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Ich schicke voraus: Dieser Bericht ist schon älter, er wurde Ende Juni 2006, also bereits im vergangenen Jahr geschrieben. Doch das bedeutet nichts. Was Sabine Brandes schildert, dauert schon Jahre lang an. Nach der Räumung des Gaza-Streifens hatten die Terroristen in Gaza freie Hand, Raketen zu bauen und nach Israel zu schießen. Seit 2001 kommen die „Kassams" geflogen! Sabine Brandes nimmt die Leser mit zu einem Besuch in Sderot im Süden Israels, nur wenige Kilometer vom Gazastreifen entfernt. Der Zeitpunkt ist wichtig: Es war zwei Wochen, ehe vom Libanon im Norden Israels die Katjuschas nach Galiläa flogen, mehrere israelische Grenzsoldaten getötet und zwei auf libanesisches Gebiet von der Hisbollah entführt wurden, und darauf der Krieg mit der Hisbollah ausbrach. Im Juli und August 2006 drehte sich alles um die Kämpfe im Libanon, Sderot war da vergessen. Doch die Kassams flogen weiter. Wie es zum Ende des Jahres 2006 in Sderot zuging, schildert der nächste Artikel. Da regte sich dann auch einmal die UN in einer Vollversammlung. Doch wie! (Dazu die Beiträge Seite 42 und 55 f.!) Stellen Sie sich vor, Sie wohnten mit Kindern und Freunden in Sderot! Hartmut Metzger
„Die geschundene Stadt" Fast täglich fallen palästinensische Kassams auf Sderot, und das seit Jahren Ein Besuch unter Dauerfeuer Von Sabine Brandes Man stolpert leicht in Sderot. Die Straßen und Wege sind voller Löcher. Manche sind gut 40 Zentimeter tief. Deshalb muss man in dieser Kleinstadt am Rand der Negevwüste den Blick ständig auf den Boden richten. Das Blau des Himmels sieht man dann nicht. Yechiel Hagebi sagt, das sei auch besser so. An einem Vormittag, der noch nicht sehr lange zurückliegt, zählte er 18 Raketen, die über seinen Kopf hinweg zischten. Tatsächlich waren es an jenem Tag 67. Aber irgendwann hat Yechiel aufgehört zu zählen. Er hat nicht mehr nach oben geschaut. Die Stolperfallen sind Überbleibsel der Kassam-Raketen, die seit vier Jahren fast täglich von militanten Palästinensern im angrenzenden Gasastreifen auf Sderot geschossen werden. Gefüllt mit scharfen Metallteilen, um so viel Schaden wie möglich anzurichten. Zwar landen die meisten von ihnen auf Feldern außerhalb der Stadt, aber eben nicht alle. Es gibt Treffer mit fürchterlichem Ergebnis. Wie im September 2004, als zwei Kleinkinder getötet und sieben weitere Bewohner schwer verletzt wurden. Insgesamt starben seit 2002 fünf Menschen aus Sderot. Montagabend erst wurden bei einem Angriff mit den selbstgebauten Geschossen mitten im Zentrum sechs Menschen verletzt. Seit Beginn des Beschusses versucht Bürgermeister Eli Moyal alles, um den Blick der Öffentlichkeit auf seine geschundene Stadt zu richten. Mit mäßigem Erfolg. Zwar liebt Moyal die Medien und sie lieben ihn, doch geholfen hat es ihm wenig. Und den Einwohnern schon gar nicht. „Wir sind hier völlig allein gelassen", sagte er erst kürzlich in einem Interview mit der Tageszeitung Haaretz. Ehud Olmert habe ihn nicht ein einziges Mal angerufen, seit er Premier ist. Moyals Kritik an der Regierung ist harsch: „Wenn Olmert sagt, er könne die Kassams nicht stoppen, hat er seine moralische Legitimation verloren. Wer seine Bürger nicht beschützen kann, soll nicht mehr Ministerpräsident sein." Nach der Räumung der jüdischen Siedlungen in Gusch Katif im vergangenen Jahr hatten die Politiker versprochen, dass sich die Situation der Stadt ändern, endlich Ruhe einkehren würde. Das Gegenteil ist der Fall. Wie ein Dauerregen gehen die Kassams seitdem auf Sderot nieder. Auch die umliegenden Kibbutzim sind betroffen. „Kommt die Regierung nicht zu uns, gehen wir eben zur Regierung", sagte Moyal jüngst. Er plant, den Protest jetzt nach Jerusalem zu tragen. Vergangene Woche riegelten aufgebrachte Einwohner einen Tag lang die Zufahrten zu ihrer Stadt ab. Sderot im Juni 2006. Ein paar Falafelbuden, ein kleines Einkaufszentrum mit mehr oder weniger gut besuchten Läden, ein Supermarkt namens Victory. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Wohnungspreise sind niedrig. Freiwillig zieht hier niemand hin. Und es scheint, als gäben die Raketen dem 20 000 Seelen-Städtchen bald den Rest. Der Sportplatz der Schule dient schon jetzt als Müllhalde. Seit Jahren ist hier nichts mehr geschehen. Ein betrübliches Bild. Doch Kinder sind eh fast nie draußen. Es ist zu gefährlich. Zwanzig Meter hinter dem Sportplatz stehen ein paar Spielgeräte auf einer Wiese. Kein Mädchen, kein Junge rennt ausgelassen hin und her, keine küssenden Jugendlichen sind zu sehen. Nur die Ketten der Schaukel quietschen im leichten Sommerwind. Sderot ist eine leise Stadt. Und eine traurige. Seit Monaten protestieren arbeitslose Männer täglich vor dem Rathaus, inmitten von Plakaten, Raketenmodellen und Slogans auf Bettlaken. Einer von ihnen ist Efrach Schalom. Sein Gesicht ist müde. Auf einem ausrangierten Sofa sitzt er seit Stunden in der Hitze. Warum? „Weil ich will, dass die Menschen in Israel uns sehen. Dass Olmert uns sieht. Uns, nicht nur die Fußball-WM." Zornig und desillusioniert ist auch Shai Ben-Yaishe, bis vor einem Monat stellvertretender Bürgermeister. Er trat vor vier Wochen von seinem Posten zurück, weil er den Frust nicht mehr ertragen konnte. Rein gar nichts werde getan, um die Kinder zu schützen. Weder von der Regierung noch von sonst irgendjemandem, klagt er. „Als die ersten Kassams flogen, sagten sie uns: ‚Bleibt in euren Häusern’, und als die Raketen in unseren Häusern landeten, sagten sie nichts mehr. Es ist nichts als ein riesiges Chaos." Seiner Meinung nach könne sehr wohl etwas gegen die Kassams getan werden. Ben-Yaishe schwört auf die US-Taktik. „Tausende amerikanische Soldaten können Tausende von Kilometern zurücklegen, um in ein fremdes Land zu gehen. Unsere Regierung kann noch nicht einmal ein paar hundert Soldaten 50 Kilometer weit schicken. Das geht nicht in meinen Kopf." Die verantwortlichen Politiker müssten die Sache endlich in die Hand nehmen. „Aber sie überlassen alles uns. Von ihrer Seite kommt nur Ignoranz." In letzter Zeit wurden auch Stimmen laut, die sich über die Beharrlichkeit beklagen, mit der die Bürger Sderots ihre Verzweiflung rausschreien. „Kiryat Schmona hat es auch überstanden", sagen sie. Die Stadt an der libanesischen Grenze, besser bekannt unter dem traurigen Namen Kiryat Katjuscha, war jahrelang Ziel der Hisbollah-Attacken aus dem Südlibanon. Schon lange hat Sderot Kiriyat Schmona den Rang in Sachen Gefahrenzone abgelaufen. „Unsere Realität ist der Terror, immer und überall", sagt der ehemalige Vize-Bürgermeister. „Die Politiker von ganz oben müssen hier nicht ausharren. Wir aber sind hier." Auch Yechiel ist hier, schon immer. Ein schmaler Teenager mit einer gehäkelten Kippa auf dem Hinterkopf. Gerade ist er 18 geworden, vor einer Woche hat er das Abitur an der Netiv-Yeschivati-Schule gemacht. Doch nichts in dieser Schule lässt den Gedanken an fröhliche Abschlussfeiern aufkommen. Die Türen sind verrammelt, Baudreck und kaputte Fliesen säumen den Weg in die erste Etage. Am frühen Morgen des 21. Mai schoss hier eine Kassamrakete durch die Decke eines Klassenzimmers. Es sei ein absolutes Wunder gewesen, dass keine Menschen ernsthaft verletzt wurden, erzählt Yechiel. Denn in dem Moment, als die Rakete einschlug, wollten die Schüler gerade hineingehen. Nur, weil der Lehrer den Schlüssel vergessen hatte, warteten alle noch vor der Tür. „Das Werk eines Schutzengels", ist Yechiel überzeugt. Ein klaffendes Loch von mehr als einem Meter Durchmesser in der Decke zeugt noch vom Angriff. Im nebenliegenden Toilettenraum riss die Kassam drei Wände um, der Einschuss in der Wand ist notdürftig zubetoniert. Hinter dem Schulgebäude stehen seit neuestem vier schmucklose Container mit blauen Metalltüren und -fenstern. Bunker im Miniformat, importiert aus Gusch Katif. Es sind die neuen Klassenzimmer für das nächste Schuljahr in Sderot. „Schachar Adom" heißt Morgenrot. In Sderot ist die Morgenröte weder schön noch romantisch. Sie verletzt und tötet. Schachar Adom wird der Alarm genannt, der in der Stadt schrillt, wenn eine Kassam im Anflug ist. Dann heißt es für alle: Schutz suchen so schnell es geht. Wobei schnell eigentlich nicht reicht. Blitzschnell muss es sein, denn meist vergehen vom Beginn des Alarms bis zum Einschlag nur 20 Sekunden. Manchmal sind es nicht einmal zehn. Endloser Beschuss, endloser Terror, endlose Angst. Und in den Pausen? Der 18-jährige Yechiel zeigt auf ein graues Gebilde auf dem Schulhof. Es sieht aus wie ein überdimensionales Bauelement aus dickem Beton. In der Mitte hohl, rechts und links je eine Wand. „Da müssen wir hinein, wenn es in der Pause Schachar Adom gibt." Darin stehen die Kinder dann. Dicht gedrängt, mit ihren Pausenbroten in der Hand, hoffen sie, dass das Geräusch des Einschlags möglichst leise ist. Dann wissen sie, dass die Kassam weit weg ist. Was mit ihren Eltern, Geschwistern und Freunden ist, wissen sie nicht. „Wir haben aufgehört, uns ständig anzurufen, wenn eine Rakete runtergeht, sonst würden wir ja permanent am Telefon hängen", sagt Yechiel. Auf den ersten Blick ist er ein entspannter Typ, der sachlich und nüchtern erzählt. Aufbauschen muss er ohnehin nichts, die Tatsachen sind schockierend genug. Was ist das Schlimmste für ihn? Es nerve, dass seine 14-jährige Schwester immer hysterisch werde, wenn sie das Schachar Adom höre. Vor allem, weil es meist am frühen Morgen zwischen drei und sechs Uhr die Stille zerreißt. „Hysterie nützt ja auch nichts", sagt er, schüttelt den Kopf und zieht an seiner Zigarette. Es ist die fünfte in einer halben Stunde. Ob er schläft? „Sagen wir so: Ich bin nachts wach und tagsüber müde." Nach einem Moment fügt Yechiel hinzu: „Richtig schlimm ist, dass meine Mutter so viel Angst hat und meine Schwester nicht mehr lacht." Was macht eine Mutter, wenn sie mit kleinen Kindern unterwegs ist und die Sirene plötzlich kreischt? „Beten", sagt Simi Naamat, „etwas anderes kann man nicht machen." Sie hat sieben Kinder. Tochter Merav will ein bisschen rausgehen, auf der Straße se- hen, ob sie ein paar Freunde trifft. Ihre Mutter lässt sie nicht. Während sie in der Küche einen Joghurt für den Kleinsten öffnet, sagt sie: „Du kannst nicht gehen, ‚jesch Kassamim’ - es gibt Kassams." Die Worte klingen fast so, als würde sie meinen: „Es regnet, bitte setz deine Kapuze auf." Doch keine Kapuze der Welt könnte Merav schützen. Auch das Beten hilft nicht. Ein Kinderkörper ist ein weiches Ziel. Das wissen die Naamans aus Erfahrung. Vor fast genau vier Jahren hat es ihren damals jüngsten Sohn getroffen. Schiloh spielte gerade draußen. „Er war schon immer verrückt nach Wasser", erzählt Mutter Simi. Wo ein Schlauch war, war auch Schiloh. Wie so oft planschte der gerade Zweijährige im kleinen Garten, der zu der Wohnung der Familie gehört. Dann ein ohrenbetäubender Knall. „Meine beiden Töchter waren bei mir, die großen Jungs mit meinem Mann in der Synagoge. Und ich dachte, oh mein Gott, wo ist Schiloh?" Simi vergräbt ihr Gesicht kurz in den Händen, während sie erzählt. Zu schmerzhaft ist die Erinnerung. Draußen habe sie ihn gefunden. Neben der Wasserleitung. Blutüberströmt. Die Metallteile waren überall in seinen kleinen Körper eingedrungen. In den Bauch, die Arme, das Gesicht, die Augen. Er überlebte. Aber noch immer sieht man die Narben. Die Kassam war direkt auf der Rasenfläche eingeschlagen. „Es ist nur der Glaube, der uns hilft", sagt Yossef Naamat, Schilohs Vater und Angestellter der Stadtverwaltung. Warum sie nicht wegziehen? „Sderot ist unsere Stadt", sagen die Naamats. „Ja, es ist schwer, aber wir lassen uns nicht vertreiben. Hier sind unsere Wurzeln, unsere Freunde und Familie, unsere Arbeit und unser Haus. Hier ist alles, was wir haben." Schiloh hat langsam wieder gelernt zu lachen. Aber das Schachar Adom, der Alarm, gehört für ihn zum täglichen Leben. Etwas anderes kennt er nicht. „Du bist unser Held", sagt Simi und drückt ihren Fünfjährigen fest an die Brust. Schiloh strahlt. Und vergisst für einen Moment, dass er seit vier Jahren nicht eine Nacht durchgeschlafen hat. Aus: Jüdische Allgemeine vom 29. Juni 2006 Zurück zum Inhaltsverzeichnis u Home - Über uns - Schabbat Lesungen - Aktueller Rundbrief - Archiv - Reisen - Weltgebetstag - Kontakt und Hinweise - Bilder |