem sie glauben, dass er sie in der Vergangenheit in komplizierten Situationen gerettet habe. Deshalb verlieren die Palästinenser Zeit. Jetzt ist der Moment, da sie verstehen müssen, dass sie einen würdevollen Frieden erreichen können. Aber die Araber verstehen das nicht.

ZEIT: Was verstehen sie nicht?

SCHARON: ...dass sie jetzt eine echte Chance haben. Ein Abkommen wird nicht einfach sein, aber sie wissen genau, wo ich stehe. Ein Ja ist ein Ja, und ein Nein ist ein Nein, genauso wie ich mit all den Regierungschefs rede, etwa mit Kanzler Schröder.

Ich spiele mit offenen Karten. Ich biete den Arabern Frieden an. Aber niemand sollte glauben, dass diese Bereitschaft meine Entschlossenheit mindert, unser Volk zu verteidigen. Ich will keine Eskalation, es wird keine Kriege geben. Ich bin bereit, zu verhandeln, aber das Allerwichtigste ist die Sicherheit Israels.

Das Gespräch führte Josef Joffe

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Das hebräische Wort „Hasbara" bedeutet auf Deutsch „Aufklärung" oder auch „Propaganda". Alles, was sich in der Öffentlichkeit abspielt, vorzugsweise durch die verschiedenen Medien vermittelt, fällt darunter. Dr. Gabriel H. Cohn aus Jerusalem weist in seinem Artikel, der in der deutschsprachigen israelischen Zeitung ISRAEL NACHRICHTEN am 16. November 2001 erschienen ist, auf viele Falschmeldungen und Fehlentwicklungen hin, die der „Aufklärung" durch Widerspruch gegen eine irreführende „Propaganda" bedürfen: Hasbara - Öffentlichkeitsarbeit als Aufgabe für uns alle! HM

Hasbara - Aufgabe für uns alle
Von Gabriel H. Cohn

Immer wieder wird betont - auch in den „Israel Nachrichten" -, wie einseitig die Presseberichte über Israel und den Nahostkonflikt im Ausland sind. Ein Blick auf die deutschsprachige Presse in Deutschland und der Schweiz kann dies nur bestätigen. Viele der Artikel, die von Israel berichten, enthalten geradezu unglaubliche Entstellungen.

Leider sucht man vergebens nach informativen Erwiderungen, die diese lügenhafte anti-israelische (oft direkt auch anti-jüdische) Propaganda sachlich zurückweisen. In Amerika und manchen Ländern Europas (zum Beispiel Frankreich) ist die Lage anders. Dort betrachten es Israel-freundliche Kreise und jüdische Organisationen als ihre Aufgabe, Israel bei der Abwehr- und Aufklärungsarbeit zu helfen.

Nachfolgend einige Beispiele weitverbreiteter Argumente, die ein völlig verzerrtes Bild der Nahost-Situation geben - und die von Israel-Freunden in Europa in stetiger, wachsamer Arbeit widerlegt werden sollten.

Da las ich in der „Basler Zeitung" in einem tendenziösen historischen Überblick, dass die Juden, welche überall verfolgt wurden, einen eigenen Staat haben sollten. „Die Wahl fiel auf Palästina. Die Tatsache, dass dort ein anderes Volk lebt, wurde in der Begeisterung ignoriert."

‚Zufällig’ fiel die Wahl auf Palästina? Das Land, wo nur Israel je einen eigenen Staat hatte; das Land, zu dem die Juden der Welt immer zurückkehrten (unter ihnen die größten jüdischen Denker wie Maimonides, Yehuda Halevy und Nachmanides); das Land, das von den Einwanderern der letzten Jahrhunderte auf gekauftem Boden (!) mit viel Hingabe bebaut wurde und dessen Zentrum Jerusalem schon 150 Jahre mehrheitlich von Juden bewohnt wird - das seit biblischen Zeiten für Israel heilige Land...

Und die Präsenz der Araber wurde ignoriert? Vom Gebiet Mandatspalästinas, auf dem Lord Balfour und später der „Völkerbund" die Errichtung eines jüdischen Staates versprachen (1917), begnügten sich die Juden mit 15 Prozent (!!!), und dies, um mit den Arabern zu einer friedlichen Lösung zu kommen - der Hauptteil des Landes (über 75 Prozent) ging an Jordanien, dessen Bevölkerung bis heute mehrheitlich Palästinenser sind, und der Rest an den 1947 geplanten Palästinenserstaat.

Israel sei nicht bereit, für den Frieden Opfer zu bringen, heißt es in einem anderen Artikel. Welcher Unsinn! Für die Friedenschancen mit Ägypten (vorerst leider nur ein ganz kalter Frieden!) gab Israel alle im Verteidigungskrieg erkämpften Gebiete auf.

Ehud Barak hat 95 Prozent von Jehuda und Schomron (irrtümlicherweise Westbank genannt) angeboten.

Aber welcher Palästinenserführer redet von Frieden? Arafat hat in seinen arabischen Reden das Wort „Frieden" im Zusammenhang mit Israel nicht ein einziges Mal benützt. Statt dessen rufen die ihm unterstellten Medien zur Zerstörung Israels auf.

Wenn Oslo einen wirklichen Friedensprozess eingeleitet hätte, ja, dann sähe der Nahe Osten heute anders aus, und das große Leiden der palästinensischen und jüdischen Bevölkerung wäre nicht so furchtbar.

Die „Besatzungspolitik" Israels müsse aufhören, hören wir immer wieder auch von „wohlmeinenden" Stimmen in den Medien.

Dafür gab es ja den Oslo-Friedensprozess. Aber während Israel sich von allen palästinensischen Zentren zurückzog und 95 Prozent (!!) der Palästinenser nun unter eigener Autonomie leben, erklärte Arafat immer wieder (Johannesburg, Stockholm), er halte - wie seinerzeit Mohammed - die Verträge nicht für verbindlich, und er erneuerte die klassischen Blutbeschuldigungen (Israel vergifte das Wasser, die Luft - und letzthin in Durban, Israel sei die letzte weiße Kolonialmacht). Und während in Israel Lieder des erhofften Friedens gesungen wurden, ließ er neue Schulbücher drucken, in denen die Zerstörung Israels gelehrt wird.

Und als man in Camp David über den weitgehenden Barak-Plan verhandelte, wurden schon die Terrorpläne gegen Israel vorbereitet, in deren Mittelpunkt Selbstmörder standen, die in den palästinensischen Medien von islamischen Fundamentalisten und politischen Persönlichkeiten als „Helden der arabischen Gesellschaft" gepriesen wurden.

„Beide Parteien müssen ihre Kriegstätigkeit endlich einstellen." Beide Parteien? Die bereits über ein Jahr alte Intifada ist ausschließlich von Arafat ausgelöst und genährt worden. Arafat und seine Leute haben das zentrale, verbindliche Versprechen des Oslo-Vertrags gebrochen - statt weiter zu verhandeln, begannen sie wieder zu töten und zu terrorisieren.

Arafat ist keineswegs „Opfer" terroristischer Gruppen, sondern er hat sie geschickt in sein eigenes Terrorsystem eingebaut und verfolgt in Kooperation mit ihnen seine terroristische Tätigkeit.

Was soll Israel in dieser Situation tun? Passiv zusehen, wie täglich seine Menschen (auch viele Kinder!) getötet werden? Oder dem Terror sukzessive nachgeben und für alle Zeiten festlegen, dass nur Gewalttätigkeit Erfolg hat und unterzeichnete Abkommen nicht eingehalten zu werden brauchen?

Soll Israel tatenlos zusehen, wie in den palästinensischen Gebieten im Rahmen des Friedensprozesses eine neue Generation herangezogen wird, für die das Töten von Israelis und Juden (ja, Juden - nicht nur Israelis!) höchstes Gebot ist?

Und wie steht es mit dem Siedlungsbau, der in der Presse immer wieder als das große Hindernis für den Frieden dargestellt wird?

Von welchen Siedlungen spricht man eigentlich? Von Hebron, der Stadt der biblischen Väter, in der durch Jahrhunderte Juden wohnten, bis sie in einem grauenhaften Pogrom aus der Stadt vertrieben wurden?

Oder von Gush Etzion, eine der vielen rechtmäßig erkauften Gegenden, die vor der Staatsgründung Israels aufgebaut wurden - dann aber im Unabhängigkeitskrieg von den Jordaniern zerstört wurden? Oder von den neuen Wohnbezirken Jerusalems, dem Zentrum jüdischen Lebens durch Jahrtausende?

Der ganze Siedlungskomplex sollte erst am Schluss des Oslo-Prozesses diskutiert werden - also keinerlei Grund für bewaffneten Terror.

Dieses ganze Thema wird ohnehin unproportional aufgebauscht, handelt es sich doch um weniger als 2 Prozent des Bodens in den palästinensischen Gebieten und um keinerlei Beschlagnahmung von Privatbesitz. Da die umstrittenen Gebiete in einem Verteidigungskrieg erobert wurden und vorher keinem Staat angehörten (die Gebiete wurden ungesetzlich von Ägypten und Jordanien verwaltet), besteht hier auch - wie oft fälschlich betont - kein Verstoß gegen das internationale Recht. Es scheint, als ob jene, welche Palästina judenrein haben wollen (obwohl in Israel über eine Million Araber wohnen und volle bürgerliche Rechte haben), im Grunde genommen auch Israel judenrein machen möchten. Bester Beweis: Die Landkarten in den palästinensischen Schulbüchern zeigen Israel nicht; Beer Schewa, Jaffa und Haifa sind Teil Palästinas.

Auch bezüglich der Jerusalem-Frage sind viele Schweizer Presseaussagen sehr weit von der Wahrheit entfernt. In der Weltwoche war zu lesen: „Bei den Muslims gibt es einen Konsensus, wonach die arabische Souveränität in Jerusalem wichtig ist - für die Juden hat lediglich die Klagemauer sowie das jüdische Viertel in der Altstadt eine zentrale historische Bedeutung."

Plötzlich ist der Tempelberg, auf dem zwei jüdische Heiligtümer standen, rein arabisch! Sadat betete auf dem Tempelberg Richtung Mekka, während die Juden seit den Zeiten König Salomos (1600 Jahre vor Mohammed!) in ihren Gebeten nach Jerusalem ausgerichtet sind. Und all das wird verleugnet? Können wegen des erschreckenden anti-israelischen „Konsensus" historische Rechte geleugnet werden?

Diese Aussage in der Weltwoche (verfasst vom Israel-Liebling der deutschsprachigen Presse Uri Avneri) ist noch um einiges wohlwollender als der in den arabischen Medien immer wieder zitierte Satz der geistigen muslimischen Führung, wonach die Juden überhaupt keine Rechte auf Israel haben und ihre Ansprüche auf Jerusalem „die größte historische Lüge der Menschheit" sei.

Wie kann man zu einem lebensfähigen Kompromiss im Nahen Osten kommen, wenn die Palästinenser den Juden alle Rechte in Israel absprechen? Nur eine Analyse der Situation, in welcher die Rechte und Lebensnotwendigkeiten beider Parteien so sachlich wie möglich untersucht werden, kann eine Friedensbasis schaffen. Während im demokratischen Israel diese Überlegungen in der freien Presse ständig diskutiert werden (auch die Palästinenser kommen da zu Wort), ist innerhalb des totalitären Regierungssystems der Palästinenser eine fruchtbare und wahrheitsgemäße Aussprache leider noch nicht möglich.

Und wie kann ein Israelfreund (respektive jeder Freund von gerechtem Denken) dieser Tage in der Zeitung lesen, der Mord an Minister Se’ewi sei mit dem gezielten Töten von palästinensischen Terroristen gleichzusetzen, ohne sofort darauf zu reagieren? Würde man etwa je den Tod des Terroristen Bin Laden mit einem Attentat auf den amerikanischen Verteidigungsminister gleichsetzen? Also wieder doppelte Moral?

Die von Israel angegriffenen Terroristen sind gefährliche Massenmörder, die aus „politischen" Gründen und ganz entgegen dem Oslo-Abkommen nicht von den palästinensischen Behörden in Haft genommen werden. Um diese gefährlichen Terroristen von weiteren Anschlägen abzuhalten, muss deshalb Israel selbst um ihre Bestrafung besorgt sein.

Israel zieht es trotz aller militärischen Schwierigkeiten vor, diese notorischen palästinensischen Massenmörder in Direktaktionen zu „richten" und so zu vermeiden, dass unschuldige palästinensische Zivilisten in Mitleidenschaft gezogen werden. Oder sollen Terroristen weiter unbehelligt ihr „Handwerk" üben können?

Vielleicht wäre es angeraten, dass die Journalisten der europäischen Zeitungen sich fragen, was sie als Israelis in dieser tragischen Situation tun würden, bevor sie dem jüdischen Staat - was immer er auch tut - Moral predigen.

Zu all den genannten Entstellungen schweigen unsere Freunde in Europa (von einigen individuellen Leserbriefen abgesehen).

Viele werden sich vielleicht sagen, dass die in diesem Artikel erwähnten Entstellungen so klar sind, dass jeder Mensch mit etwas Sachkenntnis der Nahost-Situation sie sofort erfasst.

Das allgemeine Publikum ist jedoch mit den Einzelheiten der israelisch-palästinensischen Auseinandersetzung nicht vertraut, und es ist deshalb unsere Pflicht, diese Fehlinformationen, die oft zu Verleumdungen Israels ausarten, mit sachlichen Argumenten aufs Schärfste zurückzuweisen.

Trotz der Friedensbereitschaft, die der jüdische Staat immer wieder (und trotz aller Enttäuschungen über den Bruch der Versprechungen seitens seiner arabischen Nachbarn!) aufs Neue beweist, wird Israel eins ums andere Mal wegen seiner Politik in völlig unobjektiver Weise angegriffen. Viele neutrale Beobachter der Nahost-Szene werden von diesen anti-israelischen Berichten beeinflusst, und sie machen sich ein falsches Bild von Israel.

Es ist deshalb unsere Pflicht, aufmerksam zu sein und in jeder möglichen Weise den wahren Sachverhalt des Geschehens klarzustellen.

Solidaritätsreisen und finanzielle Hilfe für Israel sind sehr wichtig, aber aktive Hilfe bei der energischen Zurückweisung unverantwortlicher Angriffe auf Israel ist nicht weniger bedeutsam.

Der Propaganda-Krieg (ein wichtiger Aspekt des Nahostkonfliktes) wird zum großen Teil im Ausland ausgetragen. Die jüdische Bevölkerung und alle mit Israel verbundenen Menschen müssen alles tun, um den guten Namen Israels (und des Judentums überhaupt) zu verteidigen und Israels Position in seinem ihm aufgezwungenen Lebenskampf zu stärken.

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