Denkendorfer Kreis
             
für christlich-jüdische Begegnung e.V.

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Zurück zum Rundbrief vom 26. Oktober 2003

Einer von 36 Gerechten 
Beim Selbstmordanschlag von Jerusalem starb ein Arzt,
der seit Jahren
die Opfer des Bombenterrors versorgt hat
Von Erich Wiedemann

Als sein Chefarzt David Applebaum eine halbe Stunde nach dem Bombenanschlag auf das Café Hillel noch nicht im Dienst war, wusste Krankenhausdirektor Jonathan Halevy, dass etwas Ungewöhnliches pas­siert sein musste. David Applebaum wohnte nur ein paar Minuten zu Fuß vom Schaare-Zedek-Unfallkrankenhaus. In ähnlichen Fällen war er immer der Erste am Tatort oder im Operationssaal. Kein Arzt in Jeru­salem hat so viele Bombenopfer zusammen­geflickt wie er.

Applebaum, 50, eine Koryphäe in seinem Beruf, war 1981 von Ohio nach Israel gezogen. Er machte keinen Unter­schied zwischen jüdischen und nichtjüdi­schen Patienten, weil er sich in einem hasserfüllten Umfeld den Glauben an die Gleichheit der Menschen bewahrt hatte.

Er war ein mutiger Mann, Kollegen erinnern sich an einen Einsatz, als er noch während einer Schießerei auf dem Pflaster zu operieren begann.   Natan, sein Ältester, ist davon überzeugt, dass sein Vater einer der 36 Gerechten war, die nach jüdischer Tradition in jeder Generation die Welt vor dem Untergang bewahren.

Am Vormittag war Applebaum aus den USA zurückgekommen. Er hatte auf einem Symposium der New York University ein Referat über die Behandlung von Terrorismusopfern gehalten. Gleich nach dem Vortrag war er ins nächste Flugzeug nach Israel gestiegen, weil er am Mittwoch die Hochzeit seiner 20-jährigen Tochter Nava feiern wollte.

Am Abend vor der Trauung hatten sich Vater und Tochter im Café Hillel an der Emek-Refaim-Straße in der so genannten Deutschen Kolonie getroffen. Er wollte ihr das Buch zeigen, das er eigens für den feierlichen Anlass geschrieben hatte. Es enthielt Aphorismen, Anekdoten und Le­bensweisheiten. Auf der Feier nach der Trauung sollte daraus vorgelesen werden.

Sie saßen an ihrem Tisch, nippten an ihrem Cappuccino, lasen und lachten und freuten sich. Freunde sagen, wer sie nicht gekannt habe, hätte sie für ein Liebespaar halten können.

 Um 23.20 Uhr ging der Sprengsatz hoch. Der Attentäter, ein junger Palästi­nenser aus einem Dorf nordwestlich von Ramallah, hatte versucht, in die benachbar­te Pizzeria einzudringen, war aber von einem Türwächter aufgehalten worden. Als ein zweiter Wächter eingriff, ließ der Terro­rist von seinem Vorhaben ab, stürmte ins Café Hillel und zündete die Bombe.

Es war das 103. Selbstmordattentat seit Beginn der zweiten Intifada vor drei Jahren. Der Mörder soll einer von 343 paläs­tinensischen Gefangenen sein, die vor kurzem im Rahmen des israelisch-palästinen­sischen Waffenstillstands vorzeitig aus der Haft entlassen worden waren.

Nava  und David Applebaum saßen vorn an der Tür. Sie waren sofort tot. Mit ihnen starben fünf weitere Menschen. Davids Körper war so grausam zerfetzt, dass sein Kollege Jizchak Glick, mit dem er jahrelang am OP-Tisch gestanden hatte, Mühe hatte, ihn zu identifizieren.

Applebaum hinterlässt fünf Kinder. Unfallärzte und OP-Schwestern brachen in Schluchzen aus, als die Todesnachricht in der Klinik eintraf.

Nava und David Applebaum wurden am Tag nach ihrem Tod Seite an Seite be­erdigt. In Gegenwart der Gäste, die eigent­lich zur Hochzeit geladen worden waren. Hanan Sand, Navas Bräutigam, sagt: „Ich glaube nicht mehr an den Frieden.“  Er legte den Ring, den er ihr an den Finger stecken wollte, mit ins Grab.

Aus:  DER SPIEGEL vom 15. 9. 2003

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