Denkendorfer Kreis
             
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Zurück zum Rundbrief vom 26. Oktober 2003

 

Juden und Araber besuchen Auschwitz. Menschen, die sich sonst misstrauisch oder gar feindlich gegenüberstehen, erfahren an der Stätte des Grauens: Wer den Grund für das tiefe Trauma aus der Geschichte kennt, der ist auch zur Versöhnung bereit.

Die Angst des anderen verstehen- Juden und Araber besuchen Auschwitz.
Von Igal Avidan

Eine solche versöhnende Szene zwischen Juden und Arabern kann wohl nur im größten Todeslager Europas stattfinden, in Auschwitz-Birkenau. Im Birkenwäldchen unweit des Krematoriums V spricht Avi Giesser, Rabbiner der Westbank-Siedlung Ofra, unter Tränen das jüdische Totengebet „Kaddisch": „Möge Sein großer Name...", trägt er vor, als seine tiefe Stimme stockt, ehe er fortfährt: „gesegnet sein für alle Ewigkeiten".

Im letzten Absatz erweitert er die traditionelle Bitte an Gott, dem Volk Israel den himmlischen Frieden zu schenken, auf alle Menschen der Welt. „Amen", antwortet die ungewöhnliche Gemeinde, Juden, Moslems und Christen. Hier, unter den Birken, beten sie gemeinsam und blicken dann still auf den kleinen Teich, in den vor 60 Jahren die Asche vergaster Juden geschüttet wurde.

Die Männer beißen ihre Lippen zusammen, die Frauen trocknen ihre Tränen, die Vögel zwitschern. Dann legt ein Beduine seine Hand auf die Schulter des jüdischen Siedlers Giesser, eine Palästinenserin streichelt zärtlich den Rücken einer Jüdin, die in ihr Taschentuch weint. Mitleid braucht keine Worte, und Mitleid ist der Grund dafür, dass Rabbiner Giesser sich entschloss, die arabische Einladung anzunehmen, zusammen nach Auschwitz zu reisen. „Es war meine Pflicht, den arabischen Freunden Respekt zu zollen, die eine ungewöhnliche und sehr mutige Initiative ergriffen", sagt er. „Sie wollen sich dem Schmerz der Juden über den Holocaust öffnen. Dieser Ausdruck der gegenseitigen Empathie kann Menschen ändern, und Empathie ist eine sehr gefragte Ware in dieser Zeit."

Vielleicht geschieht ein Wunder

Omaima Abu Ras, Chemielehrerin aus der arabischen Stadt Taibe, hat ihre Reise nach Auschwitz 1991 begonnen. Damals unterrichtete sie in einer jüdischen Schule. Während der Vorbereitungen zur Gedenkveranstaltung des Holocaust-Tages passierte eine organisatorische Panne. Abu Ras verstand die große Aufregung nicht und blieb gelassen. Das regte wiederum eine jüdische Lehrerin auf, die ihr sagte: „Ich weiß, dass dies dich gar nichts angeht." Diese Beleidigung sitzt immer noch tief, auch hier auf dem Parkplatz in Birkenau.

„Natürlich hat dieses Thema mit mir zu tun, weil ich in Israel lebe und einen engen Kontakt zu Juden habe", rechtfertigt sie sich. „Ich fühlte aber, dass die jüdischen Freunde nicht wollten, dass wir dieses Thema berührten." Diese Reise hätte ihr die kommende Holocaust-Gedenkfeier erleichtern können, hätte sie nicht das jüdische Gymnasium verlassen müssen. „Manche Eltern wollten keine arabische Lehrerin in der Schule."

Szenenwechsel: Der Zgodyplatz in Krakau, der als Busbahnhof dient. Direkt vom Flughafen gekommen, verzehren müde Israelis auf der verstaubten kleinen Wiese direkt nebenan ihre Lunchpakete. Sie sitzen zwar nebeneinander, unterhalten sich aber erst mal nur mit Angehörigen ihres eigenen Volkes. Hana Tencer ist hier zum 14. Mal, „aber jedes Mal öffnet sich die Wunde erneut". Die 73-Jährige ist hier, um zu erinnern. Auf ihrer Brosche steht neben der Zeichnung einer Taube: „Wir werden nicht vergessen - 5. 1. 95" (der Tag, an dem Jitzhak Rabin ermordet wurde).

Dass sie in Auschwitz war, liegt 59 Jahre zurück, ist jedoch in ihre Haut tätowiert: 14319. „In der jüdischen Zahlenmystik ergibt die Quersumme 18 oder ‚Chai’, das hebräische Wort für ‚Leben’. Vielleicht dieses ‚Lebens’ wegen bin ich am Leben geblieben", sagt sie. - Gemeinsam mit Arabern war sie noch nie hier. Wie findet sie die Idee? „Viel Hoffnung habe ich nicht, aber wir müssen ihnen zeigen, was den Juden angetan wurde, und alles unternehmen, um Freunde zu werden." Tencer hofft, dass auch die Araber das Ihre tun, damit „ein Wunder geschieht und wir zusammenleben können".

Später zieht die kleine Dame mit der Mütze der israelischen Luftwaffe ihre arabischen Zuhörer mit einer Geschichte in ihren Bann: Wie sie 24 Stunden in einer Gaskammer verbrachte und am Leben blieb.

Können rührende menschliche Gesten auf dem größten jüdischen Friedhof der Welt helfen, das Blutvergießen und das Misstrauen im Heiligen Land zu überwinden? Daran glaubt zumindest Emile Shoufani, der höchste christlich-arabische Geistliche in Nazareth, der diese Initiative „Erinnerung für den Frieden" gründete und dies 270 Israelis nach Auschwitz brachte.

Obwohl sich der griechisch-katholische Priester und Direktor eines Gymnasiums seit 15 Jahren für die Versöhnung einsetzt, wurde ihm erst durch den jüngsten Aufstand der Palästinenser klar, dass die existenzielle Bedrohung der Juden in Israel auf den Holocaust zurückzuführen ist. Mit diesem Verbrechen sollten sich die Araber auseinander setzen, ohne im Gegenzug eine Debatte über das Leiden der Palästinenser zu fordern.

Holocaust nicht instrumentalisiert

Shoufani sagt, er wolle mit dieser „persönlichen und kollektiven Reise" den Wettbewerb um die Frage beenden, wer das größere Opfer sei. Sein Gegner, unter anderen der palästinensische Journalist Emir Makhoul und der Lehrer Tamim Mansour, warfen ihm vor, seine Mission fördere die israelische Instrumentalisierung des Holocaust mit dem Ziel, die Unterdrückung der Palästinenser zu rechtfertigen. Shoufani kontert, seine Gruppe erkenne das Leiden der Juden „aus unserem Leiden". Er macht klar, dass das Leiden einer jüdischen und einer palästinensischen Mutter das gleiche sei, „denn das Leiden lässt sich nicht an der Zahl der Opfer messen."

Andererseits sei die Judenvernichtung historisch einzigartig und sollte jeden Menschen erschüttern. Im Mitleid mit den Opfern und den Überlebenden komme Menschlichkeit zum Ausdruck.

Shoufani will mit seiner Mission den Menschen die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft zurückgeben, eine Hoffnung, die ihnen die Politiker geraubt hätten. Daher durften keine Politiker an der Reise teilnehmen, sondern Meinungsbildner der arabisch-israelischen Gesellschaft: Ärzte, Lehrer, Geschäftsleute und Journalisten.

Damit die Araber nicht nur etwas über den Holocaust lernen, sondern auch aus erster Hand von dessen traumatischen Folgen erfahren, lud er jüdische Teilnehmer ein.

Nach dem Essen erzählt ihnen die 78-jährige Esther Mannheim über ihre „rosige Kindheit" in ihrer Heimatstadt Krakau, die darauf folgende Internierung im Ghetto und die Deportation ins KZ Plaszow. 1943 wurden auf dem Zgodyplatz an einem einzigen Tag 1000 Juden ermordet und die übrigen 6000 deportiert. „Das bedeutete das Ende jüdischen Lebens in Krakau", erzählt sie in dem kleinen Museum direkt am Platz.

Die arabischen Teilnehmer umringen den israelischen Reiseführer und hören aufmerksam zu. Die Arabischlehrerin Fatina Hazzan wischt ihre Tränen ab. Sie will den Holocaust begreifen, um sich besser in Juden einfühlen zu können. Die gläubige Christin wurde in die jüdisch-arabische Koexistenz hineingeboren und wuchs in Haifa auf, wo Jahre später eine Straße nach ihrem Vater Jamil, einem anerkannten Stadtrat, benannt wurde.

Hazzan ist die einzige arabische Lehrerin in einem jüdischen Gymnasium. Ihre beiden Söhne lernen in einer jüdischen Schule und sind die einzigen Araber in ihrer Klasse. Der ältere - er ist zwölf - macht sich Sorgen über die Reise seiner Mutter, erzählt sie. „Er befürchtet, unsere Gruppe könnte ein Angriffsziel sein, gerade weil wir eine jüdisch-arabische Delegation sind." Das Wort „Terroristen" vermeidet sie.

Einige Bekannte kritisierten ihre Reise scharf. „Sie haben mir gesagt: Du solltest nicht nach Auschwitz fahren, fahre lieber nach Dschenin und schau dir dort die Lager an." Sie meint Flüchtlingslager, sagt es aber nicht.

Hazzan ist entschlossen, den „undurchsichtigen" Komplex Holocaust zu durchdringen und dadurch nach 14 Jahren an einer jüdischen Schule ihren jüdischen Schülern näher zu kommen. Darum blickt sie entsetzt auf die Berge von Brillen, Haaren, Gebetsschalen und sogar Prothesen, die einmal anderthalb Millionen Juden gehörten.

Dann schließt sie sich der Gruppe an, die an der Todesmauer, an der täglich Erschießungen stattfanden, Psalmen lesen. Eine arabische und eine jüdische Frau legen Kränze nieder, und alle singen das berühmte israelische Lied: „Eli, Eli".

Fatina Hazzan ist sichtlich erschüttert: „Es wird lange dauern, bis ich mich erhole. Jetzt muss ich weinen, aber ich hoffe, dass meine Tränen trocknen, damit ich anfange zu begreifen, was hier einmal stattgefunden hat."

Besorgte Blicke am Gitterzaun

Ausgerechnet in Auschwitz-Birkenau schmieden jüdische und arabische Israelis enge Freundschaften. Auf der Wiese zwischen den Gaskammern liest Aviel Adari, dessen Vater dieses Todeslager überlebt hatte, zwei Gedichte seines Vaters vor, darunter die Zeilen:

„Ich wurde aus der Asche meiner Eltern gemacht und aus der Liebe Gottes, der mir beigebracht hat, auch meine Peiniger zu lieben, weil ich nicht w usste, warum sie mich hassen.

Ich wurde aus dem Frieden gemacht, der die einzige Chance bietet, dass die Steine in Ruhe liegen und Eltern in Freude Kinder in die Welt bringen."

Nach der Lesung läuft er eine Weile Hand in Hand mit dem Moslem Ali Bashir. „Es war ein höchst ergreifender Moment."

Am Tag danach dringt plötzlich der israelische Alltag durch den Gitterzaun des KZ Birkenau. Während eine kleine jüdisch-arabische Gruppe an der sogenannten Judenrampe der Erzählung des Reiseführers über Josef Mengeles Selektionen lauscht, nähert sich entlang der Bahnschienen eine andere Besuchergruppe: eine Einheit der israelischen Polizei in Uniform. Nachdem im Oktober 2000 israelische Polizisten 13 arabische Demonstranten erschossen hatten, blickten einige Araber in der Gruppe misstrauisch auf die unerwartet auftauchenden Ordnungshüter.

Der Beamte Ali Bashir, auch dem Äußeren nach ein gläubiger Moslem, geht auf die Polizisten zu. „Ich fühlte mich sicher, denn in Auschwitz sind wir Israelis alle gleich, nur in Israel nicht", sagt er.

Bashir besuchte schon zuvor zwei Konzentrationslager, aber die Anwesenheit der Überlebenden machte ihm das jüdische Trauma besonders deutlich. „Jetzt verstehe ich die Angst der jüdischen Israelis und ihren Drang, eine Großmacht zu sein", sagt er.

„Diese Angst müssen sie aber überwinden, damit wir zueinander finden können."

Aus: „tachles" vom Juli 2003

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