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Aus dem Rundbrief  vom 27. Januar 2001:

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Das Arafat-Gambit - Altes Spiel mit neuen Opfern
Von Edward Luttwak

 

Das Arafat-Gambit - Altes Spiel mit neuen Opfern
Von Edward Luttwak

 

Im Jahr 1970 gelang es Yassir Arafat, einen Kleinstaat innerhalb Jordaniens zu errichten. König Hussein gewährte ihm ein beträchtliches Maß an Autonomie und erlaubte ihm, seine Leute in bestimmten Grenzgebieten zu organisieren, solange sie die Autorität des Königs und die Gesetze des Landes respektierten.

Aber nachdem Arafat bereits das halbe Königreich bekommen hatte, versuchte er im Vertrauen auf die Stärke seiner wachsenden Fatach-Milizen, noch mehr davon an sich zu bringen. Die oft fotografierten Fatach-Männer, die den Namen und das Bild der Kalaschnikow AK-47 weltberühmt machten, sahen zwar beängstigend aus, waren militärisch aber kaum ausgebildet, denn Arafat selbst besaß keine militärische Erfahrung und war nicht bereit, irgend jemand anderem das Kommando zu überlassen.

Nach zahlreichen Provokationen setzte König Hussein seine kleine, aber schlagkräftige Armee in Bewegung und rieb die Fatach auf. Als die Kämpfe des „Schwarzen September" abflauten, waren viele von Arafats Leuten tot und mit ihnen zahlreiche zwischen die Fronten geratene Zivilisten; der Rest flüchtete in den Libanon.

Im Jahr 1980 hatte Arafat einen neuen Kleinstaat aufgebaut, diesmal im Südlibanon. Mit ägyptischer Unterstützung wurde ihm im sogenannten Kairoer Abkommen ein beträchtliches Maß an Autonomie gewährt. Das gab ihm freie Hand, gegen die Israelis zu kämpfen, wobei er allerdings Rücksicht auf einheimische libanesische Bevölkerung nehmen mußte.

Wieder einmal glaubte Arafat, echte militärische Stärke zu besitzen, weil die „Palästinensische Befreiungsarmee" über Panzer und Artillerie verfügte, aber auch diesmal fehlte ihr die militärische Ausbildung.

Und wiederum mißachtete Arafat die ihm auferlegten Bedingungen und ließ es zu, daß seine undisziplinierten Anhänger ihre Herrschaft auf die einheimische libanesische Bevölkerung ausdehnten. Die Libanesen reagierten mit Gewalt und schufen eine eigene Miliz, die Arafats Leuten nicht beistand, als die Israelis 1982 in den Libanon eindrangen.

Wieder einmal verlor Arafat alles; viele seiner Leute und zahlreiche Zivilisten verloren ihr

Leben, der Rest flüchtete nach Tunesien, in den Irak und in den Jemen.

Im Jahr 1990 war es Arafat gelungen, seine Organisation und seinen Einfluß vom tunesischen Exil aus neu aufzubauen, mit großzügiger Unterstützung aus Kuweit, Saudi-Arabien und den Golf-Emiraten, deren palästinensische Einwohner eine spezielle Steuer an Arafats Organisation zu entrichten hatten. Dank dieser Geldmittel erlangte er die vollständige Kontrolle über die im ganzen Nahen Osten zerstreute Bürokratie und Miliz der PLO. Auch bei seiner erfolgreichen Diplomatie in aller Welt waren die saudischen und kuweitischen Petrodollars ihm sehr nützlich.

Als Saddam Hussein am z. August 1990 in Kuweit eindrang, hielt Arafat seinen Förderern nicht die Treue, wie die Ehre es verlangt hätte, noch bemühte er sich, die Palästinenser durch strikte Neutralität vor Schaden zu bewahren. In völliger Fehleinschätzung der Machtverhältnisse und im Glauben an einen glorreichen Sieg gewährte er Saddam Hussein seine volle Unterstützung - mit dem Ergebnis, daß nach Husseins Niederlage Hunderttausende von Palästinensern, die zuvor in Kuweit ein gutes Auskommen gefunden hatten, von dort vertrieben wurden, während die Saudis und die Golfstaaten ihre Unterstützung für die PLO einstellten.

Im Jahr 2000 herrschte Arafat aufgrund des Osloer Abkommens erneut über einen eigenen Kleinstaat im Gaza­Streifen und in Teilen des Westjordanlandes. Er verfügte über eigene Polizeikräfte, deren zahlenmäßige Stärke streng begrenzt war und die von den Israelis aufgrund der Zusage Arafats, auf Gewalt zu verzichten, geduldet wurden. Die Höchstzahlen wurden schon bald überschritten, weil Arafat verschiedene Organisationen aufbaute, so daß er schließlich über 45 000 Bewaffnete verfügte; doch die Israelis konnten sich nicht entschließen, dagegen zu protestieren, weil sie darauf bauten, daß Arafats Leute die Fundamentalisten der Hamas in Schach hielten.

Jahrelange Verhandlungen im Gefolge des Osloer Abkommens fanden ihren Höhepunkt auf dem Camp-David-Gipfel, auf dem der israelische Premierminister Ehud Barak die Auflösung seiner Regierungskoalition hinnahm, um Arafat neunzig Prozent des Westjordanlandes und Teile von Ostjerusalem zu opfern. Arafats Verhandlungsführer reagierten sehr positiv, und man machte in allen Fragen beträchtliche Fortschritte, außer in einem Punkt: Ober die 860 Quadratmeter des Tempelbergs in Jerusalem fand man zu keiner Übereinstimmung. Statt nun alles Erreichte aufzugeben, schien es sehr viel sinnvoller, die Lösung des Problems zu vertagen.

Doch wie die Amerikaner in Camp David feststellen mußten, stimmte Arafat mit seinen eigenen Verhandlungsführern nicht mehr überein. Er war mit neunzig Prozent keineswegs zufrieden; er wollte einundneunzig Prozent, und das war mehr, als Barak zugestehen konnte, wenn er weiterhin Premierminister bleiben wollte, wie Arafats erfahrene Verhandlungsführer sehr wohl wußten.

Außerdem war Arafat offenbar entschlossen, die kooperative Atmosphäre zwischen den beiden Delegationen zu zerstören; so erklärte er, die Juden besäßen gar keine geschichtliche Verbindung zu Jerusalem - das seien nur „biblische Geschichten" -, ein Schachzug, der die Israelis zum Abbruch der Verhandlungen bewegen sollte. Deshalb machte Clinton gegen jede diplomatische Gepflogenheit Arafat persönlich für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich.

An diesem Punkt zeigte sich das bekannte Arafat-Muster. Erstens seine typische Bereitschaft, alles bereits Gewonnene aufs Spiel zu setzen - den Palästinenserstaat im Gaza-Streifen und in neunzig Prozent des Westjordanlandes -, um noch ein wenig mehr zu gewinnen. Zweitens sein eigenartiges Vertrauen auf die Gewillt, obwohl er bisher noch jedesmal durch Gewalt wieder verlor, was er durch Diplomatie gewannen hatte. Er ließ seine Verhandlungsdelegation im unklaren und beauftragte sein Netzwerk aus Fatach-Aktivisten, mit Protesten und Steinewerfen gegen die israelischen Außenposten in Gaza und im Westjordanland vorzugehen. Seinen diversen Polizeikräften, die teilweise wie Soldaten gekleidet sind, gab er den Auftrag, nach dem Ausbruch der Unruhen hier und da auf Israelis zu schießen, um sie zu zwingen, das Feuer auf die protestierende Menge zu eröffnen.

Zuvor hatte Barak durch seine Friedensinitiative weltweite diplomatische Unterstützung gewonnen, so daß nach dem Scheitern des Camp-David-Gipfels Regierungen in aller Welt, darunter selbst die russische und die chinesische, Arafat drängten, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Im Gegenzug mobilisierte Arafat die arabische Solidarität und weltweite Sympathie, indem er palästinensische Kinder und Jugendliche aufforderte, mit Steinen auf israelische Soldaten zu werfen, während seine eigenen Leute auf die Israelis schossen, so daß in dem Kreuzfeuer unweigerlich einige der Kinder vor den Fernsehkameras der Weltöffentlichkeit ums Leben kommen mußten.

Obwohl die israelische Regierung Arafats Absichten sogleich erkannte und ihre Vorkehrungen traf, gelang es ihr nicht, Ariel Sharons Besuch auf dem Tempelberg am 27. September zu verhindern. Er bot Arafat einen ausgezeichneten Anlaß, seine Kampagne zu starten. Eine aufhetzende Berichterstattung im palästinensischen Rundfunk und Fernsehen schürte die Gewalt und bewies damit, daß es sich keineswegs um eine spontane Reaktion handelte.

Wir werden bald wissen, ob die Folgen auch diesmal demselben Muster gehorchen wie früher. 1970, 1980 und 1990 führten Arafats Spielernatur und seine chronische Fehleinschätzung der Machtverhältnisse zu verheerenden Niederlagen, die vielen seiner Anhänger das Leben kostete und großes Leid über die Palästinenser brachte. Wieder einmal hat sich Arafat entschlossen, einen weit überlegenen Gegner herauszufordern. Arafat hat überhaupt keine Chance, durch Gewalt zu gewinnen, was er durch Verhandlungen nicht zu erlangen vermochte, denn keine israelische Regierung kann mehr zugestehen, als Barak es in Camp David angeboten hat. Eine mögliche Folge könnte die Zerstörung der von Arafat aufgebauten staatlichen Strukturen sein, angefangen bei der militärisch organisierten Polizei über den Flughafen in Gaza bis hin zum palästinensischen Fernsehen. Denkbar ist auch ein Handel zwischen beiden Seiten, doch diesmal ohne jede falsche Hoffnung auf einen wahren Frieden zwischen Juden und Arabern.

In jedem Falle aber wird die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Palästinenser um Jahre zurückgeworfen. Sie werden weiterhin in Armut und Not leben, während Arafats Macht sicher sein wird vor den palästinensischen Unternehmern und Technokraten, die ihn und seine bewaffneten Leute schon bald ablösen würden, falls es zu einem Friedensvertrag käme. Denn das war letztlich die Bedrohung, die Arafat durch die Sprengung des Camp-David -Gipfels abzuwenden versuchte.

Aus: FAZ vom 10. 10. 2000 Aus dem Englischen von Michael Bischoff

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