Im Jahr 1970 gelang es Yassir Arafat, einen Kleinstaat innerhalb Jordaniens zu
errichten. König Hussein gewährte ihm ein beträchtliches Maß an Autonomie und
erlaubte ihm, seine Leute in bestimmten Grenzgebieten zu organisieren, solange
sie die Autorität des Königs und die Gesetze des Landes respektierten.
Aber nachdem Arafat bereits das halbe Königreich bekommen hatte, versuchte er im
Vertrauen auf die Stärke seiner wachsenden Fatach-Milizen, noch mehr davon an
sich zu bringen. Die oft fotografierten Fatach-Männer, die den Namen und das
Bild der Kalaschnikow AK-47 weltberühmt machten, sahen zwar beängstigend aus,
waren militärisch aber kaum ausgebildet, denn Arafat selbst besaß keine
militärische Erfahrung und war nicht bereit, irgend jemand anderem das Kommando
zu überlassen.
Nach zahlreichen Provokationen setzte König Hussein seine kleine, aber
schlagkräftige Armee in Bewegung und rieb die Fatach auf. Als die Kämpfe des
„Schwarzen September" abflauten, waren viele von Arafats Leuten tot und mit
ihnen zahlreiche zwischen die Fronten geratene Zivilisten; der Rest flüchtete in
den Libanon.
Im Jahr 1980 hatte Arafat einen neuen Kleinstaat aufgebaut, diesmal im
Südlibanon. Mit ägyptischer Unterstützung wurde ihm im sogenannten Kairoer
Abkommen ein beträchtliches Maß an Autonomie gewährt. Das gab ihm freie Hand,
gegen die Israelis zu kämpfen, wobei er allerdings Rücksicht auf einheimische
libanesische Bevölkerung nehmen mußte.
Wieder einmal glaubte Arafat, echte militärische Stärke zu besitzen, weil die
„Palästinensische Befreiungsarmee" über Panzer und Artillerie verfügte, aber
auch diesmal fehlte ihr die militärische Ausbildung.
Und wiederum mißachtete Arafat die ihm auferlegten Bedingungen und ließ es zu,
daß seine undisziplinierten Anhänger ihre Herrschaft auf die einheimische
libanesische Bevölkerung ausdehnten. Die Libanesen reagierten mit Gewalt und
schufen eine eigene Miliz, die Arafats Leuten nicht beistand, als die Israelis
1982 in den Libanon eindrangen.
Wieder einmal verlor Arafat alles; viele seiner Leute und zahlreiche Zivilisten
verloren ihr
Leben, der Rest flüchtete nach Tunesien, in den Irak und in den Jemen.
Im Jahr 1990 war es Arafat gelungen, seine Organisation und seinen Einfluß vom
tunesischen Exil aus neu aufzubauen, mit großzügiger Unterstützung aus Kuweit,
Saudi-Arabien und den Golf-Emiraten, deren palästinensische Einwohner eine
spezielle Steuer an Arafats Organisation zu entrichten hatten. Dank dieser
Geldmittel erlangte er die vollständige Kontrolle über die im ganzen Nahen Osten
zerstreute Bürokratie und Miliz der PLO. Auch bei seiner erfolgreichen
Diplomatie in aller Welt waren die saudischen und kuweitischen Petrodollars ihm
sehr nützlich.
Als Saddam Hussein am z. August 1990 in Kuweit eindrang, hielt Arafat seinen
Förderern nicht die Treue, wie die Ehre es verlangt hätte, noch bemühte er sich,
die Palästinenser durch strikte Neutralität vor Schaden zu bewahren. In völliger
Fehleinschätzung der Machtverhältnisse und im Glauben an einen glorreichen Sieg
gewährte er Saddam Hussein seine volle Unterstützung - mit dem Ergebnis, daß
nach Husseins Niederlage Hunderttausende von Palästinensern, die zuvor in Kuweit
ein gutes Auskommen gefunden hatten, von dort vertrieben wurden, während die
Saudis und die Golfstaaten ihre Unterstützung für die PLO einstellten.
Im Jahr 2000 herrschte Arafat aufgrund des Osloer Abkommens erneut über einen
eigenen Kleinstaat im GazaStreifen und in Teilen des Westjordanlandes. Er
verfügte über eigene Polizeikräfte, deren zahlenmäßige Stärke streng begrenzt
war und die von den Israelis aufgrund der Zusage Arafats, auf Gewalt zu
verzichten, geduldet wurden. Die Höchstzahlen wurden schon bald überschritten,
weil Arafat verschiedene Organisationen aufbaute, so daß er schließlich über 45
000 Bewaffnete verfügte; doch die Israelis konnten sich nicht entschließen,
dagegen zu protestieren, weil sie darauf bauten, daß Arafats Leute die
Fundamentalisten der Hamas in Schach hielten.
Jahrelange Verhandlungen im Gefolge des Osloer Abkommens fanden ihren Höhepunkt
auf dem Camp-David-Gipfel, auf dem der israelische Premierminister Ehud Barak
die Auflösung seiner Regierungskoalition hinnahm, um Arafat neunzig Prozent des
Westjordanlandes und Teile von Ostjerusalem zu opfern. Arafats
Verhandlungsführer reagierten sehr positiv, und man machte in allen Fragen
beträchtliche Fortschritte, außer in einem Punkt: Ober die 860 Quadratmeter des
Tempelbergs in Jerusalem fand man zu keiner Übereinstimmung. Statt nun alles
Erreichte aufzugeben, schien es sehr viel sinnvoller, die Lösung des Problems zu
vertagen.
Doch wie die Amerikaner in Camp David feststellen mußten, stimmte Arafat mit
seinen eigenen Verhandlungsführern nicht mehr überein. Er war mit neunzig
Prozent keineswegs zufrieden; er wollte einundneunzig Prozent, und das war mehr,
als Barak zugestehen konnte, wenn er weiterhin Premierminister bleiben wollte,
wie Arafats erfahrene Verhandlungsführer sehr wohl wußten.
Außerdem war Arafat offenbar entschlossen, die kooperative Atmosphäre zwischen
den beiden Delegationen zu zerstören; so erklärte er, die Juden besäßen gar
keine geschichtliche Verbindung zu Jerusalem - das seien nur „biblische
Geschichten" -, ein Schachzug, der die Israelis zum Abbruch der Verhandlungen
bewegen sollte. Deshalb machte Clinton gegen jede diplomatische Gepflogenheit
Arafat persönlich für das Scheitern der Verhandlungen verantwortlich.
An diesem Punkt zeigte sich das bekannte Arafat-Muster. Erstens seine typische
Bereitschaft, alles bereits Gewonnene aufs Spiel zu setzen - den
Palästinenserstaat im Gaza-Streifen und in neunzig Prozent des Westjordanlandes
-, um noch ein wenig mehr zu gewinnen. Zweitens sein eigenartiges Vertrauen auf
die Gewillt, obwohl er bisher noch jedesmal durch Gewalt wieder verlor, was er
durch Diplomatie gewannen hatte. Er ließ seine Verhandlungsdelegation im
unklaren und beauftragte sein Netzwerk aus Fatach-Aktivisten, mit Protesten und
Steinewerfen gegen die israelischen Außenposten in Gaza und im Westjordanland
vorzugehen. Seinen diversen Polizeikräften, die teilweise wie Soldaten gekleidet
sind, gab er den Auftrag, nach dem Ausbruch der Unruhen hier und da auf Israelis
zu schießen, um sie zu zwingen, das Feuer auf die protestierende Menge zu
eröffnen.
Zuvor hatte Barak durch seine Friedensinitiative weltweite diplomatische
Unterstützung gewonnen, so daß nach dem Scheitern des Camp-David-Gipfels
Regierungen in aller Welt, darunter selbst die russische und die chinesische,
Arafat drängten, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.
Im Gegenzug mobilisierte Arafat die arabische Solidarität und weltweite
Sympathie, indem er palästinensische Kinder und Jugendliche aufforderte, mit
Steinen auf israelische Soldaten zu werfen, während seine eigenen Leute auf die
Israelis schossen, so daß in dem Kreuzfeuer unweigerlich einige der Kinder vor
den Fernsehkameras der Weltöffentlichkeit ums Leben kommen mußten.
Obwohl die israelische Regierung Arafats Absichten sogleich erkannte und ihre
Vorkehrungen traf, gelang es ihr nicht, Ariel Sharons Besuch auf dem Tempelberg
am 27. September zu verhindern. Er bot Arafat einen ausgezeichneten Anlaß, seine
Kampagne zu starten. Eine aufhetzende Berichterstattung im palästinensischen
Rundfunk und Fernsehen schürte die Gewalt und bewies damit, daß es sich
keineswegs um eine spontane Reaktion handelte.
Wir werden bald wissen, ob die Folgen auch diesmal demselben Muster gehorchen
wie früher. 1970, 1980 und 1990 führten Arafats Spielernatur und seine
chronische Fehleinschätzung der Machtverhältnisse zu verheerenden Niederlagen,
die vielen seiner Anhänger das Leben kostete und großes Leid über die
Palästinenser brachte. Wieder einmal hat sich Arafat entschlossen, einen weit
überlegenen Gegner herauszufordern. Arafat hat überhaupt keine Chance, durch
Gewalt zu gewinnen, was er durch Verhandlungen nicht zu erlangen vermochte, denn
keine israelische Regierung kann mehr zugestehen, als Barak es in Camp David
angeboten hat. Eine mögliche Folge könnte die Zerstörung der von Arafat
aufgebauten staatlichen Strukturen sein, angefangen bei der militärisch
organisierten Polizei über den Flughafen in Gaza bis hin zum palästinensischen
Fernsehen. Denkbar ist auch ein Handel zwischen beiden Seiten, doch diesmal ohne
jede falsche Hoffnung auf einen wahren Frieden zwischen Juden und Arabern.
In jedem Falle aber wird die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der
Palästinenser um Jahre zurückgeworfen. Sie werden weiterhin in Armut und Not
leben, während Arafats Macht sicher sein wird vor den palästinensischen
Unternehmern und Technokraten, die ihn und seine bewaffneten Leute schon bald
ablösen würden, falls es zu einem Friedensvertrag käme. Denn das war letztlich
die Bedrohung, die Arafat durch die Sprengung des Camp-David -Gipfels abzuwenden
versuchte.
Aus: FAZ vom 10. 10. 2000 Aus dem Englischen von Michael Bischoff